“Wir brauchen neue Konzepte, um den Wert von Musik in der öffentlichen Wahrnehmung zu erhöhen und dem potenziellen Musikkäufer einen noch besseren Service zu bieten“, sagt Alexander Maurus, Managing Director Marketing GSA bei Warner Music und Vorsitzender des Charts- & Marketingausschusses. Also hat sich der Ausschuss im Bundesverband Phono etwas Neues überlegt, und wenn das wie geplant umgesetzt wird, wofür vieles spricht, dann stehen die Neuheiten künftig bundesweit bereits am frühen Freitagvormittag in den Regalen. Der Montag steht als Veröffentlichungstag für alle wichtigen Neuheiten somit auf der Streichliste. Die Charts sollen weiterhin wichtiges Branchenbarometer und Promotioninstrument bleiben; die Verkäufe indes sollen künftig von Freitagmorgen bis Donnerstagabend gezählt werden und mehr wie derzeit noch von Montag bis zum Wochenende. Die Feinjustierung der Charts- und VÖ-Politik soll die München – Selten waren sich Plattenfirmen und Händler in den letzten Jahren so einig wie in diesem Fall: Von vorgezogenen Veröffentlichungsterminen würden alle profitieren, meinen viele Vertreter beider Seiten. Allerdings ist das Thema noch nicht endgültig in trockenen Tüchern. 3 Nach jahrelangem Abwärtstrend könnten Handel und Industrie einen Anschub des Geschäfts gut gebrauchen: Vieles spricht deshalb für Veröffentlichungstermine neuer Tonträger am Wochenende, auch potenziell schnellere und höhere Chartsplatzierungen Aufschwung: Schon bald könnte das Wochenende mehr Tonträgerverkäufe bringen 10 31/2005 dossier.neue chartserhebung Umstellung unterstützen und möglichst auch noch für neue Umsatzimpulse sorgen. Entsprechenden Pläne liegen also auf dem Tisch; jetzt wird es womöglich, schnell an die Umsetzung gehen. Die besten Chancen auf einen hohen Einstieg in die Hitlisten hätten demnach künftig solche Produkte, die an den umsatzstarken Tagen am Wochenende im Handel stehen. „Das ist der wesentliche Vorteil“, findet auch Bundesverbands- Sprecher Hartmut Spiesecke: „Neue Titel wären zum Wochenende verfügbar und damit zur besten Einkaufszeit der gesamten Woche.“ Eine letzte Entscheidung sei allerdings noch nicht gefallen, sagt Spiesecke. Das nächste Treffen der am Findungsprozess beteiligten Vertreter der Phonowirtschaft soll jedoch schon in der ersten Augustwoche stattfinden. Ob sich die geplanten Änderungen in einer konzertierten Aktion noch bis zur Popkomm Mitte September in Berlin öffentlichkeitswirksam umsetzen lassen, steht allerdings noch in den Sternen. Einen wesentlichen Beitrag dazu könnten wohl die Marktforscher von Media Control liefern, die die Hitlisten im Auftrag des Bundesverbands Phono erheben. Zwar wollte sich Media-Control-Geschäftsführerin Ulrike Altig auf Nachfrage von MusikWoche noch nicht zum Stand der Dinge äußern, ein Veto von ihrer Seite käme allerdings überraschend, da das Unternehmen mit Sitz in Baden-Baden die Charts-Ermittlung als bezahlte Dienstleistung betreibt. Allerdings wäre denkbar, dass eine Änderung der über lange Jahre gewachsenen Arbeitsabläufe mit Mehrarbeit zum Wochenende eine Diskussion über die angemessene Vergütung nach sich zöge. Der Handel zumindest scheint auf breiter Front offen für entsprechende Neuerungen zu sein: „Media Markt und Saturn befürworten und fordern bereits seit langem die Vorverlegung des Veröffentlichungstermins von Montag auf Freitag“, sagt Konzernsprecher Bernhard Taubenberger. Auch für ihn liegen die Vorteile auf der Hand: „Durch die Verlängerung der Ladenöffnungszeiten auf 20 Uhr machen unsere Kunden verstärkt von der Möglichkeit Gebrauch, am Wochenende in aller Ruhe zu shoppen und sich dabei beraten zu lassen. Sollten wir zu diesem Zeitpunkt schon die Neuerscheinungen anbieten können – und unsere Kunden nicht weiter auf den Montag vertrösten müssen – erwarten wir selbstverständlich spürbare Impulse für den Verkauf.“ Doch nicht nur der Marktführer ist für das Thema zu begeistern, auch der Fachhandel sieht eine Chance: „Ein absolut wichtiger Schritt in die richtige Richtung“, findet zum Beispiel Jörg Hottas als Vorsitzender des Aufsichtsrats des Marketingverbunds amm. „Darauf habe ich schon lange gewartet.“ Die höhere Kundenfrequenz am Wochenende würde für zusätzliche Impulskäufe sorgen und die gezielten Käufe sicher nicht beeinträchtigen. „Es ist grundsätzlich zu begrüßen, wenn die VÖs vorgezogen werden“, meint auch Michael Huchthausen als Präsident des Fachhandelsverbands GDM. „Das ist eine alte Forderung des Handels, die wir seit einiger Zeit in unregelmäßigen Abständen an die Hersteller herangetragen haben.“ So habe das Thema auch im Frühjahr bei einem Treffen der Phonowirtschaft mit den Handelsverbänden in Berlin auf der Tagesordnung gestanden. Letztlich leite sich der Erfolg zwar immer noch vom Produkt ab, aber „es macht absolut Sinn, stark nachgefragte Waren auch an den umsatzstarken Tagen anzubieten“. Ähnlich sieht es Alexander Wessendorf, der geschäftsführende Gesellschafter beim Systemdienstleister TMI: „Ich finde es absolut positiv, wenn an diesen starken Wochentagen auch die umsatzstarke und attraktive Ware im Handel steht.“ Allerdings rechnet Ziehen weiter an einem Strang: Ulrike Altig von Media Control und Hartmut Spiesecke vom Bundesverband Phono Sind sich in der grundsätzlich positiven Einschätzung einig (v.l.n.r.): Bernhard Taubenberger (Media Markt/Saturn), Jörg Hottas (amm) und Alexander Wessendorf (TMI) Dienstag ist Charts-Tag Baden-Baden (dis) – Seit 1976 gehört es zu den Ritualen der Musikbranche: Jeden Dienstagnachmittag kurz nach 17 Uhr versammeln sich die Firmen geschlossen vor dem Faxgerät (neuerdings vor dem E-Mail-Account), um die neuesten Charts zu erhalten. Denn seit damals ermittelt das von Karlheinz Kögel geführte Unternehmen im Auftrag des Bundesverbandes Phono die Abverkäufe für Singles, Alben und Compilations, später kamen noch Hitparaden für alle neuen Formate wie Musikvideos auf VHS und DVD sowie Subgenres wie Dance oder rein nationale Produktionen hinzu. Der Erhebungszeitraum war zu Zeiten des Händlerfragebogens jeweils vom Samstag bis Freitag der Folgewoche, dies wandelte sich später zur ganzen Woche: Gewertet werden jetzt die Verkaufszahlen aus per Zufallsgenerator ausgewählten Fachhandelsgeschäften und Elektromärkten jede Woche von Montag bis Sonntag. Aus diesen Zahlen erstellt Media Control in Baden-Baden die beiden großen Top-100-Listen für Singles und Alben. Seit dem Jahr 2002 fließen dabei Musik- und Comedy-DVDs in die Longplay- Charts ein, und seit August 2004 zählt Media Control auch Downloads von einzelnen Tracks für die Singles-Auswertung mit. Trotz dieser Ergänzungen und Änderungen blieb eins bislang unverändert, wie Ulrike Altig, Geschäftsführerin Media Control, betont: „Charts-Tag ist seit 29 Jahren der Dienstag.“ 31/2005 11 neue chartserhebung.dossier Wessendorf nicht mit einem Wirtschaftswunder in der Musikbranche und mahnt zudem eine genaue Planung an: „Logistische Prozesse und Vorläufe müssen berücksichtigt und angepasst werden“, sagt er. So sei gerade bei den TMI-Kunden aus dem SB-Bereich der Freitag ein schwieriger Tag für die Anlieferung, denn dann seien die Angestellten in den Märkten vollauf damit beschäftigt, ihre Lebensmittelabteilungen mit frischer Ware für die anrollenden Wochenendeinkäufer aufzufüllen. Vergleichbare Einwände dürfte es von Seiten zentral organisierter Handelshäuser wie Karstadt oder Müller geben. Kritische Stimmen bleiben eindeutig in der Minderheit: So warnt Edmund Epple, Inhaber des Landsberger Fachgeschäfts Discy, davor, dass „der Montag ohne Neuerscheinungen künftig wie in anderen Branchen ein ganz schwacher Tag werden könnte“. Spontankäufe würden auch so stattfinden, die stärkere Fokussierung auf das Wochenende mache in seinen Augen nur bedingt Sinn. Die Anlieferung der Ware könne allerdings ruhig früher erfolgen, als es bereits heute der Fall sei. Auf Vertriebsseite dürfte die geplante Umstellung denn auch kaum Sorgenfalten hervorrufen: Wichtige Neuerscheinungen gelangen meist vor dem Wochenende in den Handel, allerdings mit entsprechenden Sperrvermerken, den In-Store-Dates. Dass dabei mal ein Fehler passiert und das eine oder andere Outlet eine neue CD vor dem eigentlich eingeplanten Verkaufsstart in die Regale stellt, ließ sich auch bislang nicht völlig vermeiden; das wird es wohl auch in Zukunft geben. Für Sony BMG jedenfalls betont André Mühlhausen, Senior Vice President Sales: „Auch aus Vertriebssicht ist der Freitag als Releasetag kein Problem. Im Gegenteil: Endlich kommt Bewegung in den Markt. Wir sind logistisch darauf vorbereitet.“ Die Filmbranche hat den Starttag ihrer Produktionen übrigens schon vor mehr als 20 Jahren vorgezogen. Die ersten Erfolge der neuen Blockbuster werden denn auch traditionell am Startwochenende gemessen, zumeist in Relation zur Zahl der eingesetzten Kopien. Knut Schlinger Nachgefragt bei Alexander Maurus: „Vorteile liegen klar auf der Hand“ Hamburg (ks) – Der Charts- & Marketingausschusses des Bundesverbands der phonographischen Wirtschaft brachte den Vorstoß zu einem neuen Ansatz in Fragen der Veröffentlichungspolitik auf den Weg. Im Gespräch mit MusikWoche erläutert Warner-Manager Alexander Maurus, gleichzeitig Vorsitzender des Gremiums, Details und Planungen. MusikWoche: Seit wann arbeiten Sie an einer neuen VÖ-Regelung? Alexander Maurus: Wir diskutieren das Thema im Charts- & Marketingausschuss mehr oder minder intensiv seit anderthalb Jahren. Es ist in der Tat so, dass wir vor geraumer Zeit entschieden haben, etwas zu verändern. Unser Vorschlag ist auch bereits innerhalb des Koordinierungsausschusses diskutiert worden und traf dort auf breite Zustimmung. Allerdings entscheiden wir nicht über den VÖ-Tag, denn es bleibt selbstverständlich jeder Firma weiterhin überlassen, wann sie ihre Produkte auf den Markt bringt. Wir haben vielmehr zusammen mit Media Control festgelegt, dass wir den Zeitraum der Chartsermittlung verändern wollen. Konkret wollen wir den Erhebungszeitraum von zurzeit Montag bis Samstag auf Freitag bis Donnerstag verschieben. MW: Was versprechen Sie sich von diesem Schritt? Maurus: Wir brauchen neue Konzepte, um den Wert von Musik in der öffentlichen Wahrnehmung zu erhöhen und dem potenziellen Musikkäufer einen noch besseren Service zu bieten. Zum einen ist es so, dass viele Menschen am Freitag etwas früher Feierabend haben und die Zeit oft noch für Einkäufe nutzen, zum anderen haben wir an Samstagen längere Öffnungszeiten. Zudem hätte die geplante Neujustierung des Chartserhebungszeitraumes zur Folge, dass die beiden ersten Verkaufstage auch die beiden verkaufsstärksten wären und wir somit schon am Montag früh sehr genau wissen, ob die Kunden unsere Produkte annehmen oder nicht. MW: Gibt es weitere Argumente? Maurus: Gerade in der schwierigen Marktsituation, in der sich die deutsche Musikwirtschaft nach wie vor befindet, ist es besonders wichtig, die Chartsentwicklung unserer Produkte so transparent wie möglich zu machen, um unsere Marketing- und Promotion- Etats noch zielgenauer einsetzen zu können. Ein entsprechendes „Frühwarnsystem“ käme auch den Promotion-Abteilungen zugute. Wenn sich aufgrund der Wochenendverkäufe bereits am Montag abzeichnet, welche Neuerscheinungen gut im Markt performen, so verfügen die Kollegen über weitere handfeste Argumente bei Hörfunk- und Fernsehsendern. MW: Gibt es Widerstände? Maurus: Nein, die Vorteile liegen klar auf der Hand. Es gibt allerdings den einen oder anderen, der das Thema noch mit seinem internationalen Department klären muss. Dazu muss man allerdings auch wissen, dass es in Europa bereits Länder gibt, in denen diese Regelung seit Jahren gang und gäbe ist: So stehen die Neuerscheinungen in Italien, der Schweiz und den Niederlanden bereits am Freitag in den Läden. MW: Ihr Plan zur Umsetzung? Maurus: Wir haben das Ob entschieden und arbeiten jetzt gerade am Wie. Dazu müssen wir aber zunächst noch mit unseren Partnern im Handel und mit Media Control reden. MW: Wäre die Popkomm ein passender Termin zur Umsetzung? Maurus: Wir sind noch in der Planungsphase. Der Termin klingt in der Theorie ganz schön, aber im Vordergrund steht die reibungslose und zügige Umsetzung; und dazu bedarf es noch einiger Gespräche und Abstimmungen. MW: Kann es sein, dass Media Control als Dienstleister bei einer Umstellung finanzielle Aspekte ins Spiel bringt? Maurus: Würde diese Dienstleistung anschließend mehr Geld kosten, dann wäre das in meinen Augen bestens investiert. Ob das aber so ist, bleibt abzuwarten. Arbeitet jetzt an der Umsetzung: Alexander Maurus Wollen handeln: Edmund Epple (l.) und Michael Huchthausen
MusikWoche-Dossier: Neue Chartserhebung
Selten waren sich Plattenfirmen und Händler in den letzten Jahren so einig wie in diesem Fall: Von vorgezogenen Veröffentlichungsterminen würden alle profitieren, meinen viele Vertreter beider Seiten. Allerdings ist das Thema noch nicht endgültig in trockenen Tüchern.





