Recorded & Publishing

Umfrage zur Lage des deutschen Musikgeschäfts

Die 37. Midem richtet ihren Fokus unter anderem auf den deutschen Markt. Da der deutsche Branchenverband seine offizielle Statistik erst im Februar veröffentlicht, bat musikwoche.de deutsche Geschäftsführer um ihre Einschätzung der Lage.

“Universal Music wird das Jahr 2002 auf dem Umsatzniveau des Vorjahres abschließen. Das ist gut, für eine in der Vergangenheit erfolgsverwöhnte Firma aber dennoch recht ernüchternd“, analysiert Tim Renner, Chairman & CEO Universal Music Entertainment. „2002 war für die Branche ein sehr schwieriges Jahr und 2003 werden wir sehen, ob die erhoffte Markterholung eintritt. Klar ist aber: Von alleine wird nichts passieren. Auf dem Weg dorthin werden wir uns immer wieder die Verantwortung für unsere Mitarbeiter bewusst machen müssen“, meint Renner. Außerdem sei die Branche bei Fragen zur Urheberrechtsnovelle, der Radioquote oder der Anpassung des Mehrwertsteuersatzes auf Hilfe von Seiten der Politik angewiesen. „Parallel dazu brauchen wir 2003 die legale Downloadplattform aller Majors, die breite Durchsetzung des Kopierschutzes und die Ausdehnung der Rechteverwertungskette“, fordert Renner. „Bei all dem dürfen wir jedoch nie vergessen: Es geht um Musik.“ Für SPV sei das Jahr 2002 „in jeder Hinsicht erfreulich verlaufen“, verkündet Managing Director Manfred Schütz: „Im Gegensatz zum Markttrend ist es uns gelungen, eine ganz erhebliche Steigerung sowohl des Umsatzes als auch des Jahresergebnisses zu erzielen.“ Die Gründe seien nicht nur im Erfolg mit Xavier Naidoo zu sehen: „Die Steigerung, die genau 50 Prozent beträgt, ist zu einem erheblichen Teil in der Ausweitung unseres Exportgeschäfts zu suchen, aber auch die Inlandsumsätze konnten sich durch die positive Entwicklung zum Beispiel unserer Partnerfirma InsideOutMusic sowie des Labels Repertoire Records weiterentwickeln. Weitere Steigerungen erzielten wir im Bereich des Eigenrepertoires.“ Dagegen sei es erschütternd zu beobachten, wie die Branche in eine depressive Gesamtstimmung verfällt, meint Schütz. „Trotzdem ist SPV hoffnungsvoll, was das Jahr 2003 anbelangt. Wir sind gewappnet, den Kampf aufzunehmen.“ Aber Wachstum „als Einzelkämpfer in einem Meer von Umsatzeinbrüchen“ sei nicht gerade beruhigend. „Auch wir sind ob der dramatischen Marktentwicklung äußerst besorgt. Der Tonträgermarkt in Deutschland liegt zurzeit bei einem aufgelaufenen Umsatzminus von rund zehn Prozent“, erklärt Bernd Dopp, President Warner Music Germany. Allerdings habe Warner gegen den Trend zulegen können: „Allein im November können wir auf ein Umsatzplus von 35 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat verweisen. Auf das Gesamtjahr gesehen haben wir eine Umsatzsteigerung von drei Prozent erzielt.“ Warner habe damit „dem Gesamtmarkt einen positiven Impuls gegeben. Natürlich ist klar, dass allein unser gutes Ergebnis nicht ausreicht, um eine Trendwende am Gesamtmarkt zu bewirken.“ Für 2003 sei „mit einer weiteren, äußerst besorgniserregenden Marktentwicklung zu rechnen. Wir sehen einen um fünf bis zehn Prozent rückläufigen Markt“, fasst Dopp zusammen. „Nach der neuesten Entwicklung wird der Tonträgermarkt 2002 knapp zehn Prozent verlieren“, erwartet auch Udo Lange, President & CEO EMI Recorded Music Germany. „Immerhin bedeutet dies eine Abschwächung zum Vorjahr, was mit Sicherheit die ersten positiven Auswirkungen der von den Firmen eingesetzten Kopierschutzmaßnahmen widerspiegelt. Eine wirkliche Trendwende sehe ich auch für das Jahr 2003 nicht, rechne aber mit einer weiteren Abschwächung der negativen Entwicklung.“ Als zentrale Aufgaben der Branche nennt Lange die Bekämpfung von Internet- und Brennerpiraterie, sowie die Talentförderung: „Ich denke, dass die für das Jahr 2003 anstehenden Entscheidungen, wie die Einführung einer Neuheitenquote beim Radio unter ausreichender Berücksichtigung von lokalen deutschsprachigen Produktionen, die Umsetzung der EU-Richtlinien zum Urheberrechtsgesetz und die Weiterentwicklung des Kopierschutzes ganz erheblich den künftigen Markt beeinflussen.“ Mit der Entwicklung bei EMI zeigt sich Lange zufrieden. Im dritten Jahr in Folge stellte das Unternehmen die Albumbestseller zum Saisongeschäft und verfügte mit Herbert Grönemeyers Album „Mensch“ über „eine der bestverkauften Produktionen aller Zeiten in Deutschland“, so Lange. „Wie für die gesamte Branche war 2002 für Zomba wegen des wirtschaftlichen Umfelds nicht das einfachste Jahr“, fasst Kurt Thielen, Managing Director Zomba Records, zusammen. „Aufgrund eines starken Release Schedules schauen wir als hochmotiviertes Team voller Optimismus ins Jahr 2003.“ Zuversicht strahlt auch Henk Hakker aus, Managing Director Roadrunner Records: „Nach einem fantastischen Start ins Jahr 2002 mit Erfolgen von Nickelback und Chad Kroeger konnte Roadrunner auch in der zweiten Jahreshälfte das beste Geschäftsergebnis seit Bestehen der Roadrunner Records GmbH erzielen“, erklärt Hakker. Dazu habe unter anderem die Kampagne „Roadrage 2002“ beigetragen und bewiesen, „dass man mit innovativen Ideen Zuwächse generieren kann“. Allerdings erkennt Hakker: „Bedrohlich sieht es in der Händlerstruktur aus. Das Wegsterben der kleinen, spezialisierten Händler ist für einen Anbieter wie Roadrunner besonders schmerzlich.“ 2003 will er dennoch an die Erfolge von 2002 anknüpfen, allerdings mit Vorbehalten: „Was den gesamten deutschen Markt angeht, sollte man sich vom DVD-Hype nicht zu viel versprechen und eher mit einer anhaltenden Rezession rechnen.“ Im Gegensatz dazu verspricht sich Dr. André Finkenwirth, Geschäftsführer BMG GSA, von der DVD und von attraktiven Download-Modellen durchaus Umsatzimpulse, bezeichnet 2002 aber als „weiteres Krisenjahr“ im Musikgeschäft: „Die Umsätze der Branche sind weltweit eingebrochen, und besonders stark in Deutschland.“ Grund seien unter anderem illegale Kopien und Downloads. „Zudem nimmt die Vielfalt des Angebots im deutschen Rundfunk weiter ab.“ Newcomer und kleinere Bands hätten es schwer, Gehör zu finden. „Auch im zweiten Halbjahr 2002 hat sich die Lage nicht entspannt. BMG hat zwar Top-Seller erfolgreich auf den Markt gebracht. Trotzdem wurden unsere Umsätze von einem verhaltenen Weihnachtsgeschäft negativ beeinflusst.“ Dennoch zeigt sich Finkenwirth optimistisch, denn in der Krise stecke zugleich auch die Lösung des Problems: „All das Kopieren und Brennen zeigt, wie unglaublich stark auch weiterhin der Bedarf an Musik ist. Wir benötigen nun schnell zeitgemäße Rahmenbedingungen, auf deren Grundlage wir den Konsumenten mit variablen Geschäftsmodellen und über verschiedene Distributionskanäle Musik liefern können, ohne dabei mit illegalen Angeboten konkurrieren zu müssen.“ Laut Michael Baur, CFO/ COO edel music AG, stand 2002 für die Firmengruppe unter dem Motto „Back To The Roots“ und war geprägt von der gelungenen Entschuldung und Umstrukturierung: „Die teilweise schmerzhaften Sanierungsmaßnahmen haben die erhoffte Wirkung gezeigt: Die finanzielle Situation der gesamten edel-Gruppe ist zum ersten Mal seit langem sehr entspannt und stabil. Trotz rückläufiger Umsätze aufgrund der Konsolidierung des Konzerns werden wir für das abgelaufene Geschäftsjahr einen beeindruckenden operativen Ergebnissprung aufweisen. Allerdings waren wir aufgrund der kritischen Unternehmenssituation früher als die meisten Marktteilnehmer gezwungen, unsere Kostenstrukturen zu optimieren und sind deswegen vom Marktrückgang nicht ganz so hart getroffen worden wie andere.“ Für edel als mittelständisches Unternehmen sei es ohnehin einfacher als für Großkonzerne, sich im rückläufigen Umfeld positiv zu entwickeln: „Unsere Tochtergesellschaften optimal und Kontor haben dies mit deutlichen Gewinnzuwächsen eindrucksvoll bewiesen.“ Im neuen Jahr setzt Baur auf eine Weiterentwicklung des internationalen Künstlerstamms bei edel: „Hier in Deutschland haben Jörg Hellwig und sein Team bereits viel bewegt, aber auch von unseren Companies in England und Skandinavien kommt hervorragendes neues Material.“