Recorded & Publishing

Neuausrichtung bei Island Zeitgeist

Mit zwei eigenständigen Teams will Island Zeitgeist die Neugestaltung des Dance-Geschäfts bei der Polydor Island Group bewerkstelligen.

“Wir haben uns fast komplett vom so genannten Trackbusiness verabschiedet“, erklärt Tim Dobrovolny, Senior Director Island Zeitgeist National. Denn die Umstrukturierung bei Universal Music, bei der das einstige Polydor-Dance-Department Zeitgeist in Island Zeitgeist aufging, bedeutete auch eine strategische Neuausrichtung. Dobrovolny und sein Team, das sich aus einem Zeitgeist-Stream für Pop/Dance und einer Island-Abteilung für progressive Acts zusammensetzt, haben dabei nur Zeitgeist-Künstler übernommen, die ihre „Zukunft eher im Crossover und/oder Pop sehen“, so Dobrovolny. Bei einem neuen Signing achte Zeitgeist Island nicht mehr ausschließlich auf den Track, sondern beleuchte, was dahinter steckt. Auf der Suche nach langfristigem Potenzial will sich das Team jedoch nicht ausruhen. Deswegen sollen die einst bei Sony unter Vertrag stehenden Künstler Kai Tracid und Brooklyn Bounce den schnellen Erfolg garantieren. „Gleichzeitig haben wir aber auch den Raum für Acts, denen man zwei bis drei Jahre Zeit geben muss – wie etwa Sono.“

Bei der Vermarktung überlegt die Abteilung heute genau, für welchen Act sie zu welchem Zeitpunkt Geld einsetzt, sonst bestehe die Gefahr, einen Künstler zu überschulden. „Man kann bei dieser Marktsituation nicht mehr die kostenintensiven Tools nutzen.“ Ab Juli erscheinen das zweite Album von DJs @ Work, das Debüt-Album vom Hamburger Produzenten Kid Alex sowie LPs von Kaycee und Mellow Trax. Ebenfalls mit einem Album präsentiert sich das Duo Nord mit einer Mischung aus Drum’n’Bass, TripHop, Alternative und Britpop. Als Helden der Techno-Bewegung würdigt die Firma das Projekt RMB mit „RMB & Friends“.

Interview

musikwoche: Was bedeutete die letzte große Umstrukturierung bei Universal – die Aufteilung in die Firmen MUD und PIL – für das ehemalige Zeitgeist-Department von Polydor?

Tim Dobrovolny: Aufgrund der strategischen Neuausrichtung konnten wir leider nicht alle Künstler übernehmen. Wir haben uns fast komplett vom so genannten Trackbusiness verabschiedet, vielmehr arbeiten wir mit den Künstlern des vorherigen Zeitgeist-Rosters zusammen, die ihre Zukunft eher im Crossover und/oder Pop sehen.

mw: Hatte das auch personelle Konsequenzen beim Team?

Dobrovolny: Ja, das schlägt sich auch in der Aufstellung der Abteilung nieder. Wir haben zwei Teams, die sich klar fokussieren. Axel Wirtz als A&R und Julia Hendewerk als Marketing Manager für den Zeitgeist Stream – also die Pop/Dance-Künstler. Beispiele hierfür sind Kai Tracid, Brooklyn Bounce, DJs @ Work, Sono, Kaycee oder Kid Alex, um nur einige zu nennen. Der Island-Stream besteht aus Thomas Kowollik auf der A&R-Seite und Milijana Gojic auf der Marketingseite, wobei Milijana Gojic gleichzeitig auch als Director Marketing den Overview über die Gesamtabteilung hat und mit Künstlern wie Rosenstolz, Schiller, Jam & Spoon oder Nord als Marketingmanagerin arbeitet. Dies alles ist aber nicht ohne die Produktassistentinnen Adriana Schulz (Hendewerk/Wirtz), Sabine Klautzsch (Gojic/Kowollik) möglich. Dazu kommen mit Martin Broszeit als DJ-Promoter, und Carmen Voltmann als meiner Assistentin zwei weitere Kräfte hinzu. Alles in allem eine schlagkräftige Truppe, wie ich finde.

mw: Wie geht Ihr dort strategisch vor?

Dobrovolny: Bei einem Signing schauen wir im Gegensatz zur Vergangenheit nicht mehr nur auf „den“ Track, sondern beleuchten viel mehr noch, was dahinter steckt. Welche Titel gibt es noch, wird selbst produziert, wer schreibt die Songs etc.? Das heißt aber nicht, dass immer ein Album vorliegen muss. Viele Album-Acts waren zu Beginn reine Single-Acts, doch dann kommt es auf das kreative Potenzial an und darauf, was man langfristig alles bewerkstelligen kann. Wenn alles zusammenkommt, kann daraus mehr entstehen, siehe etwa Schiller oder E-Nomine.

mw: Welche Rolle spielt dabei Artist Development?

Dobrovolny: Der Mix wird für den Erfolg des Departments entscheidend sein; wir können uns heutzutage nicht mit der Aussage „Wir betreiben ja Artist Development“ zurücklehnen und darauf bauen, dass in drei Jahren alles besser sein wird. Deshalb müssen wir natürlich auch den schnellen Erfolg sicherstellen. Wir glauben aber mit Künstlern wie Kai Tracid oder Brooklyn Bounce das Beste zu haben, was der Markt hergibt. Die Künstler selbst und die Teams dahinter beweisen nun schon seit Jahren, was in ihnen steckt, und wir glauben, dass wir noch lange nicht alle Potenziale ausgeschöpft haben. Gleichzeitig ist aber auch der Raum für Acts, denen man zwei bis drei Jahre Zeit geben muss. Ein Beispiel hierfür ist Sono. Hier ist noch viel Aufbauarbeit zu leisten. Aber die drei von Sono schaffen es tatsächlich, pro Jahr ein Album zu machen. Und das stimmt mich hoffnungsvoll, dass wir 2004 das erreichen, was wir uns 2001 beim Signing vorgenommen haben.

mw: Wie hat sich PIL auf die veränderte Marktsituation eingestellt?

Dobrovolny: Der Hauptunterschied ist einer, den ich nur begrüßen kann. Vor drei Jahren waren wir ja mit die ersten, die mit On-Air-Kooperationen auch Titel gebreakt haben, die nicht unbedingt jeder auf dem Schirm hatte. So konnten wir das Zeitgeist-Department relativ schnell im Markt etablieren. Was aber dabei übrig blieb, war die Erkenntnis, dass man sich manchmal dadurch auch selbst in die Tasche lügt, da man andere Schwächen eines Acts verdecken konnte, etwa wenn der Titel nicht richtig im Club lief. Wir hatten teilweise Erfolg mit Tracks, die ihn eigentlich nicht verdient hatten. Heute gehen wir viel bedachter vor, wir müssen sehr genau überlegen, für welchen Act man zu welchem Zeitpunkt das Geld einsetzt, denn sonst besteht auch die Gefahr, einen Act zu überschulden. Man kann bei der derzeitigen Marktsituation eben nicht mehr die gleichen kostenintensiven Tools nutzen, die vor zwei Jahren vielleicht noch ein Standard waren – da müssen wir alle umdenken. Viele Künstler bekommen auch oft nur mit einem einzigen Album eine Chance. Wir möchten den Fehler vermeiden, so viel Geld zu verbrennen, dass am Ende nur die Enttäuschung in den Gesichtern geschrieben stehen kann, wenn man dann die erste Lizenzabrechnung erhält.

mw: Sind Dance-Abteilungen bei Major-Konzernen mit eigenem A&R längerfristig noch sinnvoll? Oder geht der Trend zu kleinen Labels als A&R-Zellen mit Majorfirmen als Vertriebspartnern?

Dobrovolny: Das wird vor allem an den Machern von Dance liegen und daran, ob sie den Firmen gestatten, an der gesamten Wertschöpfungskette teilzuhaben. Wir selbst kennen das nur zu gut: Da wird ein DJ gebreakt, verkauft 200.000 Singles, danach gehen seine Gagen um das Dreifache nach oben und die Platteneinnahmen werden einfach mal links liegen gelassen. Ist doch klar, dass Firmen wie wir dann irgendwann sagen, „Entweder haben wir was vom gesamten Kuchen oder unser Know-how ist falsch investiert“. Denn es kann ja nicht sein, dass gewisse Leute dann fünfmal die Woche auflegen, aber es gleichzeitig nicht schaffen, in zwei Jahren auch nur einen einzigen Track zu produzieren. Ganz einfach, weil man mit dem Auflegen so viel Geld verdienen kann, dass die Lizenzeinnahmen dagegen wohl Peanuts sind. Jetzt, wo auch die Gagen nach unten gehen, sieht die Welt wieder anders aus. Es besinnen sich viele auf den Ursprung, das war sehr nötig war. Aber noch mal, für uns macht es nur Sinn, wenn wir an all dem partizipieren, was sich machen lässt, denn ansonsten sind wir immer nur ein Teil des Ganzen. Und da lohnt es sich auf Dauer nicht, zu investieren, denn in anderen musikalischen Bereichen kann man mit ähnlichem Zeitaufwand mehr erreichen. Denn Fakt ist, dass der Singles-Markt und der Compilationmarkt die größten Einbrüche hinzunehmen haben – bei Singles über 20 Prozent bei Compilations bis zu 40 Prozent. Gleichzeitig wurde das Income von Dance auch immer deutlich von Compilations beeinflusst. Und das bedeutet, dass der Markt nun doppelt unter Druck steht.

mw: Laut IFPI-Zahlen sinkt der Marktanteil von Dance-Musik beständig. Haben HipHop/R&B und jetzt verstärkt Reggae/Dancehall die führende Position als Jugendkultur eingenommen?

Dobrovolny: Für mich hat Dance vor allem ein Problem: Dance ist nämlich im weitesten Sinne Gebrauchsmusik. Da geht ein Typ in den Club, um ein paar nette Mädels zu sehen, und die Mädels wollen halt tanzen. Wer die Musik gemacht hat, interessiert bestimmt 80 Prozent der Clubgänger überhaupt nicht. Es besteht kaum eine emotionale Beziehung zwischen dem, der die Musik gemacht hat und denen, die sie konsumieren. Die 20 Prozent, die sich wirklich für den Track interessieren, rennen auch los, um sich den zu kaufen. Von den restlichen 80 Prozent gehen vielleicht wiederum 20 Prozent los und kaufen sich eine Compilation, um die in ihren Augen „hottesten Tracks“ zu Hause zu haben. Der Rest geht einfach gut amüsiert wieder nach Hause, um dann „Deutschland sucht den Superstar“ zu gucken und sich dadurch dermaßen emotionalisieren zu lassen, dass er dieses Produkt haben muss.

mw: Wie lautet Ihre Antwort darauf?

Dobrovolny: Wir denken darüber nach, wie man Dance-Musik auch emotionalisieren kann, wie man eine Identifizierung schaffen kann. Das ist auf Dauer viel spannender. Denn ich glaube schon daran, dass die Konsumenten eine Konstante im Leben möchten, die dann gern auch ein Lieblings-Act sein darf. Wenn der kontinuierlich veröffentlicht, wächst man mit. Trotzdem darf man nicht vergessen, dass es speziell bei funktionaler Musik wie Dance darum geht, dass der Track eben auch funktioniert, und das muss er vor allem im Club. Es ist sehr schwer, den Leuten ein Spektrum aufzuzeigen. Blank & Jones machen das seit Jahren ziemlich konsequent. Ich bin gespannt, ob die irgendwann mal den Spagat wagen und sich musikalisch neue Ziele setzen. Bei der Fanbase wäre das sicher interessant zu beobachten.