Recorded & Publishing

Schmarotzertum an der Live-Industrie?

Selten ruft eine Online-Meldung so viele leidenschaftliche Reaktionen hervor wie die Ankündigung von Universal-CEO Tim Renner, man wolle in Zukunft an den Erlösen aus Konzerten und Merchandising partizipieren. musikwoche.de dokumentiert.

Stein des Anstoßes:

Die Karriere vieler Künstler als so genannte „Recording Artists“ kann schnell vorbei sein – nämlich wenn nach einem herkömmlichen Künstlervertrag die Option zu weiteren Alben auf Seiten der Schallplattenfirma nicht ausgeübt wird. Aber die Karriere als aufführender Künstler, der noch lange Zeit kleinere und größere Häuser füllt, ist vielleicht langlebiger. Bedenkt man dies, erscheint die neue Regelung in der Tat ein wenig anmaßend. Denn für den Fall eines Rechtsstreits eines Künstlers mit der Plattenfirma ergäbe sich nicht nur das Problem, dass der Künstler für gewisse Zeit keine Einkünfte durch Plattenverkaüfe hätte, sondern auch in der Berufsausübung in Form von Live-Konzerten gehindert werden könnte.

Martin Degener, Musiker und Jurastudent

Sicher hat Tim Renner einen guten Gedanken aufgegriffen – aus seiner Sicht. Aber die kaufmännische Milchmädchenrechnung, die er hier „verkaufen“ will, ist eigentlich seiner nicht würdig. Dass ein Künstler zu maximal 33 Prozent (in der Regel sogar noch weit weniger) nur aus Plattenerlösen leben muss, ist doch darin begründet, dass die Plattenfirmen in der Regel Newcomern kaum mehr als real netto (nach allen sinnigen und unsinnigen Abzügen) rund ein bis zwei Prozent vom HAP zahlen. Es verbleiben also 98 Prozent bei der Plattenfirma. Allein mit dieser Mega-Margendifferenz verbietet sich jede weitere Frage nach zusätzlichen Partizipierungen der Industrie, ganz abgesehen davon, dass ein derartiger Vertrag nach deutschem Recht mit Sicherheit als nichtig verurteilt werden würde, auch wenn anfänglich schon einmal zehn Acts unterschrieben haben. Das wird massiven Ärger provozieren, da hier keine Leistung entgegensteht. Und wenn schon, müsste man dann auch das „Initial Risk“ der Tourveranstalter, Managements und der Künstler selber einrechnen und über alle Einnahmen eine Prozentregelung erzielen. Der unwiderstehlichen Logik von Tim Renner folgend, müssten dann ja auch die Künstler künftig mit 33,3 Prozent an den HAP-Erlösen beteiligt sein. Oder habe ich da etwas was falsch verstanden? Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt: Die Plattenfirmen wollen Management, PR-Coaching und was noch alles übernehmen? Ich lach‘ mich schlapp. Vielleicht fangen sie mal wieder mit guter, kreativer A&R-Arbeit an, und wenn sie diese dann tatsächlich beherrschen, ist sicherlich noch genügend Know-how und Manpower für den Rest frei zu setzen.

Wolfgang Teschner, Panta Musik GmbH

So unpopulär ein solcher Schritt für die Künstler und Bands bestimmt auch ist, so gerechtfertigt ist er aber doch aus wirtschaftlicher Sicht der Plattenkonzerne. Ich denke, mit dieser Strategie sollte bei den Plattenfirmen wieder die Motivation wachsen, langfristig in Künstler zu investieren. Wenn Plattenfirmen ihre Acts dabei unterstützen, im Live-Bereich Fuß zu fassen und zum Beispiel auch mit Live-Konzepten aufwarten, die mehrere bei ihnen unter Vertrag stehende Künstler gemeinsam vermarkten, hat eine Gagenbeteiligung meiner Meinung nach durchaus ihre Berechtigung.

Erich Öxler, Musikmanagement Hitmix.de und Songwriter

Ein Künstler geht auch auf Tour, um die Tonträgerverkäufe anzukurbeln; kein Künstler kam bis jetzt auf die Idee, die Plattenfirma deshalb in die Pflicht zu nehmen, wenn es an die Tourplanung ging. Und das Argument, man würde nun auch PR-Coaching anbieten, halte ich für höchst zweifelhaft. Sollte das nicht in unserem Medienzeitalter schon längst ins Aufgabenfeld der Plattenfirmen übergegangen sein? Schickt tatsächlich jemand seinen Künstler zu Radiostationen, ohne vorher die Basics eines Interviews durchgegangen zu sein?

Peter Armster, Labelmanager Intergroove, Labelbetreiber Punkt Music, Artist

Der ideologische Ansatz von Tim Renner ist nachvollziehbar. Noch bis vor Kurzem konnten die Record Companies respektable Gewinne mit der Auswertung von Tonträgern erzielen – diese Zeiten sind aber nun vorbei. Die finanzielle Investition in einen Newcomer wird aber trotzdem immer noch nahezu alleine von den Tonträger-Majors getragen, ohne dass im Erfolgsfall des Künstlers eine Rückführung durch Konzert- und Merchandise-Einnahmen erfolgt. In der Praxis bedeutet dies häufig, dass bereits sämtliche beteiligten Unternehmen in der Verwertungskette des Künstlers Umsatz generieren, bevor die Plattenfirma ihre Anfangsinvestitionen über den Tonträgerverkauf refinanziert hat. Für legitim halte ich ein solches Vertragswerk nur, wenn die Record Companies ihren Künstlern gegenüber für die zusätzlichen Beteiligungen auch eine Dienstleistung erbringen. Dies könnte zum Beispiel ein Management & Booking Department sein.

Thomas Meyer, Inhaber Royal Flash Media, Consultant & Publishing

Absurd! Dann sollen die Plattenfirmen erst einmal beweisen, dass sie auf den anderen Spielfeldern auch entsprechende Kompetenzen haben.

Oliver Kolb, Golden Gate Management

Es geht doch nicht darum, dass Plattenfirmen nicht hier und da mitverdienen sollen oder können; es geht darum, dass die Strukturen in diesen Firmen dies überhaupt nicht zulassen. Nichts gegen die progressive Denkweise von Tim Renner, der immer wieder bewiesen hat, dass er solche Modelle zu Ende denken kann und willens ist, sie umzusetzen. Leider pflanzt sich dieser Wille zum Erfolg nicht nach unten zur Personalebene fort, und somit haben die Künstler, Agenturen und alle anderen, die ihren „Zehnt“ abliefern sollen, es oft mit einer Administration zu tun, die zu 90 Prozent mit sich selbst beschäftigt ist. Außerdem sollten Plattenfirmen eher dafür sorgen, dass die Einnahmen des Künstlers zu mehr als 30 Prozent aus CD-Verkäufen bestehen, als aus reinem Selbsterhaltungstrieb in fremden Gewässern zu fischen. Die Zeiten, in denen die Majors alle Fäden in der Hand hielten, sind nicht zufällig längst vorbei. Alle Umsatzeinbußen sind hausgemachte Probleme, basierend auf Inkompetenz, Arroganz und Angst.

Andreas „Bär“ Läsker

Wenn Tim Renner an allen Einnahmen eines Künstlers beteiligt sein will, muss er andererseits einen über die Laufzeit des Künstlervertrages angelegten, ausführlich ausgeführten Investitions- und Leistungsplan der Plattenfirma vorlegen, der zugleich Vertragsbestandteil ist. Zumindest würde ich das als Künstler erwarten. Wenn die Investition der Universal Music Group darin liegt, zwei Singles auf den Markt zu werfen und abzuwarten, was passiert, kann das sicher nicht als eine Karriere fördernde Investition gesehen werden. Außerdem müsste Herr Renner dem Künstler gegenüber belegen, wie kompetent die Mannschaft ist, die für den Künstler zuständig und tätig ist. Sind das ausgebildete Manager, Choreographen, Grafiker und Konzertveranstalter oder nur ganz wichtige Typen? Und sind die dann Tag und Nacht als Ansprechpartner für den Künstler da oder nur von „nine to five“? Denn wie wir alle wissen, wird das Personal bei den Majors derzeit nicht unbedingt aufgestockt. Da frage ich mich: Wer im Hause Universal soll den Künstler managen, sein Auftreten verbessern, seine Konzerte buchen, Merchandising-Artikel verwalten sowie Sponsoren- und Werbepartner an den Start bringen? Vielleicht der vollkommen überlastete Produktmanager mit seinen 20 Acts?

Ralph Larmann, Manager, Journalist, Autor, Fotograf

Dieses Vertragsmodell ist lange überfällig und gibt nun auch berechtigte Hoffnung, dass dadurch ein weiterer wichtiger Baustein, nämlich der Tourverkauf für Tonträger geregelt und in einer Hand gehalten wird. Mir ist in 20 Jahren Branchenzugehörigkeit kein Fall bekannt, in dem eine Merchandisingfirma einen Künstler am Markt gebreakt und etabliert hätte. Insofern ist das nur die logische Konsequenz, künftig auch das Merchandising zum Vertragsinhalt zu machen.

Michael Huchthausen, Inhaber aktiv Musik-Box, Fachverbandsvorsitzender Tonträger im GDM

So wie Tim Renner argumentiert, denkt man: Klar, wie logisch, dass die Industrie da nicht schon früher drauf gekommen ist. Aber natürlich hinkt die Sache im Bereich des Live-Geschäfts ganz gewaltig. Da die Gewinnspannen der örtlichen Veranstalter schon sehr knapp und manchmal nur mit einem großen finanziellen Risiko zu erreichen sind, würde dieses Schmarotzertum an der Live-Industrie nur am Ende auf den Konzertbesucher übertragen werden. Und der kann und möchte nicht noch mehr Geld für seine Konzertkarten zahlen. Mein Fazit: Ich plädiere ab heute dafür, dass Tim Renner mich als örtlicher Veranstalter an den Verkäufen seiner Tonträger beteiligt.

Michael Menges, Booking, örtlicher Konzertveranstalter

Der Vergleich mit der Filmwirtschaft hinkt so stark, dass sogar ein Tausendfüßler ins Straucheln käme. Meist sind es doch Produzenten, Musikverlage etc. und nicht die Plattenfirmen, die das initiale Risiko tragen. Die wiederum haben die Möglichkeit „cherry picking“ zu betreiben. Wenn auch bei den Bandübernahme-Verträgen ein Teil des Produktionsrisiko von den Labels übernommen wird, so sind die Aufgaben der Plattenfirma vergleichbar mit einem Filmverleih, promoten und vertreiben des Produkts. Welche Rechte hat ein Filmverleih am Merchandising? Von Beteiligungen an Konzertauftritten mal ganz abgesehen. Ich bin gespannt, wann die Konzertveranstalter an die Künstler herantreten und speziell bei Newcomern sagen, wir möchten an den Plattenverkäufen beteiligt werden, weil wir sie mit einer Tour richtig ankurbeln. Außerdem ist zu bezweifeln, dass bei der derzeitigen Personalsituation für die geforderten Beteiligungen überhaupt Gegenleistungen seitens der Majors erbracht werden können? Sie sind ja schon jetzt häufig nicht in der Lage, ihre Aufgaben vernünftig zu erledigen. Die heute üblichen Lizenzbeteiligungen für Künstler und Mastereigner basieren darauf, dass (laut Tim Renner) nur ein Drittel ihrer Einkünfte aus CD-Verkäufen generiert wird. Das heißt, man sollte als Ausgleich für die angedachten Beteiligungen am Merchandise und an den Konzerten über eine angemessene Erhöhung der Lizenzen bei den CD-Verkäufen reden…

Speziell bei Rock- oder Metalbands erhalten gerade die Merchandiseverkäufe die Künstler am Leben. Von den CD-Verkäufen könnten sie nicht existieren (s.o.), da die Kosten für eine hochwertige Produktion oftmals die Einnahmen übersteigen. Es verwundert nicht, dass in der heutigen Marktlage die Plattenfirmen nach weiteren Einnahmemöglichkeiten suchen. In den letzten Jahren haben sie sich in die Hände der TV-Sender und deren hohen Beteiligungsforderungen begeben. Im Augenblick gibt es aus den Marketingabteilungen als Promotion-/Marketingplan nur noch zu hören, dass „man den geeigneten Koop-Partner“ sucht (und oft nicht findet). Oder bei Dancethemen werden ein paar hundert oder tausend DJs mit Vinyl bemustert. Wenn’s dann für die Top Ten der Offiziellen Dance Charts gereicht hat, hat man ja auch die geeigneten Argumente für einen meist zu 50 Prozent verrechenbares Video, das bei Viva angeboten werden kann.

Erst wurde das Personal auf ein Minimum geschrumpft, jetzt geht kaum noch was zum Schrumpfen und Geld ist auch nicht mehr da… Statt mit kreativen Ideen und Leuten sich zum Beispiel aus der Abhängigkeit von TV-Sendern zu befreien, wird der leichteste Weg gewählt. Das schwächste Glied der Verwertungskette, der Künstler oder Produzent, wird vermehrt um seine Einnahme-Möglichkeiten gebracht.

Rudy Holzhauer, Geschäftführer Progressive Musikverlag

Zum einen sollen die Künstler durch Änderungen des Gesetzes geschützt werden, indem ihnen eine angemessene Vergütung zuerkannt wird (§ 32 UrhG). Hinzu kommt die aufgrund der parlamentarischen Aktivitäten in den USA nicht ganz freiwillige Ankündigung einiger Firmen, die unnötig komplizierten Abrechnungsregelungen transparenter zu gestalten. Zum anderen soll die Verwertungskette aber weiter zugunsten der Plattenfirmen geschlossen werden, indem nun auch Merchandising- und Konzerterträge anteilig abgeschöpft werden. Diese Geschäftsmethode ist auch nicht ganz neu. Sie wurde einigen meiner Mandanten auch schon früher angeboten. Wenn dies wenigstens damit einherginge, dass auch die Lizenzbeteiligungen drastisch angehoben werden, könnte man ja noch darüber reden. Wenn aber Künstler teilweise immer noch mit weniger als sechs Prozent HAP abgespeist werden und nun auch noch Erträge aus Einkunftsquellen abtreten sollen, zu denen die Plattenfirmen im Zweifel nichts direkt beigetragen haben, dürfte ein weiterer Schritt in Richtung Sittenwidrigkeit des Künstlervertrages (§ 138 BGB) getan sein. Es stellen sich auch interessante Rechtsfragen im Bereich Arbeitsvermittlung oder Rechtsberatung. Universal wird sich noch wundern. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Leistung soll auch bezahlt werden. Das Problem besteht nur darin, dass die Leistung von Plattenfirmen für den Künstler kaum messbar ist. Künstler und deren Manager sollten sich daher gegen diese Form des Raubrittertums energisch zu Wehr setzen.

Ulrich Andryk, Rechtsanwalt