Recorded & Publishing

Wolfgang Niedecken über den Film

Während die Fans im Handel CD und DVD kaufen können, hält das Kino für sie den ersten BAP-Spielfilm bereit. Der renommierte Regisseur Wim Wenders dreht „Viel passiert“, den Wolfgang Niedecken im Gespräch mit musikwoche.de als „Heimatfilm“ bezeichnet.

musikwoche.de: Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem Film und der DVD „Övverall“?

Wolfgang Niedecken: Den Film und die DVD kann man nicht vergleichen, das wäre wie die berühmten Äpfel und Birnen. Wichtig war mir die Zusammenarbeit mit Wim Wenders – da konnte ich nur „Hurra!“ schreien, als es dann klappte. Diese Zusammenarbeit ist etwas, woran ich im Traum nicht gedacht habe, dass sie mal passieren könnte. Glücklicherweise gibt es davon ein paar Punkte in unserer Bandgeschichte, wie etwa das Konzert mit Bruce Springsteen in Berlin – ein ungeträumter dream come true.

mw: Gab es Einflüsse für den Film?

Niedecken: Nicht wirklich, auch wenn etwa „The Last Waltz“ von und über The Band schon ein sensationeller Film war. Aber wir haben uns an keine Vorbilder gehalten. Dafür wussten wir genau, was wir nicht wollten: nämlich keinen üblichen Rock’n’Roll-Film mit all den Klischees von Limousinen bis Backstage-Theater. Wir wollten stattdessen einen Film, der aus vielen kleinen Filmen zusammengesetzt ist -und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Songs im Film sind ja auch in sich eigene kleine Filme. Genau das hat den Wim ja auch so angetoucht, denn das „Tonfilm“-Album hat ihm ja die Idee für den Film gegeben. Wir wussten, was wir nicht wollten und haben uns dann auf den Film eingelassen: ihn nämlich als work in progress einfach zu Ende zu stellen. Denn das Genre „Musikfilm“ ist sicherlich problematisch, aber wir haben eben keinen Konzert- und keinen Spielfilm gemacht. Man muss sich darauf einlassen, dass das Ding in keine Schublade passt. Wenn man das einmal kapiert hat, wird alles ganz einfach.

mw: Wie würden Sie denn das Genre von „Viel passiert“ beschreiben?

Niedecken: Der Film ist ein Heimatfilm, wie Wim einmal so schön gesagt hat. Es war während der Arbeit sehr hilfreich, diesen Begriff im Hinterkopf zu haben, denn das ist ein sehr vielschichtiger Begriff, denn man nicht den Rechten überlassen sollte.

mw: Haben Sie Lieblingsszenen?

Niedecken: Eine der schönsten Szenen ist der Moment, wenn wir „Waterloo Sunset“ von den Kinks spielen: Wir stehen auf der Bühne, der Song geht los, man sieht uns vor einer Leinwand, wo in schwarz-weiß die Kinks einen Auftritt im Beat-Club in den 60er Jahren spielen. Und für einen Moment weiß man nicht, wer da eigentlich gerade spielt. Wenn es im Film eine wirkliche Hommage gibt, dann die.

mw: Wie kam es dazu, das alte Interview mit Heinrich Böll zu verwenden?

Niedecken: Das war Wims Idee, ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, das zu nehmen. Aber so wie es jetzt im Film ist, finde ich es sehr gut.

mw: Die Presse hat vor allem die Speilfilmszenen kritisiert.

Niedecken: Das sind keine Spielfilmszenen, denn die Personen, die darin vorkommen, sind Inventar des Kinos. Als Gestalten, die durch den Film spuken und ihn zusammenhalten, schaffen sie Verbindungen zwischen den einzelnen Szenen. Wenn man Wims Filme kennt, weiss man, dass er sich sehr viel von den Locations erzählen lässt, ihnen auch sehr sensibel nachspürt und dadurch hinter Sachen kommt, die andere übersehen.

mw: Gab es Überlegungen, ob ein derartiger Film heute an der Kinokasse funktionieren könnte?

Niedecken: Über den kommerziellen Erfolg haben wir uns keine Gedanken gemacht. Wir wollten einen guten Film machen und das ist uns gelungen.