49/2005 o-ton.konrad von löhneysen MusikWoche: Wie unabhängig ist Ministry of Sound (MoS) Deutschland von der britischen Firma gleichen Namens? Konrad von Löhneysen: Eigentlich arbeiten wir seit unserer Gründung vor vier Jahren autark. Denn MoS England ist kein Mehrheitsgesellschafter. Man könnte sagen, wir sind ein Franchisenehmer. Natürlich sind wir froh, wenn wir aus England erfolgreiches Repertoire bekommen, das dann auch bei uns funktioniert, so wie vergangenes Jahr Eric Prydz mit „Call On Me“, das in Deutschland sechs Wochen auf Platz eins war. Ansonsten verfolgen wir hier aber eine sehr viel breitere Repertoirepolitik. MW: Wie sieht die aus? von Löhneysen: Wir achten sehr darauf, wo wir die Marke MoS verwenden und wie wir das kommunizieren. Wahrscheinlich wissen nicht viele, dass wir ein Album von Carla Bruni oder Simply Red herausgebracht haben. Die Marke MoS ist nur für solches Repertoire sinnvoll, für das sie Strahlkraft und einen guten Ruf hat, zum Beispiel für die Compilations. Die anderen Sachen veröffentlichen wir auf anderen Labels, oft auf den Labels der Künstler. Vor ein paar Wochen haben wir zum Beispiel ein Album von Sly & Robbie mit Sinead O’Connor veröffentlicht. Zur Marke MoS passt dieses Album nicht; es ist aber trotzdem stark. Und zumindest in Berlin gibt es hierfür ein großes Publikum: Als Sinead O’Connor mit Sly und Robbie vor ein paar Tagen im Tempodrom spielte, kamen 2000 Leute. Damit hätte ich nicht gerechnet. MW: Wie kommen Sie mit dem Spagat zwischen so konträren Themen wie Sinead O’Connor und Crazy Frog klar? von Löhneysen: Scherzhaft formuliert wendet sich unsere Repertoirepolitik entweder an Konsumenten unter zehn oder über 30; auf der einen Seite haben wir Carla Bruni, Sinead O’Connor und Pink Martini, auf der anderen Goleo und Crazy Frog. 12 Repertoire für Konsumenten unter zehn und über 30 „Dieses Spiel machen wir nicht mit“ Berlin – Mit Ministry of Sound Recordings Germany widmet sich Managing Director Konrad von Löhneysen höchst unterschiedlichen Themen, vom Fußballmaskottchen Goleo und Crazy Frog bis hin zu Carla Bruni und Simply Red. Dieser Tage hält ihn jedoch vor allem einer in Trab: Xavier Naidoo. Im Gespräch mit Manfred Gillig-Degrave erzählt der Soundminister, wie seine Firma tickt und was ihm an „Wetten, dass …?“ missfällt. 49/2005 13 konrad von löhneysen.o-ton MW: Bauen Sie auch neue Künstler auf? von Löhneysen: Wir können nicht drei oder vier Newcomerbands aus Deutschland parallel aufbauen, dafür haben wir nicht die Kapazitäten. Wir versuchen lieber, langfristig mit den wenigen Acts zu arbeiten, die wir haben. Und wenn es nicht beim ersten Album klappt, dann vielleicht beim zweiten oder dritten. Im Pop-Mainstream einen Newcomer zu breaken, ist eben nicht einfach. Aber mit der Gruppe Klee, die jetzt mit Nena auf Tournee ist, arbeiten wir zum Beispiel seit dreieinhalb Jahren. MW: Derzeit ist „Telegramm für X“, das neue Album von Xavier Naidoo, für Sie das wichtigste Thema. Sind Sie mit der bisherigen Resonanz zufrieden? von Löhneysen: Ja, nur nicht mit „Wetten, dass …?“ MW: Wieso? Gab es da Probleme? von Löhneysen: Seit Mai stand fest, dass „Wetten, dass …?“ am 5. November in Mannheim sein würde. Wir waren uns zu 95 Prozent sicher, dass die Sendung an Xavier Naidoo nicht vorbeikommen würde, zumal er seit 1998 mit Gérard Dépardieu und dem Song „Sie sieht mich nicht“ aus dem Obelix-Film nicht in der Sendung war. Seitdem hatte er zwei Soloalben und zwei Alben mit den Söhnen Mannheims, die zusammen über vier Millionen Stück verkauft haben. Und außerdem fand „Wetten, dass …?“ in Mannheim statt – aber es hieß nur: Nein, wir nehmen keine nationalen Künstler, und der regionale Bezug zu Mannheim hatte auch keine Bedeutung. Mitte September hat man uns mitgeteilt, dass man statt eines nationalen Acts lieber Anna Netrebko, Green Day, Madonna und Santana in die Sendung holen wollte. MW: Mussten Sie deshalb umdisponieren? von Löhneysen: So hat sich unser Konzept zerschlagen. Wir wollten das neue Album überhaupt nicht ankündigen. Wir dachten, Xavier tritt bei „Wetten, dass …?“ mit „Dieser Weg“ auf; wir wussten seit Ende letzten Jahres, dass das die Single sein würde. Wir fanden diesen Song so stark, dass wir kein Video, kein Radio brauchten – am Montag nach der Gottschalk-Sendung sollte die Single im Handel sein. Es sollte der absolute Überraschungseffekt werden. MW: Sind Sie beleidigt, weil „Wetten, dass …?“ nicht mitspielte? von Löhneysen: Das Verhalten von „Wetten, dass …?“ finden wir krass. Vor allem die Begründung, regionaler Bezug spiele keine Rolle. Deswegen haben auch die Toten Hosen in zwei Wochen in Düsseldorf keine Chance. Aber im Januar findet die Show dann in Salzburg statt – und zwar mit der Österreicherin Christina Stürmer. So viel zum nicht erwünschten nationalen und regionalen Bezug. Der Bundesverband Phono betont immer, wie wichtig es sei, die nationalen Künstler zu stärken, und beim diesjährigen Echo hat das ja wunderbar funktioniert; niemand hat sich beschwert. Wenn das beim Echo klappt, warum kann dann „Wetten, dass …?“ nicht mitziehen? Die zweite Begründung für die Ablehnung war übrigens, dass „Dieser Weg“, die Single, „von der Temperatur her“, so der Wortlaut, nicht in eine Familienshow passt. Als ob all die Radiohörer, die ihn täglich hören, suizidgefährdete Einzelgänger ohne Familienbezug seien. Das hat uns am meisten geärgert. Ein Künstler eckt doch immer irgendwo an, schließlich ist er kein Versicherungsvertreter. MW: Kann es nicht im nächsten Jahr noch zu einem Auftritt bei Gottschalk kommen? von Löhneysen: Nein, wir wollen nicht mehr. MW: Warum so enttäuscht? von Löhneysen: Das Problem in Deutschland ist doch, dass wir immer weniger Musik verkaufen. Aber auf der anderen Seite haben wir eine Beliebigkeit und Massenverfügbarkeit von Musik. Es gibt in manchen Regionen 15, 20 oder 30 Radiostationen. Die eine spielt eine Single, die andere nicht; wieder eine andere spielt die Single nur, wenn auch die anderen Sender sie spielen. Aber Titel und Künstler sagen dabei nur noch die wenigsten an. Dieses Spiel wollten wir nicht mehr mitmachen. Ein Auftritt bei Gottschalk – und am Montag ist die Platte im Handel. Das wär’s gewesen. Auch wenn der Vergleich hinken mag: In den Siebzigern war das bei der „ZDFHitparade“ so – da sind die Künstler zum ersten Mal mit einem Song aufgetreten, und die Zuschauer konnten das gut finden oder nicht und sich hinterher die Platte kaufen oder eben nicht. MW: Für Xavier Naidoo arbeitet ein dezentrales Netzwerk. Wie funktioniert das? von Löhneysen: Man kennt dieses Konzept schon von anderen Acts, zum Beispiel den Toten Hosen, dass man auf eigenem Label veröffentlicht und dann mit Vertriebspartnern arbeitet. Aber wir haben in der Tat ein zusammengewürfeltes Team – in Mannheim, Berlin, Hannover und Hamburg. Das ist wie ein Körper, wenn ich mir mal eine Analogie erlauben darf: Das Herz – also die Kreativität – schlägt in Mannheim im Studio beim Künstler und beim Label; die Füße sind in Hannover beim Vertrieb SPV; der Kopf ist in Hamburg die Anwaltskanzlei Jörn Zimmermann und Michael Decker, und die Arme mit Marketing, Promotion und Koordination sind wir in Berlin bei Ministry of Sound. Wir hatten bis jetzt vielleicht zwei oder drei Meetings, wo wir alle an zur person Konrad von Löhneysen, Jahrgang 1963, ist Vorstandsmitglied der deutschen Phonoverbände und Managing Director von Ministry of Sound Recordings Germany. Vor 20 Jahren begann er seine Karriere als Plattenverkäufer in Nürnberg. Nach Stationen bei Ariola und BMG in München und New York wurde er 1993 General Manager von Logic in Frankfurt und 1997 Geschäftsführer des deutschen Ablegers von Jive Records in Köln. Von 1999 bis 2003 fungierte er als Musikvorstand der IN-Motion AG. „Wir haben eine Massenverfügbarkeit von Musik“ 3 Findet „Wetten, dass …?“ krass: der Soundminister aus Berlin 14 49/2005 o-ton.konrad von löhneysen einem Tisch saßen – bei einer großen Plattenfirma sitzt man hingegen jede Woche im Meeting. Aber wir sind so gut aufeinander eingespielt, dass nichts auf der Strecke bleibt. Es funktioniert auch deshalb so gut, weil alle Beteiligten wissen, was Xavier will und was nicht, auch wenn sie räumlich nicht so nah dran sind. Und ein weiteres Glied in der Kette ist Marek Lieberberg, der die Tournee veranstaltet. Das wird mit 30 Gigs die größte Tour, die Naidoo je gemacht hat. MW: Wie hoch ist der Marketingetat für das neue Album? von Löhneysen: Im Vergleich mit internationalen Popstars haben wir uns doch eher zurückgehalten. Bauzaunplakatierung gibt es nur im Zusammenhang mit der Tournee. Auch bei der Fernsehwerbung feuern wir nicht die volle Breitseite ab. MW: Kümmert sich Ministry of Sound zurzeit noch um etwas anderes als Naidoo? von Löhneysen: Ja, das zweite Thema ist Goleo, der Löwe der Fußballweltmeisterschaft. Wir haben dazu ein komplettes musikalisches Konzept gemacht; die erste Single wird am 9. Dezember erscheinen, genau an dem Tag, an dem in Leipzig die Gruppenauslosung stattfindet. Da wird Goleo vor schätzungsweise 1,2 Milliarden Fernsehzuschauern zum ersten Mal seinen Song bringen, übrigens eine Nummer von Bob Sinclair, „Love Generation“. Das ist eines unserer wichtigsten Themen. Um die „Süddeutsche Zeitung“-Edition müssen wir uns natürlich auch weiterhin kümmern. In den aktuellen Folgen haben wir wieder viele prominente Gastautoren; Sven Regener hat ein Essay geschrieben, Greil Marcus, Moritz von Uslar. MW: Und was ist mit dem Crazy Frog? von Löhneysen: Das Thema ist noch nicht durch; am 25. November kam eine neue Single, die wahrscheinlich genauso erfolgreich wird wie die erste. Man muss es einfach mal sagen: Crazy Frog ist der erfolgreichste Single-Künstler in Europa. Und von wegen einfach produziert: Da steckt ein halbes Jahr Arbeit dahinter. Gerade kommerziell gestrickte Themen verleiten ja oft dazu, dass man meint, das kann ich auch, das kann jeder. Wenn es indes so einfach wäre, dann hätten wir viel öfter solche Hits. Den Mainstream so exakt zu treffen, ist oft schwieriger als tausend andere Fälle, die in der Nische unterwegs sind. MW: Wie viele Mitarbeiter hat MoS? von Löhneysen: 25. Außerdem haben wir eine Büro- und Verwaltungsgemeinschaft mit V2, wobei V2 zwar völlig separat arbeitet, wir aber als Dienstleistung viel für sie machen, das komplette Backoffice, die Radiopromotion. Außerdem betreuen wir das Label Mach 1, und der Internetvertrieb Zebralution hat sein Büro bei uns – wie übrigens auch Motor FM und die Agentur m2m, Mission to Mars. Zudem haben wir seit Anfang Januar 2005 auch eine Kooperation mit dem Label Stereo Deluxe, das jetzt von Stefan Strüver als Geschäftsführer und A&R geleitet wird. MW: Ist Ministry of Sound in Deutschland jetzt stärker vernetzt als der Namensgeber in England? von Löhneysen: Ja, und zwar mit extremen Polen. Was Crazy Frog macht, hat mit Stereo Deluxe überhaupt nichts zu tun. Wir versuchen vielschichtig zu fahren. Wenn wir ein reines Dance-Label wären, hätte ich die Hälfte der Leute schon nach Hause schicken müssen. MW: Hilft in schwierigen Zeiten Repertoirediversifikation ? von Löhneysen: Auf jeden Fall, sehr sogar. Der Dance-Markt ist nur noch die Hälfte dessen, was er vor einigen Jahren war. Hinzu kommt, dass auch der Compilation- Markt extreme Schwierigkeiten hat. Das Geschäftsmodell von MoS England würde auf dem deutschen Markt nicht mehr so gut funktionieren. MW: Was ist das für ein Geschäftsmodell? von Löhneysen: Single-Hits haben, um dann damit Compilations zu verkaufen. Es gibt auch einen Unterschied in der TV-Werbung. Sie ist bei uns seit Jahren business as usual. Früher bei Ariola unter Albert Czapski war sie unverzichtbar, jetzt aber liegt der Anteil der Fernsehwerbung für Musik bei MTV oder Viva bei unter zehn Prozent. Wenn man sie bei uns gründlich machen willen, muss man auf allen Kanälen präsent sein. In England hingegen gibt es weniger Kanäle, die Möglichkeiten sind also sehr begrenzt. Wenn MoS in England ein neues Compilation-Konzept startet, schalten sie zwei, drei Spots übers Wochenende, vielleicht auch vier oder fünf, und haben am Montag direkt ein Feedback, weil die Spots so eine Durchdringung haben. In England ist man in dieser Hinsicht in einer glücklicheren Situation als bei uns: Man kann mit wenigen Spots sehen, ob ein Produkt funktioniert. Und noch eins: Bei uns beträgt der Umsatz mit Compilations zehn bis 15 Prozent vom Gesamtgeschäft; in England erreicht er 85 Prozent. MW: Wem gehört Ministry of Sound Deutschland? von Löhneysen: Ich bin Mitgesellschafter. MW: Ist noch die IN-Motion AG beteiligt? von Löhneysen: Wie bei SPV auch. Das Unternehmen ist an der Börse notiert, und man kann die Aktien kaufen oder verkaufen. Und es hat immer noch einige internationale Beteiligungen, zum Beispiel einen Filmvertrieb, betreibt aber kaum Neugeschäft. Einige Beteiligungen haben sie aber wieder verkauft, zum Beispiel Trauma Records in Los Angeles. „Das englische Geschäftsmodell würde bei uns nicht funktionieren“ Froh, dass er nicht nur Dance macht: Konrad von Löhneysen
O-Ton: Konrad von Löhneysen
Mit Ministry of Sound Recordings Germany widmet sich Managing Director Konrad von Löhneysen höchst unterschiedlichen Themen, vom Fußballmaskottchen Goleo und Crazy Frog bis hin zu Carla Bruni und Simply Red. Dieser Tage hält ihn jedoch vor allem einer in Trab: Xavier Naidoo. Im Gespräch mit Manfred Gillig-Degrave erzählt der Soundminister, wie seine Firma tickt und was ihm an „Wetten, dass …?“ missfällt.





