musikwoche: Wie kam es zum aktuellen Album „Panikpräsident“?
Udo Lindenberg: Wir hatten vor zwei Jahren mein 30-jähriges Jubiläum als Schallplattenkünstler gefeiert, jetzt geht es um den 30. Jahrestag des Panikorchesters, das wir im Herbst 1973 gegründet hatten.
mw: Wer genau ist jetzt daran beteiligt?
Lindenberg: Alle sind sie mit dabei, die ganze wundervolle Panikband: Bertram Engel am Schlagzeug und Jean-Jacques Kravetz an den Keyboards, mit denen ich das Album federführend produziert habe. Und auch Steffi Stephan am Baß, Hannes Bauer an der Gitarre und all die anderen Panikexperten sind mit dabei. Mit vielen von diesen Musikern spiele ich nun sogar schon seit über 30 Jahren zusammen. Das Album ist eine gegenseitige Verneigung des Panikorchesters und meiner Seite. Denn diese Band ist wie ein Sonnensegel, in das ich mich hineinlegen kann und nichts als panische Thermik spüre.
mw: Wie verlief der Produktionsprozess?
Lindenberg: Ganz wichtig ist, dass wir alles live eingespielt haben – ganz ohne Computer. Aber das eine schließt das andere nicht aus. Als Musiker haben wir im Laufe der Jahre viel experimentiert und neue Sachen ausprobiert. Da gab es auch für mich endlose Wunderwelten zu entdecken. Denn wenn es neue Instrumente gibt – und das waren Computer für mich – nutzt man diese auch. Aber für diese Produktion sind wir zum legendären Panikorchester zurückgekehrt. Denn diese Band ist einfach phantastisch: sie macht ordentlich Druck und spielt einen dermaßen konsequenten harten Rock, – das ist für mich immer wieder eine Offenbarung. Wir sind drei Wochen mit den Jungs ins Studio nach Großhansdorf gegangen und haben das Zeug einfach reingeballert. Und dabei waren auch alle ständig vor Ort, so WG-mäßig wie in den alten Hippie-Zeiten. Man kann sagen, wir haben mit den Songs richtig gelebt.
mw: Wie verlief die Auswahl der Titel, die es auf die CD geschafft haben?
Lindenberg: Das war unglaublich schwer. Jeder von uns hat eine private Wunschliste geschrieben, die sich dann als komplett unterschiedlich herausstellten. Also haben wir sie zusammengehängt und darüber gequakt. Dennoch ist uns die Entscheidung sehr schwer gefallen, denn in einem Zeitraum von 30 Jahren sind da einige gigantische Songs entstanden. Schließlich lautete das Kriterium, worauf die Band am meisten Bock hat. Entscheidend war, was sie auch unter musikalischen Gesichtspunkten reaktivieren wollte. Zudem haben wir etliche Experten in den Straßen Wunschzettel gegeben, was dann ganz basisdemokratisch in die Entscheidung mit einfloss. Letztlich haben wir aber ein Drittel Songs mehr aufgenommen, als wir eigentlich für das Album gebraucht hätten. Und wer weiß, vielleicht gibt es irgendwann ein Volume 2. Die Tracks, die es nun auf die CD geschafft haben, sind die Stücke, die am besten abgingen und definitiv unsere Favourites.
mw: Zuletzt hatte Nena mit ihrem Album „Nena feat. Nena“ ein ähnliches Konzept verfolgt. Gibt es mit Ihrer Produktion Gemeinsamkeiten oder Unterschiede dazu?
Lindenberg: Nenas Platte finde ich absolut toll. Uwe Fahrenkrog-Petersen hat für das Album eine wundervolle Produktion abgeliefert. Ich hatte die Ehre, auf ihrem Album dabei zu sein, jetzt singt sie auf meinem beim Titel „Horizont“ mit. Und der ist traumhaft geworden, was vielleicht aber auch daran liegt, dass der Song schon immer unser Lied war. Sie singt dort jedenfalls das Blaue vom Himmel herunter und ich natürlich auch. Bei der Neuinterpretationen unserer alten Stücke waren wir ähnlich wie bei der Nena-CD sehr frei und haben neue Arrangements entwickelt, nur bei den Texten haben wir fast nichts verändert. Denn die Texte bleiben als Aussage konsequent wie ein Felsen in der Brandung der Zeit. Meine Texte stehen für eine ganz bestimmte Entstehungsphase wie ein Zeitspiegel. Selbst an einem Song wie „1990“ von der „Gene Galaxo“-LP haben wir nichts verändert. Damals war das für mich eine utopische Perspektive, während man heute im Rückblick erkennt, was Weissagung oder Prophezeiung war – und was nicht. Mit dem Original-Text wirkt ein Song wie dieser oder auch „No Future“ viel stärker.
mw: Gibt es weitere Unterschiede zum Nena-Album?
Lindenberg: Ja, wir haben drei ganz neue Songs aufgenommen, wovon mir „Mein Body und ich“ ganz besonders am Herzen liegt. Denn er beschreibt, so wie wir tatsächlich gelebt haben. In der Rock ’n Roll-Branche haben wir immer geglaubt, seinen Körper braucht man sowie nur noch zehn Jahre. Und weil es danach aber doch noch immer weiterging, wurde es einfach Zeit für ein Liebeslied an meinen Körper, um Dankeschön zu sagen.
mw: Wie fühlt man sich als „lebende Legende“ – empfinden Sie das als Last?
Lindenberg: Nein, ich finde das schön und wunderbar, wenn man so durch die Zeiten wandert und dabei immer offen bleibt für Neues, auch beim kulturellen Klima. Es ist spannend, aus meiner Position mitzubekommen, was sich im Lande auch geistig geändert hat. Dagegen setzen wir unsere Songs wie „Sie brauchen keinen Führer“ oder „Straßenfieber“, die mit ihren Ansätzen für eine ganz bestimmte Position stehen. Das wollen wir auch weiterhin nach vorn powern. Zudem ist es sehr schön mitzuerleben, wenn etwa bei unserer letzten Live-Produktion „Atlantic Affairs“ sehr viele junge Künstler wie Yvonne Catterfeld mitgewirkt haben. Das ist mir sehr wichtig, denn auf diese Weise bleibt das Unternehmen jung, neugierig und nach vorn gerichtet. Wenn wir nur unseren alten Streifen pflegen und ein Panikmuseum aufmachen würden, wäre das schrecklich. Nein, wir bleiben im Paniklaboratorium und betreiben experimentelle Wissenschaften.
mw: In den 70er Jahren haben Sie dagegen alte Helden wie Eric Burdon mit auf Tour genommen, jetzt bieten Sie ein Forum für junge Künstler. Was hat sich geändert?
Lindenberg: Wir machen heute beides. Eric Burdon, auch so ein Zeitwanderer wie ich, ist bei unserem Jubiläumskonzert in Magdeburg und auch bei unserer Tournee im nächsten Jahr wieder dabei. Es bleibt alles in der Panikfamilie.
mw: Kaum ein anderer deutscher Künstler war so fleißig wie Udo Lindenberg. Sie haben fast jedes Jahr mindestens eine Platte veröffentlicht. Woher kommt dieser Schaffensdrang?
Lindenberg: Dieses Werk ist einfach so entstanden, darüber denke ich gar nicht so viel nach. Viel schöner ist doch, dass es immer weitergeht. Meine Schaffenskraft lässt in keiner Weise nach, ganz im Gegenteil. Ich gehe nach wie vor sehr gern ins Studio, singe sehr gern, gehe gern auf die Bühne, produziere gern Bühnenshows. Ich habe oft gedacht, ich habe da halt so ein paar Songs gemacht wie andere Leute Tagebuch schreiben, aber viele sagen, dass das nicht nur Liedtexte sind, sondern dass es sich um Literatur handelt, die auch ohne Musik funktioniert und die später einmal in dicken Büchern zu finden sein wird. Das hat mich zwar erst etwas verwundert, aber dann dachte ich mir, ok, dann sind wir jetzt eben auch Literaturwissenschaft.
mw: Gab es nie Bedenken von den Marketing-Abteilungen, dass bei einer Produktionsdichte wie der Ihren die einzelne Platte in der Omnipräsenz des Werks verschwindet?
Lindenberg: Bei der Produktion darf das nie eine Rolle spielen, denn da ging es um nur um die Lust am Kreieren. Man muss fühlen, was in einem stürmt und drängt. Wenn ein Lied in mir wächst und ready ist- dann muss es einfach das Licht der Welt erblicken. Da kann mir kein VÖ-Stratege kommen und sagen, das wäre jetzt aber unklug, die Platte zu machen. Ich habe zwar immer wieder gehört, dass es für den Markt schwer verträglich sei, so viele Dinger herauszubringen. Aber das habe ich nie ernst genommen.
mw: Gibt es unter all diesen Platten auch besonders geglückte oder missratene Kinder?
Lindenberg: Es ist noch zu früh, das zu beurteilen. Da fehlt mir einfach noch die Distanz. Aber natürlich gibt es im nachhinein wie bei einem Film Momente, von denen man merkt, hier war die Spannung etwas schlaffer, hier haben wir das Licht falsch gesetzt oder hier stimmte der Ton nicht. Gut, ich habe zwar meine Lieblingsplatten und dann auch Platten, die ich… nun ja. Aber es passiert immer wieder, dass ich gerade diese Platten dann drei Jahre später mit einem Frischohr auflege und sie plötzlich ganz spitze finde. Das gilt etwa auch für unseren Film „Panische Zeiten“, den wir damals nicht für gelungen hielten, weil alles sehr spontifex und panikmäßig ablief. Aber auch Chaos gebiert Großes, denn gerade weil wir es nicht gelernt hatten, kann dadurch etwas Tolles entstehen. So habe ich den Film neulich auf einem Marktplatz in Weimar noch einmal gesehen und gemerkt, dass die Leute das für Ober-Kult halten. Das hat mich zunächst echt etwas gewundert, aber letztlich haben sich manche unserer kühnen Visionen eben doch bewahrheitet.
mw: Haben Sie Angst vor dem too old to rock ’n roll, too young to die?
Lindenberg: Nein, überhaupt nicht. Früher gab es schon im Jazz oder im Chanson auch Künstler, die 60 oder 70 waren – alles kein Problem. Nur Rock ’n Roll galt immer als Jugendkultur. Das hat sich heute, wenn die ersten Pioniere bereits im hohen Alter sind, geändert. Ich bin nun 57 und habe mit dem Altern kein Problem. Rock ’n Roll ist keine Jugendkultur mehr, sondern Kultur für alle. Der biologische Zufall spielt keine Rolle mehr. Und bei „Atlantic Affairs“, als wir unter anderem Songs von Brecht und Tucholsky aus den 20er und 30er Jahren interpretierten, haben wir dieses Spiel auf die Spitze getrieben. Da war es völlig egal, ob man 90 ist – oder auch 103…
mw: Sie waren in den 30 Jahren mit Ausnahme der EMI bei allen heutigen fünf Majors Vertrag. Was hat sich in dieser Zeit bei den Plattenfirmen geändert?
Lindenberg: Bei den Firmen hat sich gar nicht so viel geändert. Ich glaube aber, dass es innerhalb dieser Firmen mal Leute, die mehr auf Kunst, und dann wieder Leute gab, die mehr auf Profit-Center achteten. Es gab immer schon die Sanierer, dann wieder die Entdecker und Scouts, die Neugierigen und die Fänger im Underground. Ich habe bei allen Firmen, bei denen ich war, solche und solche getroffen. Dennoch muss ich schon sagen, dass bei den Firmen heute viel zu sehr die Angst regiert. Momentan erleben wir eine Angstkrise, Acts auch über längere Zeit aufzubauen. Dafür fehlt meist der Atem, was ich sehr bedauerlich finde. Heute läuft alles über schnelle Acts – ex und hopp und weg. Wie am großen Roulette-Tisch wird der Chip geworfen und wenn er nicht trifft, heißt es, bomm, Arschtritt, der nächste bitte. Schicksale und Menschenseelen sind da egal. Mit dem Rechenschieber im Genick wandert alles in den Gezeitenwolf. Das finde ich sehr schade, sehr brutal, aber auch blöde und völlig daneben. Denn Deutschland ist ein großer Entertainment-Markt, für den uns die Langzeit-Stars fehlen.
mw: Warum ist das so?
Lindenberg: Es gibt relativ wenig echte Stars – also Künstler, die ihre eigenen Texte und Songs schreiben, echte Personalities, die sich nach vorn stellen und etwas zu erzählen haben. Die meisten stehen da, machen etwas Tralala und das Make-Up ist wichtiger als die Musik. Dann sind sie auf der Bühne und tanzen nur einen Sommer. Das ist grausam. Wir brauchen aber ein Finanzklima, in dem neue Stars aus den Kellern und Übungsräumen wachsen können. Die „Superstars“ bringen das nicht. Selbst kreativ zu werden und ein Instrument zu lernen, ist etwas völlig anderes, als sich in einer Casting-Show hinzustellen und schön zu singen. Das ist doch völlig austauschbar. Ein bisschen Vibrato in der Stimme, so wie es im Lehrbuch steht, reicht nicht. Dadurch entstehen keine die Zeiten überdauernden Stars und auch nichts wirklich Neues. Einen Bob Dylan hätten die abgelehnt – und mich wohl auch.
mw: Sehen Sie denn auch positive Entwicklungen? Etwa im deutschen HipHop, der beim Umgang mit Sprache sicherlich durch die Lindenberg-Schule gegangen ist.
Lindenberg: Ich finde klasse, was Jungs wie Freundeskreis oder Jan Delay machen. Dazu habe ich auch Connections und pflege diese. Es gibt einen Austausch zwischen uns und den HipHoppern, auch wenn die Szene bedauerlicherweise nicht mehr so stark ist wie noch vor zwei Jahren. Schade ist auch, dass im HipHop die tiefen Inhalte verloren oder verraten worden sind – zugunsten von Goldkettchen, schnellen Autos, Machotum und diesem ganzen Dreck. Das ist gerade im HipHop besonders schmerzlich, weil diese Musik für mich echt ein Ansatz war. So wie damals Punk und Panik verwandt waren, so könnten auch HipHop und Panik Schwerstern und Brothers werden. Aber auch Bands wie Blumfeld oder Tocotronic, die mit Sprache ebenfalls sehr kreativ umgehen, schätze ich sehr. Davon müsste es nur mehr geben.
mw: Ihr erstes Album ist 1971 noch auf Englisch erschienen. Wie sind Sie selbst zur deutschen Sprache für ihre Texte gekommen?
Lindenberg: Mein Englisch war einfach nicht gut genug, für das, was ich zum Ausdruck bringen wollte. Ich wollte Stories erzählen, habe es dann auf Englisch versucht, weil ich wie alle dachte, deutsch klingt nicht. Aber in der Fremdsprache musste ich mich zu sehr einschränken, mit meinen Bildern und dem, was ich mitteilen wollte. Also habe ich es einfach auf deutsch ausprobiert, ohne zu wissen, wie es eigentlich geht. Das war ein Schritt ins Niemandsland. Als ich meine ersten deutschen Entwürfe mal angesungen habe, klang das selbst für mich ziemlich fremd. Aber ich habe gemerkt, zumindest ist das sehr speziell und eigenwillig. Es löste damals entweder blankes Entsetzen oder flammendste Freude aus. Und noch bevor 1972 „Daumen im Wind“, die erste deutsche Platte, rauskam, sagten viele, wow,,mit dieser Stimme, frisch aus dem Gulli, das haben wir ja noch nie gehört!‘ Meine erste Überlegung war also, als angehender Weltstar weiter auf englisch zu singen und es für das kleine Deutschland dann halt auf deutsch zu machen. Aber nach wenigen Tagen Arbeit an den deutschen Texten und einer Flasche Doppelkorn wurde mir klar – das ist der Weg, das brettern wir jetzt durch. Und wenn wir uns damit nicht auf die Bühne trauten, haben wir uns gesagt, dann trinken wir erst einmal drei Tee mit Rum – oder Rum mit Tee – und dann, keine Panik, dann geht das schon ab.
mw: Kann man also Sie und Rio Reiser als die beiden Pioniere der deutschen Sprache in der Rockmusik sehen?
Lindenberg: Ja, wahrscheinlich schon. Rio fand ich damals sehr inspirierend, aber auch die Band Ihre Kinder, die vor uns schon mit deutschen Texten experimentiert hatten, war wichtig. Deren Keyboarder Sonny Henning rief mich zwar an und meinte, sie hätten es wieder aufgegeben. Sonny sagte mir: „Udo, mit deutschen Texten, das kannst Du knicken. Das wird nichts“. Ich habe damals gesagt, einer wird kommen, der wird es bringen. Da wusste ich nur noch nicht, dass ich das sein würde.
mw: Sind wir der „Bunten Republik Deutschland“, die Sie in vielen Texten propagiert haben, inzwischen ein Stückchen näher gekommen?
Lindenberg: Ja. Wir sind ein gutes Stück weitergekommen- und es wird auch weitergehen. Als nächstes kommt der Rock ’n Roll-Präsident. Denn die zwar gut gemeinten Sonntagsreden von den Freddies aus der Berufspolitik bringen es nicht. Da müssen ein paar aus der Phantasterei kommen, von Kunst und Kultur – nicht unbedingt ich – aber einer von uns. Dann wird hier alles bunter, und darauf freue ich mich auch schon.







