Als „Formatwirrwarr“ bezeichnet Carl Mahlmann, Director Asset Management bei EMI, die aktuelle Situation. „Wenn ich die alte DVD noch dazu rechne, habe ich fünf Formate, die alle um dasselbe Album kreisen – das ist ein bisschen viel. Aber das soll letztlich der Konsument entscheiden. Der Markt befindet sich in einer Phase des Übergangs.“ Die Entwicklung schreitet rasant voran, CD und DVD werden vorschnell totgesagt, doch den richtigen Schritt in die Zukunft kennt niemand. Ob zum Beispiel die BluRay Disc die nächste Tonträgergeneration darstellt, oder ob sie wie einst die Digital Compact Cassette (DCC) sang- und klanglos wieder verschwindet, bleibt abzuwarten. Im gesamten Medienbereich lässt sich seit längerem eine Aufspaltung in viele kleine Zielgruppen beobachten – anschaulichstes Beispiel: das Fernsehen mit immer neuen Spartenkanälen. Bei der Technik verhält es sich ganz ähnlich. Auf die Neuheitenflut reagieren die Käufer dabei ganz unterschiedlich „Es gibt eine Gruppe der ganz harten Innovatoren, die alles kauft, was neu ist“, erklärt Mahlmann. „Die ist natürlich relativ klein. Dann gibt es eine etwas größere Gruppe von Leuten, die Neuheiten gegenüber aufgeschlossen sind, aber nicht alles gleich kaufen. Wenn sie einen München – Dual Disc, DVD-Plus, BluRay Disc, SACD: Im Buhlen um die Gunst des Kunden wird das Formatangebot auf dem Tonträgermarkt regelmäßig aufgestockt. Die Wirkung auf das Kaufverhalten der Zielgruppe ist oft jedoch ebenso begrenzt wie die Lebensdauer der neuen Konzepte. Bis heute hat sich kein würdiger Nachfolger für CD und DVD gefunden. Ob es langfristig überhaupt Alternativen geben wird, hängt von vielen Faktoren ab, nicht nur von den technischen Möglichkeiten. 3 10 46/2005 dossier.neue speichermedien persönlichen Nutzen sehen, steigen sie ein. Und natürlich gibt es auch diejenigen, die alles Neue erst einmal total ablehnen.“ Dass zum Beispiel der Marktanteil der SACD rapide gesunken ist, habe viel damit zu tun, dass man sie zunächst für eine breite Zielgruppe konzipiert hatte. Aber für den wohlklingenden Silberling konnten sich lediglich einige audiophile Spezialisten erwärmen. Konkurrenz belebt das Geschäft Doch auch Kleinvieh macht bekanntlich Mist. „Jede neue Technologie muss mit einer kleinen Gruppe anfangen“, sagt Carl Mahlmann. „Ich kann den Markt nicht von heute auf morgen erobern, das geht nicht.“ Wer am Markt Schritt fassen will, muss nicht nur mit der Technik Schritt halten, sondern auch mit der Konkurrenz. Nackte Inhalte allein genügen da oft nicht mehr. Auch Nischenanbieter haben dies erkannt und setzen auf Neuheiten wie die Dual Disc, die mehr als nur Musik bietet. „Die Vielfalt der Veröffentlichungen ist so groß, dass man sich vom Konkurrenzprodukt auch durch das Format des Tonträgers abheben muss“, sagt Jochen Maass, Vice President des Labels Nuclear Blast, das Bands wie Gotthard oder Liquido im neuen Format präsentiert. „Das können dann Dual Disc, DVD Plus oder Enhanced CD sein.“ Die Industrie drehe nun mal immer schneller an der Entwicklungsspirale, um die Kundschaft bei der Stange zu halten und Umsätze zu generieren. Carl Mahlmann meint: „Es kommt nicht nur darauf an, dass ein Produkt technisch gesehen gut ist oder besser als ein bestehendes – es kommt vielmehr sehr darauf an, ob es Konkurrenz gibt. Welche wirklichen Vorteile der Verbraucher dabei hat, ist natürlich ganz wichtig.“ Gerade unter diesem nicht unerheblichen Aspekt, den Mahlmann hier betont, erscheint indes vieles nicht ganz ausgereift und nicht zu Ende gedacht. Ob ein aus zwei bekannten Komponenten zusammengepappter Hybrid, der qualitativ nicht die Summe beider Bestandteile erreicht, das Nonplusultra darstellt, darf bezweifelt werden. Jochen Maass sieht die doppelseitigen Discs als Zeiterscheinung: „Die Dual Disc ist für mich kein neues Produkt, sondern dasselbe wie eine CD und eine DVD, eben auf einer Scheibe zusammengeklebt. Bei mir zu Hause zum Beispiel laufen sie gar nicht, weil mein CD-Spieler von oben abtastet. Daher wird die Dual Disc auch nichts sein, was wir immer machen wollen, sondern eher ab und zu.“ Ähnlich pragmatisch äußert sich Mahlmann: „Das müssen keine ausgereiften Rezepte sein. In solchen Situationen ist es in Ordnung, wenn man einfach etwas probiert.“ Natürlich sollen die Inhalte nicht um jeden Preis in die neuen Formate gezwängt werden. Auf die begrenzte Länge der Audioseite bei der Dual Disc will Maass keine Rücksicht nehmen. „Wenn die Spieldauer nicht reicht, machen wir eben keine Dual Disc, sondern eine CD und eine DVD – wir würden nicht auf Gedeih und Verderb das Album kürzen.“ Unausgereifte Konzepte können den Verbraucher jedoch schnell verärgern. Denn die Freude an den vielen neuen Formaten hat eine handfeste Historische Entwicklung der Speichermedien Stiftwalze (Holz, Metall) bisher vor allem die Tatsache im Wege, dass für ihre Nutzung spezielle Abspielgeräte erforderlich sind. Fast alle DVD-As im Handel sind Hybride, die über einen Videoteil verfügen, der auf DVDVideogeräten abspielbar ist. Ausblick: Bei der DVD-A handelt es sich um ein Nischenprodukt, das im Klassikbereich von der weit beliebteren Super Audio CD (SACD) überrundet worden ist. Mit nur wenigen Veröffentlichungen pro Jahr spielt das Format auf dem europäischen Markt so gut wie keine Rolle. Zuviel des Guten – die SACD Wie die DVD-A stellt die Super Audio CD (SACD) eine Weiterentwicklung der CD dar und basiert ebenfalls auf der DVDTechnik. Das „Delta-Sigma-Verfahren“ verwendet einen nur einen Bit breiten Audio-Stream, dafür eine Abtastrate von satten 2,8224 Megahertz. Zum Vergleich: Die CD arbeitet mit einer 16-Bit- Auflösung und 44,1 Kilohertz. Plus/Minus: Im Gegensatz zu DVD und DVD-AHybrid- CDs beschränkt sich die SACD auf reine Audio-Inhalte, die in einem unkomprimierten Dateiformat gespeichert werden. Wie bei der DVD-A ist auch hier ein mehrkanaliger Surround- Sound möglich. In den Genuss dieses Klangerlebnisses kommt jedoch nur, wer sich teure Verstärker und Abspielgeräte anschafft – auf handelsüblichen CD-Playern oder CDLaufwerken läuft die Wunderscheibe erst gar nicht. Seit ihrer Markteinführung wird die SACD jedoch als Hybrid angeboten: Auf diesem Hybrid findet sich regelmäßig auch eine ganz normale CD-Schicht mit demselben Inhalt, die auf CD-Playern abspielbar ist – in Standard-CD-Qualität. Ausblick: Obwohl die SACD schon früh von einer kleinen Käuferschicht als optimaler Träger für Klassikinhalte entdeckt wurde, dürfte ihr auf Grund der nicht gegebenen Nutzbarkeit mit preisgünstigen Abspielgeräten eine Zukunft als Massenmedium wohl versagt bleiben. Findet die Vielzahl der Formate bedenklich: Carl Mahlmann (EMI) 46/2005 11 neue speichermedien.dossier finanzielle Kehrseite: die so genannte Abwärtskompatibilität. Eine neue Gerätegeneration kann mit den Medien ihrer Vorgänger oft wenig anfangen, umgekehrt verhält es sich nicht anders. Dass heute Terabytes von Musik auf CD erhältlich sind, war Anfang der Achtziger noch eine vage Hoffnung. Wer vor einigen Jahren auf die MiniDisc setzte, findet inzwischen keine bespielten Tonträger mehr im Handel. Ähnlich könnte es auch SACD oder DVD Audio ergehen, wenn sich die Formate nicht durchsetzen. Neues Format, neues Gerät? „Speichermedien kommen und gehen. Aber nur wegen DVD Audio kauft sich niemand ein neues Abspielgerät“, weiß Carl Mahlmann. „Man müsste das Format mit ganz normalen DVD-Playern lesen können, sonst hat es keine Chance. Die CD ist stabil und so weit verbreitet, dass auch noch in 50 Jahren Lesegeräte im Einsatz sein werden. Es wird zum Beispiel auch immer Vinyl-Abspielgeräte geben, dafür existieren weltweit viel zu viele Platten. Was dann links und rechts am Wegesrand liegt, muss es in Zukunft nicht mehr unbedingt geben.“ Ein wahres Format-Babel herrscht derzeit noch bei den Downloads: Apple-iPod und MusicLoad etwa sind nicht kompatibel. MP3, das einzige Format, das überall gelesen werden kann, ist jedoch nicht schützenswert und somit für die Industrie nicht brauchbar. Auch Mahlmann zeigt sich skeptisch: „Im Moment kann man nicht absehen, in welche Richtung das geht. Wer heute einen Download kauft, kann nicht sicher sein, dass er ihn in zehn Jahren noch abspielen kann. Hier müssen wir die Voraussetzungen schaffen.“ Wie sich ein neues Produkt am Markt entwickelt, lässt sich angesichts der Fülle neuer Möglichkeiten immer schwieriger vorhersagen. Manch gute Idee wandert in den Mülleimer. „Mit DAT haben wir uns zum Beispiel alle verhauen“, räumt Mahlmann ein. „Wir haben die Denkweise der letzten zehn oder 15 Jahre übertragen und gedacht, wenn die Platte den Schritt von analog zu digital macht, muss auch Compact Cassette 2006 Strahlend blau – die BluRay Disc Ihren Namen hat die BluRay Disc von der kürzeren Wellenlänge des blauen Lasers, mit dem sie ausgelesen wird. Durch die niedrigere Wellenlänge des Lichts lassen sich die einzelnen Punkte, auf die der Laserstrahl fokussiert werden kann, verkleinern. Plus/Minus: Diese Technik ermöglicht eine deutlich höhere Speicherkapazität als auf der DVD und schlägt auch den Konkurrenten HD-DVD aus dem Feld. Eine einschichtige BluRay Disc speichert bis zu 27 Gigabyte, eine zweischichtige bis zu 54 Gigabyte – das entspricht acht Stunden Video plus Ton. Vier- und achtlagige Prototypen sind bereits in der Entwicklung. Die BluRay Disc Association, der unter anderem Sony, Matsushita (Panasonic), Pioneer, Philips und Samsung angehören, betont die so genannte Abwärtskompatibilität der BluRay-Laufwerke. Ausblick: BluRay-Formate sind als Speichermedien seit 2004 erhältlich, für Anfang 2006 sind erste vorbespielte Discs geplant. In letzter Zeit ist das BluRay-Lager um wichtige Partner wie Warner Bros., Vivendi Universal Games Paramount und Samsung angewachsen, die das Format unterstützen. Schwächelnder Nebenbuhler – die HD-DVD Als mögliches Nachfolgeprodukt der DVD wird neben der BluRay Disc die HD-DVD (High Density DVD, auch: Advanced Optical Disc, AOD) gehandelt. Ungefähr hundert Hersteller, darunter Intel, Hitachi, Time Warner und Toshiba haben sich mittlerweile zur HD-DVD Promotion Group zusammengeschlossen, um das Format zu bewerben. Die HD-DVD basiert wie das Konkurrenzprodukt BluRay Disc auf einer Technologie, die einen blau-violetten Laser verwendet. Die HD-DVD besitzt dabei pro Schicht eine Speicherkapazität von 15 Gigabyte bei gepressten und etwa 20 Gigabyte bei wieder beschreibbaren Medien. Der neue HD-DVD-Standard soll bei einer beidseitigen, jeweils zweischichtigen Disc eine Speicherkapazität von bis zu 64 Gigabyte ermöglichen. Plus/Minus: Zu den Vorteilen der HD-DVD zählt, dass sie zu den alten Medien abwärtskompatibel bleibt – der Konsument benötigt nicht mehrere Geräte. Zudem lässt sich die HD-DVD einfacher herstellen, da sie ähnlich wie eine DVD aufgebaut ist. Teile der Produktionsanlagen für DVDs können übernommen werden. Ausblick: Die Marktreife des Produkts scheint gegeben. Das erste HD-DVD-ROM-Laufwerk für PCs ist vollständig abwärtskompatibel; Recorder sollen Anfang 2006 auf den Markt kommen. Alles so schön blau hier: Stimmungsbild aus der Fertigung der BluRay Disc 3 12 46/2005 dossier.neue speichermedien das Band von analog zu digital wandern.“ Dass ein nicht wieder bespielbares Wegwerfprodukt wie die CD-R derart zulegen würde, war indes kaum abzusehen. Letztlich geht es um die Nachfrage. Der Käufer will von neuen Vorteilen überzeugt werden. Schwieriger Markt für Neuheiten Und so erklärt Mahlmann: „Maßgeblich dafür, dass die Marktentwicklung bei der DVD nicht weiterging, ist, dass es die gesamte Branche nicht geschafft hat, dem Kunden den eigentlichen inhaltlichen Mehrwert des DVD-Formats deutlich zu machen – und das ist der Mehrkanalton. Keiner weiß, ob das, was man neu auf den Markt wirft, angenommen wird oder nicht. Ein alter Erfahrungswert besagt, dass man zehn Projekte an die Wand schmeißen muss, damit zwei hängen bleiben.“ Die Vorteile der jeweiligen Technik sind so unterschiedlich wie die Bedürfnisse der Käufer: „Ich glaube, viele Leute interessiert die geringere Klangqualität der Downloadfiles überhaupt nicht“, sagt Jochen Maass. „Nicht alle sind Klangfreaks. Und die iPod-Qualität reicht für den Walkman vollkommen.“ Interessant sei, dass man beim Download überhaupt von einem Fortschritt spreche, findet Carl Mahlmann, handele es sich doch um komprimierte Musik. „Es gibt Leute, die nur noch downloaden, andere lehnen das total ab. Den Hauptteil stellen aber diejenigen, die beides tun: downloaden und physische Tonträger kaufen. Diese Gruppe kauft mittlerweile sogar wieder mehr Tonträger, weil ihr Interesse an Musik wächst.“ Die Umstellung der regulären Kataloge von LP auf CD ist beinahe abgeschlossen, doch gibt es nach wie vor Musik, die nicht auf Tonträger erhältlich ist – etwa historische Klassikaufnahmen. Hier klafft eine Lücke im Downloadbereich. Angebot und Nachfrage richten sich indes nicht allein nach den technischen Möglichkeiten. Der verwöhnte Konsument erwartet mehr als nur Musik: „Gerade für den Metal-Fan ist es sehr wichtig, dass er etwas Hochwertiges bekommt“, erklärt Jochen Maass. „Er will nicht nur die CD einlegen, sondern das Gesamtprodukt gut finden können.“ Zur gekauften Musik gehören Bilder, Informationen und eine exklusive Nähe zu den Stars. Mit verschiedenen Ausführungen derselben CD hat EMI unlängst versucht, auf die Kundenwünsche zu reagieren. Nun soll das „Super Deluxe Format“ einen Zwischenschritt zwischen Special Edition und Live-DVD bilden. Da gilt es, solchen Mehrwert vor unerlaubtem Zugriff zu sichern. „Bei der Internetpiraterie kann man gegensteuern, indem man einfach genügend Leute verklagt“, sagt Mahlmann. „In Sachen Selbstbrennen und Kopierschutz hingegen tut sich die Branche fürchterlich schwer.“ Warum? Erstens funktioniert die eingebaute Diebstahlsicherung nur selten, zweitens fühlt sich mancher Käufer geprellt, wenn das teure Stück nicht läuft. „Der Kunde, der noch kauft, wird bestraft“, sagt Jochen Maas. Mehrwert und Mega-Kapazitäten Neben aufwendiger Technik bieten die neuen Silberscheiben wie BluRay Disc oder SACD vor allem eines: Inhalt bis zum Abwinken. Und der geht ins Geld. Jochen Maass kann sich nicht vorstellen, „wer bei der BluRay Disc diesen riesigen Content bezahlen soll. Das hat bei einem Megaprodukt wie Madonna vielleicht noch einen Sinn, aber was nützt es dem Handel, wenn der ganze,Herr der Ringe‘ auf eine Disc passt? Man könnte theoretisch auch fünf CDs auf eine DVD packen.“ Hinter den Innovationen lauere die Gefahr der Selbstzerstörung: viel zu viel Ware für zu wenig Geld. „Momentan sehe ich nichts, was auf den breiten Markt kommen könnte“, sagt Maass. „Am ehesten gehört die Zukunft vielleicht noch den USB-Sticks und MP3- Playern. Irgendwann kann man sie im Auto einfach an einer USB-Buchse einstecken.“ Was technisch möglich ist, wird auch erfunden. Da ist es gut, wenn die Industrie wenigstens an die Umwelt denkt: Im April 2004 präsentierte der Elektronikgigant Sony erstmals die so genannte Paper Disc, ein Speichermedium, das zu 51 Prozent aus Papier besteht und bis zu 25 Gigabyte Speicherplatz bietet – etwa fünfmal soviel wie die Standard-DVD. Die umweltfreundliche Disc lässt sich mit der Schere zerschneiden und leicht recyceln. Henning Dedekind Sandwich-Konkurrenz – DVD Plus und Dual Disc Die doppelseitigen, so genannten Flip-Discs DVD Plus und Dual Disc bestehen jeweils aus einer „normalen“ CD- und einer DVD-Seite und bieten somit neben dem regulären Album-Content eine Fülle an zusätzlichem Material für den Musikfan. Die bereits Ende der Neunziger entwickelte DVD Plus wurde nach patentrechtlichen Streitigkeiten unter dem Markennamen Dual Disc 2005 noch einmal auf dem europäischen Markt präsentiert. Im Wesentlichen gleichen sich die beiden Scheiben jedoch, so dass sich die Dual-Disc-Gemeinschaft (EMI, Sony BMG, Universal und Warner) den Vorwurf des Plagiats gefallen lassen musste. Plus/Minus: Beide Formate haben mit der Tatsache zu kämpfen, dass sie aus zwei einzelnen Scheiben zusammengeklebt werden. Die dadurch bedingte Dicke kann die Abspielbarkeit in vielen Geräten beeinträchtigen. Die DVD Plus hält sich eng an die CD-Spezifikationen und nimmt dafür eine etwas dickere Disc in Kauf, die Dual Disc reduziert ihre Audioseite (etwa 0,9 mm) und damit auch die Speicherkapazität (etwa 65 Minuten). Schwierigkeiten bereitet die Fertigung, denn die unsymmetrische Scheibe darf keinen Verzug haben. Auch beim Labeldruck müssen gewaltige Abstriche gemacht werden, da die Disc von beiden Seiten lesbar sein muss – es bleibt lediglich der kleine Innenrand. Ausblick: Die Dual Disc setzt als direktes Nachfolgeprodukt der DVD Plus auf eine leicht abgewandelte Technologie, die ihre eigenen Einschränkungen mit sich bringt. Als neuer Standard im Segment der doppelseitigen Discs hat die Dual Disc das Rennen gemacht – nun erhofft sich die Industrie durch das Mehrwertangebot zum nur leicht höheren Preis einen Rückgang der Piraterie. Universell oder überflüssig – die UMD Die Universal Media Disc – kurz: UMD – speichert mit einer Kapazität von 1,8 Gigabyte Filme, Musik und Spiele und ist als Entwicklung von Sony nur auf der PlayStation Portable abspielbar. Plus/Minus: Als direkte Verwandte der DVD verfügt die UMD ungefähr über dieselben Möglichkeiten. Zur Musik gibt’s Video, Konzertmitschnitte und Interviews. Einziger Vorteil gegenüber der großen Schwester: Die PSP ist handlich und tragbar, so dass man sich auch in der U-Bahn Videos ansehen kann. Die speziellen UMD-Spezifikationen (etwa ATRAC3plus bei Audio-Inhalten) sollen in der Hand des Konzerns bleiben, um eine eventuelle Piraterie durch illegal genutzte Aufzeichnungsgeräte zu unterbinden. Verschiedenen Hacker- Gruppierungen ist es jedoch gelungen, die UMD mit handelsüblichen DVD-Laufwerken auszulesen, was dafür spricht, dass es sich bei der neuen Scheibe um eine Standard-DVD mit kleineren Abmessungen handelt. Dies würde auch die etwas geringere Kapazität erklären. Ausblick: Die UMD ist eine Neuheit, die technisch gesehen keine ist. Doch bei Sony setzt man auf die mediale Mobilität, die das Abspielgerät bietet. Zum Weihnachtsgeschäft 2005 startet daher eine aggressive Werbekampagne. Bis Mitte 2006 will man satte 17 Millionen PSP verkauft haben. Major-Support erhält die kleine Scheibe von Universal, wo man jüngst die ersten Veröffentlichungen im UMD-Format angekündigt hat: „The Massacre“ von 50 C ent und „We Are Scissor Sisters And So Are You“ von den Scissor Sisters. 46/2005 13 neue speichermedien.dossier Nachgefragt bei Joe Hugger „Die CD wird nicht so schnell aussterben“ München – Seit es Musik aus dem Netz gibt, fürchtet die Industrie um den Bestand des physischen Tonträgers. Mit neuen Formaten will sie den Konsumenten bei der Stange halten. Doch manch heißer Tipp von heute erweist sich morgen schon als Flop. MusikWoche fragte Joe Hugger, Senior Director Audio-Visual Strategy von Sony BMG, woran das liegt. MusikWoche: Ständig gibt es neue Speichermedien. Doch was ist wirklich neu, was unnötig? Joe Hugger: Es liegt in der Natur der Sache, dass wir unsere Produkte ständig weiterentwickeln. Der „Käfer“ wurde ja auch ein Golf. Warum sollte aus der CD nicht eine Dual Disc werden? Die Dual Disc ist einfach, aber trotzdem genial. Mit innovativer Technik hat das wenig zu tun. Sie spielt auf jedem Player und greift auf bestehende Standards zurück: auf der einen Seite die CD, auf der anderen die DVD. Das bedeutet einen Mehrwert für den Kunden. MW: Wer braucht im iPod- Zeitalter überhaupt noch Speichermedien? Hugger: Zweifelsohne sind mobiles Business und Onlinewelt die Zukunft für die Distribution von Musik. Aber wir verkaufen immer noch über 90 Prozent unseres Produktes als physische Tonträger. Somit spielen CDs, DVDs und so weiter nach wie vor eine große Rolle für den Konsumenten. Ich bin mir sicher, dass es momentan eher abschrecken würde, wenn wir keine Tonträger mehr ausliefern, sondern unser Produkt lediglich digital vermarkten würden. MW: Besteht angesichts der vielen Neuheiten die Gefahr, dass sich die Videoverwirrung der Achtziger wiederholt? Hugger: Die Gefahr der Verwirrung ist bei Neuerungen natürlich immer gegeben. Deshalb erklären wir unsere neuen Produkte ausführlich in unseren Marketingund Promotionkampagnen. Ich bin mir sicher, dass jeder PSP-Besitzer mit der Konfiguration UMD umgehen kann, egal ob es sich hierbei um Spiel, Movie oder Musik handelt. MW: Worin könnte dann der Grund für relative Flops wie SACD oder DVD Audio liegen? Hugger: Meiner Meinung nach konnten sich die beiden Formate nicht durchsetzen, da man sowohl für SACD als auch für DVD Audio spezielle Player brauchte. Dies ist beispielsweise bei der Dual Disc nicht der Fall. Sie spielt auf den herkömmlichen Geräten und bietet dabei mehr Inhalt. MW: Lohnt sich die aufwendige Entwicklung für spätere Nischenprodukte? Hugger: Wenn es hilft, ein Produkt für den Konsumenten attraktiver zu machen und den Absatz, auch in einem Nischensegment, zu steigern, lohnt es sich immer. MW: Welche Speichermedien haben Ihrer Ansicht nach die besten Zukunftschancen, und warum? Hugger: Schaut man sich die Entwicklung an, so kann man davon ausgehen, dass sich der Markt natürlich massiv in Richtung Digitalgeschäft entwickeln wird. Dennoch bin ich mir sicher, dass das haptische Musikprodukt wie die CD oder die DVD so schnell nicht aussterben wird. Unterschätzt – die MiniDisc Die MiniDisc (MD), gedacht als Ersatz für die analoge Cassette, verwendet zur Datenspeicherung ein magneto- optisches System: Ein Laser erhitzt eine Seite der Disc, während auf der anderen Seite ein Magnet die Polarität der erhitzten Stelle verändert. Beim Abspielen erkennt der Laser die Polarität des Lichts. Plus/Minus: Dank ihrer speziellen Speichertechnik lässt sich die MiniDisc bis zu einer Million Mal überspielen. Im Gegensatz zur CD und CD-R lässt sich so der Inhalt der MD nachträglich bearbeiten: So können etwa Titelreihenfolgen verändert, Stücke miteinander verbunden oder voneinander getrennt werden. Zusätzliche Informationen, etwa zu Titel und Interpret, können ebenfalls gespeichert und angezeigt werden. Auch eine lückenlose Wiedergabe der vollen Spielzeit ist möglich – hier müssen vor allem MP3-Player passen. Die ATRAC-Kompressionstechnik (Adaptive Transform Acoustic Coding) ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass Unterschiede zur unkomprimierten Quelle im Grunde nicht mehr hörbar sind. Eine neue Generation der MD, die Hi-MD, protzt mit einer Speicherkapazität von bis zu 45 Stunden Musik. Ausblick: Trotz einigen Erfolgs in Japan konnte sich die MiniDisc nicht so durchsetzen, wie das Sony erwartet hat. Gründe dafür sind sicherlich die relativ teuren Rohlinge und Geräte (vor allem im Walkman-Bereich) sowie das inzwischen völlig fehlende Angebot an bespielten Discs. Obwohl mit der Hi-MD eine runderneuerte Version vorliegt, wird die MD vermutlich auch weiterhin ein Nischendasein führen oder von anderen Formaten wieder vom Markt verdrängt werden. Auch unterwegs am Puls der Zeit – iPod & Co. Die Familie der digitalen Audio-Player gliedert sich in drei Hauptzweige. CD-Spieler, die auch MP3-Dateien lesen können, sind als Walkman auf Grund ihrer Größe und Stoßanfälligkeit kaum mehr im Gespräch. Den Markt teilen sich die seit 1998 erhältlichen, gängigen MP3-Player, die mit der so genannten Flash-Memory-Technik und einer durchschnittlichen Kapazität von 128 bis 512 Megabyte mehrere Alben speichern können, sowie die so genannten digitalen Jukeboxes, zu denen neben dem Creative Nomad oder der Dell Digital Jukebox auch der von Apple eingeführte iPod zählt. Hier ermöglicht eine Hard Disk Kapazitäten von 1,5 bis zu 100 Gigabyte. Plus/Minus: Besonders die neue Generation des iPod bietet die gesamte Fülle modernster Digitaltechnologie für die Hosentasche. Die Rangelei um die Vorherrschaft auf dem legalen Downloadsektor badet der Kunde aus, denn immer noch gibt es erhebliche Probleme mit der Kompatibilität. Ausblick: MP3-Player und digitale Jukeboxes haben auf dem Walkman-Sektor längst die Vorherrschaft übernommen. Ob sie den physischen Ton- und Bildträger verdrängen, hängt davon ab, inwieweit der legale Musikdownload aus dem Netz langfristig auf breite Akzeptanz bei den Konsumenten stößt. Ein iPod, der auch ohne Computer zu bedienen ist, etwa ganz simpel übers TV-Kabel, könnte zum Massengerät der Zukunft werden. Haptisches Musikprodukt wird nicht aussterben: Joe Hugger
MusikWoche-Dossier: Neue Speichermedien – Krieg der Scheiben
Dual Disc, DVD-Plus, BluRay Disc, SACD: Im Buhlen um die Gunst des Kunden wird das Formatangebot auf dem Tonträgermarkt regelmäßig aufgestockt. Die Wirkung auf das Kaufverhalten der Zielgruppe ist oft jedoch ebenso begrenzt wie die Lebensdauer der neuen Konzepte. Bis heute hat sich kein würdiger Nachfolger für CD und DVD gefunden. Ob es langfristig überhaupt Alternativen geben wird, hängt von vielen Faktoren ab, nicht nur von den technischen Möglichkeiten.





