MUSIKWoche: Was haben CDs mit Keksen gemeinsam?
Eric Nicoli: In beiden Fällen geht es ums Geschäft. Ich bin kein Experte im Musikgeschäft. Aber wir haben mit Ken Berry und Martin Bandier, den Leitern der EMI-Recording und -Publishing-Divisionen, ein schlagkräftiges Team. Der Verwaltungsrat wollte für die Konzernführung jemanden, der die beiden entlastet. So können sich Berry und Bandier auf das konzentrieren, was sie am besten können: Musik produzieren und sie veröffentlichen.
MUSIKWoche: Wie erklären Sie den Aktionären, daß Sie der richtige Mann sind, obwohl Sie aus einem ganz anderen Marktsegment kommen?
Eric Nicoli: Ich werde die Aktionäre persönlich überzeugen. Wenn sie feindselig sind, werden sie es mir schon sagen. Mein Job ist es, zuzuhören und die bestmöglichen Entscheidungen für die Firma zu treffen. Das geht am besten gemeinsam mit dem Team. Unsere Aufgabe ist es, den Marktwert der EMI Group zu steigern. Dafür müssen wir alle Möglichkeiten genau ausloten.
MUSIKWoche: Was sind Ihre ersten Ziele?
Eric Nicoli: Ich werde eine Strategie entwickeln, die uns zu einem noch ernster zu nehmenden Gegner im Musik-Business macht. Dazu prüfen wir alle Möglichkeiten zur Erweiterung unseres Geschäftsbereichs. Bevor wir nicht wissen, in welche Richtung wir uns orientieren werden, gibt es von mir keine voreiligen Bekanntmachungen. Ich bin mir der Aufregung in der Branche bewußt – sie bringen mich jedoch nicht aus der Fassung. Wir schauen uns das gelassen und objektiv an, in der Zwischenzeit müssen wir uns ja noch ums Tagesgeschäft kümmern.
MUSIKWoche: Welche Rolle übernehmen Sie im Tagesgeschäft?
Eric Nicoli: Berry und Bandier kümmern sich ums Tagesgeschäft. Ich muß und werde ihnen nicht erklären, wie sie ihre Arbeit zu machen haben, biete ihnen aber die nötige Unterstützung.
MUSIKWoche: Welches ist das dringendste Problem der EMI Group?
Eric Nicoli: Die Firma verschwendet zuviele Gedanken auf Verkaufsgerüchte, statt sich mit dem Ausbau der Geschäftsgrundlage zu beschäftigen. Die Spekulationen schaden uns und der gesamten Musikindustrie.
MUSIKWoche: Wie antworten Sie auf die ständigen Gerüchte um die Zukunft der EMI Group?
Eric Nicoli: Ich habe wie alle anderen die Übernahmegerüchte in den Medien verfolgt und muß feststellen, daß es nur Spekulationen waren. Wir hatten bei einer einzigen Gelegenheit zugegeben, daß wir Gespräche führten und daß diese beendet seien. Colin Southgate und sein Management-Team führten damals die Verhandlungen. Ich halte es für richtig, wenn sich die Führung eines Unternehmens bemüht, die Geschäftsbasis auszuweiten. Es muß ja nicht immer gleich eine Übernahme sein. Ein Management muß aufgeschlossen gegenüber neuen Wertschöpfungsmodellen sein und sich später nicht schämen, zu sagen: „Dies sieht nicht nach einem guten Plan aus. Laßt uns nach neuen Optionen suchen.“
MUSIKWoche: Es heißt, Southgate habe im April 1998 ein mündliches Übernahme-Angebot von Seagram in Höhe von 11,5 Milliarden Mark abgelehnt.
Eric Nicoli: Ich glaube nicht, daß es dieses Angebot jemals gab. Es gab Gespräche, aber die führten nicht einmal ansatzweise zu einer Einigung. Seagram machte uns kein Angebot, also gab es nichts abzulehnen. Es ist doch normal, daß sich Firmen, die sich im selben Markt bewegen, über mögliche Kooperationen unterhalten. Aber dazu kam es nie wirklich. Und Seagram orientierte sich ja auch um, oder etwa nicht? Wir wünschen ihnen viel Glück.
MUSIKWoche: Beobachter meinen, ein Verkauf der EMI sei überfällig. Stimmt es, daß Sie vor allem zum EMI-Chairman berufen wurden, um dieses Vorhaben zu verwirklichen?
Eric Nicoli: Das ist doch Unsinn. Ich verstehe natürlich, daß manch einer in der Branche geradezu darauf hofft, vor allem diejenigen, die die EMI Group gerne kaufen würden. Aber ich wurde nicht deshalb angeheuert. Im Gegenteil: Ich habe mich für diese Aufgabe entschieden, weil ich das Unternehmen aufbauen will. Und das ist auch meine Verpflichtung gegenüber dem Aufsichtsrat und der Geschäftsleitung.
MUSIKWoche: Bedeutet Ihre Berufung an die EMI-Spitze, daß Colin Southgate aus dem Vorstand gedrängt werden soll?
Eric Nicoli: Southgate hatte ja vor einiger Zeit angekündigt, daß er sich zurückziehen will. Ich glaube, er wäre schon eher zurückgetreten, wenn er den passenden Nachfolger früher gefunden hätte.








