Recorded & Publishing

„raveline“ konsolidiert sich in der Techno-Ursuppe

„Als Musikmagazin leiden wir gleichzeitig unter zwei Krisen: des allgemeinen Werbemarktes und der Musikindustrie“, erklärt Johannes Mertmann, Mitglied der Geschäftsleitung des Verlags A.C.E. Geronimo. Anno 1995 übernahm er die Geschäfte der Dance-Zeitschrift „raveline“ und brachte das bis dahin kostenlose Fanzine schließlich als Monatszeitschrift in den Handel.

Trotz der musikwirtschaftlichen Entwicklung sieht Mertmann die Position von „raveline“ an der Schnittstelle „zwischen Underground und Overground“ als Vorteil, denn „unsere Szenepartner, die Indie-Labels, sind von dieser Krise nicht ganz so stark betroffen. Für diese Firmen sind wir nach dem Niedergang des Mitbewerbers ‚Frontpage‘ und den Problemen der noch verbliebenen Dance-Titel ein noch wichtigerer Partner geworden“. Zudem habe der Verlag den Rückgang der Major- und Agentur-Anzeigen durch Independent-, Event- und Technik-Anzeigen zum Teil kompensieren können. Auch haben Partnerschaften mit Markenartiklern und Bundesbehörden mitgeholfen, sich „langfristig von den üblichen Umsatzquellen unabhängiger zu machen“. 23 feste und über 50 freie Mitarbeiter haben es nach Mertmanns Angaben geschafft, die Auflage „einigermaßen stabil“ zu halten. Laut IVW-Prüfung verkauft „raveline“ 57.000 Hefte im Monat. „Und in den letzten drei Monaten haben wir eine deutliche Erholung des Anzeigen-Marktes gespürt, während auch die Attraktivität der Dance-Szene bei den Markenartiklern wieder steigt“, freut sich Mertmann.

Wichtig für den Verlag sind zudem T-raveline, ein eigenes Reisebüro für Party-Reisen, und zahlreiche Kooperationen mit der Event- und Club-Szene – etwa dem Deutschen Dance Award, der Loveparade und den Festivals Nature One, SonneMondSterne, Mayday oder Time Warp. Redaktionell definiert Mertmann das Heft, das in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubiläum feiert, als einen Spiegel der Entwicklung der Techno- und Dance-Szene: „Was Anfang der Neunziger sehr spontan, hemdsärmelig und oft auch subversiv begann, ist heute professionell, strukturiert und planbar. Aus der brodelnden Techno-Ursuppe haben sich viele Aktivisten ihre eigenen kleinen Nischen-Unternehmen aufgebaut, ob als Party-Veranstalter, Booking-Agent, Plattenverkäufer oder eben auch wir als Techno-Magazin.“

Interview

musikwoche: Wie sehen Sie die Entwicklung des Magazins in den vergangenen zehn Jahren?

Johannes Mertmann: „raveline“ ist wie ein Spiegel der Entwicklung der Techno/Dance-Szene: Was Anfang der Neunziger sehr spontan, hemdsärmelig und oft auch subversiv begann, ist heute professionell, strukturiert und planbar. Aus der brodelnden Techno-Ursuppe haben sich viele Aktivisten ihre eigenen kleinen Nischen-Unternehmen aufgebaut, ob nun als Party-Veranstalter, Booking-Agent, Plattenverkäufer oder eben auch wir als Techno-Magazin. Viele sind über die Jahre abgetaucht oder untergegangen, denn letzten Endes hat sich gezeigt, dass auch hier die Gesetze des Marktes irgendwann greifen.

mw: Gab es dafür einen bestimmten Zeitpunkt?

Mertmann: Der wichtigste Einschnitt kam für „raveline“ im Jahre 1995, als der A.E.C. Geronimo Verlag die Geschäfte übernahm und das Magazin vom kostenlosen Fanzine zur Monatszeitschrift in den Zeitschriftenhandel brachte. Dieser Schritt war mutig aber notwendig, wie uns die Entwicklung unserer damaligen und heutigen Mitbewerber immer wieder vor Augen führt. Wie Abonnentenstatistiken und regelmäßige Leserbefragungen immer wieder aufzeigen, hat „raveline“ einen hohen Anteil an Stammlesern, die das Magazin zum Teil schon seit den Gründerjahren verfolgen. Aber gerade auch der positive Zuspruch vieler neuer Leser, die uns zum ersten Mal in die Hände bekommen, zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

mw: Wie definieren Sie dabei Ihren Standort als Musikmagazin?

Mertmann: raveline versteht sich als Mittler zwischen DJ-Subkultur – dem Inner Circle, der immer die frischesten, neuen Platten im Koffer hat – und dem Konsumenten, dem Partygänger, Plattenkäufer, Nachwuchs-DJ. Der Begriff „Konsument“ trifft den „raveline“-Leser auch nicht wirklich, denn wir stellen immer wieder fest, dass die Techno/Dance-Szene zum Großteil nicht aus passiven, sondern aus aktiven, jungen Leuten besteht. Viele bringen sich bereits nach kurzer Zeit selbst in die Szene ein, beginnen, selbst Platten aufzulegen, oder gar eigene Musik zu produzieren. „raveline“ versucht, sowohl den alten Hasen noch stets etwas Neues zu erzählen wie auch den Neu-Einsteigern einen Zugang zu bieten, den sie verstehen.

mw: Dem Print-Markt geht es genau wie dem Musikmarkt nicht besonders gut. Wie haben Sie darauf reagiert?

Mertmann: „raveline“ hat natürlich auch schwierige Zeiten hinter sich gebracht. Als Musikmagazin hatten wir unter zwei Krisen gleichzeitig zu leiden: die Krise des allgemeinen Werbemarktes und die der Musikindustrie. Allerdings haben wir als Magazin auf der Cutting Egde zwischen Underground und Overground den Vorteil, das unsere Szenepartner von dieser Krise nicht ganz so stark betroffen sind. Die Independent Labels können sich naturgemäß viel flexibler auf Veränderungen in der musikalischen Landschaft einstellen. Sie setzen in der Regel die Trends und liefern innovative Ideen, auf die die Majors erst reagieren müssen, was bei ihrer starren Struktur oft nur mit erheblicher Verzögerung möglich ist. Für diese Firmen sind wir nach dem Niedergang unseres Mitbewerbers „Frontpage“ und den Problemen der noch verbliebenen Dance-Titel ein noch wichtigerer Partner geworden.

mw: Konkret, wie sehen Sie das Anzeigengeschäft?

Mertmann: Wir konnten den Rückgang der Major- und Agentur-Anzeigen durch Independent-, Event- und Technik-Anzeigen zum Teil kompensieren. Außerdem haben wir es geschafft, Partnerschaften mit Markenartiklern und Bundesbehörden zuschließen, durch die wir uns langfristig von den üblichen Umsatzquellen unabhängiger gemacht haben. So haben wir für Unternehmen wie Chupa Chups, Samsung, Fanta und aktuell Motorola Marketingkampagnen in der Dance-Szene erfolgreich konzeptioniert und umgesetzt. Dies nicht nur durch klassische Anzeigenaktivitäten, sondern vor allem durch kredible Aktionen außerhalb des Heftes, etwa mit gemeinsamen Auftritten auf Szene-Events. Zu nennen sind hier u.a. unsere Kampagnen für die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die wir darin unterstützen, ihr Drogenaufklärungs-Portal Drugcom.de in der Dance-Szene bekannt zu machen.

mw: Wie hat sich die Auflagen entwickelt?

Mertmann: Glücklicherweise haben wir es geschafft, unsere Auflage einigermaßen stabil zu halten. Laut der letzten IVW-Prüfung verkaufen wir nach wie vor um die 57.000 Hefte im Monat. In den letzten drei Monaten haben wir eine deutliche Erholung des Anzeigenmarktes gespürt und die Attraktivität der Dance-Szene bei den Markenartiklern steigt wieder. Ein weiteres Standbein unseres Verlages ist T-raveline, unser Reisebüro, das Partyreisen verkauft.

mw: Wie wichtig sind Sie Kooperationen oder Präsentationen wie etwa bei Mayday oder DDA?

Mertmann: Wir pflegen sehr enge Kontakte zu unseren Partnern aus der Event- und Club-Szene. Events wie der Deutsche Dance Award, Nature One, Loveparade, SonneMondSterne, Mayday oder auch Time Warp sind für „raveline“ wichtige Präsentationsplattformen, auf denen wir mit der Leserschaft in Kontakt kommen. „raveline“ ist dort regelmäßig mit Promotion-Ständen, einem eigenen Loveparade-Wagen oder auch gemeinsam mit unseren Sponsoren präsent, und wir wissen natürlich, dass gerade in der Techno-/Dance-Szene das Come-Together das Salz in der Suppe ist. Es ist uns immer wichtig, die kleinen und großen Events zu supporten, denn davon lebt unsere Szene. Beim Dance Award ist „raveline“ Partner der ersten Stunde, weil wir finden, dass ein so wichtiges Musiksegment auch einen eigenen Award verdient.

mw: Welche Funktion hat „raveline“ für die Dance-Szene?

Mertmann: „raveline“ hat – heute mehr denn je – die Funktion eines Sprachrohrs und wichtigen Meinungsbildners für die Dance-Szene. Mit rund 400 Plattenbesprechungen, 2000 Partytipps und qualifizierten, aber verständlichen Technikfeatures gibt es dem Leser Orientierung über relevante Entwicklungen in unserem Musik-Segment. Dabei versuchen wir die Balance zwischen Underground und Overground zu waren. Wichtig ist, dass die Redaktion auch hinter dem steht, was geschrieben wird, und dass die Szene weiß, dass wir ein unbestechlicher Katalysator sind. Wir sind stolz, dass wir in unserem Jubiläumsjahr mit der Verleihung des Awards „Bestes Magazin 2002“ beim diesjährigen Deutschen Dance Award gewürdigt wurden.

mw: Welche Rolle spielt das Internet für diese Szenenverankerung?

Mertmann: Unser Internetportal www.dancecube.de ist ebenfalls ein wichtiges Update für aktuelle Dance-News. Mit über 3,2 Mio. PIs und über 400.000 Visits im Monat ist es sicherlich das erfolgreichste Portal im Dance-Bereich. Nach unserem Relaunch im August werden wir dancecube.de mit neuen Partnern präsentieren. Neben einem Vinyl-Shop und einem legalen MP3- Bereich werden wir dort auch weiteren Firmen aus der Szene die Möglichkeit geben, sich darzustellen und die auftretenden Synergieeffekte auf einer gemeinsamen Plattform zu nutzen. In Ansätzen ist uns das mit der Online-Kooperation mit Nature-one.de, der Website des größten Techno-Festival-Veranstalters in Deutschland, und Technoforum.de, dem populärsten deutschen Diskussionsforum zum Thema Techno, bereits gelungen. Hier werden wir unser Engagement in den nächsten Monaten noch verstärken.