Die Europäische Kommission mag rundweg überzeugt sein von ihren eigenen Vorgaben zur Liberalisierung der europäischen Musiklizenzvergabe. Bei den Kreativen stoßen die Funktionäre aus Brüssel allerdings auch ein Jahr nach Veröffentlichung der EU-Empfehlung auf Skepsis.
Vor einem Musikverlegerkongress fand Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy am 3. Oktober griffige Parolen, die klarmachen sollten, für wie sinnvoll und nötig er die im Oktober 2005 empfohlenen Maßnahmen zur Verbesserung der EU-weiten Lizenzierung von Urheberrechten für Onlineangebote hält: „Neue Umstände erfordern neue Ansätze“, so McCreevy. Oder: „Ich will, dass Europa Rahmenbedingungen zur Verwaltung von Urheberrechten hat, die Neuerungen gegenüber offen sind.“ Rechteverwertung auf territorialer Basis sei unsinnig, da es online keine Grenzen gebe.
Von derlei Gemeinplätzen lassen sich Urheber allerdings nicht restlos überzeugen. „McCreevy begreift das Wesentliche nicht“, kritisiert Mike Hanrahan, der als Komponist und Songwriter heute der irischen Urheberrechtsgesellschaft IMRO vorsteht. „Es besteht inzwischen die Gefahr, dass sich eine Handvoll überregionaler Verwertungsgesellschaften nur noch auf die ergiebigsten Acts konzentrieren wird.“
Diese Ansicht teilt auch die Dachorganisation der europäischen Urheberrechtsgesellschaften, GESAC. Deren Rechtsberater Victoriano Darias erklärte: „EU-weite Lizenzen schaffen ein neues Problem, weil Künstler immer zur billigsten Verwertungsgesellschaft werden gehen müssen.“ Je mehr paneuropäische Lizenzvergaben es von einer einzelnen Society geben wird, desto deutlicher werde sich ein zweigleisiges System herauskristallisieren, sagte Darias – eines für angloamerikanisches Repertoire und eines für die restliche Musik aus Europa.
Die Abkehr vom Prinzip der kollektiven Rechtewahrnehmung werde sich für die Kreativen nachteilig erweisen, findet auch Pia Raug. Die Vorsitzende des CISAC-Kreativengremiums CIAM sieht die kulturelle Vielfalt Europas gefährdet, weil die EU-Empfehlung Musikrechte als Wirtschaftsgüter betrachte und sie dem Wettbewerb aussetze.






