Recorded & Publishing

„Runter mit den Preisen!“

Mit der Geschäftsentwicklung im ersten Halbjahr hat fast die gesamte Branche zu kämpfen. musikwoche.de fragte an der Basis – bei Händlern und im Vertrieb – nach und entdeckte, dass sich verhaltener Optimismus in die Klagen mischt.

“Für Warner Music ist das erste Halbjahr vor dem Hintergrund unserer Zuwächse bei Charts- und Marktanteilen ausgesprochen gut gelaufen“, erklärt Warner-Vertriebschef Udo Lauen. „Allerdings mussten wir selbstkritisch erkennen, dass ein Unternehmen gewinnt, wenn es entweder selbst überproportional wächst oder andere überproportional verlieren. Wir haben jedenfalls unsere prognostizierten Ziele erreicht.“ Für das zweite Halbjahr rechnet Lauen mit einem Aufschwung: „Wir haben für die zweite Jahreshälfte höhere Ziele, als wir für die erste hatten. Die können wir erreichen, wenn alle angekündigten Produkte wie geplant erscheinen, und sich die gesamtwirtschaftliche Lage nicht noch einmal dramatisch verschlechtert.“ Jedoch gehe er davon aus, dass die konjunkturelle Situation auf dem derzeitigen Level bleibe. „Ich mache mir allerdings große Sorgen um den Fortbestand unserer Handelslandschaft“, räumt Lauen ein. Zum einen nennt er hier den Fachhandel, zum anderen aber auch die Fachmärkte und Handelsketten. Wenn Konzerne feststellen würden, dass mit dem Tonträger derzeit kein Umsatz zu machen sei und deshalb ihre Flächen reduzierten, könne das zu Problemen für die gesamte Branche führen. Hier sei man teils von internationalen Entscheidungen abhängig, wie etwa zeige: „Es wäre für uns alle fatal, wenn eine Handelskette wie HMV sich aus Deutschland zurückzöge, denn dann würde unsere Handelslandschaft um einen wirklichen Meilenstein ärmer.“

Sven Gniesewitz, Hauptabteilungsleiter CD Populärmusik & DVD/Video, Dussmann – das KulturKaufhaus, stellt fest: „Unsere Umsätze bei Neuheiten sind sowohl von den Stückzahlen als auch von den Erträgen her zurückgegangen. Dafür ist das Backprogramm leicht gestiegen, besonders in den Bereichen Jazz/Weltmusik und Deutsche Interpreten. Auch Midprice und Budget-Stapel laufen jetzt besser. Insgesamt stellen wir beim Pop ein leichtes Plus für das erste Halbjahr fest, in der Klassik ist der Umsatz dagegen leicht zurückgegangen. Hauptgründe sind wenige attraktive und gut laufende Neuheiten. Die unbekannten Neuheiten bleiben liegen, und im Gegensatz zum Pop ist der Abverkauf von Midprice und Budget in der Klassik nicht merklich gestiegen.“ Besonders erfreulich sei bei Dussmann die Entwicklung im Bereich DVD: „Hier steigen die Umsätze stetig – flächenbereinigt bisher um rund 40 Prozent. Besonders gut läuft das Backprogramm, Neuheiten verkaufen Märkte und Kaufhäuser zum Einkaufspreis, große Stückzahlen sind bei uns daher nicht möglich. Insgesamt wächst der Markt für Musik-DVDs. Bei VHS sinken die Umsätze, sind aber im Backbereich immer noch gut, da sie bei vielen Mitbewerbern gar nicht mehr im Sortiment vertreten sind.“

Als Sprecherin der Media-Saturn-Holding erklärt Manuela Drexelius: „Auch Saturn hat im ersten Halbjahr 2002 leicht rückgängige Umsätze im Tonträger-Bereich verzeichnen müssen, die allerdings durch die rasante Entwicklung im DVD-Segment mehr als ausgeglichen wurden, so dass wir insgesamt mit dem Geschäft zufrieden sind. Für das zweite Halbjahr gehen wir davon aus, dass es durch attraktive und hochkarätige Neuveröffentlichungen deutliche Impulse für eine Belebung des Markts geben wird und die maßgebliche Industrie auf der Popkomm. nachdrückliche Zeichen setzt.“

„Die ersten sechs Monate waren hart, aber die Kunden, die noch da sind, sind uns herzlich willkommen“, fasst Stefan Wulf, Geschäftsführer des Hamburger Fachgeschäfts Michelle Records, die Lage zusammen. „Damit können wir leben, aber ein wirklich guter Jahresbeginn war es nicht.“ Er kritisiert: „Einkaufspreise von 13,50 Euro gehen völlig am Markt vorbei. Es gibt dabei nur eine Orientierung, und das ist der Verbraucher. Wenn der nicht mehr kaufen will, dann sind entweder die Produkte oder die Preise schuld – in manchen Fällen vielleicht auch beides.“ Deshalb fordert er: „Runter mit den Preisen!“ Der Einstieg in die Droge Musik sei viel zu teuer. „Alle Platten, die wir zu vernünftigen Preisen führen können, verkaufen sich auch.“ Als einen Grenzwert für Neuheiten nennt er einen Preis von rund 15 Euro, Titel aus dem Backprogramm sollten noch günstiger sein.

„Wir haben uns mehr erwartet, wobei wir bei unseren Planungen diese Konjunkturentwicklung nicht absehen konnten“, erklärt Thomas Güttler, Branchenmanager Musik, Video & Software der Karstadt Warenhaus AG. Insgesamt habe sich der Warenhaus-Konzern besser geschlagen als der Gesamtmarkt: „Im Bereich Musik verzeichnen wir ein geringeres Minus als der Tonträgermarkt, im Segment Film und DVD dagegen Zuwächse. Insgesamt haben wir zugelegt.“ Daraus lasse sich aber kein Wechsel in der Strategie des Konzerns im Entertainment-Sektor ableiten, erläutert Güttler: „Unser Ziel ist es, zum Ende des Jahres auch im Musikbereich zuzulegen. Das geht nicht, wenn wir die Flächen schrumpfen“, erteilt er anders lautenden Gerüchten eine Absage. „Musik und Film passen nicht nur sehr gut zusammen, sie passen auch gut in unsere Warenhäuser. Deshalb tun wir alles, um uns in beiden Bereichen zu stärken.“

Klaus-Georg Siemer, Inhaber von SiTo aktiv Musik in Lüneburg, meint: „Unsere Zahlen im Juli sind ganz gut, insgesamt bin ich mit der Situation aber nicht zufrieden.“ Er arbeitet derzeit unter anderem mit zwei nicht-traditionellen Verkaufsstellen zusammen, einem Programmkino und einem Geschäft für Design-Produkte und Accessoires. Während sich im Kino verschiedene Soundtracks verkaufen, bietet Siemer über den Design-Shop vor allem Chill-Out-Titel an. „Das sind zwar nur kleine Zubrote, aber das hilft.“ Außerdem setzt Siemer auf Merchandising-Artikel wie Musik-Bücher oder Poster. Denn die seien nicht downloadbar und auch nicht so leicht zu kopieren: „Wenn man im CD-Bereich verliert, muss man eben etwas anderes verkaufen, um die Umsätze aufzufangen.“ Mit einer spürbaren Erholung im Musikgeschäft rechnet Siemer erst ab September, einige Wochen nach dem Ende der Sommerferien in Niedersachsen.

„Das erste Halbjahr war nicht gut“, sagt auch Werner Heiß, Bereichsleiter Tonträger der Müller-Zentrale. Er räumt aber ein: „Mit Zuwächsen bei DVDs kommen wir insgesamt auf Vorjahresniveau.“ Für den weiteren Verlauf des Jahres ist er verhalten optimistisch: „Unser Ziel für das zweite Halbjahr ist, insgesamt auf ein minimales Plus zu kommen – mehr wird sicher nicht möglich sein.“ Vor allem das Preismarketing im Bereich DVD macht ihm weiterhin sorgen: „Ich befürchte, dass die anstehenden Top-DVD-Themen wieder fast vom gesamten Handel benutzt werden, um sich preislich darzustellen – und niemand damit Geld verdient.“