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„Wenn es überhaupt eine Krise gibt, dann ist eine Krise der Kreativen“

Im Gespräch mit musikwoche.de erklärt Wolfgang Teschner, Geschäftsführer Panta Musik, warum das Schlagersegment Rückgänge zu verzeichnen hat, obwohl das Potenzial und die Nachfrage unverändert hoch seien.

Über die vermeintliche Krise in der Schlagerszene:

„Ich sehe keine Krise oder Veränderung im Schlager- und Volksmusikmarkt, denn die Rückgänge, die der Bundesverband hier gemeldet hat, sind bis zu 80 oder 90 Prozent hausgemacht. Diese Verluste haben nichts mit der Brennerproblematik oder sonstigen Gründen zu tun, sondern vielmehr damit, dass eine Firma wie Capitol, die mit Roman Rybnikar einen ausgemachten Experten für dieses Genre an Bord hatte, ihr Schlager-Team von zehn auf zwei Personen reduziert hat. Damit waren beim besten Willen die alten Abverkaufszahlen nicht mehr zu erreichen. Und das gilt auch für die meisten anderen Firmen, wo eklatante Marketing- und Vertriebsfehler für einen sehr großen Teil der Rückgänge verantwortlich waren. So gab es etwa über Monate hinweg beim Vertriebsübergang von Koch zu Universal Auslieferungsprobleme, wohingegen Marketing und A&R entgegen meiner Befürchtung sofort gut funktioniert haben. Und BMG Ariola München hat sich mit der gleichzeitigen Veröffentlichung von einigen Schwerpunktthemen auch keinen Gefallen getan. Ohne all diese internen Probleme hätte der Schlagermarkt im vergangenen Jahr statt einem Minus von 12 Prozent plus-minus null oder maximal minus drei Prozent gemacht. Wenn es überhaupt eine Krise gibt, dann ist eine Krise der Kreativen – bei A&R, Marketing und Vertrieb.“

„Es wäre für den Markt wichtig, dass es eine zweite kreative Kraft wie Koch gibt, die als Firma ihren Job nach wie vor sehr engagiert macht, während ich bei BMG derzeit keine neue kreative Arbeit sehe, nur eine Verwaltung des Bestehenden.“

„Das zeigt sich am Beispiel des von mir betreuten Al Bano Carrisi, der vor zwei Jahren mit großen Hoffnungen zu BMG gegangen ist. Aber wegen eines Fehlers in der Vertriebsleitung musste der Vorverkauf neu gestartet werden, wodurch dann nur noch 20.000 statt 50.000 Einheiten im Vorverkauf abgesetzt wurden. Und beim zweiten Album ist dann bei Marketing und Promotion de facto gar nichts mehr passiert.“

Über die fehlende mediale Unterstützung:

„Ein wesentlicher Punkt für den Rückgang im Schlagersegment, das macht sich jetzt wirklich bemerkbar, ist das Fehlen der ‚ZDF Hitparade‘, das bestätigen mir Künstler wie auch Branchenvertreter. Seitdem nehmen zwar einige volkstümliche Musiksendungen auch Schlagersänger auf, wogegen sich früher sowohl die Künstler als auch die Redakteure gewehrt haben. Aber es fehlen aufs Jahr hochgerechnet rund 120 Künstlerplätze für Schlager – und zu besseren Zeiten erreichte die ‚Hitparade‘ immerhin vier Millionen spezifische Schlagerfans. Es gibt in Deutschland zurzeit keine einzige, regelmäßige Fernsehsendung ausschließlich für diesen Bereich. Deswegen finde ich es sehr ehrenwert von Dieter Thomas Heck, wieder Druck für eine neue ‚Hitparade‘ zu machen, auch wenn das ZDF daran leider anscheinend kein Interesse hat.“

„Wir brauchen neue und zeitgemäße Formate für diese Musik, und auch wir bei Panta Musik arbeiten daran.“

„Und auch beim Radio ist die Lage nach wie vor dramatisch: Der Radiosender Bayern 1 bucht keine deutschsprachige Künstler mehr für ihre Veranstaltungen, die sie draußen im Lande veranstalten, weil sie sich an ein jüngeres Publikum wenden wollen. Und dieses sei – Zitat – „bereits englisch sozialisiert“. Wenn alle so weitermachten, wage ich die These, dass es bald keine deutschsprachige Musik mehr gibt.“

Über CD-Brennerei im Schlagersegment:

„Die massive Brennerproblematik wird das Schlagersegment zeitversetzt etwa in zehn Jahren erreichen. Bis dahin bleibt nur zu hoffen, dass der Pop-Bereich dieses Problem gelöst haben wird.“

„Ein Punkt, der völlig außer Acht gelassen ist, ist die Diskussion um den Mehrwert der CD-Aufmachung bei Cover oder Booklet, wo die Firmen seit zehn Jahren über ein paar Ansätze nicht hinausgekommen sind.“

Über die Vertriebslage von Schlager in ländlichen Regionen:

„Wie André Finkenwirth zuletzt ja richtig gesagt hat, müssen wir stärker in die ländlichen Regionen, dorthin, wo Schlager eine viel größere Bedeutung und auch eine wesentlich höhere Akzeptanz bei den Jüngeren hat als im großstädtischen Milieu. Aber all diese Schichten erreichen wir nicht, weil es dort keine entsprechende Handelsstruktur mehr gibt und weil Rackjobber sowie Großhandel, die exklusiv für bestimmte Regionen tätig sind, nur ein sehr geringes Interesse haben, Titel außerhalb der Top 100 anzubieten. Deswegen schlage ich vor, Schlager und Volksmusik aus dem Rackjobber-Angebot herauszunehmen und diese Titel mit einem kleinen Team, wie es Koch Universal ja hat, direkt an die kleinen Läden zu distribuieren. Das würde einen großen Umsatzsprung nach sich ziehen.“

„Bei einigen Sendungen stimmt der Vorwurf, dass selbst hohe Quoten keine Abverkaufszahlen mit nach sich ziehen. Aber das kommt auf das Format an, wenn es nur um Hintergrundberieselung für ältere Menschen geht, ist das sicherlich richtig. Aber bei Sendungen, die einzelne Künstler in den Mittelpunkt stellen, ist TV nach wie vor ein wichtiges Promotion-Tool. Dessen Wirkung wird jedoch abgeschwächt, weil die beschriebene Vertriebsproblematik dafür sorgt, dass eine CD eben nicht einen Tag nach der Sendung etwa in Landshut steht.“

Über die gewandelten Aufgaben des Management:

„Ein anderes Hauptproblem besteht darin, dass weder die Plattenfirmen noch die Medien und auch nicht das Personality-Management Stars aufbauen. Die Kräfte, die einem Künstler zu einer echten Persönlichkeit mit Charisma verhelfen, gibt es nicht mehr. Bei ‚Deutschland sucht den Superstar‘ gab es professionelle Hilfe für alle Bereiche von Tanzen bis Interviewtraining. Aber wo existiert dies beim Schlager? Richtig professionelle Managementfirmen für den Schlagerbereich gibt es in Deutschland vielleicht nur eine Handvoll.“

„Aus diesem Grund intensiviere ich meine Bemühungen im Management-Bereich. Das heißt, die richtigen Rohdiamanten finden und sich drei oder vier Jahre Zeit nehmen, um die Künstler zu einer echten Personality wachsen zu lassen. Auch bei Robbie Williams war vor fünf Jahren noch nicht dieses Charisma vorhanden, das muss irgendjemand erst bei ihm herausgekitzelt haben. Heute wird bei den Plattenfirmen nicht mehr richtig mit den Künstlern gearbeitet. Durch die hohe Fluktuation in unserer Branche gibt es in den Firmen ein so reduziertes Niveau an Know-how wie in keiner anderen Branche sonst.“

„Ich muss als Management heute Aufgaben übernehmen, für die vor zehn Jahren noch die Plattenfirmen zuständig waren – ob das nun VÖ-Planungen oder strategische Fragen sind. Auch habe ich extra zwei feste Promoter eingestellt, die den Künstlern zuarbeiten. Das ist jedoch kein Vorwurf an die Industrie, aber die Firmen sind einfach überlastet.“

„Im Schlager- und Volksmusikbereich verlagert sich zur Zeit viel von den Platten- zu den Managementfirmen, weil es in diesen Genres keine ausgebildete Labelstruktur wie im Pop, Rock oder Dance gibt, die dort sehr engagiert all diese kreative Arbeit mit dem Künstler vorantreiben. Das hat bei mir auch schon dazu geführt, ein eigenes Label ins Leben zu rufen. Auch wenn das beim ersten Mal noch nicht richtig funktioniert hat, war die Idee nicht verkehrt.“

Über die Arbeitsgruppe „deutsch“:

„Ich will noch in diesem Halbjahr eine kleine Arbeitsgruppe „deutsch“ mit etwa 15 bis 20 kompetenten Menschen initiieren, bei der es darum gehen soll, etwas über den Tellerrand zu schauen und am runden Tisch konstruktive Lösungen für die anstehenden Fragen zu finden: Was können wir tun – einzeln und zusammen – und wo liegen noch Synergien?“