Diese Sonderangebote haben nur einen kleinen Haken: Bei diesen billigen CDs handelt es sich um Raubkopien. In 19 Ländern sind nach IFPI-Angaben die Absatzzahlen für illegale Kopien höher als die Verkaufszahlen legaler Tonträger. Jugoslawien nimmt dabei eine Spitzenposition in der Tonträger-Piratenliga ein. Nach Ansicht von Stefan Krawczyk, IFPI-Regionaldirektor für Osteuropa mit Sitz in Brüssel, ist die Schallplatten-Piraterie im heutigen Jugoslawien „völlig außer Kontrolle“ geraten.
Krawczyk schätzt den Schwarzmarktanteil in der Republik auf 95 Prozent. Da weder Niederlassungen der internationalen Konzerne noch Lizenzinhaber existieren, die die Plattenfirmen vertreten könnten, entstand dort eine Situation, in der für Raubkopierer die ideale Gelegenheit besteht, mit illegalen Kopien aller großen Künstler viele Millionen Mark zu verdienen.
Alle internationalen CDs sind raubkopiert
Bei internationalen Produkten liegt der Schwarzmarktanteil sogar bei 100 Prozent. Für einheimische Produkte liegen die Schätzungen auf Werten von 70 bis 80 Prozent. Krawczyk nimmt an, dass die meisten der in Jugoslawien zirkulierenden Raubkopien aus der Ukraine und aus Litauen stammen: „Es gibt fünf CD-Fertigungsstätten in der Ukraine, von denen drei überaus aktiv sind. Das Organisierte Verbrechen ist sehr stark in diesen illegalen Handel involviert und die Piraten machen viele Millionen Dollar Gewinn.“
Eine weitere Fertigungsquelle für Piraterieprodukte sei die Fabrik Unison in Montenegro, die ursprünglich Teil eines CD-Produktionskomplexes mit Sitz in Bulgarien war. Diese Produktionslinie wurde nach Montenegro verlegt, nachdem die bulgarische Regierung – als Teil ihrer Bemühungen um den Beitritt zur Europäischen Union – der Piraterie einen Riegel vorschob.
Pro legale CD bis zu fünf Raubkopien
Branchenkenner gehen davon aus, dass das montenegrinische Werk über eine Kapazität von monatlich einer Million Exemplaren verfügt. Krawczyk glaubt, dass viele der in Serbien an der Piraterie Beteiligten über gute Beziehungen zu immer noch mächtigen Politikern des alten Regimes verfügen und diese würden sie schützen. Firmen, die ihr Geschäftsgebaren auf eine legale Basis stellen wollten, würden hingegen eingeschüchtert und bedroht. In Lettland und der Türkei sei es in diesem Umfeld sogar zu Mordfällen gekommen.
Da die Piraten auch den Markt für lokales Repertoire dominieren, stößt das halbe Dutzend der in Jugoslawien legal operierenden Plattenfirmen auf unüberwindbare Hindernisse. Mioljub Krsmanovic, Präsident von Metropolis Records in Belgrad, behauptet, für jedes Album, das sein Unternehmen produziere, kämen drei bis fünf Raubkopien auf den Markt. Das heißt, dass die Plattenfirmen ihren Haushalt auf einer Basis planen, nach der bis zu 80 Prozent ihrer potenziellen Einnahmen an die Piraten gehen.
Der scheinbar einzige Ausweg für Plattenfirmen besteht darin, mit den Piraten zu kooperieren: Um wirtschaftlich zu überleben, sind die Unternehmen gezwungen, mit Bootleg-Kopien ihres eigenen Repertoires zu handeln, da dies profitabler ist. Zudem seien Groß- und Einzelhändler die Tiefstpreise gewohnt, zu denen sie raubkopierte Kassetten und CDs ordern können.
Durchschnittlich 100 Mark pro Monat
Ein wesentlicher Faktor für die extrem niedrigen Preise ist die verzweifelte ökonomische Situation des Landes: Die Arbeitslosenquote liegt in Jugoslawien bei rund 40 Prozent und das Durchschnittseinkommen bei etwa 100 Mark im Monat. Der HAP einer legal aufgenommenen CD beträgt etwa sieben Mark, der einer Kassette 2,50 Mark.
Die Piraten, die keine Künstler- oder Autorentantiemen abführen, keine Promotion- oder Werbekosten aufbringen müssen und keine Mehrwertsteuer zahlen, bieten den Händlern Kassetten für weniger als eine Mark und CDs für weniger als 2,50 Mark an. Die Republik Jugoslawien, wie sie gegenwärtig existiert, wurde im April 1992 gegründet. Sie umfasst Serbien und Montenegro sowie die Provinzen Kosovo, Metohija und Vojvodina. Insgesamt leben auf dem Staatsgebiet rund zehn Millionen Einwohner.
Der jährliche Verkauf von Tonträgern wird auf etwa elf Millionen Stück geschätzt. Das Verhältnis zwischen Kassetten und CDs liegt bei zwei zu eins. Maksa Catovic, Präsident des 1984 gegründeten Multimedia-Unternehmens Komuna Music, ist zugleich Vertreter der Plattenindustrie in der serbischen Handelskammer. Diese forderte den Staat zu geeigneten Maßnahmen auf, um die Piraterie zu eliminieren oder wenigstens substanziell einzuschränken. Aber er musste akzeptieren, dass die neue Regierung derzeit dringendere Prioritäten verfolgt.
Obwohl die Plattenpiraterie den Staat jährlich zwischen 15 und 20 Millionen Mark an entgangenen Mehrwertsteuereinnahmen kostet, ist dies noch eine moderate Summe im Vergleich zu den Steuerverlusten, die durch illegalen Handel mit Benzin und Zigaretten entstehen. Catovic nahm mit der IFPI in London Kontakt auf, damit diese der jugoslawischen Regierung die Notwendigkeit für ein Handeln gegen die Piraten klar mache; bislang vergeblich.
Catovic versucht auch, wieder eine eigene IFPI-Gruppe in Jugoslawien zu etablieren, wo es seit 1991 keine IFPI-Präsenz mehr gibt. Stefan Krawczyk gibt zu, dass die IFPI bis jetzt keine Beziehungen zur jugoslawischen Regierung aufgenommen hat. Allerdings sei geplant, dass IFPI-Vertreter das Land besuchen, um sich ein Bild von der Situation zu machen.
Jugend Up-To-Date mit Piraterie-CDs
Nach Angaben von Mioljub Krsmanovic, Präsident des vor acht Jahren gegründeten Labels Metropolis Records, sind Bootleg-Kopien wichtiger internationaler Veröffentlichungen in Jugoslawien sehr schnell nach dem offiziellen Erscheinungstermin erhältlich: „Die jungen Leute hier sind Up-To-Date und gut informiert. Die Gruppe Prodigy zum Beispiel gab vor vier Jahren ein Konzert in Belgrad, und durch den Schwarzmarkt waren die Jugendlichen mit den Liedern der Band vertraut. Das Konzert war ein großer Erfolg.
Das Piratengeschäft ist ein Desaster für die internationalen Firmen, aber es ist eine gute Promotion für die Künstler.“ Metropolis besitzt einen Katalog von rund 50 Titeln und begann vor einem Jahr mit der Produktion von Musikvideos. Krsmanovic erzählt, dass jugoslawische Bands Tantiemen auf der Basis einer Schätzung potenzieller Verkäufe im Voraus ausgezahlt bekommen: „Wir machen diese Vorauszahlung und haben dann die Rechte auf das Repertoire für fünf oder zehn Jahre. Danach gibt es keine weiteren Zahlungen mehr – aber viele Künstler und Gruppen bezahlen noch ihre eigenen Promotionvideos.“
Zehn Millionen Bootlegs pro Jahr
Maksa Catovic von Komuna Music schätzt, dass Jugoslawiens legitimierte Plattenfirmen Verkaufszahlen von nicht mehr als einer Million Einheiten jährlich erreichen. Das heißt, dass mindestens zehn Millionen der verkauften Aufnahmen Bootleg-Produkte sind. Komuna Music wurde ursprünglich gegründet, um den derzeit führenden jugoslawischen Komponisten Kornelije Kovac zu promoten.
Ein anderer bekannter Künstler des Labels ist Zdravko Colic. Die wichtigste Aktivität des Unternehmens in den letzten Jahren war aber die Film- und TV-Produktion. Unter anderem produzierte die Firma Emir Kusturicas Filme „Underground“, der 1995 bei den Filmfestspielen in Cannes ausgezeichnet wurde, und „Black Cat, White Cat“, dessen Soundtrack mit der Musik von Kusturicas No Smoking Orchestra bei Universal in Frankreich auf dem Barclay Label veröffentlicht wurde.
Das Unternehmen lizenzierte außerdem Repertoire an Polydor in Griechenland. Komuna ist darüber hinaus im Buch- und Comic-Publishing tätig und besitzt ein Kassettenfertigungswerk mit einer täglichen Kapazität von 10.000 Einheiten.






