Recorded & Publishing

„Wir kommen langsam von unserem hohen Ross herunter“

Michael Haentjes, CEO & Chairman edel music

musikwoche: Der Juni 2003 brachte abermals drastische Einbrüche. Hat die Musikbranche damit die Talsohle erreicht? Welche Zeichen für eine Wende zum Positiven lassen sich generell erkennen?

Michael Haentjes: Ich fürchte, dass die Talsohle wohl noch nicht erreicht ist. Leider sehe ich momentan auch nicht allzuviel Entwicklungen, die Anlass zur Hoffnung auf kurzfristige Besserung geben. Vielleicht hilft die sich abzeichnende generelle konjunkturelle Erholung. Zumindest hat man das Gefühl, dass ein generelles Umdenken in unserer Branche eingesetzt hat. Wir kommen langsam aber sicher von unserem hohen Ross der letzten Jahre herunter.

mw: Wie haben sich die Tätigkeitsfelder und Aktivitäten der Majors in den vergangenen zehn Jahren verändert? Wo sehen Sie für die Zukunft die Kernkompetenz?

Haentjes: Die großen Firmen werden immer mehr zu Administrationszentren, während Kreative zunehmend in kleineren, autonomen Strukturen agieren. Die Kompetenzen der Industrie werden sich immer mehr in den Dienstleistungsbereich verlagern; hier wollen wir für die Independents künftig eine zentrale Rolle spielen.

mw: Sind multinationale und börsenorientierte Konzernstrukturen auf Dauer überhaupt kompatibel mit Musik?

Haentjes: Grundsätzlich ja, aber eher im Rahmen der genannten veränderten Strukturen.

mw: Welchen Anteil am Gesamtaufkommen werden die verschiedenen Vertriebsformen – digitale Datei, physischer Tonträger, Individual-CD… – in fünf Jahren haben?

Haentjes: In Bezug auf die Umsätze für die Tonträgerunternehmen tippe ich auf 90 Prozent physisch, zehn Prozent digital. In der Nutzung wird wohl die digitale Übertragung den großen Teil des Volumens ausmachen; allerdings mit geringeren Preisen, als wir heute hoffen.

mw: Wann kommt die gemeinsame Download-Plattform? Wo liegen die Probleme, wo die Chancen?

Haentjes: Die Probleme und Chancen einer gemeinsamen Industrielösung liegen sicherlich eng beieinander: Sie resultieren beide aus der gemeinschaftlichen Verantwortung und Steuerung eines sehr komplexen Systems, das zudem vom Geschäftsmodell her sehr heterogen ist. Die viel zu lange dauernden Vorbereitungen sprechen da für sich. Aber ob diese gemeinsame Lösung nun schnell realisiert werden kann oder nicht: Firmenübergreifende Plattformen wird es glücklicherweise schon sehr bald geben – nämlich von Dritten. Traurig genug, dass es erst des massiven Drucks unseres kriselndes Marktes bedurfte, um alle davon zu überzeugen, dass auch Lizenzierungen an unabhängige Anbieter hier der richtige Weg sind.

mw: Wie könnte eine sinnvolle und für alle Beteiligten ergiebige Arbeitsteilung zwischen Majors, Indies und Künstlern aussehen?

Haentjes: Die Unterschiede zwischen Majors und Indies werden, was die Leistungsmerkmale betrifft, immer geringer; sie werden aber in Bezug auf die Größe der Organisationen eher noch zunehmen, nicht zuletzt wegen der fortdauernden Konsolidierung unter den Majors. Diese werden weiterhin die meisten Big Acts um sich scharen, während die Independents ihre Chancen in der Entwicklung neuen Repertoires suchen. Für Künstler bieten sich immer mehr Chancen, selbst Verantwortung im Vermarktungsprozess zu übernehmen und dabei die Strukturen und Systeme der Industrie zu nutzen.

mw: Und wenn alle Live-Mitschnitte, alle Videoclips und alle Archivreste verbraten sind – bedeutet das dann das Ende der Musik-DVD? Was kommt danach?

Haentjes: Die Visualisierung von Musik wird immer Bestandteil des kreativen Prozesses bleiben. Deshalb gehe ich nicht davon aus, dass so attraktive Inhalte wie Dokumentationen, Videoclips, Livemitschnitte usw. schon bald von der Bildfläche verschwinden werden.

mw: Welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen müssen sich wie ändern, damit es mit der Branche wieder aufwärts geht? Was erwarten Sie noch von der Politik?

Haentjes: Ob es mit der Branche wieder aufwärts geht, hängt nicht zuletzt von uns selbst ab, auf die Politik dürfen wir uns sicher nicht verlassen. Dennoch: Mit der Novellierung des Urheberrechtes ist ein wichtiger Schritt getan. Für einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert der Musik und höheres Ansehen der Branche im allgemeinen, was dann auch positive Rückkoppelungen auf die Werthaltigkeit unseres Angebotes hat, müssen wir selbst sorgen. Da hat es gerade in letzter Zeit die eine oder andere kontraproduktive Aktion aus unserer Branche gegeben. Wir täten gut daran, uns mehr auf der Seite hochwertiger und langfristiger Kulturgüter zu positionieren. Dass dann noch „ein wenig“ Umsatz mit seichtester Ware getätigt wird, spielte dann gesellschaftlich eine geringere Rolle.