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Profitieren Terroristen vom DVD-Schwarzmarkt?

Die britische Filmbranche zieht mit Unterstützung des Handels eine Verbindung zwischen dem Geschäft mit illegal kopierten DVDs und dem organisierten Verbrechen. Allerdings stößt die Kampagne in der Öffentlichkeit auch auf Kritik.

“Beim Kauf einer raubkopierten DVD können sie sich indirekt mitschuldig machen am Tod unschuldiger Kinder, Frauen und Männer durch Angriffe von Terroristen.“ Mit dieser drastischen Aussage leitete der britische Industry Trust for Intellectual Property Awareness (ITIPA) kürzlich im Kampf gegen die internationale Film- und Musikpiraterie eine groß angelegte Kampagne im Wert von rund 2,25 Mio. Euro ein. Zu der Gruppierung zählen neben Unternehmen wie 20th Century Fox, Columbia Tristar, Universal Pictures und Paramount Home Entertainment auch Fachhandelsketten wie HMV und Supermarktbetreiber wie Wal-Mart oder Asda. Die Kampagne unter dem Motto „Piracy Is A Crime“ setzt auf Aufklärung über das Internet, per Kinowerbung und Poster. Ein begleitender Bericht, den die ITIPA-Macher kürzlich in London der Öffentlichkeit vorstellten, zeigt zudem Verbindungen zwischen Schwarzhändlern und dem organisierten Verbrechen auf: Jeder in die Produktion von Raubkopien gesteckte Euro würde sich auf dem Schwarzmarkt verzehnfachen lassen, ein Kilo raubkopierter DVDs sei demnach mehr Wert als ein Kilo Haschisch.

Wie die ITIPA-Macher mit Bezug auf Untersuchungen von Interpol erklären, kämpfen neben Terroristen und Schwarzhändlern auch paramilitärisch organisierte Gruppierungen um ihren Anteil am Pirateriegeschäft. Dessen Wert liege derzeit bei rund 750 Mio. Euro, bis zum Jahr 2007 sei mit einer Verdoppelung dieser illegalen Umsätze auf 1,5 Mrd. Euro zu rechnen. „Die Verbindung zwischen dem organisierten Verbrechen und raubkopierten Waren ist bestens etabliert, aber Interpol muss davor warnen, dass sich gewerbsmäßige Urheberrechtsverletzungen zur wichtigsten Einnahmequelle zahlreicher terroristischer Vereinigungen entwickeln“, zitiert der ITIPA-Bericht Interpol-Generalsekretär Ronald Noble. Trotzdem werfen manche Beobachter der ITIPA vor, sie setze die Verbindung zwischen dem Verkauf raubkopierter DVDs und dem internationalen Terrorismus einzig als Druckmittel ein in ihren verzweifelten Bemühungen, den rasant wachsenden Weltmarkt für Piraterieprodukte zu beschneiden.

Ein Kommentator warf der ITIPA gar „Panik-Propaganda“ vor. Auch Interpol-Mitarbeiter Noble schwächte seine früheren Aussagen aus dem ITIPA-Bericht zwischenzeitlich ein wenig ab: Zwar sei es durchaus möglich, dass Urheberrechtsverletzungen Terrorgruppen zur Finanzierung ihrer Aktivitäten dienten, nachprüfbare Beweise für eine substanzielle Verbindung zwischen dem Geschäft mit illegalen DVDs und den Terroristen gebe es aber nicht. Parallel dazu sorgten Kino-Werbespots der britischen Federation Against Copyright Theft (FACT) für Beschwerden des Publikums: Die Spots verbreiten die These, durch DVD-Piraterie finanzierte Terroristen seien dabei, die Gesellschaft sowie die Film- und Videobranche zu zerstören – und damit gleich die Lebensfreude der Bürger. Die Öffentlichkeit nahm diese Aussage der Kampagne unter Beschuss. Wer eine direkte Beziehung zwischen der Piraterie und ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft herstelle, der würde den Schwarzmarkt überbewerten und nur für übertriebene Angst sorgen.

Die FACT-Macher wollten solche Vorwürfe allerdings nicht kommentieren. Raymond Leinster, Direktor von FACT, betont dagegen, dass es sich immerhin bei rund 30 Prozent aller in Großbritannien verkauften DVDs um Kopien aus illegalen Quellen handelt. Zwar glaubt auch er nicht an eine maßgebliche Beteiligung terroristischer Kreise am DVD-Schwarzmarkt, er betont aber dennoch: „Mit dem Kauf illegal kopierter DVDs unterstützen viele Konsumenten unwissentlich Schwerkriminelle mit Verbindungen zu Drogen- und Waffenhändlern oder Geldwäschern.“ Neben der Angst vor einer Allianz zwischen dem organisierten Verbrechen und der Filmpiraterie wundern sich Vertreter der britischen Filmbranche über das mangelnde Qualitätsbewusstsein der Konsumenten: Obwohl sie große Summen in den Kauf hochentwickelter Heimkino-Anlagen stecken, akzeptieren sie oft miserable Qualität von Piraterieprodukten. Nach FACT-Angaben zeigen rund 90 Prozent aller in Großbritannien beschlagnahmten DVDs unscharfe Filme, die mit Camcordern in Kinos mitgeschnitten wurden.