Recorded & Publishing

Offener Brief von Dieter Stemmer, Dance Street

Zum zehnjährigen Geburtstag des Musikkanals Viva macht sich Dieter Stemmer, ein verdienter Aktivist der Dance-Szene, seine eigenen Gedanken.

Nachdem Dance Music eh kaum im Radio stattgefunden hat, ist nun auch bei Viva die Entscheidung gefallen, künftig darauf zu verzichten, neuen Dance-Titeln eine Chance durch eine N1-Rotation zu geben – egal, ob die Künstler vorher schon große Verkaufshits hatten oder nicht. So sind unter anderem die Kollegen Master Blaster und Mark ‚Oh bei Viva abgeblitzt und durften gar nicht erst ihre Videos für das Rotationsmeeting abliefern. Viva-Programmdirektor Stefan Kauertz begründet das so: „Fakt ist, wir waren immer ein Popkanal, und Pop besteht neben seiner Hauptkonsistenz immer aus Musikstilen, die mal populärer sind, mal weniger. Tatsache ist ebenso, dass die Verkäufe im Dance rückläufig sind und in den Discos die Black Music den Dance aus der Haupthalle verdrängt hat. Wir waren nie geschmäck- lerisch und sind es darum auch jetzt nicht.“

Hier stellt sich jetzt für jedermann die Frage, wie man Pop und Dance musikalisch exakt trennen kann – ist Kylie Minogue nun Pop oder Dance? Darf man sich zu Popmusik überhaupt rhythmisch bewegen, ohne dabei den Verdacht aufkommen zu lassen, dass es vielleicht doch eher Dance ist? Und bei Master Blaster oder Mark ‚Oh ist man als Insider doch immer davon ausgegangen, dass das eher Pop als Dance ist, oder? Nun ja, Wischiwaschi-Aussagen hat Viva während seinem zehnjährigen Bestehen schon immer gemacht, um zu erklären, warum ein Video nicht gespielt wird und ein anderes doch. Warum soll sich also nach zehn Jahren etwas daran ändern, dass Viva sich immer windet, wenn es darum geht, konkrete und wahrheitsgetreue Aussagen zu machen. Fragt man aber mal nach, warum denn Künstler wie Tote Hosen, Ärzte oder Westernhagen immer und bei jeder neuen CD-Veröffentlichung hundertprozentig Unterstützung bekommen, muss man im Hinterkopf haben, dass die Aussage von Stefan Kauertz – „wir waren nie geschmäcklerisch“ – wohl nicht ganz stimmen dürfte. Wer hat denn das jugendliche Publikum penetriert mit diesen Künstlern? Und ob die Viva-Zuschauer auch die Zielgruppe dieser Stars sind, dürfte ebenfalls fraglich sein. Es werden doch wohl eher deren Eltern oder große Geschwister sein.

Dass Viva mit solcher Programmpolitik auf Dauer Zuschauer verloren hat, beweisen die Zahlen im Vergleich mit MTV und die gerade veröffentlichte Umsatzbilanz von 2003. Verständlich: Warum auch soll ein Label bei Viva Werbung schalten, wenn die Videos eh nicht gespielt werden? Gerade im Dance-Bereich wurden große Summen in die Promotion bei Viva gesteckt – und nur, weil die jetzt nicht mehr so fließen, will Viva die gesamte Dance-Industrie bestrafen? Dieser Verdacht regt sich jedenfalls. Dass die Verkäufe von Dance-Music rückläufig sind, ist nicht wegzudiskutieren. Aber über die Gründe, warum das so ist, macht sich niemand mehr richtig Gedanken, denn das einstige Lieblingskind der Branche (mit den meisten Single-Veröffentlichungen und Hunderten von Charts-Hits) ist bereits ersäuft, und neue „Babys“ sind dank Bohlen, RTL & Co. geboren. Dass diese aber nur so lange leben, bis sie vernünftig laufen gelernt haben, und danach einen gnadenlosen Tod finden, ist ein nicht wegzudiskutierender Fakt. Hier klingeln die Kassen nur für eine kurze Zeit, und von „Künstleraufbau“ kann keine Rede sein – es sind alles nur genmanipulierte Umsatzbringer.

Dance Street hat zwar auch im Lauf der letzten Jahre sein Programm um andere Musikrichtungen und Labels erweitern müssen, weil sich mit Dance allein das Unternehmen nicht aufrechterhalten lässt. Aber dennoch wird Dance auch weiterhin ein wichtiger Bestandteil des Unternehmens bleiben, denn mit dieser Musik hat die Company ihre größten Erfolge im In- und Ausland gefeiert. Krisen gab es schon immer, seitdem es Dance Music gibt, und es gab zwischendurch immer Höhen und Tiefen der Popularität. Die Majors haben sich immer dann von dem Geschäft zurückgezogen, wenn es „brenzlig“ wurde, sind aber auch erneut aufgesprungen, wenn Independent-Labels mit Dance wieder Erfolge feierten. Warum sich jetzt also aufregen, wenn Viva und die Majors sich wieder vom Markt zurückziehen? Getanzt wird immer; Diskotheken, die Dance-Music spielen, wird es auch weiterhin geben.

Auch Viva wird – vorausgesetzt, dem Kanal laufen in den nächsten Monaten und Jahren nicht noch mehr Zuschauer weg – irgendwann wieder auf den Dance-Music-Zug aufspringen, und sei es nur, weil man auf die Werbemillionen nicht verzichten will, die es dann wieder zu verdienen gibt. Bis dahin hält Dance Street der Dance Music weiterhin die Stange. Die Independent-Labels setzen eben immer noch die Trends. Früher ging das auch ohne Viva, und künftig geht es erst recht.