Sehr geehrte Damen und Herren!
Wer zu dieser Zeit im Urlaub an die See fahren will, kauft sich dafür ein paar Gummistiefel und einen Regenmantel. Er mietet ein Appartement oder ein Hotelzimmer und tankt sein Auto voll. Dann kauft er ein Buch – und brennt sich eine CD für die Fahrt. Der Regenmantel und die Gummistiefel sind nicht kopiert, das Benzin, das Hotelzimmer und das Buch auch nicht – warum wird die Musik kopiert? Das Beispiel scheint naiv zu sein und lenkt doch unmittelbar auf die Frage, die unsere Branche bewegt und, wie seit einigen Jahren vorausgesehen, existenziell bedroht. Im Grunde werden wir durch die technischen Möglichkeiten praktisch enteignet.
Musik wird kopiert, weil das Kopieren so einfach ist. Fast 20 Millionen Menschen in Deutschland verfügen über einen CD-Brenner, und die allermeisten nutzen ihn auch zum Kopieren von Musik. Der digitale Klon ist qualitativ vom Original nicht zu unterscheiden und kostet nur einen Bruchteil des Preises einer Original-CD – kein Wunder, denn Textdichter, Komponisten, Musiker und Tonträgerhersteller teilen sich beim Brennen knapp 8 Cent pauschale Vergütung des Rohlings. Bei einer Full-Price-CD, die Sie im Laden für rund 15 Euro kaufen, liegt der Anteil für die Rechteinhaber bei durchschnittlich 4 Euro. Um das ganz unmissverständlich zu sagen: Kein Künstler kann alleine von den heutigen pauschalen Vergütungen leben; der Verkauf von CDs sichert die Grundlage für kreative Szenen und eine im Kern gesunde Musikwirtschaft. Ja, die Musikwirtschaft garantiert mit ihren Investitionen erst die Vielfalt der Szenen!
Im vergangenen Jahr haben die Mitgliedsunternehmen der deutschen Phonoverbände – und das sind 94% aller Hersteller – insgesamt 10,2% Umsatz verloren. Wer das zynisch für nicht so schlimm hält, sollte sich einfach nur vorstellen, was 10% Rückgang des eigenen Jahreseinkommens bedeuten. Die Musikwirtschaft ist in einer schwierigen Lage, weil die Rahmenbedingungen für ein funktionierendes Geschäftsmodell zur Zeit akut bedroht sind. Im Ernst: Wer heute ganz legal kopiert oder sogar Kopien für Dritte herstellt, verhält sich doch aus seiner Sicht vernünftig, wenn er Musik lieber kopiert als kauft und das gesparte Geld für DVDs oder ein Handy ausgibt. Aber die Künstler und die Musikwirtschaft gehen dabei leer aus.
Deswegen haben sich eine Reihe von Musikunternehmen im vergangenen Jahr entschlossen, ihre Produkte mit Kopierschutzsystemen auszustatten. Denn auf das Kopieren von Musik gibt es natürlich keinen Anspruch. Regt sich jemand darüber auf, dass DVDs und Computersoftware selbstverständlich kopiergeschützt sind? Natürlich nicht. Und auch unsere Kunden haben inzwischen rund 10 Millionen kopiergeschützte CDs gekauft, ohne dass es zu vielen Beschwerden gekommen ist. Die allermeisten Menschen wissen im Grunde genau, dass Musiker und Musikfirmen nicht vom Kopieren, sondern vom Verkaufen leben.
Brennerstudie Um hier nicht auf Mutmaßungen und persönliche Erfahrungen angewiesen zu sein, die nicht verallgemeinerbar sind, haben wir inzwischen zum dritten Mal eine Brennerstudie in Auftrag gegeben, die das Kopierverhalten in Deutschland untersucht. Im Video haben Sie noch die Schätzwerte gesehen. Die wesentlichen, „brandneuen“ Ergebnisse der GfK für das Jahr 2002 möchte ich Ihnen kurz vortragen: 1. Rund 19 Millionen Menschen haben Zugang zu einem CD-Brenner. 17,1 Millionen brennen auch Musik. 2. Zum ersten Mal wurden 2001 mehr Musikkopien angefertigt als Tonträger gekauft. Die kopierte Musik macht 55% aller gebrannten Inhalte aus. Das waren 182 Millionen mit Musik gebrannte CD-Rohlinge. Zum Vergleich: Die Phonowirtschaft verkaufte im gleichen Zeitraum 173 Millionen CD-Alben. 3. Insgesamt wurden 498 Millionen Musiktitel aus dem Internet heruntergeladen – die allermeisten davon aus illegalen Angeboten. 4. 17,5% der Personen, die kopieren, gaben an, durch Brennen weniger CD-Alben gekauft zu haben, nur 4,8% wollen mehr gekauft haben. 5. Ein CD-Brenner gehört längst zur Standardausstattung eines PCs. 23,4% aller Personen über 10 Jahre können zu Hause, 27,3% im Büro auf einen CD-Brenner zugreifen – und nutzen ihn hauptsächlich für Musikkopien.
Ich höre schon die üblichen Einwände und will sie auch gleich widerlegen: – Die kopierte Musik wäre ohne Kopiermöglichkeit ja gar nicht gekauft worden. Wäre die kopierte Musik gekauft worden, hätte sie einen Umsatz von rund 2,5 Milliarden Euro gehabt. Das liegt etwa in der Größenordnung des gesamten Jahresumsatzes der Branche. Natürlich ist nicht jede Kopie ein entgangener Verkauf, aber ein Zusammenhang zwischen der auf 182 Millionen gestiegenen Zahl von Musikkopien und sinkenden Absatzzahlen liegt auf der Hand. Selbst wenn nur 10% der Musik gekauft statt kopiert worden wäre (und das ist eine sehr niedrige Annahme), hätte das für die Musikwirtschaft ein finanziell erfolgreiches Jahr bedeutet. – Früher gab es auch schon Kopien auf Musikkassetten. Natürlich gab es auch früher schon Musikkopien auf Kassetten. Aber selbst im absatzstärksten Jahr 1991 lagen die mit 151 Millionen Stück nur bei der Hälfte der 2001 verkauften 304 Millionen CD-Rohlinge. Das Kopieren ist einfacher und unvergleichlich qualitativ besser als das Magnetband der Kassette. Außerdem kann man einen Rohling bequem weiterkopieren. – Von Kopien lernt man neue Musik kennen, die den Kauf erst anreizt. Die Studie der GfK (und auch weitere Studien wie die von Allensbach) ergeben, dass Musikkopien in der Summe viel mehr Menschen vom Kaufen abhalten als dazu animieren. Sie finden hierzu detaillierte Angaben in der Studie selbst in der vorliegenden Pressemitteilung und auf unserer – übrigens heute neugestalteten – Website www.ifpi.de.
Kopierschutz ist die eine Antwort auf die Frage nach den Lösungen. Um hier effektiv zu sein, brauchen wir aber die Unterstützung des Gesetzgebers. Wie in der Videopräsentation schon ausgeführt, leben wir zur Zeit in einer Situation, in der das Umgehen des Kopierschutzes erlaubt ist. Wer einmal durch einen Bahnhofskiosk geht, findet dort einen Meter Zeitschriften, die detailliert erklären, wie man Kopierschutz knackt – verkehrte Welt. Berichtet „Auto, Motor und Sport“, wie man am besten die Wegfahrsperre eines Autos überwindet, oder „Schöner Wohnen“, wie man umstandslos in ein Reihenhaus einbricht? Natürlich nicht. Ebenso wollen wir, dass das Umgehen von Kopierschutz gesetzlich untersagt wird. Wir können und wollen niemandem in sein Arbeitszimmer schauen – aber wir können dann die Anleitung zum Knacken und das Angebot entsprechender Geräte und Programme unterbinden. Eine entsprechende Regelung im neuen Urheberrechtsgesetz erwarten – und bekommen – wir hoffentlich noch vor der Sommerpause. Die Musikwirtschaft ist eine Branche, die sich selber trägt und vielleicht der letzte Teil der Kulturwirtschaft, der völlig ohne Subventionen auskommt. Damit dies so bleibt, muss der Deutsche Bundestag ein Gesetz verabschieden, dass uns wenigstens in die Lage versetzt, uns wirksam selbst zu schützen. Falls das wider Erwarten nicht gelingt, wird natürlich auch weiterhin Musik und CDs geben – die Vielfalt und die Breite des musikalischen Angebots werden aber nachlassen, falls sich die Investitionen in Produkte am Rande des Mainstreams immer weniger lohnen.
Musikwirtschaft garantiert musikalische Vielfalt „Wo bleibt das Positive?“, würde Erich Kästner fragen. Es liegt darin, dass die Musikwirtschaft noch immer und auch künftig der wichtigste Investor in musikalische Kreativität ist. Natürlich gibt es Musik auch ohne CDs – aber erst die Musikaufnahmen schaffen die Voraussetzung dafür, dass Fans „ihre“ Musik nicht nur im Konzert, sondern eben auch zu Hause hören können. Erst Tonträger machen es möglich, Musik aus anderen Ländern zu hören. Und erst der Verkauf von Top-Produkten in hoher Stückzahl ermöglicht aus deren Einnahmen die Aufnahmen junger, noch unbekannter Künstler, die die Topstars von morgen werden können und unsere Musikkultur auch dann bereichern, wenn sie kommerziell nicht einschlagen sollten.
Die Zukunft der Musikmärkte liegt auch künftig im Verkauf von Musik. Dabei ist es für uns durchaus vorstellbar und wünschenswert, dass Musik möglichst zu jeder Zeit und überall verfügbar ist. Auch das Kopieren soll erlaubt bleiben – natürlich gegen angemessene Vergütung. Warum soll man in Zukunft nicht gegen Vergütung kopieren können, so wie wir alle heute mit dem Handy telefonieren und die Gebühr monatlich abgebucht wird? Da ist vieles denkbar, und da wird auch vieles möglich werden. Der Einstieg in individuelle Vergütungssysteme ist möglich, aber wir erwarten von der Hardwareseite die Bereitschaft mitzuziehen. Da das Kopieren aber auch ohne Kontrolle möglich bleiben wird – z.B. analog – sehen wir eine Zukunft, in der individuelle und pauschale Vergütungen nebeneinander bestehen.
Nichts auf der Welt passiert ohne Musik: Jede Veränderung, jede Mode, jeder Zeitgeist hat seine Musik. Ohne Musik wäre unser Leben kulturell und emotional arm. Noch nie wurde soviel Musik gehört wie heute. Musik gehört zum selbstverständlichen Alltag fast aller Menschen. Erfolgreiche Musiker aus Deutschland haben auch im letzten Jahr Millionen Fans begeistert: Ich nenne hier mal beispielhaft die Namen Sarah Connor, No Angels, BroSis, Seeed, Rammstein, Glashaus und Niemann. International sorgten Dido, Alicia Keys und Robin Williams, um nur einige zu nennen, für Begeisterung. Für diese Vielfalt stehen die Tonträgerunternehmen auch künftig – wenn sie die Rahmenbedingungen dafür vorfinden.
Jahrbuch „Popkultur 2002“ Einen guten Einblick in diese Vielfalt gibt das ganz neue Jahrbuch „Popkultur 2002“, das ich Ihnen heute vorstellen darf. Es erscheint inzwischen zum vierten Mal und präsentiert sich heute in neuem Gewand und bei Rowohlt mit einem neuen Verlag. Gleich geblieben sind Herausgeber Dieter Gorny und Chefredakteur Jürgen Stark, die für Auswahl der Themen und Qualität der Texte stehen. Ich freue mich, dass wir Ihnen das wirklich gelungene Jahrbuch Popkultur am Erscheinungstag mitgeben können. Chefredakteur Jürgen Stark ist anwesend und steht Ihnen im Anschluss gerne auch für Fragen und Anregungen zur Verfügung.
Wie immer dürfen wir Sie im Anschluss noch zu einer kleinen Stärkung einladen. Am Ausgang erhalten Sie außerdem eine Auswahl erfolgreicher Produktionen des letzten Jahres sowie unsere Videopräsentation. Dem Team von broadcast video in Hamburg danken wir für die Produktion des Präsentationsvideos, in diesem Jahr, wie Sie alle gehört haben, in Mehrkanaltechnik. Für weitere Fragen und O-Töne stehen Peter Zombik und ich gerne zur Verfügung.






