musikwoche: Was hat sich seit der Premiere verändert?
Dirk Metzger: Erfreulicherweise hat sich die Veranstaltung vom Pilotprojekt – von dem Viele geglaubt haben, dass es in der so genannten Musikwirtschafts-Diaspora keine zweite Saison erleben wird – zur festen Größe als Frühjahrsmeeting der Branche etabliert. Seit dem ersten Meeting in Stuttgart haben wir das Konzept programmatisch weiterentwickelt und klarer profiliert. Wir haben 2002 den Kongress „ZukunftPop“ ins Leben gerufen. Diese nichtöffentlichen Gesprächsrunden bieten allen Beteiligten neue Gesprächsmöglichkeiten und eine Quelle für neue Ideen und Kontakte. Stark ausgebaut haben wir das Angebot an Workshops und Talkrunden. Aber immer mit Blick darauf, vor allem die Qualität zu verbessern. Neue Elemente des Programms in diesem Jahr sind der Existenzgründersprechtag sowie die Verleihung des „1. pop.forum-ClubAward“. Geblieben ist der besondere Charme der Veranstaltung.
mw: Vor fünf Jahren hatte das Branchenmeeting Pionierfunktion – inzwischen gibt es noch andere ähnliche Veranstaltungen. Wie grenzt man sich in Mannheim zum Beispiel von forward2business ab?
Petra Höhn: Wenn man etwas Gutes macht, muss man immer damit rechnen, dass sich andere daran orientieren. Das ist völlig okay und geht nicht nur uns so. Forward2business ist für den Osten der Republik eine wichtige Veranstaltung und eine schöne Ergänzung im Terminkalender. Das pop.forum-Branchenmeeting ist mit den verschiedenen Veranstaltungsteilen für die Zielgruppen klarer ausdifferenziert. Ganz bewusst setzen wir auf ein szenekompatibles Flair. Das beginnt bei der Auswahl der Location, der Konzeption der Veranstaltungsteile und der Auswahl der Talkgäste. Wichtig ist uns, dass wir die Unaufgeregtheit bewahren, die das Meeting auszeichnet.
mw: Warum sind die Workshops im Kongress „ZukunftPop“ nicht öffentlich?
Höhn: Es geht darum, konzentriert und durchaus auch kontrovers zu diskutieren. Dies gelingt in geschlossener Atmosphäre oftmals effizienter. Unter den Augen der Öffentlichkeit lässt der Mut der Akteure doch deutlich nach. Anders als beim klassischen Panelposing sollen in diesen Runden die Akteure selbst von den Runden profitieren. Aber selbstverständlich werden die interessantesten Kernthesen im Anschluss auf dem Branchenmeeting der Öffentlichkeit vorgestellt.
mw: Ist es vor dem Hintergrund der kritischen Situation der Branche schwieriger geworden, ein solches Meeting zu veranstalten?
Metzger: Nein. Gerade die vielen offenen Fragen und Probleme, die in den letzten Jahren an Bedeutung hinzugewonnen haben, bieten eine Fülle an Themen. Allerdings ist es uns wichtig, trotz aller Probleme endlich wieder zuversichtlicher in die Zukunft zu schauen. Lamentieren bringt keinen weiter. Wir wollen diskutieren, nach Lösungen suchen – wie in den letzten Jahren zum Beispiel mit dem Thema „Förderung der Liveszene“. Der Club-Award ist eines der Projekte aus dem letzten Meeting, das wir jetzt umgesetzt haben.
mw: Auf welche Inhalte legt das diesjährige Meeting den Fokus?
Höhn: Die verschiedenen Bausteine noch klarer voneinander abzugrenzen, auf die unterschiedlichen Zielgruppen zu fokussieren und somit noch interessanter Know-how in konzentrierter Form vermitteln zu können. Bereits morgens um zehn legen die drei Expertenrunden im Rahmen des Kongresses „ZukunftPop2004“ unter Leitung von Prof. Udo Dahmen los. Im Mittelpunkt steht dieses Jahr das Thema „Europa und Bildung“. Denn auch die Popakademie ist auf dem Weg nach Europa. Dabei ist das Mittagsprogramm praxisbezogen und interaktiv in kleineren und mittleren Teilnehmergruppen. Abends geht es dann um die Perspektiven der Musikverwertung. Mit der Verleihung des ersten pop.forum-ClubAward wollen wir außerdem darauf aufmerksam machen, dass eine funktionierende Clublandschaft ein wichtiger Baustein für eine florierende Branche ist. Und es geht in allen Diskussionen und Panels natürlich auch darum, spannende und neue Protagonisten aus verschiedenen Bereichen der Branche zu Wort kommen zu lassen – vor allem auch neue frische Gesichter mit ungewöhnlichen Ideen und Thesen.
mw: Mannheim hat die Popakademie und das Branchenmeeting, Xavier Naidoo und noch viele andere kreative Söhne – woran liegt es, dass diese Stadt anscheinend mehr ist als ein regionales Zentrum für Popkultur?
Metzger: In der Tat hat Popmusik in der Region eine große Tradition: Torch, Jule Neigel, Edo Zanki, The Busters, De Phazz, Laith Al Deen oder auch praktisch die gesamte Band von Herbert Grönemeyer sind nur einige prominente Beispiele. Im Südwesten spielt eine gute musikalische Grundausbildung bei Jugendlichen eine große Rolle; Baden-Württemberg verfügt aber auch über die meisten Musikhochschulen, von bundesweit 20 findet man allein fünf hier. Das hat zwar wenig mit Popmusik zu tun, aber der kreative Humus und die handwerkliche Musikausbildung sind keine zu verachtenden Faktoren. Die hiesige Region ist durch die vielen Studenten und einen hohen Ausländeranteil multikulturell geprägt – den Stadtteil Jungbusch, in dem die Popakademie gerade entsteht, könnte man als badisches Kreuzberg bezeichnen. Das sorgt für ein offenes kulturelles Klima, und so entstehen Grundlagen für musikalischen Stilmix. Aber es gibt noch eine andere Besonderheit, denn nicht zuletzt die prägende Wirkung des amerikanischen Hauptquartiers der Streitkräfte in Deutschland in Heidelberg sorgte schon früh dafür, dass Popmusik oder damals Rock’n’Roll und R&B in Clubs und in den Medien eine große Rolle spielten. Ganz nebenbei: Popakademie-Geschäftsführer Hubert Wandjo, der neben BWL auch Gitarre studiert hat, spielte in seinen Jugendjahren genau in solchen Ami-Clubs bis zu fünfmal in der Woche.
mw: Was wünschen Sie sich für das Branchenmeeting in diesem Jahr?
Höhn: Teilnehmer und Besucher sollen die Popakademie als Kompetenzzentrum für die Musikwirtschaft im Südwesten sowie als Institution mit maßgeblichen Projekten für Existenzgründungen in der Musikbranche wahrnehmen. Und sie sollen nicht nur mit einem Stapel Visitenkarten heimgehen, sondern Kontakte knüpfen, von denen sie langfristig profitieren werden, und Input bekommen, den sie in ihrer beruflichen Praxis umsetzen können. Wir wollen aber auch ein neues Medienquartier in Mannheim präsentieren, das sich in den nächsten Jahren rund um die Popakademie zu einem spannenden Musikstandort entwickeln wird. Im Musikpark ziehen in den nächsten Wochen 50 neue Musik- und Medienfirmen ein. Was wir den Gästen auf alle Fälle versprechen können: eine große Begeisterung für das Thema Popmusik und eine unheimliche Aufbruchstimmung. Und wo gibt es das in diesen Tagen schon?
mw: Eine kleine Prognose, bitte: Wie sieht das Branchenmeeting im Jahr 2010 aus?
Metzger: Wir wollen es zusammen mit der Popakademie zu einer Kreativwerkstatt ausbauen. Es soll noch interaktiver werden: die Verknüpfung von Ausbildung, Trendforschung und Meeting, weit über den heutigen Horizont der Musikwirtschaft hinaus – ein echtes Popkulturmeeting, mitten in einem Stadtviertel, in dem das Thema Popmusik in Clubs, Büros und Wohnungen den Ton angibt. Ein New-Orleans-Feeling direkt zwischen Rhein und Neckar im Süden der Republik. Das wäre eine schöne Vision.






