Recorded & Publishing

Nina Graf, Pro Musik: „Mit dieser Grundlage kann uns Politik nicht mehr wegmoderieren“

Am 5. Oktober 2026 rief der Verband Pro Musik freischaffende Musiker:innen dazu auf, an einer Befragung zur Studie unter dem Motto „Musik zählt“ teilzunehmen. Als Vorstandsvorsitzende von Pro Musik erläutert Nina Graf auf Nachfrage von MusikWoche den Zweck des Projekts, steckt mit 3000 Teilnahmen aber auch ein ambitioniertes Ziel ab und kündigt erste Ergebnisse für Anfang 2027 an.

MusikWoche: Fragen à la „Verdienen Sie genug?“ liefern schnell wohlfeil-erwartbare Ergebnisse. Droht hier eine ähnliche Gefahr, oder geht MUSIK ZÄHLT darüber hinaus?

Nina Graf: „Verdienen Sie genug?“ können wir uns sparen, die Antwort kennen wir alle. Uns interessiert, wie Musikschaffende überhaupt über die Runden kommen. Die wenigsten leben von einer Einnahmequelle, die meisten von einem Mix aus Gigs, Unterricht, Studioaufträgen, Rechteerlösen, Projektmitteln und oft einem Job, der mit Musik nichts zu tun hat. Genau das erfassen wir, getrennt nach Tätigkeitsbereichen. Wir setzen die Einkünfte ins Verhältnis zum tatsächlichen Arbeitsaufwand, also bezahlte und unbezahlte Arbeit. Wir fragen nach Kosten, Gewinn oder Verlust, Vertrags- und Arbeitsbedingungen, sozialer Absicherung, KSK-Status und Care-Arbeit. Und wir schauen darauf, was Streaming und KI mit unseren Einkommen machen. Am Ende steht ein Gesamtbild statt eines Stimmungsbarometers. Mit dieser Grundlage kann uns Politik nicht mehr wegmoderieren.

MusikWoche: Welche Erkenntnisse will PRO MUSIK mit der aktuell gestarteten Erhebung gewinnen?

Nina Graf: Wir wollen harte Fakten, denn ohne die hört uns Politik nicht zu, und die Stakeholder der Branche auch nicht. Wie wirken Tätigkeiten, Einnahmen, Kosten und Arbeitszeiten zusammen? Wo unterscheiden sich Genres, Regionen, Berufsphasen und Lebenslagen? Und vor allem: Wo brauchen einzelne Menschen Unterstützung, und wo ist es ein strukturelles, förder- oder sozialpolitisches Problem? Bisher heißt es allzu oft: „Das ist halt das Künstlerleben.“ Nein, ist es nicht. Wenn die Daten zeigen, wo das System hakt, können Politik, Förderung und Branche nicht mehr so tun, als wüssten sie von nichts. Endlich können Musiker*innen sagen, was alles schiefläuft.

„Unser Ziel sind 3000 Teilnahmen. Je breiter die Beteiligung, desto härter die Ergebnisse.“ Nina Graf, Pro Musik.

MusikWoche: Welchen Kreis an Personen wollen Sie mit der Befragung erreichen?

Nina Graf: Alle Musiker*innen in Deutschland, die 2025 selbst künstlerisch-musikschaffend tätig waren. Ausdrücklich auch die hybriden Modelle: Du unterrichtest an der Musikschule, spielst am Wochenende Konzerte und jobbst nebenbei im Café? Dann bist du gemeint! Wir wollen Pop und Jazz, Alte Musik und Songwriting, Jung und Alt, Profis und Semiprofis, Stadt und Land. Unser Ziel sind 3000 Teilnahmen. Je breiter die Beteiligung, desto härter die Ergebnisse.

MusikWoche: Alles Marke Eigenbau oder wissenschaftlich fundierter Ansatz: Wer hat die Befragung konzipiert, und welchen Beitrag hat der Verband selbst geleistet?

Nina Graf: Definitiv kein Eigenbau. Studiendesign und Fragebogen hat ein unabhängiges Forschungsteam um Prof. Dr. Carsten Winter von der HMTM Hannover entwickelt. Die Studie baut auf nationalen und internationalen Untersuchungen zur Erwerbssituation von Musikschaffenden auf.

„Applaus zahlt keine Miete“: Pro Musik begleitet die Studie Musik zählt mit Aufrufen unter anderem über die Social-Media-Kanäle des Verband. Foto: Pro Musik. Musik zählt

Unser Part als Auftraggeber: Wir koordinieren die Beteiligung und die bundesweite Ansprache. Gemeinsam mit unseren Gremien haben wir den Fragebogen auf Verständlichkeit, Vollständigkeit und technische Abläufe geprüft. Das Forschungsteam hat das Feedback fachlich bewertet und den Fragebogen überarbeitet.

Wir haben das auch nicht allein gestemmt. Viele Partner*innen haben ihr Know-how eingebracht, unter anderem Deutscher Musikrat, miz, Deutsche Jazzunion, FREO, UNISONO, Verband Alte Musik, BV Pop und Prof. Dr. Michael Ahlers von der Leuphana Universität Lüneburg. Das ist gelebte Solidarität. Alle Infos gibt’s unter www.promusikverband.de/musikzaehlt.

MusikWoche: Sprint oder Langzeitprojekt: Über welchen Zeitraum erstreckt sich die Befragung, und wann ist mit ersten Ergebnissen zu rechnen?

Nina Graf: Beides. Die Befragung selbst ist ein Sprint: Feldphase von Oktober bis Mitte November 2026, jetzt ist also die Zeit mitzumachen. Erste Ergebnisse sollen Anfang 2027 vorliegen. Und dann hört es nicht auf: Auf Basis der ersten Ergebnisse soll es ein dialogorientiertes Beteiligungsformat mit Musikschaffenden, Verbänden und weiteren Akteur*innen, um konkrete Handlungsoptionen abzuleiten. Wer will, kann sich am Ende des Fragebogens für Workshops und Round Tables vormerken lassen. Wir wollen keine Studie für die Schublade.

„Es wäre schön, wenn die Branche mal nicht nur über Umsätze und Formate spricht, sondern über die Menschen, die die Musik machen. Ohne Musikschaffende gibt es kein Recorded, kein Publishing, kein Live, kein Streaming.“ Nina Graf, Pro Musik.

MusikWoche: Wissenschaftliches Paper oder Insta-Carousel: Wie stellen Sie sich Auswertung und Veröffentlichung vor?

Nina Graf: Wir wollen beides, nur in der richtigen Reihenfolge. Erst kommt die saubere wissenschaftliche Auswertung, damit die Zahlen auch dem härtesten Gegenargument standhalten. Dazu gehört auch Ehrlichkeit: Differenzierungen nach Genre, Region oder Lebenslage zeigen wir nur, soweit die Fallzahlen sie tragen. Veröffentlicht wird ausschließlich so, dass keine Rückschlüsse auf Einzelpersonen möglich sind. Du musst für die Teilnahme deinen Namen nicht angeben. Danach sorgen wir dafür, dass die Ergebnisse nicht in einem PDF verstauben, sondern in Politik, Förderung, Musikwirtschaft und Verbandsarbeit ankommen. Wenn am Ende auch ein gutes Insta-Carousel dabei herauskommt, habe ich nichts dagegen. Hauptsache, die Erkenntnisse werden gehört.

MusikWoche: Nach Recorded, Publishing, Live, Streaming und zuletzt der Jugend: Könnte die Studie als Aufhänger fürs nächste „Klassentreffen der Musikwirtschaft“ beim Hamburger Musikdialog taugen?

Nina Graf: Unbedingt! Es wäre schön, wenn die Branche mal nicht nur über Umsätze und Formate spricht, sondern über die Menschen, die die Musik machen. Ohne Musikschaffende gibt es kein Recorded, kein Publishing, kein Live, kein Streaming. Wenn die ersten Ergebnisse Anfang 2027 vorliegen, haben wir etwas auf dem Tisch, über das man nicht nur in Hamburg reden sollte. Wir bringen die Zahlen mit, und die Branche und Politik darf gern die Antworten mitbringen.

„Wer ernsthafte Ergebnisse will, kann nicht fünf Fragen stellen und hoffen, dass das Bild stimmt. Es ist ein bisschen wie Steuererklärung, nur dass am Ende nicht das Finanzamt profitiert.“ Nina Graf, Pro Musik.

MusikWoche: Wir durften ein bisschen spicken: Da warten sehr viele, detaillierte Fragen auf die Teilnehmenden. Hand aufs Herz, haben Sie die Befragung bereits selbst vollständig ausgefüllt?

Nina Graf: Ja, ich habe mich durchgeklickt, und ja, es ist detailliert. Wir haben den Fragebogen so kurz gehalten, wie es ging, aber ehrlich: Plant etwa 45 Minuten ein. Wer ernsthafte Ergebnisse will, kann nicht fünf Fragen stellen und hoffen, dass das Bild stimmt. Es ist ein bisschen wie Steuererklärung, nur dass am Ende nicht das Finanzamt profitiert, sondern ihr selbst. Kaffee holen, durchatmen, loslegen.

Und weil eure Zeit knapp ist, gibt’s was zurück: Für alle, die mitmachen: ein Jahr kostenlose Neumitgliedschaft bei Pro Musik. Am Ende des Fragebogens könnt ihr euch anmelden. Das ist garantiert, ganz ohne Losglück. Obendrauf eine Verlosung unter allen, die den Fragebogen komplett ausfüllen und am Ende aktiv ihre Teilnahme bestätigen. Also: Link anklicken, Fragebogen ausfüllen, Teilnahme an der Verlosung bestätigen, weitersagen. Musik zählt, aber nur, wenn ihr dabei seid.