Recorded & Publishing

Roger Glover: „Privat höre ich keinen Hardrock“

Im Gespräch mit musikwoche.de schildert der Deep-Purple-Bassist Roger Glover nicht nur, wie sein neues Solo-Album „Snapshot“ entstand, sondern blickt auch in seine Geschichte mit der legendären Band zurück. Er erzählt, wie er in die Remastering-Arbeit der alten Platten der Band involviert wurde und was es für ihn bedeutet, bei der anstehenden England-Tournee zum letzten Mal mit Keyboarder Jon Lord live zu spielen.

musikwoche.de: Wie würden Sie das Album beschreiben?

Glover: „Snapshot“ ist songorientiert. Denn der Grund, warum man ein Solo-Album macht, wenn man in einer funktionierenden Band spielt, liegt darin, dass man für sein eigenes Album eine andere Perspektive wählt.

mw: Wie sah diese aus?

Glover: Die Dynamik, wenn man mit einem oder nur einer kleinen Anzahl von Leuten zusammenarbeitet, ist eine ganz andere, als die spontane, auf Jam-Sessions basierende Arbeitsweise, die wir meistens bei Deep Purple verfolgen. Wenn ich mir eine Bassgitarre umhänge und neben Ian Paice stehe, ergibt sich automatisch eine andere Arbeitsweise als die Situation, wenn ich allein zuhause bin und auf der akustischen Gitarre komponiere. Denn die Stücke, die auf diese Weise aus mir herauskommen, spiegeln das wider, was ich als Musikhörer schätze. So höre ich privat keinen Hardrock, was den einen oder anderen vielleicht überrascht. Aber Hardrock spiele ich als Profimusiker, um davon zu leben. Ich würde mir niemals ein modernes Heavy-Album kaufen. Am ehesten komme ich diesem Sound noch, wenn ich alte Platten von Jimi Hendrix, Led Zeppelin oder Cream auflege. Bei modernen Bands bevorzuge ich Gruppen wie Radiohead.

mw: Woher kommt dieses Verhältnis zum Heavy-Sound?

Glover: Hardrock bewegt mich emotional nicht so stark wie Bob Dylan, Randy Newman oder J.J. Cale, die ich schon immer sehr verehrt habe. Insbesondere das Debütalbum von J.J. Cale,,Naturally‘, hatte einen großen Einfluss auf,Snapshot‘, da ich es vor ein paar Jahren, als ich mit der Arbeit für mein Solo-Album begann, immer wieder gehört habe. Das ist ein wunderschönes Album, weil es einen jedes Mal, wenn man es auflegt, einen dazu bringt, sich gut zu fühlen. Jeder Song hat einen herrlichen Groove und auf der Produktionsseite lebt es vom völligen Understatement. Das schwebte mir auch vor: Ich wollte ein Album, das nicht diesen modernen, überproduzierten Sound aufweist.

mw: Dennoch bieten Sie auf „Snapshot“ ein breites musikalisches Spektrum.

Glover: Ja, das Album ist stilistisch sehr abwechslungsreich, was vielleicht unter Marketing-Gesichtspunkten falsch ist. Aber ich mag so viele verschiedene Arten von Musik, auch wenn es letztlich nur eine Art von Musik gibt: nämlich Musik.

mw: Kann es sein, dass die Musik, die auf dem Album ist, manchen Fan von Deep Purple enttäuschen wird?

Glover: Darüber habe ich keine Kontrolle. Das Album ist, was es ist. Aber ich stimme zu, dass das Album wirklich schwer zu vermarkten ist, weil Musik heute eine weniger wichtige Rolle im Leben der Menschen spielt als noch vor 20 oder 30 Jahren. Dafür gibt es heute so viele andere Angebote, die Kids haben die Computer und Games, die älteren beschäftigen sich eher mit ihren Autos.

mw: Verfolgen Sie aktuelle Entwicklungen in der Musik, etwa elektronische Musik?

Glover: Bei Dance-Musik geht es nicht um die Musik an sich, sondern um die Erfahrung mit der Musik. Die Leute gehen heute nicht in die Clubs, weil dort gute Musik gespielt wird, sondern weil sie Spaß haben wollen. Das ist der Hauptunterschied zu der Musik, die ich schreiben und spielen will.

mw: Wie kam es dazu, dass „Snapshot“ bei der Firma Eagle Rock erscheint?

Glover: Das neue Studio-Album von Deep Purple wird wieder bei EMI erscheinen, nachdem unser letztes Live-Album mit dem Orchester bereits bei Eagle herausgekommen war. Das lag daran, weil jemand, der damals bei EMI verantwortlich war, kein Interesse an dem Live-Album hatte. Deswegen gingen wir zu Eagle, die einen sehr guten Job gemacht haben. Und mein Solo-Album wollte ich auf einem anderen Label veröffentlichen als Deep Purple. Und da ich mich bei Eagle sehr wohlfühlte und ihnen das Album gefiel, beschlossen wir die Zusammenarbeit, auch wenn andere Firmen daran interessiert waren, mich als Solo-Künstler unter Vertrag zu nehmen.

mw: Warum singen Sie nur einen Song auf dem neuen Album?

Glover: Ich wollte die Leadvocals nicht beim ganzen Album übernehmen, denn die Stimme, die ich in meinem Kopf höre, ist nicht die Stimme, die dann aus meinem Mund kommt. Zwar singe ich sehr gern, bin aber kein wirklich guter Sänger. Damals bei „Mask“ bin ich mit meinem Gesang noch einmal durchgekommen, weil ich mit Craig Brooks große Unterstützung bei den Backing-Vocals hatte. Diesmal hatte ich mit Randall Bramblett einen fantastischen Sänger für meine Songs. Ich liebe Randalls Stimme und sein Songwriting! Er ist mit dem Gitarrentechniker von Steve Morse, dem Purple-Gitarristen, befreundet, so dass ich über ihn seine Arbeit – unter anderen mit den Bands Sea Level und den wiedervereinigten Traffic – zu hören bekam. Zudem mochte ich sein letztes Album, „No More Mr. Lucky“, sehr. Als wir uns schließlich trafen, harmonierten wir auf Anhieb und beim gemeinsamen Songwriting zeigte sich, dass es sich dabei um eine sehr natürliche Kombination handelt.

mw: Wie verlief die Studioarbeit zu „Snapshot“?

Glover: Obwohl ich viele der Musiker auf dem Album erst im Studio getroffen habe, entwickelte sich daraus eine wirkliche Band, die sehr spontan agieren konnte. Allein am ersten Tag haben wir fünf Song aufgenommen. Mir ging es bei der Produktion darum, gute Musiker zu finden, sie ins Studio zu holen und sie dann machen lassen – so wie in den alten Tagen. Und jeder kam nach den Sessions zu mir und erzählte, wie großartig sie es gefunden hätten, mal wieder auf diese Weise arbeiten zu können. Denn die meisten von ihnen sind Studiomusiker, die meistens mit Kopfhörern, Click-Tracks und Computern immer nur kleine Teile einzuspielen haben, und nur selten längerfristig mit einer echten Band arbeiten können. Ich glaube sehr stark an das Prinzip einer organischen Zusammenarbeit, denn die beste Musik ergibt sich immer ganz natürlich. Seitdem man mit Loops arbeitet, hat sich das Gesicht der Musik verändert. Ich sage nicht, dass die Musik dadurch schlechter geworden ist, aber sie ist dann eine andere Art des musikalischen Ausdrucks. Die Platten der Doors etwa hören sich auch heute noch so frisch an, als ob man im selbem Raum mit ihnen stünde. Und auch mir ging es um diese Aufrichtigkeit im Sound.

mw: Welche kommerziellen Erwartungen hegen Sie mit dem Solo-Album?

Glover: Mir ist klar, dass „Snapshot“ nicht die Charts von hinten aufrollen wird, weil es eher über Mund-Zu-Mund-Propaganda funktioniert. Ich werde zwar so viel Promotion wie möglich dafür machen, aber letztlich liegt es bei der Musik selbst und den Leuten, die sie hören. Wenn sie ihnen gefällt, erzählen sie es vielleicht weiter und das Album bekommt ein gewisses Eigenleben. Und das ist auch gut so. Schließlich habe ich die letzten zwei, drei Jahre mit dem Album verbracht und bin nun froh, dass es nun endlich raus ist.

mw: Nicht alle wissen, dass Sie auch für das – in meinen Ohren – hervorragend gelungene Remastering der alten Platten von Deep Purple verantwortlich waren. Wie war es für Sie, auf diese Weise in die Vergangenheit zu reisen?

Glover: Das war eine fantastische Erfahrung. Gerade wenn man selber an den Aufnahmen beteiligt war, ist es immer wieder erhebend, das alte Material noch mal wiederzuhören. So höre ich beispielsweise unser Stück „Highway Star“ heute immer als Ganzes, aber beim Remastering entdeckte ich wieder jedes einzelne Instrument, den Raumklang und die Atmosphäre. Das brachte wundervolle Erinnerungen zurück. Zunächst hatte ich etwas Angst, mich mit den einzelnen Spuren zu beschäftigen, weil es mir immer um den Gesamteindruck, um den kompletten Mix, nie die Einzel-Instrumente ging. Aber zu meiner Überraschung waren diese einzelnen Spuren, als ich die Arbeit damals wieder aufnahm, auch technisch in einem viel besseren Zustand, als ich befürchtet hatte. Ich spürte sofort das Feuer wieder, das damals in dieser Band war.

mw: Gibt es eine Chance, dass Sie sich auch um die Alben kümmern, an denen Sie nicht beteiligt waren? So wäre als nächstes das Album „Burn“ von 1973 an der Reihe, nun endlich als in der Remastered-Edition zu erscheinen.

Glover: Ja, die Chance besteht, denn ich habe die Verhandlungen mit der EMI bereits aufgenommen, obwohl ich zunächst gesagt hatte, dass ich es nicht machen wollte. Aber vor ein paar Jahren hatte ich den Track „Burn“ im Radio gehört und mir gedacht – hey, das ist ein guter Song. In all den Jahren zuvor konnte ich ihn mir nämlich nicht anhören, weil ich dafür noch nicht bereit war. Denn das war die Band, in der ich einst gespielt hatte, und nun nicht mehr dabei war. Das hat sich nun geändert. Heute höre ich vor allem, dass das „Burn“-Album ein sehr gutes Album ist, das allerdings unter einem schlechten Mix leidet. Wie es sich dann hinterher anhören wird, kann ich jedoch erst sagen, wenn ich wieder im Studio bin und daran arbeite. EMI ist zur Zeit dabei, die alten Bänder zusammenzutragen und zu katalogisieren. Wenn sie damit fertig sind, bekomme ich alles auf einer CD, um mir schon einmal einen ersten Eindruck zu verschaffen. Aber gerade weil ich bei den Studiosessons damals nicht dabei war, werde ich die damaligen Purple-Mitglieder – oder zumindest einen Teil davon – um Rat fragen, wie ich vorgehen soll. Vor allem Ian Paice wird mir dabei von großer Hilfe sein. Und vielleicht kontaktiere ich auch noch Ritchie oder David Coverdale, wer weiß. Und natürlich auch Glenn Hughes.

mw: Wie kam es dazu, dass Sie persönlich das Remastering für die alten Alben verantwortet haben?

Glover: Einer der Gründe, warum ich mich damals eingeschaltet habe, war, dass die alten CDs einfach fürchterlich klangen. Ich habe ganz am Anfang der CD-Ära einen CD-Player auf einer Japan-Reise gekauft, hatte aber nur ein paar CDs, die damals noch sehr rar waren. Aber mit der Zeit kamen mehr Titel heraus, bis wir irgendwann feststellen mussten, dass auch die Deep-Purple-Platten auf CD erschienen waren. Wir wussten davon nichts. Ich habe also das „Machine Head“-Album gekauft und war schrecklich enttäuscht über den Klang. Ich war sogar so verzweifelt, dass ich der Plattenfirma schrieb: „Das könnt ihr nicht machen! Können wir die CD nicht so klingen lassen, wie sich die Musik darauf damals wirklich angehört hat?“ Aber sie haben mich völlig ignoriert. Für viele Jahre war ich mit der Situation sehr unglücklich, bis mich eines Tages EMI anrief und mir mitteilte, dass sie aus Anlass des 25-jährigen Jubiläums des Albums „In Rock“ eine Serie von Deep-Purple-Reissues planten. Als sie dann fragen, ob ich mich daran beteiligen wollte, habe ich sofort zugesagt. Denn es war eine herrliche Gelegenheit, all die Dinge, die für so viele Jahre so falsch geklungen haben, wieder ins rechte Licht zu rücken.

mw: Was planen Sie für die Zukunft?

Glover: Die Zeit ist dabei mein einziges Problem. Ich habe einfach nicht genug davon, um alles zu verwirklichen, was mir vorschwebt. Im Oktober nehmen wir die Arbeit am neuen Studio-Album von Deep Purple auf. Gleichzeitig würde ich sehr gern mit The Guilty Party, also der Band, mit der ich „Snapshot“ eingespielt habe, auf Tour gehen. Und wenn das nicht klappen sollte, dann zumindest ein Konzert oder einen mitgefilmten Auftritt irgendwo organisieren. Denn ich sehe jeden einzelnen Song auf dem Album schon im Live-Arrangement vor mir, weil die Songs wirklich für eine Live-Situation gemacht wurden. Natürlich habe ich nicht für eine Minute daran gedacht, damit die Stadien zu füllen, in denen wir mit Purple spielen. Die Musik auf „Snapshot“ ist Musik für die Clubs. Erst kürzlich hat jemand vorgeschlagen, dass Ronnie Scott“s Club in London dafür ideal wäre – eine gute Idee, wie ich fand.

mw: Stimmt es, dass die nun anstehende England-Tour die letzte mit Jon Lord sein wird?

Glover: Ja. Denn die ursprüngliche Abschiedstournee mit ihm im vergangenen Jahr endete wegen seiner gesundheitlichen Probleme so abrupt. Und das war sehr traurig. Wir fühlten uns, als ob man uns den Boden unter den Füßen wegzog. Wir hatten es zwar nicht angekündigt, dass es Jons letzte Tour sein würde, aber wir wussten es, dass seine letzte werden sollte. Es war seine Entscheidung, die er uns auch früh genug mitgeteilt hatte. Wir haben nie bloß großes Aufsehen darum gemacht. Stattdessen hatten wir vor, dass die Leute, die dabei waren, am Ende sagen konnten, hey, wir waren dabei – wir haben Jons letzte Tour gesehen. Hätten wir es früher verkündet, hätte dies alles überschattet. Deswegen war die Entscheidung, nun für diese wirkliche Abschiedstournee noch einmal mit ihm zu spielen, sehr schwierig. Denn Deep Purple hat sich in der Zeit ohne ihn weiterentwickelt. Mit Don Airey, unserem neuen Keyboarder, haben wir einen wunderbaren Ersatz gefunden.

mw: Wird er auch auf dem neuen Album spielen?

Glover: Absolut, denn er ist nun in der Band. Aber vielleicht tritt Jon als Gast in Erscheinung, das ist eine Möglichkeit. Das Album aber wird auf jeden Fall ein reguläres Bandaufnahme, ohne Orchester wie zuletzt auf dem Live-Album. Wir hoffen einfach, ein wirklich gutes Deep-Purple-Album zu machen.

mw: Wird die Geschichte von Deep Purple also noch eine ganze Weile weitergehen?

Glover: Ja, und die Geschichte entfaltet sich immer weiter. Und wir sind sehr glücklich, dass dies so ist. Denn Deep Purple ist nicht so sehr ein Image oder ein Name, sondern eine Gruppe von Musikern, die gern Musik miteinander machen. So einfach ist das. Wir genießen es wirklich, gemeinsam zu spielen. Da ist noch immer eine große Liebe in der Band – ob wir wollen oder nicht. Und das beruht auch auf Gegenseitigkeit: Wenn uns das Publikum, so wie gestern Abend in Gelsenkrichen, einen dermaßen euphorischen Empfang gibt, wird mir noch immer warm ums Herz. Es ist ein großes Privileg, auf der Bühne zu stehen, und Musik zu machen. Bei uns gibt es keine Routine, sodass jeden Abend Gefahr droht, wenn wir wieder etwas Neues ausprobieren.

mw: Mit der kürzlich erschienen DVD „Perihelion – Live In Florida 2001“ und dem Ende September erstmals auf DVD veröffentlichten „Concerto For Group And Orchestra“ braucht der Fan jedenfalls keine Angst zu haben, dass er auf seine Lieblingsband verzichten muss.

Glover: Das stimmt, aber es liegt auch eine Gefahr darin, wenn man zu viele Produkte auf den Markt bringt. Deswegen bildet das kommende Studioalbum den absoluten Schwerpunkt unserer Veröffentlichungspolitik. Das kommt jedoch nicht vor dem nächsten Frühling oder Sommer heraus. Deswegen arbeite ich auch noch daran, meinen eigenen Backkatalog, also die frühen Solo-Alben wie „Elements“ oder „Mask“ endlich auf CD verfügbar zu machen.

mw: Haben Sie mit der aktuellen Lage bei Deep Purple und der gleichzeitigen Möglichkeit, solo etwas anderes zu machen, nicht so etwas wie eine ideale Situation gefunden?

Glover: Das hoffe ich. Aber ob sie „ideal“ ist, weiß ich nicht. Ich habe eine Familie und ein Haus – es gibt noch andere Seiten im Leben als Musik. Und ich habe einfach nicht die Zeit, um alles zu tun, was ich gern tun will.