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„Wir verstehen CSR als kontinuierliche Weiterentwicklung“ – das ist das neue BRIDGES-Programm von Universal Music

Mit BRIDGES startet Universal Music Deutschland ein neues präventives Artist-Development-Programm. Es verbindet individuelle Begleitung mit praxisnahen Impulsen und nimmt die besonderen Anforderungen von jungen Artists in den Blick. Die Intitiative wird am 17. September auf dem Reeperbahn Festival vorgestellt. Vorab können Sie im Interview mehr zum Thema erfahren.

Am Reeperbahn-Donnerstag, dem 17. September 2026, diskutieren Nilgün Öz, Senior Director Corporate Social Responsibility & Events bei Universal Music, die Psychologin Anne Löhr sowie der Artist JAS im Panel „High Hopes, High Pressure – Artist Development meets psychische Gesundheit“ darüber, wie sich Karriereentwicklung und mentale Gesundheit in der Musikbranche zusammendenken lassen. Das Gespräch läuft von 12:30 bis 13:30 Uhr im East Hotel/Amber. Obendrein nutzt das Major-Team den Branchentreff, um seine neue Initiative BRIDGES zu präsentieren.

Vorab erläutern die Beteiligten im Interview mit MusikWoche, wie BRIDGES entstanden ist und weshalb Resilienz, Orientierung und nachhaltige Entwicklung heute wichtige Bausteine des Artist Developments sind.

Universal Music startet mit BRIDGES ein Programm, das es in dieser Form bislang kaum gibt. Was genau ist BRIDGES?

Nilgün Öz: BRIDGES ist unser präventives Artist-Development-Programm für junge Artists. Wir begleiten zukünftig Newcomer:innen in den ersten 12 bis 18 Monaten nach ihrem Signing mit psychologischer 1:1-Begleitung, praxisnahen Trainingsmodulen und einer digitalen Wissensplattform. Uns war es wichtig, kein isoliertes Zusatzangebot zu schaffen, sondern unser bestehendes Artist Development sinnvoll weiterzuentwickeln.

„Uns war es wichtig, kein isoliertes Zusatzangebot zu schaffen, sondern unser bestehendes Artist Development sinnvoll weiterzuentwickeln.“ Nilgün Öz.

Ein A&R oder Product Manager begleitet die Karriere – BRIDGES ergänzt diese Begleitung um psychologische Expertise, konkrete Werkzeuge und individuelle Unterstützung für die Herausforderungen des Berufsalltags. Auf vieles, was in dieser Phase passiert, bereitet einen niemand wirklich vor. Genau dort setzt BRIDGES an. Zum Start richtet sich das Programm an Newcomer:innen zwischen 18 und 25 Jahren, die bei Universal Music Deutschland für ein Album oder mindestens zehn Titel unter Vertrag genommen werden. Für reine Vertriebsvereinbarungen wird BRIDGES zunächst nicht angeboten.

Warum war jetzt der richtige Zeitpunkt?

Nilgün Öz: In der CSR-Strategieentwicklung haben wir zunächst geschaut: Wo sind wir bereits gut aufgestellt und wo können wir uns als Unternehmen weiterentwickeln? Im nächsten Schritt haben wir diese Themen mit gesellschaftlichen Entwicklungen abgeglichen und gleichzeitig sehr genau hingehört, welche Herausforderungen unsere Artists und unsere Teams im Alltag beschäftigen. Ein weiterer wichtiger Impuls für uns waren aktuelle Studien. Besonders beschäftigt hat uns dabei eine Zahl: Nur drei Prozent der Artists würden ihrem Management sagen, wenn es ihnen psychisch nicht gut geht – ihrem Label gegenüber sogar nur ein Prozent. Für uns war klar: Wir dürfen nicht darauf warten, bis Probleme sichtbar werden. Deshalb haben wir BRIDGES so entwickelt, dass psychologische Begleitung fest in unser Artist Development und damit in unser Daily Business integriert ist – nicht als zusätzliches Angebot, sondern als selbstverständlicher Bestandteil unserer Zusammenarbeit mit jungen Artists.

Warum richtet sich BRIDGES ausschließlich an Artists bis 25 Jahre?

Anne Löhr: Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist das junge Erwachsenenalter eine eigenständige Lebensphase zwischen Jugend und „fertigem“ Erwachsenenleben. Sie ist geprägt von der Suche danach, wer man ist – in Beziehungen, im Beruf, in den eigenen Werten und Überzeugungen. Es ist eine Zeit vieler Fragen und Umbrüche: Wer will ich sein, wo will ich hin? Wege werden nun sehr eigenverantwortlich beschritten. Das bringt große Freiheiten mit sich, aber auch viele Veränderungen – und dadurch eine Instabilität, die für diese Phase entwicklungspsychologisch typisch ist. Hinzu kommt: Die Gehirnentwicklung ist nach aktuellem Forschungsstand erst mit etwa 25 Jahren abgeschlossen.

Zwei Merkmale, die diese Phase besonders prägen, sind eine erhöhte Stressvulnerabilität und eine gesteigerte Empfänglichkeit für soziale Bewertung durch andere. Beginnt gleichzeitig eine Musikkarriere, treffen persönliche Entwicklung und berufliche Herausforderungen unmittelbar aufeinander. Gerade die Anfangsphase einer Karriere ist häufig von hohen Erwartungen, großem Druck, Stress und einer kontinuierlichen Bewertung geprägt – sowohl durch das unmittelbare berufliche Umfeld als auch durch Fans und Öffentlichkeit. Anders als im Studium oder in einer Ausbildung werden Artists dabei oft unmittelbar in die Selbstständigkeit geworfen und tragen früh viel Verantwortung in Bereichen, in denen sie selbst noch wenig Erfahrung haben. Gleichzeitig bleibt ihnen nur wenig Zeit und Spielraum, um Fehler zu machen und daraus zu lernen. Das kann schnell überfordernd werden. Und genau deshalb macht es Sinn, in dieser Phase anzusetzen und eben genau diese Mischung der Veränderungen zu verstehen und einen bewussteren und stabileren Umgang mit den Herausforderungen zu finden.

Foto: Julia Schoierer, Universal Music

Nilgün Öz: Wir beobachten außerdem, dass die junge Generation sehr offen mit diesen Themen umgeht. Viele Artists sprechen oder singen darüber und sind bereit, sich damit auseinanderzusetzen. Gleichzeitig wachsen sie unter ganz anderen Bedingungen auf als frühere Generationen – mit permanenter Sichtbarkeit durch Social Media und den Auswirkungen der Corona-Jahre, deren langfristige Folgen wir heute noch gar nicht vollständig einschätzen können. Und gleichzeitig ist BRIDGES ein Pilotprogramm. Uns war wichtig, zunächst mit einer klar definierten Zielgruppe zu starten, Erfahrungen zu sammeln und das Programm von dort aus kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Wie ist BRIDGES aufgebaut?

Anne Löhr: Das BRIDGES-Programm gliedert sich in drei Phasen. Zu Beginn lernen sich Artist und begleitende:r Psycholog:in in Ruhe kennen. In dieser Phase geht es darum, gemeinsam einen Überblick zu gewinnen, welche Wünsche und Erwartungen der:die Artist mitbringt und welche Erfahrungen bereits vorhanden sind. Im Rahmen einer Bedarfsanalyse werden persönliche Ziele sowie mögliche Schwerpunktthemen für die weitere Begleitung festgelegt und dienen als Basis für die individuelle Zusammenarbeit. Die kontinuierliche psychologische Beratung und Begleitung durch externe Psycholog:innen mit Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Artists steht im Zentrum der nächsten Phase. Grundlage ist dabei die Stärkung der Resilienz – verstanden als die Fähigkeit, auch in herausfordernden Zeiten und Krisen flexibel und angemessen mit Belastungen umzugehen, die eigene psychische Stabilität zu erhalten bzw. wiederzugewinnen und sich von belastenden Erfahrungen zu erholen. Neben der allgemeinen Stärkung dieser Fähigkeiten war es uns aber wichtig, die besonderen Herausforderungen der Zielgruppe klar zu benennen, weil sie im Laufe einer Artist-Karriere immer wieder eine Rolle spielen werden.

Auf die drei Themen „Stress, Druck und Erwartungen“, „Erfolg, Ruhm und Sichtbarkeit“ sowie „der Umgang mit Bewertungen und Kritik – insbesondere im digitalen Raum“ gehen wir in den Modulen noch einmal ganz konkret ein und stellen zusätzlich Materialien, Videos und Tools zur Verfügung. Wir können uns vorstellen, dass die Artists im Programm mindestens einer dieser Herausforderungen bereits begegnet sind, wenn auch in sehr unterschiedlicher Intensität, und dass sie ihnen im Laufe ihrer Karriere immer wieder begegnen werden. Entsprechend wird die Beratung an dieser Stelle noch konkreter individualisiert und auf den Alltag der Artists zugeschnitten.

Zusätzlich können sich die Artists jederzeit selbstständig informieren und die ihnen zur Verfügung gestellten Materialien nutzen. In der Beratung werden die Inhalte dann individuell aufgegriffen, an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst und auf die persönliche Situation übertragen. Die Artists können dabei eigene Schwerpunkte setzen und die Themen vertiefen, die für sie gerade besonders relevant sind. In der Abschlussphase wird dann die gemeinsame Zeit reflektiert und evaluiert. Gleichzeitig richtet sich der Blick nach vorne: Gemeinsam wird überlegt, welche nächsten Schritte nach Abschluss des BRIDGES-Programms sinnvoll und hilfreich sein können. Insgesamt umfasst die Begleitung 13 gemeinsame Sitzungen, die flexibel an den Alltag der Artists angepasst und über einen Zeitraum von 12 bis 18 Monaten verteilt werden können.

Welche Rolle spielen die 1:1-Sessions?

Anne Löhr: Die 1:1-Sessions sind ein ganz zentraler Bestandteil von BRIDGES, weil sie eine wirklich individuelle Begleitung ermöglichen. Alle Psycholog:innen bringen fundierte Beratungserfahrung mit, teilweise auch therapeutische Ausbildungen. Das Programm selbst ist klar präventiv und nicht therapeutisch ausgerichtet. Gleichzeitig sind wir uns bewusst, dass Themen auftauchen können oder bereits relevant sind, die über das hinausgehen, was BRIDGES leisten kann – zum Beispiel starke Ängste, traumatische Erfahrungen oder problematischer Substanzkonsum. Auch solche Themen haben Platz in den Gesprächen. Die Psycholog:innen sind mit diesen Themen vertraut und können sie professionell einordnen. Entsprechend sind sie auch dafür sensibilisiert, weiterführenden Unterstützungsbedarf zu erkennen und bei Bedarf an geeignete Stellen weiterzuvermitteln.

Die Beratung kann damit eine erste, niedrigschwellige Anlaufstelle sein, um sich mit der eigenen psychischen Gesundheit auseinanderzusetzen und sich gegebenenfalls weitere Unterstützung zu holen. In den Sessions geht es ganz wesentlich darum, sich im eigenen Erleben zurechtzufinden, Dinge bewusst wahrzunehmen und einen Raum für Reflexion zu haben. Es geht darum, innezuhalten, Dinge zu sortieren und in Ruhe zu schauen: Was beschäftigt mich eigentlich gerade? Was tut mir gut? Was möchte ich verändern? Und welche Strategien könnten dabei hilfreich sein? Gerade dieses Innehalten ist im Artist-Alltag oft gar nicht so leicht. Aus meiner eigenen Arbeit weiß ich, dass es sehr wohltuend sein kann, einmal einen geschützten Raum zu haben, in dem man Dinge ordnen und für sich sortieren kann. In dem man Unsicherheiten benennen kann, ohne Konsequenzen zu fürchten.

Die Begleitung ist über mindestens ein ganzes Jahr angelegt, weshalb es nicht nur um punktuelle Gespräche geht. Die Psycholog:innen lernen die Artists und ihre Lebensrealität mit der Zeit besser kennen und können dadurch individueller auf Entwicklungen oder auch aufkommende Krisen reagieren. Sie können dabei unterstützen, an Themen dranzubleiben und Veränderungen nachhaltig in den Alltag zu integrieren. Wichtig ist dabei auch der vertrauensvolle und unabhängige Rahmen der Beratung. Die Artists haben eine feste Ansprechperson außerhalb der internen Strukturen des Labels, mit der sie ihre Themen offen besprechen können. Genau diese Kombination aus Niedrigschwelligkeit, Kontinuität, individueller Begleitung und professioneller Einordnung macht die 1:1-Sessions für mich zu einem so wichtigen Bestandteil des Programms.

Warum genau diese drei Module?

Anne Löhr: Die drei Themen haben sich für uns aus zwei Richtungen herauskristallisiert: aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen und aus den Erfahrungen aus meiner Beratungspraxis und dem Alltag im Labelkontext. Und obwohl wir dabei aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Artists und ihre Situation schauen, haben sich die Erfahrungen stark überschnitten. Stress und Druck, Erfolg, Ruhm und Sichtbarkeit sowie Social Media, Kritik und Bewertung gehören zu den Themen, die im Artist-Alltag immer wieder eine Rolle spielen. Dabei sind Erfolg, Sichtbarkeit oder auch Kritik natürlich nicht immer automatisch Belastungen. Sie können aber sehr wohl Belastungen auslösen oder verstärken. Gerade die eigenen und die von außen kommenden Erwartungen spielen dabei eine große Rolle. Für Artists ist die Bewertung durch andere zudem in gewisser Weise Teil ihres Berufs. Dass Menschen die eigene Person und die eigene Musik gut finden, ist ein wichtiger Teil dessen, worauf die Karriere aufbaut.

„Deshalb haben wir BRIDGES so entwickelt, dass psychologische Begleitung fest in unser Artist Development und damit in unser Daily Business integriert ist – nicht als zusätzliches Angebot, sondern als selbstverständlicher Bestandteil unserer Zusammenarbeit mit jungen Artists“, sagt Nilgün Öz. Foto: Julia Schoierer, Universal Music

Gleichzeitig bedeutet das, dass man sich zwangsläufig mit Bewertung auseinandersetzen muss: Was macht es mit mir, wenn andere meine Musik nicht mögen? Wie gehe ich mit Kritik um? Wie beeinflusst mich Sichtbarkeit? Und wie schaffe ich es, dass mein eigener Wert nicht vollständig davon abhängt? Stress und Druck haben wir ganz bewusst als eigenes Modul aufgenommen, weil sie bei vielen unterschiedlichen Herausforderungen eine Rolle spielen und es deshalb wichtig ist, die dahinterliegenden Mechanismen überhaupt erst einmal zu verstehen. Uns war das Zusammenspiel wichtig: ein individueller Raum in der Beratung, Wissen und Hintergrund, die persönliche Auseinandersetzung damit und ganz konkretes Handwerkszeug. Wir wollen das Fundament stärken, Raum geben, um sich mit den eigenen Themen auseinanderzusetzen, und gleichzeitig konkrete Impulse und Tools mitgeben, die die Artists auf ihrem eigenen Weg unterstützen.

Welche Rolle spielt Resilienz?

Anne Löhr: Resilienz ist für uns eine wichtige wissenschaftliche Grundlage und ein psychologisches Konzept, das sehr gut erforscht ist. Gerade für einen präventiven Ansatz finde ich es besonders geeignet, weil es sowohl kurzfristig konkrete Orientierung geben kann als auch langfristig eine gute Grundlage für die eigene psychische Gesundheit bietet. Außerdem ist das Konzept sehr flexibel: Es umfasst verschiedene Bereiche, die im Leben unterschiedlich wichtig werden können.Wir haben uns dabei an bestehenden Resilienzmodellen orientiert und mit sechs Faktoren gearbeitet: Akzeptanz und Optimismus, Zukunfts- und Lösungsorientierung, Sinn und Werte, Selbstwirksamkeit, Selbstregulation sowie soziale Beziehungen und Netzwerke. Dabei geht es zum Beispiel bei Akzeptanz und Optimismus darum, eine Situation realistisch wahrzunehmen und gleichzeitig die Hoffnung und Zuversicht zu behalten, dass sich etwas verändern lässt.

Die Zukunfts- und Lösungsorientierung richtet den Blick nach vorne: Wo möchte ich hin? Was ist mir wichtig? Was kann ich konkret tun? Gerade in dieser Lebensphase spielen auch Sinn und Werte eine große Rolle. Als Artist gibt es unglaublich viele Erwartungen von außen, Menschen wollen etwas von einem, man repräsentiert etwas – da ist es wichtig, den eigenen Kompass zu kennen und immer wieder zu überprüfen: Was ist eigentlich meins? Und hat sich das vielleicht auch verändert? Dann geht es um Selbstwirksamkeit: Wo habe ich Einfluss? Was kann ich tatsächlich verändern und wo liegt mein Handlungsspielraum? Und genauso wichtig ist die andere Seite: Wo kann ich etwas nicht kontrollieren? Da sind wir wieder bei der Akzeptanz. Selbstregulation kennen viele inzwischen aus dem Kontext Mental Health – zum Beispiel die Fähigkeit, sich aus einem Stresszustand wieder zu beruhigen. Aber auch hier geht es um viel mehr: darum, die eigenen Zustände und Bedürfnisse wahrzunehmen und sich entsprechend regulieren zu können.

Und ein Faktor, den ich gerade für diesen Beruf besonders wichtig finde, sind soziale Beziehungen und das eigene Netzwerk. Wer ist an meiner Seite? Mit wem fühle ich mich sicher? Wo kann ich mich verbunden fühlen? Beziehungen verändern sich im Leben eines Artists oft enorm, gerade in dieser Lebensphase. Gleichzeitig ist soziale Verbundenheit ein ganz wesentlicher Faktor für psychische Stabilität und Gesundheit. Diese verschiedenen Aspekte helfen dabei, Herausforderungen besser zu bewältigen und die eigene Stabilität zu stärken. Gleichzeitig bietet das Modell eine gute Möglichkeit zur Selbstreflexion: Wo fühle ich mich schon gut aufgestellt und kompetent? Und wo möchte ich vielleicht noch etwas lernen oder verändern? Genau diese Verbindung aus Orientierung, Selbstreflexion und praktischer Anwendung macht das Resilienzkonzept für BRIDGES so wertvoll.

Was beobachten Sie heute im Alltag mit jungen Artists?

Luisa Engelhardt: Was sich in den letzten Jahren aus meiner Sicht am stärksten verändert hat, ist die Geschwindigkeit. Durch einen Song oder einen viralen Moment können Karrieren innerhalb weniger Tage entstehen. Das eröffnet unglaubliche Chancen, bedeutet aber auch, dass junge Artists oft kaum Zeit haben, in ihre neue Rolle hineinzuwachsen. Mit dem frühen Erfolg kommen sofort neue Erwartungen: Content, Interviews, Live-Shows, Markenpartnerschaften und Community Management. Und das häufig in sehr jungen Jahren. Viele müssen Entscheidungen treffen, auf die sie niemand vorbereitet hat. Was ich außerdem deutlich wahrnehme, ist das permanente Feedback.

Heute wird jeder Song, jeder Auftritt und oft auch jede persönliche Entscheidung unmittelbar kommentiert. Für viele Artists ist es schwer, sich davon emotional abzugrenzen. Reichweite und Streamingzahlen wirken von außen oft wie klare Erfolgsindikatoren, bedeuten aber nicht automatisch finanzielle Stabilität. Viele junge Artists stehen trotz wachsender Bekanntheit unter Druck und wissen nicht, wie planbar ihre Karriere ist. Auch das Berufsbild hat sich verändert: Artists sind heute nicht mehr nur Musiker:innen, sondern gleichzeitig Content Creator, Unternehmer:innen, Marke und öffentliche Persönlichkeit. Genau deshalb verstehen wir Artist Development ganzheitlicher. Es geht nicht mehr nur darum, Talent zu fördern, sondern junge Künstler:innen in einer schnelleren, öffentlicheren und komplexeren Branche nachhaltig zu unterstützen.

Wo setzt BRIDGES konkret an?

Luisa Engelhardt: BRIDGES setzt dort an, wo junge Artists erstmals mit den besonderen Herausforderungen der Branche konfrontiert werden. Unser Ziel ist es, Orientierung und Begleitung zu bieten. Dabei geht es zunächst um etwas sehr Grundlegendes: ein Verständnis dafür zu schaffen, was auf junge Artists in dieser Branche zukommen kann. Viele erleben bestimmte Situationen zum ersten Mal – sei es der erste große Release, öffentliche Kritik, ein ausverkauftes Konzert oder auch Phasen, in denen plötzlich nichts so läuft wie geplant. Allein zu wissen, dass diese Herausforderungen normal sind und dass andere ähnliche Erfahrungen machen, kann unglaublich entlastend sein. Wir geben Artists konkrete Werkzeuge an die Hand: Wie gehe ich mit Druck um? Wie setze ich Grenzen? Und wie bleibe ich langfristig gesund und kreativ? Es geht um Selbstmanagement und darum, früh Strategien zu entwickeln, die im Alltag wirklich helfen. Dies schafft die Grundlage für langfristige Kreativität und nachhaltigen Erfolg.

Wie entstand BRIDGES?

Sven „Huge“ Bähr: Wir haben BRIDGES über ein Jahr gemeinsam entwickelt. In mehreren Workshops haben wir zusammengetragen, was für junge Artists wirklich relevant ist und was es bereits an wissenschaftlichen Erkenntnissen, psychologischer Praxis und guten Ansätzen gibt. Uns ging es ausdrücklich nicht darum, etwas komplett Neues zu erfinden. Die eigentliche Entwicklungsarbeit bestand darin, dieses Wissen auf die heutige Arbeitsrealität von Artists zu übertragen. Also zum Beispiel: Wie können Resilienz, Selbstmanagement und Orientierung ganz praktisch gestärkt werden, wenn Karrieren immer schneller, öffentlicher und komplexer werden? Dabei haben wir immer wieder geprüft, was wirklich hilfreich und im Alltag anwendbar ist. 

Warum war eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe der richtige Weg?

Sven „Huge“ Bähr: Weil wir BRIDGES nicht aus nur einer Perspektive entwickeln wollten. In der Arbeitsgruppe kamen psychologische Expertise, die Erfahrung aus dem Label und die Perspektive von Artists zusammen. Das war entscheidend: Ein Ansatz kann wissenschaftlich fundiert und psychologisch sinnvoll sein – er muss aber auch zur tatsächlichen Lebens- und Arbeitsrealität von Artists und zum Alltag im Label passen. Deshalb haben wir die Inhalte gemeinsam entwickelt und immer wieder aus den unterschiedlichen Perspektiven überprüft. Genau diese Co-Creation hat BRIDGES sehr praxisnah gemacht und war für die Qualität des Programms entscheidend.

Foto: Julia Schoierer, Universal Music

Was war die größte Herausforderung dabei, aus vielen Ideen ein funktionierendes Programm zu entwickeln?

Gina Schönemann: Während der Entwicklung haben wir viele Ideen und Inhalte gesammelt. Die eigentliche Herausforderung war daher, daraus ein funktionierendes Programm zu entwickeln, das tiefgründig und gleichzeitig auf das Wesentliche fokussiert und umsetzbar ist. Dafür mussten wir Inhalte priorisieren, unterschiedliche Anforderungen zusammenführen und viele Details aufeinander abstimmen. Am Ende ging es darum, ein Programm zu schaffen, das wissenschaftlich fundiert ist, den Bedürfnissen der Artists entspricht und sich gleichzeitig realistisch in den Arbeitsalltag integrieren lässt.

Welche Rolle spielt die wissenschaftliche Begleitung?

Louise Eichinger: Die wissenschaftliche Begleitung ist für uns ein wichtiger Bestandteil von BRIDGES. Neben dem psychologisch fundierten Konzept, das Anne Löhr entwickelt hat, ist es uns wichtig, das Programm sowohl erfahrungs- als auch datenbasiert weiterzuentwickeln. Mit meinem Hintergrund in der Psychologie fokussiere ich mich innerhalb der Arbeitsgruppe besonders auf die Themen Evaluation und wissenschaftliche Begleitung. Deshalb planen wir, die Wirkung von BRIDGES durch begleitende Erhebungen und Evaluationen besser zu verstehen und die Ergebnisse vertraulich sowie anonymisiert auszuwerten. Unser Ziel ist es, langfristig mehr darüber zu lernen, wie wir Artists bestmöglich unterstützen können und welche Angebote für ihr Wohlbefinden besonders hilfreich sind. Perspektivisch könnten anonymisierte Daten auch die Grundlage für weiterführende wissenschaftliche Auswertungen bilden. So möchten wir Erkenntnisse gewinnen, die nicht nur BRIDGES weiterentwickeln, sondern auch einen Beitrag zum Verständnis mentaler Gesundheit in der Musikbranche leisten.

„Die wissenschaftliche Begleitung ist für uns ein wichtiger Bestandteil von BRIDGES.“ Louise Eichinger.

Warum ist ein solches Programm Aufgabe eines Labels?

Nilgün Öz: Wir verstehen CSR als kontinuierliche Weiterentwicklung. Dazu gehört für uns auch, unsere Services regelmäßig an die Bedürfnisse und Erwartungen unserer Stakeholder, hier insbesondere unserer Artists und Mitarbeitenden, anzupassen. Artist Development endet heute nicht mehr bei Musik, Marketing oder Vermarktung. Es bedeutet, das eigene Angebot kontinuierlich an die Bedürfnisse der Artists und die Anforderungen ihres Berufs weiterzuentwickeln und gleichzeitig den Raum zu schaffen, individuell auf ihre jeweilige Situation einzugehen.Unsere Verantwortung liegt darin, die bestmöglichen Rahmenbedingungen für langfristige und nachhaltige Künstlerkarrieren zu schaffen.

Findet, dass Artist Development „heute nicht mehr bei Musik, Marketing oder Vermarktung“ endet: Nilgün Öz (2. von links). Foto: Julia Schoierer, Universal Music

Luisa Engelhardt: Ein Label begleitet Artists oft über viele Jahre und ist gerade am Anfang einer Karriere einer der engsten Partner. Dadurch erleben wir die Veränderungen im Alltag der Artists sehr unmittelbar. Wir sehen, welche Chancen sich ergeben, aber auch, welche neuen Anforderungen damit einhergehen. Für uns gehört es deshalb dazu, Artists nicht nur musikalisch und strategisch zu begleiten, sondern ihnen auch Orientierung zu geben. Nicht im Sinne von Bevormundung, sondern als Angebot, auf das sie zurückgreifen können, wenn sie es möchten. Gleichzeitig entlastet ein strukturiertes Programm wie BRIDGES auch die Teams im Label. Produktmanager:innen und A&Rs gehören für viele Artists zu den engsten Vertrauenspersonen und tragen deshalb eine besondere Verantwortung. Gleichzeitig sind sie keine psychologischen Fachkräfte. BRIDGES schafft hier einen professionellen Rahmen und stellt sicher, dass Unterstützung dort ankommt, wo sie gebraucht wird.

Woran werden Sie in fünf Jahren erkennen, dass BRIDGES erfolgreich war?

Nilgün Öz: Der wichtigste Erfolgsindikator werden für mich immer unsere Artists sein. Wenn sie nach dem Programm sagen: „BRIDGES hat mir geholfen, meinen Beruf langfristig gesund und selbstbestimmt auszuüben“, dann haben wir unser Ziel erreicht. Genauso wichtig ist für mich aber auch, dass BRIDGES ein selbstverständlicher Bestandteil unseres Artist Developments wird. Dass unsere Artists, A&Rs und Product Manager das Programm als festen Service wahrnehmen und wir es auf Basis von Evaluationen und Feedback kontinuierlich weiterentwickeln können. Und natürlich würde ich mich freuen, wenn BRIDGES über Universal Music hinaus Impulse setzt und zeigt, wie verantwortungsvolles Artist Development künftig aussehen kann.

felix jeahn, Du hast BRIDGES aus der Artist-Perspektive begleitet und deine Erfahrungen in die Entwicklung eingebracht. Hättest du dir ein Programm wie BRIDGES selbst zu Beginn deiner Karriere gewünscht?

felix jaehn: Auf jeden Fall! Ich habe mit 19 Jahren bei Universal Music unterschrieben. War mit 20 #1 auf der ganzen Welt und tourte den Hits hinterher. Ich habe riesige Erfolge gefeiert. Psychisch ging es mir jedoch schnell schlecht. Ich war überfordert und mir wurde damals sogar empfohlen, meine psychischen Probleme vor meinem Label zu verbergen, um nicht das Vertrauen ins Projekt zu verlieren. Ich hätte sicherlich von BRIDGES profitiert und allein die Tatsache, dass Universal Music diese Hilfe anbietet, hätte mir schon mehr Sicherheit und Vertrauen gegeben, um offen mit meinen Schwierigkeiten umzugehen und mir die Hilfe zu holen, die ich damals gebaucht hätte.

„Ich hätte sicherlich von BRIDGES profitiert und allein die Tatsache, dass Universal Music diese Hilfe anbietet, hätte mir schon mehr Sicherheit und Vertrauen gegeben.“ felix jaehn.

Ich freue mich daher sehr zu beobachten, dass mit dem Thema mentale Gesundheit Stück für Stück offener umgegangen wird. Und ich wünsche allen Künstler:innen neben Erfolgen vor allem eine gesunde Karriere mit viel Raum zum Genießen!