8 32/2005 dossier.tonstudios Tonstudioszene schöpft neuen Optimismus Sieg der Knöpfe? München (gm) – Weltweit machen die großen und größten Tonstudios zu oder starten unter neuer Flagge einen Neuanfang. Dennoch scheint sich die Lage in der Studioszene zu entspannen. Gründe dafür sind ein erfolgreicher Lernprozess und der Abschied von traditionellen Denk- und Arbeitsmustern. Foto: Photocase 32/2005 9 tonstudios.dossier So manchem Studiobetreiber ist offenbar gar nicht so wohl dabei, wenn er auf die Frage nach der wirtschaftlichen Situation spontan mit einem „gut“ oder womöglich „sehr gut“ antwortet. Die aus der Hüfte abgefeuerte Einschätzung, so scheint es, wirkt dann doch meistens zu euphorisch. Flugs wird zurück gerudert, wird relativiert. Aber nicht etwa weil die Situation doch nicht ganz so prima ist, sondern aus purem Taktgefühl gegenüber den vermeintlich schwächelnden Kollegen. Wer heute als Studiobesitzer einen gut gefüllten Auftragsblock vorweisen kann, der hält sich halt immer noch für einen Glückspilz, für einen Einzelfall – jedoch zu Unrecht. Denn der Aufschwung ist längst Tatsache. Für die Verbesserung der Situation gibt es einige durchaus unterschiedliche Gründe. Zum einen dürfte bei allen Studios der Investitionsdruck deutlich nachgelassen haben. Die Investitionen in digitales Equipment – als Umstellung oder ergänzend zum analogen Medium – sind größtenteils abgeschlossen. Das schont Geldbeutel und Nerven. Außerdem ließen sich viele Studios zunächst zwar von der semiprofessionellen Homestudio-Konkurrenz einschüchtern, doch mittlerweile haben die Profis hinter den Reglern ihre Chancen wieder erkannt und ihren ebenso teuren wie hochwertigen Technikfuhrpark in den eigens fürs Profibusiness konzipierten Räumlichkeiten in Stellung gebracht. Die Folge ist ein konsequentes Ignorieren und Belächeln der digitalen Heimwerker. Motto: Das sind doch keine echten Studios, das ist doch keine Konkurrenz. Um es den Kunden zu erleichtern, die Spreu vom Tonstudio-Weizen auf einen Blick zu trennen, ließ sich das Team der rührigen Music Support Group (MSG) obendrein noch 3 10 32/2005 dossier.tonstudios etwas einfallen: ein Gütesiegel für Studios, genannt „UA – United Audio“. Das Zertifikat soll an Studios vergeben werden, die bestimmte professionelle technische, akustische und architektonische Anforderungen erfüllen. MSG-Chef Rüdiger J. Veith zu MusikWoche: „Wir wollen damit einen bestimmten Qualitätsstandard klar machen – als Orientierungshilfe für den Kunden.“ Neben Equipment und Räumlichkeiten soll sich auch das in einem Studio beschäftigte Personal – wie zum Beispiel Toningenieure – einer kompetenten UA-Jury stellen. „Mit United Audio wollen wir ein ähnliches Zertifikat etablieren, wie es mit THX im Kinobereich seit Jahren gang und gäbe ist“, sagt Veith. „Für die zahlenden Musiker bietet so ein Gütesiegel bei der unüberschaubaren Menge von Studios eine wertvolle Entscheidungshilfe.“ Ein gutes Beispiel für die Chancensuche in härteren Zeiten liefert das Münchner Downtown Studio. Artur Silber, seit über 20 Jahren gemeinsam mit Jochen Scheffter Chef der renommierten Tonschmiede, in der unter anderem Udo Lindenberg und Hildegard Knef aufnahmen, begegnete der Branchentalfahrt kreativ, indem er sich neu orientierte und ein neues Geschäftsfeld erschloss. Hörbücher gleichen Rückgang aus So holte sich der alte Studiohase junge, hungrige und talentierte Produzententeams in das Schwabinger Studio, und außerdem erweiterte er sein Portfolio um den Bereich „Sprachaufnahme“. Diese zwei Maßnahmen lassen Silber jetzt in Jubel ausbrechen: „Wir haben so viel zu tun wie zu unseren besten Zeiten in den 80er-Jahren. Die jungen Produzenten sind am Puls der Zeit und bringen uns angesagte Acts wie B3 oder die Bananafishbones. Chris Le Blanc, einer aus dieser jungen Garde, hat sich jetzt im Chill-Out-Segment durchgesetzt; einer seiner Songs ist auf der aktuellen,Café del Mar‘-Compilation zu hören. Ein absoluter Volltreffer!“ Das gilt auch für die das neueste Downtown- Standbein – die Produktion von Hörbüchern und Hörspielen. „Auch wenn die Sprachproduktionen – ähnlich wie im Musikbereich – extrem eng budgetiert sind, hat sich dieses Segment für uns als Glücksfall erwiesen“, sagt Silber. „Mittlerweile macht der Hörbuchbereich rund die Hälfte unserer gesamten Produktionen aus.“ Animiert von den unerwarteten Höhenflügen in den Auftragsbüchern fasst Silber neue Ziele ins Auge. So denkt er jetzt erstmals ernsthaft darüber nach, auch das Mastering in Zukunft hausintern selbst zu übernehmen. „Zusammen mit unserem Toningenieur grübeln wir gerade über eine neue Mastering-Philosophie“, verrät Silber, „eine Kombination aus analog und digital, denn darin wird die Zukunft liegen.“ Stefan Bock, Chef des ganz auf Mastering spezialisierten MSMStudios, hat diese Denkweise längst in die Tat umgesetzt. Er bietet seiner Kundschaft „das Beste der beiden Welten“. Hektik ist längst Stammgast Dabei sieht er aber einen eindeutigen Trend in Richtung analog. Und zwar nicht erst seit kurzem: „Das ging schon vor fünf, sechs Jahren los. Einen deutlichen Push bekam das analoge Mastern mit der Einführung der SACD. Nachdem heute oft ausschließlich digital produziert wird, kommt die analoge Klangfarbe ganz am Ende, beim Mastern, zum Zuge.“ Mit der Auslastung seines MSM-Studios zeigt sich Bock zufrieden, zumal das Business generell saisonellen Schwankungen unterworfen ist. Was sich allerdings in den letzten Jahren verändert habe, das sei der extreme Zeitdruck, dem sich Studios ausgesetzt fühlen. „Heute wird wahnsinnig kurzfri- Nachgefragt bei Laith Al-Deen: „Das Künstlerische wird hintangestellt“ München (gm) – Am 5. September erscheint mit „Die Frage Wie“ bei Sony Music das neue Album von Laith Al-Deen. MusikWoche sprach mit dem Sänger, der deutschsprachigen Soul und R&B hoffähig und kommerziell erfolgreich gemacht hat, über den Aufnahmeprozess zur neuen CD, über das Mastering und über die Unterschiede zwischen kleinen und großen Studios. MusikWoche: Wie lange haben Sie an der neuen CD gearbeitet? Laith Al-Deen: Im Oktober 2004 haben wir angefangen, Ende Juni 2005 sind wir fertig geworden. Im Londoner „360 Mastering“-Studio wurde das Album von Dick Beetham gemastert, einem derzeit sehr angesagten Toningenieur. MW: Und in welchen Studios haben Sie die Tracks aufgenommen? Al-Deen: Das ist jetzt das vierte Album, das wir mit Schallbau produziert haben, wo auch die letzten drei Alben entstanden. Man muss sich das so vorstellen: Schallbau sind drei kleinere Studios, aber sozusagen in einer Räumlichkeit. Die sind miteinander vernetzt, was sehr praktisch ist. MW: Wann finden Sie ein Studio gut? Al-Deen: Wenn man in einem Studio zur Ruhe kommt, kreativ wird und sich darin wohl fühlt, dann ist es ein gutes Studio. MW: Glauben Sie, dass die Technik teilweise überbewertet wird, dass die Künstler dagegen zu wenig zu Wort kommen? Al-Deen: Ja, inzwischen wird vor allem das Künstlerische gern mal hintangestellt. Man hat dann aber unglaublich viel teures Equipment und könnte damit die unglaublichsten Produktionen machen. Ein Freund von mir war gerade öfters in London und hat dort ein paar erfolgreiche Produzenten besucht: Die produzieren zuhause in ihrem Wohnzimmer mit einem 16-Spur-Tonband, mit kleinem Equipment, mit ein paar Mikrofonen und vielleicht noch mit einem Rechner. Fertig, das war’s. Trotzdem kommen dabei unglaublich gute Sachen heraus. Das Ganze geht dann in ein Mastering-Studio – und schon hat man internationalen Standard. Manchmal habe ich den Eindruck, dass einen das viele Equipment nur aufhält. Das Wichtigste ist für mich, einen Wege aus der Krise: Stefan Bock (MSM, l.) spezialisiert sich aufs Mastering, Artur Silber (Downtown) schaffte es mit Hörbüchern 32/2005 11 tonstudios.dossier stig produziert“, sagt Bock, zu dessen Referenzen Acts wie Lou Bega, Groove Coverage und Overground zählen, „und du musst auch extrem flexibel sein“. Vor allem im Umgang mit dem Terminkalender, wäre zu ergänzen: „Wenn wir heute eine Anfrage bekommen à la,könnt ihr mal schnell?‘ – dann ist nicht selten heute oder morgen gemeint. Wenn du Kundschaft nur zwei Tage vertrösten musst, ist die schon enttäuscht.“ Schnelle Rechner, schnelle Server, schnelles Downloaden von Files – schnelles Arbeiten: Hochdruck ist hinter Studiowänden der Alltag, Hektik längst Stammgast. „Dieser Druck ist der Kreativität natürlich nicht immer zuträglich“, sagt Bock, „und das ist auch die Kunst in unserem Job: Wenn die Studiotür zu ist, ist Kreativität gefordert, die Hektik muss dann draußen bleiben. Das ist vielleicht heute die schwierigste Aufgabe in unserem Business.“ Dass die Produktionsbudgets der Plattenfirmen nicht mehr so üppig ausfallen, hat für Mastering-Studios wie MSM nicht nur negative Seiten. So sei der früher oft übliche Amerikaflug zu einem der Mastering-Götter wie Bob Ludwig heute eher die Ausnahme – und ein unnötiger Luxus dazu. Stefan Bock: „Die in Deutschland gebotene Mastering-Qualität überzeugt auch im internationalen Vergleich.“ Apropos Kosten, Stichwort Budget: Hier gehen die Meinungen weit auseinander. Während Rüdiger J. Veith seine Preise streng an Marktgegebenheiten orientiert und High-End-Mastering schon mal zu einem Stundensatz von 75 Euro – inklusive Toningenieur – anbietet, mosert Silber über eine völlig verloren gegangene „Preismoral“. Ob billig oder teuer, analog oder digital – es scheint so, als ob manches Studio im strengen Fokussieren auf Technik und Wirtschaftlichkeit die Zielgruppe aus den Augen verloren hat – nämlich die Musiker. Das sieht zumindest der erfahrene Jazz-Saxophonist David Sanborn so. Der Sound muss stimmen Der achtfache Grammy-Gewinner und Session-Musiker für zahllose Alben erzählt im Gespräch mit MusikWoche: „Viele Studios sind zwar mit dem besten Equipment der Welt bestückt, aber die Räume klingen oft einfach nicht gut genug – vor allem auf das Klangverhalten akustischer Instrumente wird zu wenig eingegangen. Dabei kann man als Musiker nur dann eine gute Performance abliefern, wenn auch der Sound inspirierend ist.“ David Sanborn, der in seiner langen Karriere schon mit den Rolling Stones und den Eagles, mit James Brown und Stevie Wonder gearbeitet hat, kennt die besten Studios der Welt. Auf die Frage nach seinen speziellen Lieblingen unter den Klangtempeln fallen ihm spontan vier Namen ein: „Hit Factory, A&R, Powerstation und Muscle Shoals.“ Tja. Alles Studios, die es heute nicht mehr gibt. Gunther Matejka guten Ingenieur zu haben, jemanden, der seine Systeme schon lange kennt und der in der Lage ist, die Inspiration, den magischen Moment schnellstmöglich einzufangen. MW: Interessieren Sie sich für die Technik, schauen Sie beispielsweise beim Mastering zu, bei diesem Knöpfchendreh-Marathon? Al-Deen: Wir haben unsere Live-Platte bei Roland Prent in den Galaxy Studios gemischt. Das war schon höchst spannend, da zuzuschauen: Roland hat ein riesiges API-Pult, an dem er mit seinem Stuhl auf und ab rollt. Dazu laufen den ganzen Tag über drei Fernseher mit unterschiedlichen Programmen. Er arbeitet dabei 15 Stunden am Stück, nur mit kleineren Pausen zwischendurch. Das finde ich bewundernswert, wie er die Technik im Griff hat. MW: Viele Musiker haben ihr eigenes Studio – Sie auch? Al-Deen: Ich bin gerade dabei, mir ein eigenes, kleineres Vorproduktions-Studio aufzubauen. Mehr Anspruch hab ich aber gar nicht. Ich will einfach nur gute Signale aufnehmen und mit ProTools arbeiten. MW: Wollen Sie das dann auch der Öffentlichkeit zugänglich machen? Al-Deen: Ich könnte mir vorstellen, dass ich es irgendwann zur Bandförderung betreibe. Aber ich muss das jetzt nicht unbedingt gewerblich nutzen. MW: Wieviel Geld wollen Sie investieren? Al-Deen: Ich werde wohl zwischen 100.000 und 250.000 Euro investieren. Dafür bekommt man natürlich noch kein komplettes Studio. Letztlich wird davon einiges für die baulichen Maßnahmen drauf gehen. Und sonst werden wir uns da ein kleines, feines Ding einrichten, mit einem großen Aufnahmeraum. Neben einem ProTools und einem Mac werde ich viel Geld in gute Mikrofone und Vorstufen stecken. Das ist meine Leidenschaft – um einfach gute Audiosignale einzufangen. MW: Gibt es ein Studio, in dem Sie gern mal aufnehmen würden? Al-Deen: Gute Frage. Da ich ein Fan von großen Studios bin, würde ich in der Tat gern mal eine komplette Produktion im Galaxy machen. Allein wegen der Räumlichkeiten, die das Galaxy bietet, und auch wegen einer guten 5.1-Produktion. Wir machen ja auf dem Extended-Album jetzt auch eine Version im 5.1-Mix. Darauf bin ich schon sehr gespannt. Mit Studiolektüre: Laith Al-Deen Setzt sich für ein Gütesiegel ein: Rüdiger J. Veith 12 32/2005 dossier.tonstudios Roundtable-Gespräch über Chancen und Risiken der Tonstudios „Es ist eine Mischkalkulation“ München – Geht es der Branche wieder besser? Wann ist ein Tonstudio konkurrenzfähig? Wie verhält es sich mit Vorproduktionen, Demos und dem Berufsbild des Toningenieurs? Wann ist ein Studio überhaupt ein „echtes“ Studio? Diese und weitere Fragen kamen in einem Sechs-Augen-Gespräch auf den Tisch. Mit Gunther Matejka unterhielten sich Rüdiger J. Veith, Chef der Music Support Group, und der international renommierte Toningenieur Gerhard Wölfle. MusikWoche: Es fällt auf, dass man in der Studioszene inzwischen nicht mehr so laut jammert. Ist die Talsohle durchschritten, die Flurbereinigung abgeschlossen? Gerhard Wölfle: Es gibt eindeutig positive Signale. So ist beispielsweise auch von Labelseite her wieder die Bereitschaft da, längerfristig zu arbeiten, länger in Bandprojekte zu investieren. Gerade bekam eine Band einen Vertrag über fünf Alben. Das hätte es vor ein, zwei Jahren noch nicht gegeben. Die Flurbereinigung ist, denke ich, aber noch nicht vorbei. Rüdiger J. Veith: Ich meine auch, dass es wieder ein Umdenken gibt. Denn die Leute wollen einfach keinen Ramsch mehr hören. Sie wollen wieder Qualität. Die kreative Leistung, das Komponieren und die Demoversion findet natürlich meist im Proberaum statt. Aber beim Mastern und Mischen wird wieder auf Topqualität wert gelegt. Dennoch glaube ich auch, dass die Flurbereinigung noch nicht abgeschlossen ist. Wer nicht bereit ist, umzudenken, wird in den nächsten ein, zwei Jahren die Konsequenzen zu spüren bekommen. MW: Wie muss das Umdenken aussehen? Veith: Um als Studio konkurrenzfähig zu sein, muss man – neben der Topqualität – einen perfekten Service und einen günstigen Preis bieten. Dazu musst man in der Lage sein, alles so zügig wie möglich zu bearbeiten. Wer diese Faktoren beherzigt, macht auch heute noch gute Geschäfte. Meine Philosophie ist: Nicht der große Fisch frisst den kleinen, sondern der schnelle Fisch frisst den langsamen. Wobei ich die Schnelligkeit weniger im Studio meine, sondern mehr im Servicebereich: Angebote erstellen, zurückrufen, nachhaken, betreuen, Fragen abklären, dieses ganze Drumherum. Langsame Arroganz kann sich heute niemand mehr leisten. MW: Das fällt letztlich unter den Service- Aspekt. Was noch? Veith: Zusätzlich zu unseren vielen Dienstleistungen wie Grafik, Management, Verlagsedition und so weiter gibt es bei uns beispielsweise auch die Möglichkeit, umsonst zu übernachten und umsonst zu Mittag zu essen. Das ist für viele Musiker ein wichtiges Argument. MW: Muss man, wenn man heute in ein Tonstudio investiert, nicht ein bisschen ein wirtschaftlicher Kamikaze-Typ sein? Veith: Im Gegenteil: Noch nie konnte man Top-Equipment so günstig einkaufen wie heute. Man kann hervorragend mit den Herstellern verhandeln, bekommt sehr gute Konditionen. Für uns ist das entscheidend. Wir wollen in allen Bereichen top sein, deshalb haben wir in ein High-End- Mastering-Studio und in eine High-End- Regie investiert. Natürlich haben da viele gesagt: „Ihr seid bescheuert.“ Doch es war die richtige Entscheidung. Logischerweise amortisieren sich solche Anschaffungen nicht innerhalb von zwei oder drei Jahren, aber langfristig schon. MW: Sollte man heute als Studio in der Lage sein, alles zu machen – von Low Budget bis High-End, von Klassik bis Rap, von Hörbüchern bis Werbejingles? Veith: Wir machen das mit unseren Studios seit 15 Jahren so, und es funktioniert sehr gut. Es ist eine Art Mischkalkulation – stilistisch wie wirtschaftlich. Insgesamt zählen wir weltweit 35.000 Kunden, das streut natürlich das Risiko. Wir waren nie von nur einem oder nur wenigen Kunden abhängig, und deshalb, glaube ich, gibt es uns auch heute noch. Wölfle: Eine Mischform ist tatsächlich heutzutage enorm wichtig. Denn es wird mehr und mehr die Extreme geben. Wer heute nur auf High-End setzt, wird große Probleme haben oder sie bekommen. Denn ein Teil der Kundschaft kann sich diesen Standard nicht leisten, und für manche Produktionsaufgaben ist er auch nicht zwingend erforderlich. MW: Herr Veith, Sie sind bekannt dafür, günstige Studiopreise anzubieten. Manche nennen es „Price-Dumping“, das den Markt kaputt mache. Wie stehen Sie zu diesem Vorwurf? Veith: Es ist ja nicht so, dass wir kein Geld verdienen wollen und deswegen schwachsinnig günstige Preise machen. Aber es nutzt auch nichts, Preise anzubieten, die letztlich völlig am Markt vorbei gehen. Das heißt, wir klären mit dem Kunden ab, was preislich machbar ist. Man nimmt also eine gewisse Anzahl von benötigten Tagen und betrachtet sich dann das vorhandene Budget. Dann muss man sich überlegen, was man dafür bekommt. Viele große Studios mit einer enormen Peripherie kommen mit diesen Budgets nicht hin. Wir sind dagegen flexibel, bieten auch Erörtern die Lage: Tonmeister Gerhard Wölfle und Studiobetreiber Rüdiger J. Veith im Gespräch mit Gunther Matejka (v.l.n.r.) 32/2005 13 tonstudios.dossier Low-Budget an – und verdienen trotzdem noch Geld daran. Doch wer, wie in London, 3000 Pfund pro Tag für ein Studio verlangt, wird die Auftragsbücher in Deutschland nicht voll bekommen. Wir verlangen für ein vergleichbares Studio 600 Euro, das gibt der Markt her. MW: Was kostet die angesprochene High- End-Mastering-Stunde? Veith: Das geht bei 75 Euro inklusive Toningenieur los. Das ist relativ günstig. MW: Dennoch kommen selbst bei günstigen Preisen nur wenige Bands wegen einer Vorproduktion ins Studio. Wie bekommt man Musiker auch dafür ins Studio – oder ist das gar nicht beabsichtigt? Wölfle: Ich bin ohnehin kein Freund von Vorproduktionen – aus künstlerischen Gründen. Denn wer das Material schon mal sorgfältig, aber noch nicht mit dem technischen Know-how und nötigem Equipment, aufgenommen hat, reproduziert später im Studio nur noch. Der magische Moment einer Aufnahme geht dann fast immer verloren. Ich finde die Vorgehensweise viel besser, dass man sich das Material im Übungsraum drauf schafft und dann zu den Aufnahmen gleich in ein professionelles Studio geht. Dann klingt die Aufnahme künstlerisch frisch und – unter Audio- Gesichtspunkten – professionell. Veith: Der andere Weg, dass wir eine Vorproduktion übernehmen und die nur noch mischen und mastern, ist nie optimal. Schließlich verfügen wir hier, genau wie alle professionellen Studios, über Top- Equipment: vom Kabel bis zum Mischpult. Das schlägt sich in der Summe einfach auf den Klang nieder. Dieser andere Weg ist also meist nur ein Kompromiss. Wölfle: Ich sehe auch nicht die Notwendigkeit einer Vorproduktion. In dem Moment, wo jeder weiß, was er zu tun hat, sollte man ins Studio gehen – und eine ordentliche Produktion machen, keine halbe Sache. Veith: Wobei wir durchaus auch externe Produzenten haben, die in kleinen Studios einen Auftrag vorproduzieren. Da geht es aber dann mehr um Noten, Arrangements, Chorsätze und so weiter. Das ist dann eher eine Art Vorbereitung für die anstehenden Sessions mit den Studiomusikern. MW: Das gute, alte Demotape – spielt das noch eine Rolle? Wölfle: Ein Demo ist immer noch wichtig. Für mich zum Beispiel, um einfach zu wissen, welche Art von Musik die Band macht. Doch da reicht mir ein kleiner Live- Mitschnitt oder ein Tape vom Proberaum. Abgesehen davon ist so ein Mitschnitt immer für die Disziplin einer Band gut. Veith: Aber Demos an eine Plattenfirma schicken – das ist vorbei. Gut, es gibt noch Ausnahmen. Doch normalerweise erwarten die Labels ein fertiges Masterband. Ob sie dann anbeißen oder nicht, steht natürlich wieder auf einem anderen Blatt. Wölfle: Wobei ich festgestellt habe, dass viele A&R-Leute wieder richtig scouten, wieder auf Konzerte gehen und sich Leute von der Bühne holen. Die alte Arbeitsweise scheint wieder im Kommen zu sein. MW: Es gibt viele Homestudios. Was aber macht ein „echtes“ Studio aus, wann ist es nur akustischer Bastelraum? Wölfle: Ein richtiges Studio ist von vorneherein architektonisch als Studio konzipiert – Regieund Aufnahmeraum sind unter räumlichen und akustischen Vorgaben entwickelt. Um professionell arbeiten zu können, müssen also gewisse bauliche Anforderungen erfüllt sein – von technischen Voraussetzungen ganz zu schweigen. So ein Kellerraum mit HD-System und einem Rechner ist für mich jedenfalls noch kein Studio. MW: Wie ist es um die Berufsaussichten von zukünftigen Tontechnikern bestellt? Wölfle: Die richtig guten Leute werden auch in Zukunft Arbeit haben. Und um richtig gut zu werden, muss man schon einiges mitbringen: Talent, Ehrgeiz, extremes Engagement und ein Quentchen Glück – beispielsweise im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein. Das kann auch während eines Praktikums in einem großen Studio sein; so ein Angebot sollte man übrigens immer wahrnehmen. Veith: Das sehe ich genau so. Die Spitzenleute haben jede Menge Arbeit; diejenigen, die nur mittelmäßig oder sogar schlecht sind, haben keine. Man kann sich heute nicht mehr verstecken. Außerdem ist das Business härter geworden: Du kannst es dir nicht mehr erlauben, eine Produktion in den Sand zu setzen. Deshalb bucht jedes Studio die Besten, da hast du eine Qualitätsgarantie. Zu einem Praktikum in einem guten Studio kann ich auch nur raten: Das ist ein Glücksfall für jeden Willigen, auch wenn es ohne Bezahlung ist. Es ist auf jeden Fall eine Chance, reinzurutschen. Anzeige „Ein Kellerraum mit Rechner ist noch kein Tonstudio“
MusikWoche-Dossier: Tonstudioszene schöpft neuen Optimismus
Weltweit machen die großen und größten Tonstudios zu oder starten unter neuer Flagge einen Neuanfang. Dennoch scheint sich die Lage in der Studioszene zu entspannen. Gründe dafür sind ein erfolgreicher
Lernprozess und der Abschied von traditionellen Denk- und Arbeitsmustern.





