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Umfrage Dance-Musik: Indies sehen neue Chancen

Der Dance-Markt steckt in einer radikalen Umbruchphase. musikwoche fragte die Branche, ob die neuen Strukturen profitabel sein können, nachdem die Majors das Geschäftsfeld weitestgehend aufgegeben haben.

Peter Aleksander, Geschäftsführer Superstar Recordings: „Was von Indies mit Künstlern wie Snap, Culture Beat bis hin zu The Prodigy, Faithless oder auch WestBam und Paul van Dyk erfolgreich gestartet worden ist, wurde immer mehr von einer Flut aus mittelmäsigen Plastik- oder DJ-Acts überschwemmt. Wir betrachten es jetzt als große Chance, wieder dort anzuknüpfen, wo elektronische Musik Ende der 80er/Anfang der 90er gestartet war – nämlich Klasse statt Masse! Es besteht nicht nur auf nationaler Ebene eine Nachfrage nach qualitativ hochwertiger Clubmusik, sondern auch international. Im letzten Jahr konnte Superstar Recordings weltweite Erfolge mit Panjabi MC oder aktuell mit den Boogie Pimps feiern, die zurzeit auf der ganzen Welt veröffentlicht werden. Und Top 3 in UK sowie Gold in Australien, dass ist doch wieder ein Anfang.

Tobias Lampe, Geschäftsführer Superstition Network: Die Marktbereinigung durch weniger Major-VÖ’s im Dance Bereich ist sicherlich erst einmal eine Erleichterung für alle Beteiligten, obwohl auch wir unter den dramatischen Einbrüchen im Handel zu leiden haben, speziell im CD-Bereich. Längerfristig erwarten wir, dass sich das schlechte Image von Dance-Musik durch den Wegfall von zu vielen 08/15-Singles oder Compilation aus dem Major Umfeld wieder verbessert, was wiederum Hoffnung auf größere Konsumentenkreise macht. Allerdings muss der Handel mitspielen und das Potential von Indie Produkten erkennen, auch wenn keine unrealistischen Budgets für Marketing zur Verfügung stehen. In dem Genre sind seit Jahren die größten musikalischen Innovationen zu erleben und die Hoffnung wächst, dass diese Tatsache wieder mehr und mehr von den Leuten wahrgenommen werden kann, die das Genre bisher eher verfälscht erlebten, Techno mit Kirmestechno gleichsetzten oder sogar House mit Trance. Wir verzeichnen seit einiger Zeit steigende Absatzzahlen etwa im Vinylbereich und denken, dass hier schon erkennbar ist, dass sich mehr Konsumenten als früher für Dance und Electronica aus dem ‚Underground‘ interessieren. Die Frage nach Profitabilität ist bei vielen Firmen aus dem Indiebereich sicherlich überlebenswichtig, hat sich aber nie so in den Vordergrund gestellt wie bei den Majors. Wir haben uns nie an Major-Aktivitäten orientiert und während diese eine krasse Abwendung der Konsumenten erleben, wächst die Gemeinde bei uns weiter. Die Leidenschaft zur Musik war schon immer der wichtigste Antrieb und das spüren auch die Konsumenten.

Viron Zourlas, Label & Product Management rough trade: „Gute Musik ist immer gefragt. Die Indies haben jetzt die Chance, durch Rückbesinnung auf Qualität, Kreativität und Weiterentwicklung von Ideen, dazu Zielgruppen-gerechtes Marketing und effektive Budgetierung, sich für die Zukunft aufzustellen. Sehr interessant finde ich derzeit die Schnittstellen zwischen europäischer Dance- und amerikanischer Black-Music (Usher, Missy Elliott, DJ Hell, Basement Jaxx) – hier wird es in Kürze noch sehr interessante Entwicklungen geben.“

Frank Schreiner, Geschäftsführer Music Mail: „Grundsätzlich ist davon auszugehen das Dance nicht tot ist, sondern nur die überhypte und unrealistische Vorstellung vieler Plattenfirmen, Künstler und Produzenten, damit in kurzer Zeit reich werden zu können. Nach der bereits angefangenen und viel beschworenen Marktbereinigung, an deren Anfang und nicht ihrem Ende wir gerade noch stehen, ist die Tendenz klar zurück zur reiner Clubmusik, für die weiterhin Nachfrage bestehet. Natürlich leiden auch wir unter sinkenden Absatzzahlen, wie alle anderen, die Gründe hierfür sind ausreichend bekannt. Jedoch eröffnen sich auch neue Marktchancen für uns, dadurch dass in unserer Branche viele Marktteilnehmer bis dato nicht gelernt haben, sich an den ökonomischen Vorgaben zu orientieren. Deshalb werden wir in die Lage versetzt, Repertoire und Marktanteile anderer Firmen zu übernehmen.“

Matthias Göbel, Head of A&R/Label- & Businessrelations, Cosmophilia Media: „Grundsätzlich sind kleine, unabhängige Strukturen bereits mit einem kleineren Umsatz überlebensfähig. Auf der anderen Seite entfallen lukrative Lizensierungen an die Majors. Die weitere Entwicklung hängt unter anderem von der Darstellung in den Medien ab. Wenn der Schluss ‚Rückzug der Majors = Tod der Szene‘ gezogen wird, hätte das mit Sicherheit negative Auswirkungen zur Folge. Und auch mehr freie Medienplätze wird es nicht geben, da die bei den Majors verbleibenden Acts diesen Platz beanspruchen werden.“

Axel Lünebach, Managing Dirctor Silly Spider: „Major oder Indie – in der Marktbereinigung liegt die Chance zu einem besseren Neuanfang. Zu lange wurde viel zu viel Geld in Bemusterungen und Videos von One-Offs-Acts gesteckt. Aber wer wollte denn am Ende auch den x-ten gesichtslosen Großraum-Klon noch kaufen, den nicht einmal Viva mehr spielen wollte? Aktuelle Signings wie Kid Alex, Moonbootica oder Martin Solveig zeigen, dass verstanden wurde und die Tendenz auch im Dance-Bereich zu qualitativ guten Tracks und Künstleraufbau geht. Das Interesse an elektronischer Musik ist jedenfalls ungebrochen, neue Vertriebswege werden uns künftig helfen, diese Interessenten effizienter als jemals zuvor zu erreichen.“

Marc Romboy und Klaus Derichs, Geschäftsführer Alphabet City: „Für uns als Indie-Firma ist der Rückzug der Majors aus dem Dance-Geschäft vorteilhaft, denn dadurch ist es nun leichter geworden, an namhafte Künstler zu kommen. Wir profitieren von der neuen Lage im Markt auf jeden Fall. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass vor allem die Auslandsgeschäfte viel unbürokratischer ablaufen. Was bei den Majors über viele Etagen und durch viele Hände ging, können wir bei uns, wo die Wege kürzer sind, in drei Tagen schaffen. Sicherlich bringt das insgesamt mehr Arbeit und bedeutet auch, mal auf einen freien Tag zu verzichten. Aber letztlich geht es um die Musik – um Feeling und Leidenschaft. Die neue Situation bedeutet auch, noch selektiver vorzugehen und die Budgets gezielter einzusetzen. Der Glaube in der Branche, dass ein hohes Budget mit 30.000 Euro für TV-Werbung automatisch etwas erreicht, ist glücklicherweise passé. Wir setzen uns deshalb frühzeitig mit dem Künstler zusammen und überlegen, welchen Weg wir gehen, wie wir noch kreativer sein und auch wie wir das Kostenmanagement effektiver gestalten können. Wenn man sich in den Clubs umschaut, kann jeder sehen, dass Dance lebt. Die derzeitige Lage mit einer kreativen wie ökonomischen Stagnation wird auf Dauer nicht so bleiben. Die Musik ist wie eine Sinuskurve – es wird immer ein Auf und Ab geben.“

Dennis Bohn & Matthias Menck, Geschäftsführer Mental Madness: „Aus wirtschaftlicher Sicht ist es zur zeit wirklich ein hartes Brot. Labels und Künstler müssen kleinere Brötchen backen. Trotzdem sehen wir die Entwicklung nicht nur negativ, da es durch die Verkleinerung des Genres eine Bereinigung geben muss, welche die flut an unnötigen Produktionen langfristig eindämmen wird. Qualität und Kreativität sind wieder gefragt – sowie ein langes Durchhaltevermögen.“

Armin Johnert, Vertriebsleiter Dicomania: „Bei vielen Dance-Abteilungen der Majors wurde in den letzten Jahren fast ausschließlich auf Trash gesetzt, weil das offensichtlich auch die einzige Dance-Strömung war, von der man noch Maxi-CDs verkaufen konnte und nur in dem Segment funktionierten auch die Kopplungen. Diese Fokusierung auf Dance-Trash hat dem Image von Dance und Techno sehr geschadet, und genau deshalb funktionieren diese Sachen seit einiger Zeit nicht mehr – mit den bekannten Folgen. Mit anderen Worten: vielen dieser künstlich hoch gepushten Dance Acts trauert niemand hinterher. Große Vinylverkausfzahlen erreichen wir mit wenigen Ausnahmen von den sehr kommerziellen Themen spätestens seit Ende 2002 ohnehin nicht mehr. Unserer gut arbeitenden Labels, auf deren Leistung wir sehr stolz sind, haben längst begonnen, darauf zu reagieren und fast alle unsere Vertriebslabels sind heute wieder viel näher am Club und am Underground. Dadurch hat sich die Qualität der Produkte seit rund einem Jahr kontinuierlich gesteigert. Durch diese Qualitätssteigerung konnte übrigens sogar eine Firma wie DMD/Discomania die Vinyl-Umsatzzahlen im ersten Quartal 2004 im Jahresvergleich zu 2003 wieder leicht steigern. Hier ist aber noch viel Platz nach oben! Sehr viele Topacts und Labels kommen zur Zeit aus dem Ausland und die deutschen Acts und Labels sollten noch mehr auf Innovation setzen, um mit den Franzosen, Amis, Holländern wieder mithalten zu können und auch um die Exportzahlen und International Exploitation wieder verbessern zu können. Das sollte doch zu schaffen sein. Wir blicken jedenfalls optimistisch in die Zukunft.“

Elmar Braun, Geschäftsführer More Music and Media: „Majors haben eine andere Kostenstruktur als Indies und deshalb kann es für einen Indie wesentlich attraktiver sein, einen hoffnungsvollen Dance-Act unter Vertrag zu nehmen. Zudem benötigt ein nationaler Dance-Act eine optimale Betreuung durch ein kompetentes Label und ein guter Indie kann diese Aufgabe in vielen Fällen mindestens genauso gut handeln wie ein Major, wenn nicht sogar besser. Der Family-Gedanke dürfte hierbei besonders groß geschrieben werden.“

Ralf Reichert, Geschäftsführer Intergroove: „Dance und Electronica sind immer noch profitabel, wenn damit schlanke Strukturen und nicht ein großer Wasserkopf an Abteilungen finanziert werden muss. Für die Majors rentiert es sich in der Regel etwa nicht mehr, teure Videos für Viva zu produzieren, die oft ohnehin keine Rotation bekommen. Die Verkaufszahlen sind meistens kleiner und für die Majors uninteressanter geworden. Die Erwartungshaltung der Künstler hat sich somit auf ein Normalmaß reduziert. Diese Entwicklungen haben dazu geführt, dass Indie Firmen für die Künstler und Labels wieder attraktiver geworden sind.“

Pedro del Mar, Managing Director Shah Music: Wir haben bei Shah Music auf unseren Labels schon immer unterschiedliche Stilrichtungen elektronischer Musik – hauptsächlich Trance und Techno – veröffentlicht. Somit haben auch wir vereinzelt vom Dance-Boom der letzten zwei/drei Jahre profitiert. Speziell die seit längerem internationale Ausrichtung mit hochkarätigen Künstlern auf unserem Trance-Label Shah-Reocrds bringt viele neue Möglichkeiten mit sich. Dadurch treffen uns die Veränderungen im deutschen Musik-Business nur teilweise – wenngleich die Marktlage weltweit natürlich schwieriger geworden ist. In der momentanen Entwicklung sehen wir für elektronische Musik die Chance, wieder in Clubs und Lounges zurückzukehren – wo sie ursprünglich auch herkam. Dort könnte sie ohne kommerziellen Druck neues Potenzial entwickeln und neue Wege gehen. Außerdem könnte nun wieder die Möglichkeit entstehen, dass Tracks die Zeit haben um sich zu entwickeln, sodass letztendlich wieder der Track und nicht das Budget entscheidend über Erfolg und Misserfolg sind. An eine Welt ohne Musik – speziell ohne Clubmusik – können und wollen wir nicht glauben!“

Gregor Minnig, stellvertretender Geschäftsführer/Head of A&R, Zyx Music: „Die Majors haben den Dance-Bereich heute aufgegeben und werden ihn wieder aufnehmen, sobald die Indies die Strukturen des Dance in Deutschland wieder verkaufbar gemacht haben. Anfang bis Mitte der 90er haben die Majors sich auch nicht um Dance geschert, sondern erst, als Independent Companies diesen groß gemacht haben. Mit überhöhten Vorschüssen, nicht mehr zu recoupenden Gewalt-Marketing-Kampagnen ist man als Major nicht unschuldig an der momentanen Situation. Jetzt sind wir an einem Punkt, wo sich alles wieder auf ein normal Maß nivelliert, bis wieder dicke Umsätze machbar sind. Dann sind auch die Majors wieder mit von der Partie.“

Christian Engel, Geschäftsführer EDM Music: „Wir Indies können zwar wieder für bessere Qualität in der Dance-Musik sorgen, allerdings können auch wir nichts gegen die Problematik tun, die speziell unsere Zielgruppe befallen hat: Arbeitslosigkeit, horrende Handyrechnungen und illegales Downloading. All diese Fakten bremsen die Kauflust extrem und genau das lässt eine neue Motivation, die durch den Wegfall der Majors entstehen könnte und eigentlich auch sollte, nur schwerlich aufkommen.“

Stefan Grünwald, Managing Director Clubland Records: „Der Dance-Bereich ist nach wie vor ein profitables Geschäft, wenn man sich auf wenige Künstler konzentriert, diese richtig aufbaut und alle Möglichkeiten nutzt, um das Geld, das man in diese Künstler investiert hat, wieder einzuspielen. Die Major-Firmen haben über Jahre hinweg zu viele Dance Projekte eingekauft, dafür zu hohe Vorschüsse gezahlt, zu teure Remixe und Videos produzieren lassen und damit die Kosten, die für das Projekt entstanden sind, nicht wieder eingespielt. So sind viele Titel dann mal nicht in die Top 40 eingestiegen ist wurden dementsprechend auch nicht auf Dance-Kopplungen eingesetzt. Das liegt wohl auch mit daran, weil die Majors von vielen Projekten nur eine einzige Single gemacht haben, die gerade heiß war und das Projekt danach nicht fortgeführt haben, weil plötzlich ein anderes Projekt da war – von der Strategie also doch also One Hit Wonder statt Artist Aufbau. Das mag funktionieren, solange man genügend Treffer dabei hat. Wenn man aber im Jahr 24 Dance Singles macht, davon 20 nicht funktionieren, drei nur in die Top 40 einsteigen und eine Top 10 Single dabei ist, man bei allen Projekten aber die gleichen Kosten hat (Remixe, Vinyl-Promotion, Video, TV-Spots), dann kann sich das auf lange Sicht nicht rechnen und man macht Verlust. Dance wird nie tot sein, da es immer noch Clubs gibt und geben wird, wo die Leute am Wochenende hingehen, um Spaß zu haben und auch neue Musik zu hören. Es wird immer DJs geben, die diese Musik lieben und auch am Wochenende neue Titel spielen wollen. Und diese brauchen auch neues Produkt. Wenn nicht von den Major-Firmen, dann halt von den Indie-Labels. Im großen und ganzen wurden doch sowieso in den letzten Jahren die meisten Dance Titel, die die Major Firmen eingekauft haben, von kleinen Indie Labels lizensiert. Die Kleinen haben die vorab Promotion über den Vinyl-Verkauf gemacht, einige VIP-DJs haben den A&R-Managern der Major-Firmen Tipps gegeben. Daraufhin hat der A&R den Titel eingekauft und mit Video- plus Remix-Paket ausgestattet, also das Geld investiert, das ein kleines Indie-Label nicht hat. Dieses Ausstatten der Major-Labels fällt jetzt weg und die Indies müssen sich jetzt selbst darum kümmern, ihre durch kleine gezielte Vinyl-Promotion und Vinyl-Verkauf generierten Club-Hits über CD-Vertriebsverträge auf den Markt zu bringen oder sehr schnell über legale Download Plattformen dem Endkonsumenten verfügbar zu machen. Ein Hit ist immer noch ein Hit und wird auch weiterhin verkaufen. Die Major meinen zwar, dass Dance nicht mehr funktioniert. Die illegalen Downloads im Dance Bereich zeigen aber, dass nach wie vor eine große Zielgruppe junger Menschen an dieser Musik interessiert ist, und man durchaus im Dance Bereich, wenn man schnell auf dem Markt ist und alle Möglichkeiten wie etwa legale Download-Plattformen, Klingeltöne, Kopplungen und das komplette Auslandsgeschäft richtig nutzt, auch gutes Geld verdienen kann.“

Konrad von Löhneysen, Managing Director Ministry Of Sound Germany: „Das Zeitalter des billigen Dance-Trash ist definitiv vorbei. Aber Qualitätsrepertoire, das früher die Majors weggesaugt haben, wird nun frei. Vor ein paar Jahren hätten sich wohl 20 Firmen gegenseitig überboten, um einen Armand van Helden zu bekommen, der nun bei uns ist. Dieser Reinigungsprozess tut dem Genre gut. Das ist ein positive Entwicklung und auch Ministry setzt 2004 wieder einen starken Fokus auf Dance. Denn es ist besser, wenn sich wie heute vier Firmen um einen Dance-Marktanteil von fünf Prozent streiten als damals, als zwölf Firmen einen Marktanteil von neun Prozent unter sich verteilen wollten. Und ich erinnere daran, dass Ende der 90er Jahre die Szene bereits schon einmal totgesagt wurde, als wie aus dem Nichts diese härteren Tracks von Darude und anderen kamen. Ein aktuelles Beispiel dafür ist unser Track,Dragostea Din Tei‘ von Haiducii, der im Grunde ohne Medienpräsenz und ohne TV-Kooperation fast allein wegen der Resonanz in den Clubs in die Charts ging.“