Der Wettbewerb um die Erlöse aus dem digitalen Musikgeschäft gewinnt an Brisanz: Rechteinhaber sehen hier neue Möglichkeiten, die Einnahmen aufzufangen, die an anderer Stelle wegbrechen, Kreative machen sich Hoffnungen auf eine angemessene Vergütung, und Konzernlenker streben gute Bilanzen an. Erbitterten wird gerade um die Deutungs- und Inkassohoheit in den USA gerungen: Dort geht es um den sogenannten Internet Radio Fairness Act. Dabei handelt es sich um einen Gesetzentwurf, der die zu zahlenden Tan – tiemen von Onlineradios und herkömmlichen Senderanstalten vereinheitlichen soll. Geht es zum Beispiel nach den börsennotierten Betreibern des US-Onlineradiodienstes Pandora, so sollen die Zahlungen zukünftig erheblich geringer ausfallen als bisher. Was nicht verwundert, denn schließlich hat es das Unternehmen bislang nicht geschafft, ein Geschäftsjahr mit schwarzen Zahlen abzuschließen. Im dritten Fiskalquartal des Jahres 2011 konnte Pandora immerhin einen kleinen Profit ausgewiesen. Doch unterm Strich zehren die laufenden Betriebskosten die Einnahmen aus Werbung und Abonnements auf. An erster Stelle der Ausgaben stehen bei Pandora die Kosten für die Musikakquise, also für die Tantiemen: Mehr als 50 Prozent der Umsätze gehen dafür drauf. Beobachter halten es inzwischen durchaus für fraglich, ob das Unternehmen jemals in der Lage sein kann, genug Werbeplätze zuverkaufen, um profitabel arbeiten zu können. Schließlich wachsen mit der Popularität des Angebots auch Nutzungsdauer und Lizenzkosten. Manche Lizenznehmer sind gleicher Blickt man nur auf Umsätze und Lizenzzahlungen, sieht es bei Spotify ganz ähnlich aus: Auch die Betreiber dieser Streamingplattform schütten einen Großteil ihrer Einnahmen an die Rechte – inhaber aus. Der Unterschied zwischen den beiden Unternehmen liegt allerdings in der Art der Lizenz – verein barungen: Während Spotify – vermutlich für alle Märkte – individuelle Deals mit Rechte – inhabern und Verwertungsgesellschaften aus – gehandelt hat, betreibt Pandora sein Geschäft in den USA auf Basis der sogenannten Compulsory License, die Sendern mit geringen Einschränkungen den Zugriff auf das für den Betrieb notwen – dige Repertoire gewährt. Dabei ist das Hauptargument der Pandora-Macher teils durchaus nachvollziehbar: Sie wollen künftig so behandelt werden wie die Betreiber von Radiostationen, die ihre Sendungen zum Beispiel terrestrisch oder via Satellit und Kabel ausstrahlen. Diese sind in den USA weitestgehend von Tantiemenzahlungen für Aufführungsrechte befreit und konnten gegenüber der Politik immer wieder mit dem Argument punkten, dass Airplay schließlich die Tonträgerverkäufe fördere. Wie sehr diese Begründung in Zeiten des Formatradios noch zieht, sei dahin – gestellt. Der Zwist um die Lizenzen ist in den USA inzwischen vor dem Justizausschuss des Kongresses gelandet: Am 29. November fand in Washington D.C. eine erste Anhörung statt, die alle Seiten mit reichlich öffentlichkeitswirk samen Auftritten begleiteten. So hatten die Pandora-Betreiber im Vorfeld Klage gegen die Urheberorganisation ASCAP eingereicht; Autoren und Komponisten oder ihre Verbandsvertreter wie die ESCA – European Composer And Songwriter Alliance hatten Briefe an die zuständigen Senatoren geschrieben. Vor dem Kongressausschuss traten dann unter anderem SoundExchange-Chef Mi chael Huppe, Pandora-CEO Joe Kennedy oder David Pakman auf, der einst den Musikdienst eMusic leitete und nun als Partner bei der Beteiligungsgesellschaft Venrock tätig ist: Er sei skeptisch, ob sich angesichts der komplizierten Lage im Lizenzbereich ein eigenständiges, digitales Musikangebot pro -fitabel betreiben lasse, sagte Pakman bei der Anhörung. Seiner Meinung nach gibt es im Musikgeschäft in Form der Majors ein hochgradig konzentriertes Monopol, das einer freien Entwicklung des Markts entgegensteht und die gesunde wirtschaftlich Entwicklung von Lizenznehmern verhindert. Mag sein. Und sicher ist längst nicht jede Plattform so wertvoll wie Pandora oder Spotify. Aber immerhin haben sich im Onlinebereich innerhalb kurzer Zeit gut gepolsterte Unternehmen etabliert, die beim Gang an die Börse oder bei Finanzierungsrunden zwischen eineinhalb und drei Milliarden Dollar einsammelten – und sich damit zumindest auf Augenhöhe mit den großen Musikkonzernen bewegen. Als Geschäftsführer der österreichischen IFPI-Niederlassung bewertet Dr. Franz Medwenitsch den Streit denn auch ganz pragmatisch: „Aus Sicht der Rechtenutzer sind Lizenzen immer zu teuer, aus Sicht der Rechte – inhaber immer zu niedrig: Das ist der normale wirtschaftliche Gegensatz.“ Es sei halt typisches Unternehmerrisiko, alle Kosten durch Erträge zu decken und Gewinne zu erzielen. Dass die Rechteinhaber dieses unternehmerische Risiko für neue Vertriebsmodelle mit tragen sollen, findet der IFPI-Geschäftsführer „nicht plausibel“,. Schließlich seien sie auch nicht am Gewinn beteiligt. So gilt auch beim Streaming und bei Pandora, dass sich jeder selbst der Nächste ist, wenn es um Fairness in der Verteilung geht. Knut“Etwas mehr Gelassenheit in der Diskussion wünschenswert“ Über Streaming lässt sich derzeit trefflich streiten: Handelt es sich um einen Hoffnungsschimmer für die Branche, oder wird der Wert von Musik untergraben? MusikWoche fragte nach: Was finden Sie gut am Streaming, was stört Sie? Dr. Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbands Musikindustrie: „Im vergangenen Jahrzehnt haben wir uns mit Blick auf ein vermeintlich fehlendes legales digitales Angebot immer wieder in der Defensive wiederfinden müssen, viele haben den angeblichen Missstand gleich als Freischein für die illegale Gratisnutzung missbraucht. Auch wenn noch nicht alles perfekt ist, ist schon heute festzustellen, dass gerade auch der mediale Hype um das Streaming dem Musikgeschäft insgesamt zugute gekommen ist. Das breite legale Angebot ist schlussendlich auch im Medienmarkt an – gekommen, was nicht nur in den politischen Debatten für uns ein großer Gewinn ist. Während der mediale Fokus in den Anfangstagen der digitalen Revolution vor allem auf illegalen Nutzungsformen oder der Pirateriebekämpfung lag, setzt sich die Presse heute zunehmend mit der legalen Nutzung auseinander. Legal ist plötzlich wieder cool, das ist eine der zentralen Botschaften, die in der aktuellen Berichterstattung zu vernehmen ist. Bei aller Kritik an den Vergütungen, die den einen zu hoch, den anderen zu niedrig erscheinen, oder auch möglichen negativen Auswirkungen auf die CDoder Downloadverkäufe wünsche ich mir etwas mehr Gelassenheit in dieser Diskussion. Nicht für jeden Konsumenten ist Streaming das perfekte Angebot, nicht für jeden Künstler, jede Musikfirma oder zu jedem Zeitpunkt mag es die richtige Vertriebsstrategie sein. Für mich ist Streaming eine neue Facette in einem diversifizierten Musikmarkt. Wichtig ist für mich, dass wir zur Stunde Null mit dabei sind und diese neue und faszinierende legale Nutzungswelt von Anfang an mitgestalten.Bernd Dopp, Chairman & CEO Warner Music Central & Eastern Europe: „2013 wird erneut ein spannendes Jahr – die Zahl der Streaming Services wird weiter wachsen, und die Musikfans haben damit immer mehr Möglichkeiten, ihre Musik zu jeder Zeit an jedem Ort zu hören. Zusätzlich ermöglichen die Services das spontane Ent – decken neuer Musik auf sehr unkomplizierte Weise. Die Vernetzung der unterschiedlichen Devices wie Mobiltelefon, TV, Tablet, PC und so weiter, über die man auf Musikservices zugreifen kann, hat sich bereits stark verbessert und wird zunehmend komfor tabler. Die Geschwindigkeit, mit der immer neue Geräte auf den Markt kommen, ist bereits jetzt enorm. Sie wird anhalten, und jedes neue Gerät hat das Potenzial, der näch – ste Musikplayer zu werden. Ein wichtiger Aspekt dabei wird das Konzept und die Qualität der Bedienung und der Nutzerführung. 2013 wird man nicht mehr nur Musik suchen und abspielen können, sondern Editorials, Playlists, und smarte neue Apps werden uns zunehmend den Weg durch das Angebot zeigen. Die mobilen Netze in Deutschland haben noch nicht die Qualität, um tatsächlich überall eine ausreichende Verbindung zu einem Streaming Service oder überhaupt zum Internet zu gewährleisten. Die Möglichkeit, Streaming Services offline zu nutzen, ist nur ein kleiner Trost. An diesem Thema wird jedoch unter anderem durch den Ausbau von LTE massiv gearbeitet, so dass dieses Manko bald behoben und der störungsfreie Zugriff überall möglich sein dürfte. Stephan Benn, Rechtsanwalt und Musikverleger: Streaming Services bieten mir einen Vorteil, wenn ich Musik oder Filme lediglich ausprobieren, aber nicht dauerhaft behalten möchte. Zum Entdecken von neuen Künstlern oder Filmen sind sie also geeignet, wenn ich mal zu Hause Ruhe dazu habe. Ärgerlich sind technische Probleme: So kann ich nichts mehr hören, wenn die Mobilfunknetze schwach werden. Auch neige ich dazu, Filme und Musik, die mir wirklich gefallen, weiterhin als Vinyl, CD oder DVD im Schrank stehen haben zu wollen. Zudem ärgert mich, dass bisher keinem Streaming Service ein aus Sicht der Rechteinhaber schlüssiges Geschäftsmodell zu Grunde liegt. Die an die Rechteinhaber gezahlten Vergütungen sind weiterhin zu gering; die Vergütungen, die für den Servicebetreiber und seine Kosten einbehalten werden, zu hoch. Benjamin Bailer, Geschäftsführer Globe Art Publishing: Das Interessante an unserem Markt ist, dass wir seit Bestehen der entsprechenden technischen Möglichkeiten ständig beobachten, wie sich das Nutzungsverhalten der Rezipienten ändert. Am Anfang war es das Grammophon, dann das Radio, Schallplatte, Fernsehen, Musikkassette, CD, DVD, MP3 und wer weiß, was sonst noch alles kommt. Jeder neue Musikträger hat immer zu großem Aufschrei von Traditionalisten geführt, was grundsätzlich legitim ist. Aber der Kunde ist König, und somit bestimmt dieser, wie er Musik genießen will. Persönlich muss ich ehrlich sagen, dass ich die Möglichkeit, fast alle moderne Musik dieses Planeten mit meinen Fingerspitzen über diverse Streamingportale ansteuern zu können, unglaublich hilfreich und förderlich finde. So tragen diese Dienste doch entscheidend zur Bekanntmachung und zum einfachen Musik – genuss bei. Zugleich müssen jedoch die Urheber und die Künstler für ihre Leistungen angemessen vergütet werden. Wir sind als deren Vertreter derzeit noch nicht an diesem Punkt, und wir müssen uns gefallen lassen, dass uns die Technologie – unternehmen in puncto Monetarisierung der Musiknutzung einen großen Schritt voraus sind. Da wir schon immer erfinderisch waren, mache ich mir keine Sorgen, aber langfristig wird hier nichts so bleiben, wie es war. Frank Stratmann, Geschäftsführer Groove Attack, Rough Trade & GoodToGo: Eine pauschale Aussage zum Streaming ist fast nicht möglich, da wir sehr unterschiedliche Erfahrungen mit unserem Repertoire machen. Bei bestimmten Musikrichtungen und Künstlern beziehungsweise bei bestimmten Alterszielgruppen haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht, bei anderen aber nicht so gute. Aus diesem Grund sind wir der Ansicht, dass man die Auswertung von Musik individuell betrachten sollte und im Besonderen auch auf die Wünsche und Bedürfnisse der einzelnen Künstler und Labels eingehen muss. Als Vertriebsdienstleister für Independentlabels nehmen wir eine neutrale Position ein und sehen es als unsere Pflicht an, unsere Künstler objektiv und individuell zu beraten. Unsere Erfahrungen fließen hier mit ein, und unser Rat fällt deshalb unterschiedlich aus.
Serie: Alle kommen zu kurz, aber das ist auch irgendwie fair
Attraktive digitale Geschäftsmodelle gibt es längst in vielen Varianten. Die MusikWoche-Serie „Digitale Geschäftsmodelle mit Musik“ beleuchtet das breite Angebot legaler Musikdienste vom Download über Aboservices bis Streaming und Cloud Computing. Im letzten Teil grht es unter anderem um den Verteilungskampf im Streamingbereich.






