Stefan Weikert, General Manager edelNET GmbH: Als erster wirklicher Downloadservice hat iTunes ein wirklich neues Musikerlebnis, sogar mit einem gewissen Suchtfaktor, geschaffen und damit auch in Europa größte Chancen auf die Marktführung. Apple bleibt allerdings bisher den Beweis schuldig, die komplexen europäischen Marktstrukturen überhaupt abbilden zu können. Bisher finden sich im iTunes Store nur weltweit gesignte Major-Künstler, während Acts von Independents oder mit territorial unterschiedlich vergebenen Rechten nicht stattfinden. Bleibt nur zu hoffen, dass Apple hier ganz schnell nachbessert – genauso wie bei der äußerst unbefriedigenden, zum Teil sogar unprofessionellen Kommunikation und Kooperation mit den europäischen Independent-Labels.
Michael Engelhardt, Marketing Indigo: Online-Downloadangebote machen doch nur dann wirklich Sinn, wenn ein Kunde aus dem gesamten oder zumindest annähernd dem gesamten Angebot auswählen kann. Das scheint bei iTunes nicht der Fall zu sein, jedenfalls habe ich dort recht große Lücken entdeckt. Aber vielleicht hat Apple ja gar kein Interesse, ein umfassendes Angebot zu generieren. Beim Betrachten der iTunes-Seite beschleicht einen doch das Gefühl, dass hier in erster Linie Hardware verkauft werden soll. Probleme sehe ich deshalb eher für iTunes: Irgendwann werden die Kunden auch darauf kommen, dass sie, ähnlich wie bei diesen Rheumadecken-Verkaufsveranstaltungen, mit einem kleinpreisigen Angebot geködert werden, um sie in die tolle Welt der Macintoshs zu entführen. Unsere Chancen als Vertrieb liegen nach wie vor beim ambitionierten Tonträger. Der Kunde, der künstlerorientiert und nicht hitorientiert kauft, wird nicht dazu zu bewegen sein, relativ viel Geld nur für ein qualitativ schlechteres Produkt auszugeben. Der möchte sich weiterhin am Artwork erfreuen und nicht eine Sammlung von bespielten Rohlingen sein Eigen nennen. Wie langweilig ist ein CD-Regal, in dem 2000 Scheiben des Künstlers TDK CD-R stehen?
Jörg Hacker, TVT Records Europe: Als Apple-Harcore-Fan bin ich persönlich sehr glücklich darüber, dass dieses Modell jetzt endlich nach Europa kommt. Der Shop ist State of the Art, das Angebot leider noch begrenzt. Es gibt erhebliche Repertoirelücken, speziell was Indies anbelangt. Mittelfristig jedoch wird sich das perfektionieren, und der US-Erfolg wird sich sicherlich ebenso in Europa einstellen. Apple hat es wie bislang keine andere Firma geschafft, das Thema Lifestyle sowohl in ihren Hardwareprodukten als auch beim Musikportal iTunes Store konsequent umzusetzen. Ich habe großen Respekt vor Steve Jobs und seinem Team. Der iPod ist der einzige ernstzunehmende MP3-Player auf dem Markt und daher wird der iTunes Store ebenso einschlagen.
Dimitri Hegemann, Tresor Berlin: Ich bin begeistert von Apples Music Store. Endlich ein funktionierender, einfacher, klarer Weg, Musik aus dem Netz zu erwerben. Apple hat über Jahre die besseren professionellen Lösungen für die Graphik und die elektronische Musik anzubieten. Auf Apple konnte und kann man immer wieder setzen. Diese geheimnisvollen Hexenmeister haben ihre Zauberkraft in all diesen Bereichen bewiesen, solide, aber optimal. Verstanden habe ich es nie, dass die Musikindustrie ihre Probleme diesen Fachleuten nicht viel eher anvertraut hat. Es gab und gibt heute keine ernst zu nehmende Alternative. Fazit: Millionen wurden versenkt in der Entwicklung eigener Downloadsysteme, die alle nix erreichten außer Kosten und einem immensen Zeitverlust. Ich hoffe, sie lernen aus Fehlern und zeigen jetzt Einsicht. Wenn einer das Onlinegeschäft versteht, dann Apple.
Birgit Heuzeroth, General Manager Beggars Group Ltd.: Dass Apple die Verhandlungen mit der AIM hat platzen lassen, macht nicht nur uns als britisches Independent-Label sehr traurig. Die Hoffnungen, ein wirklich umfangreiches und legales Angebot im Markt zu haben, sind damit erst einmal enttäuscht. Nun ist mit viel Medienwirbel eben ein neuer, halbgarer Shop am Markt, der potenzielle Kunden bald verschrecken wird. Bestimmt dient der Wirbel dazu, ein paar iPod-Minis an den Mann zu bringen, die musikproduzierende Branche bringt er allerdings nicht weiter. Noch ein Downloadangebot ohne Rundumversorgung braucht man nicht wirklich und wird leider Menschen, die gerne legal downloaden möchten, auf Dauer verscheuchen. Mir bleibt nur zu hoffen, dass die massive schlechte Presse Herrn Jobs zum Nachdenken zwingt. Im Moment ist sein USP nur der iPod, inhaltlich ist iTunes genauso schlecht aufgestellt, wie alle anderen.
Matthias Bischoff, Geschäftsführung Add On Music: Solange sich der überteuerte iPod nicht als Massengerät in der Zielgruppe mausert, wird iTunes dem Preiskampf am deutschen Markt nicht standhalten können.
Frank Pagenkemper, Geschäftsführer MFP Tonträger: Der Preis von 9,99 Euro bei Alben ist genau die Preisschwelle, die der Verbraucher wahrscheinlich langfristig bei Tonträgern akzeptieren wird. Die durch Handelskonzerne anerzogene Discountmentalität der Deutschen wird aber dennoch dazu führen, dass dieser Preis nicht halten wird. Wer Milch unter dem Erzeugerpreis verkaufen will, der wird auch keine Vernunft bei Musik oder anderen digitalisierbaren Medien aufbringen, denn der Kunde braucht Verlockung. Zur Verlockung dient Musik ganz hervorragend. Apple verkauft Musik zu diesen Preisen doch nicht, um an der Musik zu verdienen. Es geht um die Durchsetzung des technischen Systems. Wenn erst einmal genug Marktanteil und Marktbedeutung geschaffen ist, kommt der Druck auf die Rechteinhaber. Am Ende wird der Markt dadurch noch weiter schrumpfen. Der Verkauf von Musik ist ein Gefühls- und Spontankaufbereich, der ein emotional stimmiges Umfeld benötigt. Der Tag wird kommen, an dem sich das auch wieder in der großen Musikindustrie herumspricht.






