Recorded & Publishing

musikwoche-Dossier: Rote Karte für David Brandes

Der Trubel um die Charts-Manipulationen des Produzenten David Brandes ebbt nicht ab. Der Bundesverband Phono verhängte Sanktionen; Anwälte tauschten Schreiben und Stellungnahmen aus. Und noch immer sind nicht alle Fragen geklärt. MusikWoche fasst den Stand der Dinge zusammen.

Rote Karte Berlin/Weil am Rhein (mw) – Der Trubel um die Charts-Manipulationen des Produzenten David Brandes ebbt nicht ab. Der Bundesverband Phono verhängte Sanktionen; Anwälte tauschten Schreiben und Stellungnahmen aus. Und noch immer sind nicht alle Fragen geklärt. MusikWoche fasst den Stand der Dinge zusammen. 8 18/2005 dossier.charts-manipulation Foto: Mauritius / Montage: MusikWoche Kavaliersdelikt oder Kriminalfall? für David Brandes 18/2005 9 charts-manipulation.dossier Eins ist sicher: Der Imageschaden für die deutsche Musikbranche ist schon jetzt beachtlich. Denn der „Fall Brandes“ hat sich – nicht zuletzt wegen der Medien – verselbständigt und droht außer Kontrolle zu geraten. Produzent David Brandes gab zwar zu, er habe CDs seiner Künstler selbst gekauft, um ihnen eine höhere Charts- Position zu verschaffen. Doch über die Anzahl der gekauften Tonträger und über den Zeitraum, in dem sie gekauft wurden, herrscht nach wie vor Uneinigkeit. Brandes beharrt darauf, er habe nicht mehr als 2000 Stück erworben; Media Control spricht von „Hamsterkäufen“ und 31.000 Exemplaren. Brandes weist zudem darauf hin, es habe noch nach dem 24. März Käufe gegeben, also nach der Sendung von Sat.1, in der die Machenschaften erstmals zur Sprache kamen. Das sei er nun ganz bestimmt nicht gewesen. Wer aber war es dann? Wollte ihn wirklich jemand reinreiten? Ist es wirklich ein Kriminalfall, wie Brandes meint? Angeblich liegt ein ehemaliger Mitarbeiter mit dem Produzenten rechtlich im Clinch und rächt sich jetzt. Wenn das stimmt, dann ist ihm sein Vorhaben gründlich gelungen; Brandes dürfte geschäftlich schwer angeschlagen sein. Aber nicht nur das: Das Image der gesamten Branche hat in der Öffentlichkeit Schaden genommen. Doch David Brandes will sich wehren – angeblich wird in der kommenden Woche ein großes Magazin den Fall aufgreifen. Dabei will er dann Ross und Reiter nennen, um zu belegen, dass sein Kaufverhalten üblich ist. Es bleibt also spannend. Und vermutlich unangenehm. Was aber geschah bisher? 3 Platzverweis nach Foul: Brandes 10 18/2005 dossier.charts-manipulation Brandes gesteht Stützkäufe und will von Reue nichts wissen: Tagelang schwieg er zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen der gezielten Charts- Manipulation – in der ZDF-Talkshow „Johannes B. Kerner“ geht Produzent David Brandes zur Gegenoffensive über: In den ersten drei Wochen nach Veröffentlichung habe er gezielt 2000 Exemplare von Gracias Single „Run & Hide“ gekauft. „Wir haben das in aller Regel nur in den ersten drei Wochen gemacht“, so Brandes. „Dieses Thema ist so alt wie die Charts selbst.“ Das Medienspektakel der vergangenen Wochen fände er übertrieben, die Vorfälle seien überbewertet: „Würden wir so etwas nicht tun, hätten unsere Künstler Wettbewerbsnachteile, weil ich weiß, dass viele in der Branche das machen. Ich find’s moralisch okay.“ Media-Control- Geschäftsführerin Ulrike Altig findet es nicht okay: „Was hier passiert ist, übersteigt das Normale“, sagt sie in der ZDFSendung. Natürlich gebe es immer wieder Versuche, die Hitlisten zu beeinflussen, aber solche „Hamsterkäufe“ habe sie noch nie erlebt. „In so einer Form war das noch nie da. Das zeigt enormes Insiderwissen.“ Die kolportierte Zahl von 31.000 aufgekauften Brandes-Produktionen will Altig zumindest nicht dementieren. Ungeachtet des Geständnisses ihres Produzenten sieht Sängerin Gracia Baur keine Veranlassung, ihre Teilnahme am Grand Prix zurückzuziehen. Von den Stützkäufen habe sie nichts gewusst. 19. April NDR lädt Brandes aus: Die öffentliche Bestätigung der Stützkäufe in der ZDF-Talkshow von Johannes B. Kerner hat erste Konsequenzen: Der für die Übertragung des Eurovision Song Contest verantwortliche Norddeutsche Rundfunk (NDR) schließt den Musikproduzenten von der persönlichen Teilnahme am Wettbewerbsfinale am 21. Mai in Kiew aus. NDR-Unterhaltungschef Jürgen Meier- Beer erklärt: „Dies gilt jedoch nicht für Gracia. Es gibt außerdem für uns keine rechtliche Handhabe, das Votum des Publikums für ungültig zu erklären.“ Denn sie habe die Abstimmung der Zuschauer beim Vorentscheid am 12. März 2005 gewonnen und es daher verdient, in Kiew aufzutreten. Für die Schweiz, die seinen Act Vanilla Ninja ins Rennen schickt, ist Brandes dennoch in Kiew dabei. 20. April Brandes greift Mitbewerber an: David Brandes bestreitet noch am gleichen Tag die Dimension der Stützungskäufe. Außerdem greift er – ohne dabei Namen zu nennen – einen Mitbewerber im Produzentengeschäft an, bei dem es sich offenbar um Ralph Siegel handelt. Durch Informationen Dritter habe er die Überzeugung gewonnen, „dass eine möglicherweise bezahlte und systematische Kampagne eines Wettbewerbers betrieben wird“, deren Ziel die Disqualifikation von Gracia als Grand-Prix-Teilnehmerin sei. Brandes begrüßt dagegen, „dass der ausrichtende NDR der festen Überzeugung ist, dass Gracia sich unstreitig legitimiert hat, Deutschland im Grand Prix in Kiew zu vertreten“. Und er ergänzt: „Ich hoffe im Interesse von Gracia, ihren Fans, aber auch im Interesse des NDR, der uns durch seine klare Haltung unterstützt hat, dass die Wahrheit und die Hintergründe dieser Kampagne ans Licht kommen. Ich werde dazu meinen Beitrag leisten.“ Brandes bestätigte erneut, dass er Stützungskäufe für seine Produktionen getätigt hat, weist die kolportierte Zahl von 31.000 Tonträgern aber zurück. Er werde die volle Verantwortung für alles übernehmen, was im Zusammenhang mit diesen Vorwürfen gegen seine Firma Bros Music vorgetragen wird, an der Textdichter Bernd Meinunger mit 50 Prozent beteiligt Ulrich Eichblatt, Major Oak Media + Production: Eigentlich finde ich dieses Spiel langsam überzogen, unfair und – Verzeihung – bescheuert. David Brandes ist mir alles andere als sympathisch, und dennoch finde ich die Art und Weise, wie man mit ihm umspringt, zum Himmel stinkend unfair. Sucht man da etwa nur ein schwarzes Schaf oder einen zum stumm Schalten? Wenn er behauptet, „alle“ kaufen CDs als Stützkäufe, ist das sicherlich falsch und überzogen. Die Relativierung „viele“ wäre angebrachter. Außerdem sollte man doch aber bitte folgendes bedenken: Brandes kauft schließlich die CDs – das heißt, er beschert dem Handel und damit der Musikindustrie immerhin auch Umsätze. Und dem Fiskus Steuereinnahmen. Was zum Teufel wird da also gemotzt? Und wie bewertet man bitte die Aktionen, wenn Künstler ihre Fans zu Fanclubtreffen einladen, dabei alle entstehenden Kosten übernehmen und bei diesem Treffen dann „Wünsche äußern“ (zum Teil in Anweisungsform), man solle in einem bestimmten Zeitraum die neue Platte kaufen? Lassen wir die Musik doch lieber als das, was sie ist – eine schöne und tolle Sache. Selbst in dieser nicht gerade leichten wirtschaftlichen Zeit. Barbara Clear, Musikerin: Ist das nicht alles lustig um Brandes? Ich habe selten so viel Spaß an der Beobachtung der Musikszene gehabt wie derzeit … Felix Kautsky, Inhaber Hit-Finder: Ich arbeite seit zirka 25 Jahren in der Musikbranche und kann nur bestätigen, dass es seit jeher immer völlig normal ist, den Versuch zu starten, die Charts zu manipulieren. In welcher Form das passiert, hängt doch nur davon ab, welche Lücke der jeweilige Manager findet und wie fähig er ist, diese auch zu nutzen. Der „Trick“, eigene Tonträger zu kaufen, ist so alt wie die Charts selbst und ein Standard- Marketing-Tool, auch wenn die Manipulation in den letzten Jahren schwieriger geworden ist. Es handelt sich hierbei auch in keiner Form um Kriminalität, da es wohl nicht verboten sein kann, sein eigenes Produkt zu kaufen – selbst wenn man dieses 100.000 Mal tut. Ich Feedback – Leser diskutieren über den Fall Brandes: „Da hat es jemand auf den Brandes abgesehen“ Bei Kerner: Ulrike Altig (Media Control) und David Brandes sind sich nicht einig über die Zahl der Hamsterkäufe 18/2005 11 charts-manipulation.dossier ist. Den Kauf eigener Produktionen bezeichnet er erneut als „übliche Vorgehensweise“. Seine Versuche zur Aufklärung der Vorwürfe seien bislang ignoriert worden. So habe er keinen Gesprächstermin beim Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft erhalten, und auch Media Control habe ihm oder seinem Anwalt „bis heute nicht das angebliche Belastungsmaterial vorgelegt“. Media Control droht Brandes mit Klage: Sein Geständnis bei der Kerner-Show hat Konsequenzen. Nun steht David Brandes eine Klage von Media Control ins Haus. „Wir werden uns gerichtlich gegen die Aussage wehren, dass das alle so machen“, sagt Karlheinz Kögel, Geschäftsführer der Media Control, gegenüber der dpa. Der Produzent habe zwar recht, wenn er sage, dass die Manipulationsversuche so alt seien wie die Charts selbst. „Brandes hat aber die Schraube überdreht.“ Auch wenn es immer wieder versuchte Manipulationen gebe, sei ein Verhalten wie im Fall Brandes keineswegs üblich. Für die Charts-Erhebung habe der Skandal keine Folgen. „Am System müssen wir nichts ändern“, so Kögel. „Die Sensoren haben funktioniert.“ Manipulation nachgewiesen, Brandes für drei Monate gesperrt: Der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft zeigt Brandes die rote Karte und verhängt eine dreimonatige Charts- Sperre für sechs seiner Produktionen. 22. April 3 glaube kaum, dass Herr Brandes in irgendeiner Form eine persönliche Vereinbarung mit Media Control hat, die ihm dieses untersagt. Ich kann mich auch nicht erinnern, jemals jemanden getroffen zu haben, der in irgend einer Form Rücksicht auf die Befindlichkeiten von Media Control genommen hätte. Man bringt Musik raus und tut alles, was geht, für den Erfolg – mit oder ohne Media Control … Natürlich liegt es im Interesse aller Beteiligten des Musikgeschäftes, dass die Hitlisten die Marktgegebenheiten möglichst genau abbilden. Also, liebe Media-Controller, dann strengt euch an und sorgt dafür, denn die Musikindustrie wird die Manipulation täglich neu probieren. In diesem Fall ist euch ja mal was gelungen, und dafür sind ja auch alle dankbar. Ansonsten finde ich es äußerst peinlich, wie sich die Konkurrenz darüber aufregt, von der wohl jeder Zweite so etwas tut oder gern tun möchte. Das erinnert mich sehr stark an den Milli-Vanilli-Skandal. Dass die nicht selbst gesungen haben, wusste in der deutschen Musikbranche doch fast jeder schon lange vorher. Auch diese Praxis ist heute noch Standard – oder glaubt wirklich irgend jemand, dass die Hupfdohlen zum Beispiel im Dance-Bereich alle selbst singen oder gesungen haben? Es gibt halt gute Gründe, warum sich unsere Branche nicht Realitäts- sondern „Show“-Branche nennt. Diese ganze Angelegenheit ist zwar nicht gerade erfreulich, aber legal und ohne Zweifel eine riesige Show. Christoph Hobein, Media Markt München: Da hat es jemand auf den Brandes abgesehen. Diese Manipulationen sind doch gang und gäbe. Das gibt es solange, wie es die Charts gibt. Und wen interessiert es, wer nach Kiew fährt oder nicht? Diese Veranstaltung ist doch längst überholt. Allerdings die Singles-Charts auch. Gerhard Layr, Mörfelden: Als ehemaliger Außendienstler beziehungsweise Verkaufsleiter einer Tonträgerfirma war ich mit diesem Thema des öfteren konfrontiert. Es ist nichts Neues, dass derart vorgegangen wird. Ich selber sollte auf Weisung meines Vorgesetzten Tonträger „raus kaufen“, wie es formuliert wurde, um einen Charts- Entry zu erreichen. Meines Wissens ist diese Praxis leider branchenüblich. Und wer behauptet, davon nichts zu wissen, sagt schlichtweg die Unwahrheit. Nachgefragt bei Karlheinz Kögel, Media Control „Schlimmster Fall von Charts-Manipulation in 28 Jahren“ Berlin (jög) – Seit 1977 ermittelt Media Control jede Woche die deutschen Albumund Single-Charts. MusikWoche fragte Gründer und Geschäftsführer Karlheinz Kögel nach den Ursachen und Auswirkungen des Charts-Skandals. MusikWoche: Haben sich Ihre Kontrollen als effizient erwiesen? Karlheinz Kögel: Tatsache ist, dass wir seit Sommer 2004 gemerkt haben, dass bei Brandes etwas faul ist. Wir haben dann alle seine Produkte auf eine interne Watchlist gesetzt. Die Single-Charts stehen auf drei Säulen: CD-Verkauf – Mail Order – Download. Das ist neu, damit wir in allen drei Säulen Transparenz herstellen können. Im Fall Brandes liefen die Mail Orders in das Postleitzahlen-Gebiet 79. Bei den Downloads wurde permanent und nonstop im Drei-Minuten-Takt hintereinander in Hacker-Methode heruntergeladen, indem immer eine neue IP-Adresse vergeben wurde. Im Shop hat er einzeln aufkaufen lassen, damit wir es nicht bemerken. Nur wurde bei Hunderten von Gracia-Verkäufen zufällig auch immer gleich eine Vanilla-Ninja-Platte dazugekauft. Dann kam der Sat.1-Bericht von Akte 05 dazu. Bei unseren Ermittlungen hat Sat.1 uns dann sehr gut unterstützt. Es ist der schlimmste Fall von Charts-Manipulation in 28 Jahren. MW: Wie reagieren Sie bei Auffälligkeiten? Kögel: Die Versuche wird es immer geben. In den letzten zwei Jahren haben wir 14 Fälle entsprechend dem Reglement bereinigt: auffällige Verkäufe prüfen und streichen. Nichts Spektakuläres. Das ist unser tägliches Geschäft. Sollen wir jedes Mal damit an die Presse gehen und den Künstler desavouieren? Die Medien warten doch auf einen Skandal und hängen sich am Künstler und nicht am Management auf. MW: Können Sie Charts-Manipulationen für die Zukunft ausschließen? Kögel: Können Sie Doping im Sport verhindern? Brandes hat nun zur Rechtfertigung auch noch versucht die Doping-Proben zu vertauschen und dunkle Mächte im Hintergrund ausgemacht. Bevor er das ganze Musikgeschäft als eine Ansammlung Halbkrimineller darstellt, sollte er einfach Ross und Reiter nennen. Glauben Sie mir, es gibt eine positive Gegenbewegung für saubere Charts als Aushängeschild dieser Musikbranche, die wir alle als schönstes Business der Welt begreifen. Hat so etwas noch nie erlebt: Karlheinz Kögel F e e d b a c k Schreiben Sie an [email protected] 12 18/2005 dossier.charts-manipulation „Der Verdacht auf Charts-Manipulationen hat sich nach intensiver Prüfung durch die Phonoverbände und Media Control bestätigt“, erklärt Gerd Gebhardt, Vorsitzender des Bundesverbands Phono. „Die manipulierten Produkte müssen für insgesamt drei Monate von der Charts-Erhebung ausgeschlossen werden.“ Außerdem muss Brandes seine Produkte künftig im Rahmen einer „besonderen Prüfroutine für die Charts-Ermittlung anmelden“, falls diese berücksichtigt werden sollen. Diese Prüfroutine ist gebührenpflichtig und soll rund 600 Euro pro Titel kosten. Media Control habe bereits im Spätsommer 2004 „erste Auffälligkeiten in der Datenerhebung im Rahmen der Charts-Ermittlung“ festgestellt und anschließend Produktionen aus dem Hause Bros Music „mit besonderer Aufmerksamkeit“ beobachtet. Im Februar 2005 seien erneut Auffälligkeiten festgestellt worden, die allerdings dank der Sicherungsroutinen bei der Charts-Erhebung nicht in die Hitlisten eingingen. In der fünften Kalenderwoche, auf der die Nominierung Gracias für den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest basiert, wurden laut Bundesverband mehr als 1300 auffällige Käufe ihres Titels festgestellt und deswegen nicht für die Charts gewertet. Im März habe es weitere Auffälligkeiten „in erheblichem Umfang“ gegeben. Allerdings seien sie am Mittag des 24. März abgebrochen, also kurz vor der Ausstrahlung des Sat.1-Berichts zu den Manipulationenvorwürfen. Media Control habe inzwischen „mehrere Millionen Verkaufssätze“ geprüft und sei dabei zum Schluss gekommen, dass es sich tatsächlich um Manipulationen handelt: „Die vorliegenden Belege und Aussagen Dritter stehen unmittelbar mit den Auffälligkeiten in Verbindung. Zudem hat David Brandes CD-Käufe zum Zweck der Charts-Manipulation öffentlich eingestanden.“ Die meisten Auffälligkeiten seien festgestellt und vom Sicherungssystem auf einen statistischen Durchschnitt gemittelt, für die Charts also nicht berücksichtigt worden, betonen Media Control und Bundesverband Phono. Allerdings seien „einzelne manipulative Käufe“ nicht aufgefallen und hätten so die Charts beeinflusst. Bundesverband verschärft Kritik: Peter Zombik, Geschäftsführer des Bundesverbandes Phono, bezeichnet die Branche als „sauber“. Brandes sei das „schwarze Schaf“. Zombik führt aus: „Der Fall Brandes ist um Lichtjahre jenseits von allen anderen Fällen. Brandes hatte intime Kenntnisse des Systems. Seine Quellen konnten wir allerdings noch nicht identifizieren.“ Zombik lobt die Charts-Ermittler: „Die Zusammenarbeit mit Media Control war großartig, wir haben vollstes Vertrauen zueinander.“ Kögel sagt, seine beiden wichtigsten Mitarbeiter hätten eidesstattliche Versicherungen abgegeben, dass sie nichts mit den Manipulationsvorwürfen zu tun haben. Brandes klagt Trittbrettfahrer an: Für David Brandes steht fest, dass er das Opfer eines Trittbrettfahrers ist. Nach dem 24. März habe es keine von ihm veranlassten Aufkaufaktionen mehr gegeben, doch es sei auch nach diesem Tag noch zu Auffälligkeiten gekommen. Zwar hieß es auf der Pressekonferenz in Berlin, dass die auffälligen Käufe um die Mittagszeit des 24. März abbrachen – „gegenüber meinem Anwalt versicherte man jedoch, dass genau jene Käufe, nämlich diese nach dem 24. März, die Sofortmaßnahmen so zwingend erforderlich gemacht hätten“, kritisiert Brandes in einem Statement. „Jedem neutralen Beobachter wird hier klar: Sowohl der Phonoverband als auch Media Control sind einem Trittbrettfahrer auf den Leim gegangen. Ganz bewusst hat sich da draußen jemand die Situation zu Nutzen gemacht und unsere CDs in großen Mengen aufgekauft.“ Über Motive möchte Brandes nicht spekulieren, doch eigne sich sein unabhängiges Unternehmen „hervorragend dazu, ein Exempel zu statuieren“. Im so genannten Kreuzverhör mit der „Bild“-Zeitung, die ihn „Schummel-Manager“ nennt, legt Brandes nach: Vor der Sat.1-Sendung vom 24. März habe er tatsächlich CDs aufgekauft, „aber ich wäre ja schön blöd gewesen, wenn ich nach der Sendung noch weitergemacht hätte“. Und weiter: „Bestraft wurde ich, weil nach der Sendung weitere Käufe getätigt wurden. In großen Mengen, in riesigen Stückzahlen, richtige Hamsterkäufe, die einfach auffliegen mussten. Der Witz ist bloß: Das war nicht ich.“ Er frage sich: „Wem nützt das – und wo liegt das Motiv?“ Das Ganze sei ein richtiger Kriminalfall. Doch wer ist hier Täter, wer Opfer? 25. April Siegel weist Brandes-Vorwürfe zurück München (mw) – Am 20. April vermutete David Brandes hinter dem medialen Treiben rund um ihn und die Künstler Gracia Baur und Vanilla Ninja eine „möglicherweise bezahlte und systematische Kampagne“. Diese diene einzig der „Durchsetzung der Interessen eines Wettbewerbers“, meinte Brandes. Zwar nannte er keinen Namen, doch konnten wohl nicht nur Brancheninsider aus dem Statement auf Ralph Siegel schließen. Siegel antwortete postwendend über seine Münchner Rechtsanwälte Dr. R.-Fidelio Unger und Dr. Peter Duvinage: „Sollte Herr Brandes unter,Wettbewerber‘ Herrn Ralph Siegel vermeinen, werden diese Unterstellungen als bösartig und falsch mit Nachdruck zurückgewiesen.“ Verwahrt sich gegen Unterstellungen: Ralph Siegel Schulterschluss bei der Pressekonferenz in Berlin (v.l.n.r.): Peter Zombik, Gerd Gebhardt und Karlheinz Kögel 18/2005 13 charts-manipulation.dossier Nachgefragt bei Peter Zombik und Gerd Gebhardt „Das schwarze Schaf ist Herr Brandes“ Berlin (jög) – Die Musikbranche ist in die Schlagzeilen geraten. Anlass sind die Charts-Manipulationen von Produzent David Brandes. Peter Zombik, Geschäftsführer des Bundesverbands der Phonographischen Wirtschaft, und Gerd Gebhardt, Vorsitzender der Deutschen Phonoverbände, erläutern das Ausmaß des Falles. MusikWoche: Haben die Kontrollmechanismen gegriffen oder versagt? Peter Zombik: Ganz eindeutig: Die Kontrollmechanismen haben gegriffen. Allerdings muss man einräumen, dass Gracias Charts- Platzierungen in einzelnen Wochen von den Manipulationen betroffen waren, weil sie mit großem finanziellen und organisatorischen Aufwand durchgeführt wurden, um die Mechanismen möglichst zu unterlaufen. Dieser Einfluss war aber nicht fundamental, so dass keine großen Abweichungen aufgetreten sind. Wir reden also nicht von Platzierungssprüngen. MW: Was ist das Besondere an diesem Fall? Zombik: Er ist jenseits von allem, was bisher denkbar erschien und mit unseren Sicherungssystemen vollständig abwehrbar ist. Brandes hatte intime Kenntnisse des Systems. Seine Quellen konnten wir bisher nicht identifizieren. Allein die Kenntnisse aber reichen nicht aus, es muss auch der Wille hinzukommen und die Entschlossenheit, dafür viel Geld auszugeben. MW: Können Sie eine Wiederholung von Manipulationsversuchen für die Zukunft ausschließen? Zombik: Die Charts sind theoretisch sicher. Auch in Zukunft kann sich jeder darauf verlassen. Allerdings gibt es kein System, das nicht manipuliert werden könnte. Denken Sie nur an das Eindringen von Hackern in die Pentagon-Computer. Gerd Gebhardt: Es muss allen Betrügern klar sein, dass sie erwischt werden. Der Ausschluss von der Charts-Erhebung ist die gerechte Strafe. MW: Wie stehen Sie zu den Vorwürfen, dass es alle so machen? Gebhardt: Dies ist ein durchsichtiger und untauglicher Rechtfertigungsversuch. Es wäre schon betriebswirtschaftlich unsinnig. In einer Branche, in der nur jeder zehnte Titel erfolgreich ist, müsste man wirklich blöd sein, so vorzugehen. Wenn es alle so machen würden, hätten wir in den letzten fünf Jahren nicht die Hälfte des Marktes verloren. Das System Brandes ist kein System der Branche. MW: Werden Sie gerichtlich vorgehen? Gebhardt: Der Charts-Ausschluss ist unsere Art des Vorgehens. Der Verband jedenfalls hat keine andere rechtliche Handhabe. MW: In den Medien hieß es, die Musikindustrie hätte Media Control erst zu Ermittlungen auffordern müssen. Stimmt das? Zombik: Das ist einfach falsch. Es gab eine wechselseitige Offenheit, die in vielen Jahren gemeinsamer Arbeit eine unzerstörbare Basis hat. Auch die Rückendeckung aus der Branche war groß. Eins steht fest: Die Branche ist sauber. Das schwarze Schaf ist hier Herr Brandes. MW: Er behauptet, Sie hätten seine Gesprächsvorschläge ignoriert. Ist das so? Zombik: Unmittelbar nach der ersten „Akte 05“-Sendung haben wir ihm einen Brief geschrieben, in dem wir ihn aufforderten, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Dieser Brief ist bis heute unbeantwortet geblieben. Er versuchte erst fast zwei Wochen später am Freitagnachmittag mich zu erreichen. Ich war jedoch auf einer Veranstaltung, so dass kein Gespräch zustande kam. Am Montag darauf begann die zunächst nur dreiwöchige Charts-Aussetzung für Gracia. Brandes hat seit mehr als einem Monat Gelegenheit, uns gegenüber Stellung zu nehmen. Stattdessen hat er die Öffentlichkeit bevorzugt und seine Demontage selbst bewirkt. MW: Können Sie die Einzelheiten der besonderen Prüfroutine präzisieren, der seine Titel sich jetzt aussetzen müssten, um wieder in die Erhebung zu kommen? Zombik: Die Prüfroutine werden wir nicht erläutern, da es kontraproduktiv wäre, denn wir wollen ja mit ihr Betrug unmöglich machen. 1/4 Anzeige Kurzfilmtage Anzeige

Neugierig?

Jetzt als Abonnent anmelden und weiterlesen.

Du hast noch kein Abo? Dann hol dir jetzt das Digitalabo für nur 39,90 Euro pro Monat.

Anmelden