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MusikWoche-Dossier: Musikszene Berlin

Ist Berlin eine Musikstadt von Weltruf? Auf den ersten Blick wohl eher nicht, trotz Universal und weiteren wichtigen Firmen. Anders sieht es indes aus, wenn es um elektronische Musik geht: Love Parade, Tresor, Richie Hawtin, Jeff Mills: Viele wichtige Namen der Club-Musik sind eng mit Berlin verbunden.

dossier.musikszene berlin 25. Juli 2005 · nr. 30 Innovationen und Eigeninitiativen Wo der Bär tanzt Berlin – Ist Berlin eine Musikstadt von Weltruf? Auf den ersten Blick wohl eher nicht, trotz Universal und weiteren wichtigen Firmen. Anders sieht es indes aus, wenn es um elektronische Musik geht. Love Parade, Tresor, Richie Hawtin, Jeff Mills: Viele wichtige Namen der Club-Musik sind eng mit Berlin verbunden. 10 30/2005 dossier.musikszene berlin Der Tresor-Club steht zwar derzeit ohne Räumlichkeiten da, und die Love Parade ist dieses Jahr ausgefallen. Doch das sind eher vorübergehende Probleme. Denn für die Berliner Clubs gehört Improvisation zum Geschäft. Und die Substanz findet sich an anderer Stelle. Stolz spricht der Berliner Senat davon, dass die in der Hauptstadt ansässigen Musikunternehmen 60 Prozent des deutschen Musikmarktes abdecken. Den Löwenanteil erwirtschafteten dabei bisher die Majors Universal und Sony BMG. Die Szene in Berlin zeigt sich davon jedoch kaum beeindruckt. „Universal, Sony BMG und MTV haben der Stadt gar nichts gegeben, auf jeden Fall nicht in der Welt der Musikproduktion und der Clubs,“ urteilt Jan Joswig, Musik- und Moderedakteur des Berliner Kulturmagazins „de:bug“. Wer Berlin wirklich belebt, wer die Stadt international bekannt macht und den Großen die Bälle zuspielt, das weiß inzwischen auch der Berliner Senat und formuliert es nüchtern so: „Das einzigartige Netzwerk aus kleinen, innovativen Labels und die kreative mittelständische Musikszene, insbesondere im Techno- und Elektronikbereich.“ Etwa 70 Elektro-Labels aus Berlin und Umland haben sich mittlerweile dem Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen (VUT) angeschlossen, was eine Vorstellung von der Größenordnung dieses munteren Treibens vermittelt. Selbstausbeutung aus Liebe zur Musik Jeden Tag drängen neue Platten und CDs aus dem elektronischen Berlin auf den Markt; selbst Insider kämpfen im Dschungel der Neuerscheinungen um Überblick. Wie sollen da erst Außenstehende den Einstieg in die kreative Kleinteiligkeit finden? Erschwerend kommt hinzu: Während Köln für minimalen Techno steht und Frankfurt für House, gibt es keinen leicht identifizierbaren „Sound of Berlin“. Jörg Heidemann von MDM, ein von Berlin aus arbeitendes internationales Vertriebsnetzwerk, sieht das als Vorteil: „Berlin ist offener als seine Konkurrenten. Tresor Records macht Techno, das Umfeld von Basic Channel Dub, und Scape steht für minimale Elektronik. Dadurch ist, was aus Berlin kommt, per se interessant und wird nicht sofort in eine Schublade gesteckt. Was noch fehlt, ist ein Festival oder eine Messe mit großer Außenwirkung.“ Dem Publikum einen Überblick zu verschaffen, Berliner Produzenten nach außen zu präsentieren und sie zugleich enger zusammenzubringen – genau das versucht das jährliche Labelfestival „Marke B“. Zur fünften Ausgabe kamen Ende Mai 44 Labels. Ihre Künstler bespielten den vorderen Teil des Clubs Maria mit Auftritten und DJ-Sets, während die Macher im hinteren Teil Stände aufgebaut hatten. Zwischen Musikgenuss und Stöbern in den liebevoll gestalteten Veröffentlichungen war das Festival der ideale Ort, um in die Berliner Elektroszene hineinzuschnuppern. Die größten Überraschungen erlebte jedoch, wer mit den Machern über ihren Alltag plauderte. „Wie die kleinen Labels arbeiten, 3 30/2005 11 musikszene berlin.dossier 12 30/2005 dossier.musikszene berlin häufig nur eine Person, das ist meist Selbstausbeutung aus Liebe zur Musik,“ berichtet Gudrun Gut, Mitbegründerin von Marke B. „Meistens machen die Labels zusätzlich noch Veranstaltungen, oder sie sind selbst Künstler oder DJs.“ Ein typischer Fall ist Daniel Meteo, neben Thomas Fehlmann der dritte Veranstalter von Marke B: „Ich versuche, die Musik um mich herum zu organisieren und davon zu leben. Ich mache Booking, bin Musiker, Produzent und DJ. Daneben betreue ich das Label Shitkatapult sowie mein eigenes Label Meteosound. Im Prinzip arbeite ich alleine; ich habe aber mit anderen Leuten Netzwerke aufgebaut. Wir kämpfen alle ums Überleben – und produzieren dabei Musik.“ Vielleicht sind die Labels in Berlin nun schon ganz gut vernetzt, und die Zuschauer geben sich womöglich gern mit den Endprodukten zufrieden – die diesjährige Ausgabe von Marke B war jedenfalls nicht so üppig besucht wie früher. Sinnvoller wäre inzwischen wohl eine Tournee des Festivals, um die Dynamik der Berliner Szene zu exportieren. Von den Veranstaltern angedacht und von den Machern gefordert, harrt dieses Projekt noch der Umsetzung. Indes gilt: Kein Label ohne Künstler, und mit ihnen ist Berlin wahrlich verwöhnt. Denn Berlin ist in. Immer mehr Musiker aus aller Welt ziehen in die Stadt, nirgendwo sonst gibt es derzeit eine solche Dichte an kreativen Köpfen. In der elektronischen Musik ist das ein Wert für sich, sind doch die Hierarchien niedrig und projektgebundene Kooperationen häufig. Jüngster prominenter Neuzugang ist der Produzent und DJ Richie Hawtin, der mit einigen seiner Künstler aus Nordamerika übersiedelte und in Berlin gleich eine Dependance seines Labels m-nus eröffnete. Wie früher Jazz ist das Elektronik- Genre gerade in den USA sehr randständig. So locken Absatzmärkte, Auftrittsmöglichkeiten und Anerkennung die Musiker nach Europa. Zudem beeinflussen offenbar „weiche“ Faktoren die Künstler bei ihrer Entscheidung. Die fehlende Sperrstunde und Frühstück rund um die Uhr: In Berlin gilt „Leben und leben lassen“, und das kommt gut an. „Es geht hier sehr tolerant zu,“ meint der englische Sänger Jamie Lidell. „Du kannst in ein schickes Restaurant gehen und dabei aussehen wie ein abgefuckter Hippie, normalerweise lässt man dich wortlos gewähren.“ Ellen Allien, DJ und Labelchefin, bringt die Stimmung ihrer Heimatstadt auf den Punkt: „Berlin lässt auch andere Formen atmen.“ Die Trumpfkarte Berlins aber sind die niedrigen Lebenshaltungskosten: Man zieht weg aus London, Paris und San Francisco mit ihren unerschwinglichen Mietpreisen und hinein in eine großzügige Altbauwohnung in Neukölln, Friedrichshain oder Kreuzberg. Für etabliertere Künstler hält eine Bleibe in Berlin die Fixkosten niedrig, während sie die meiste Zeit auf Tournee sind. Newcomern, die künstlerisches Schaffen für eine Weile über Gewinnmaximierung stellen, eröffnet Berlin die Möglichkeit eines menschenwürdigen Daseins zum Billigtarif. Hier gibt es selbst innerhalb der eigenen vier Wände Raum für ein kleines Studio. Hier ist Zeit für die Entwicklung, für den notwendigen Anlauf vor dem großen Wurf. Der Ort, wo alle Fäden zusammenlaufen, ist der Club. Musiker und DJs verdienen ihr Brot und entwickeln ihre Ideen weiter. Das Publi- Exkurs zur Entwicklung einer Kulturmetropole: Was ist Gentryfication? Prenzlauer Berg und Mitte illustrieren perfekt das klassische Modell der Gentryfication alter Viertel im Stadtzentrum. Zuerst werden sie von Vorreitern entdeckt, die sich dort niederlassen, dann werden sie wegen ihrer außergewöhnlichen Atmosphäre von anderen Akteuren überrannt und schließlich ihrer kulturellen Substanz beraubt. Indem sie baufällige urbane Zonen im Stadtzentrum attraktiv machen, lösen diese Künstler oder andere Vorreiter einen wirtschaftlichen und spekulativen Prozess aus, den sie nicht unter Kontrolle haben und dem sie – Ironie des Schicksals – letztlich zum Opfer fallen. Gegen ihren Willen sind Künstler also die Pioniere und Verursacher der städtischen Renovierungsmaßnahmen und ihrer Folgeerscheinung, der Gentryfication. So will es eine anscheinend unvermeidliche Kausalitätskette. Dies sind die Etappen der Entwicklung: 1. Aneignung 2. Aufwertung 3. Gentryfication 4. Sterilisierung In der Kulturentwicklung eines Viertels konnten vier Phasen unterschieden werden. Wenn man sich auf die Beispiele Prenzlauer Berg oder Mitte bezieht, stellt man fest, dass jede Phase durchschnittlich etwas länger als zwei Jahre dauert. Anders gesagt vergeht von der „wilden“ Aneignung eines Viertels bis zu seiner kulturellen Sterilisierung inklusive der Zwischenphasen Aufwertung und Spekulation ein Zeitraum von weniger als zehn Jahren. Der Ablauf dieser Etappen in einer sehr kurzen Zeitspanne entspricht ziemlich genau dem Modell der klassischen Gentryfication, wie man es in den 70er- und 80er-Jahren in anderen großen Weltmetropolen wie London, New York oder Paris beobachten konnte. Der entscheidende Umschwung der Umstände vollzieht sich zwischen der Phase 2 (Aufwertung) und der Phase 3 (Gentryfication). Die letzte Phase (Sterilisierung) bedeutet nicht, dass das Viertel kulturell „tot“ ist, sondern dass die kommerziellen Funktionen den kreativen Sektor in den Hintergrund drängen. (Aus Boris Grésillon: „Kulturmetropole Berlin“, Berliner Wissenschaftsverlag 2003, Übersetzung: Oliver ilan Schulz) Zugereist und zufrieden: der englische Sänger Jamie Lidell (l.) und DJ Richie Hawtin aus USA Foto: Dirk Bittermann Foto: Eva Vermandal 30/2005 13 musikszene berlin.dossier kum gibt Feedback und schmiedet eigene Pläne. Über Videos, Flyer und Mode entsteht die Verbindung zu musikverwandten Kunstformen. Berlins Vorzeigeclubs wie WMF, Berghain/Panoramabar oder früher Tresor ließen auch im Ausland die Herzen höher schlagen. Mit einem ambitionierten Programm eroberten parallel dazu kleinere Clubs wie ausland, nbi oder Lovelite ihre Nische. Allein in der im Jahr 2000 gegründeten Interessengemeinschaft Club Commission sind 50 Clubs und Veranstalter organisiert. Jedes Wochenende dürften aber noch deutlich mehr Partys und Konzerte um das Publikum buhlen. Kurz: Die Clubkultur ist Berlins stärkste Seite. Happenings in Hangars und Lofts Ihre Wurzeln reichen zurück bis in die 80er-Jahre. In legendären Orten wie dem Fischlabor, dem UFO oder dem Ex’n’Pop experimentierte der Berliner Underground; DJ Westbam beschallte das Metropol mit elektronischer Musik. Nach dem Fall der Mauer war dann der Raum für die Umsetzung der Ideen da. Ungeklärte Eigentumsverhältnisse erleichterten Hausbesetzungen; Wohnungsbaugesellschaften gewährten mittelfristige Zwischennutzungen für Kultur. Techno wurde zum Soundtrack dieses Auschwärmens. Und was vielerorts eine Enttäuschung war, ging in Ostberlin in Erfüllung: Zur Freude aller Nachtschattengewächse erlebte die Clubkultur blühende Landschaften. Einige der heute etablierten Clubs wie das WMF oder das Maria entstammen direkt dieser Tradition, doch ist die Szene insgesamt von den Neunzigern geprägt – durch die Betonung des Subkulturellen, ein anspruchsvolles Musikprogramm und erschwingliche Preise. Auch heute ist die Veranstaltungsszene sehr lebendig. Stets drängen Organisatoren mit neuen Konzepten nach. Der begabteste Location- Scout ist derzeit der Niederländer Maarten, der Wert darauf legt, dass sein Nachname nicht genannt wird. Der gelernte Städtebauarchitekt überrascht immer wieder mit spektakulären Orten wie Hafenhangars, leerstehenden Bürolofts oder den Gebetsräumen einer ehemaligen Moschee. Faszinierend ist, wie gemütlich die Räume für einmalige oder sehr befristete Happenings dekoriert werden. „Wir nutzen und inszenieren das Vorhandene. Dank unserem Low-Budget-Ansatz können wir risikofreudig sein. Was nicht ausgegeben wird, muss auch nicht wieder erwirtschaftet werden“, sagt Maarten. „Durch die Veranstaltungen zeigen wir festgefahrenen Eigentümern, was aus dem Objekt gemacht werden kann – auf deren Werbeplakaten sieht man selbst bei durchschnittlichen Büros immer nur Krawatte tragende Golfspieler. Unter unserem Publikum finden sich häufig die zukünftigen Mieter.“ Ihm sei bewusst, dass er damit die Gentryfication (siehe Kasten) fördere. In der Zwischenzeit bieten diese und ähnliche Veranstaltungen mit überwiegend studentischem Publikum angehenden Musikern und DJs Einstiegsmöglichkeiten. Maarten: „Ich glaube, es ist gut, dass wir immer wieder die Grenzen von Behörden, Eigentümern und Gästen austesten. Das Feedbackorchester hat zum Beispiel einen vollen Saal innerhalb einer Minute nahezu leergefegt, so schrill und experimentell war die Musik. Das ist Kultur.“ Acht Millionen Euro Förderung Zu den Faktoren, die den Boden für eine produktive Szene bereiten, gehört nicht zuletzt die Presse. Die Magazine „Groove“ und „de:bug“ informieren über elektronische Musik aus Berlin und der ganzen Welt. Jeden Monat bieten sie Künstlerporträts, Hintergrundberichte sowie eine Fülle von Plattenbesprechungen. Wie der Untertitel „Elektronische Lebensaspekte“ bereits andeutet, widmet sich „de:bug“ darüber hinaus einer übergreifenderen Berichterstattung. „Wichtiger als das bloße Begleiten neuer Bewegungen ist es für eine Zeitung wie,de:bug‘ zu gucken, mit welchen anderen kulturellen Bereichen sich diese Musik verzahnt – digitale Kommunikation, Mode, Design“, sagt Redakteur Jan Joswig. „Berlin als kreative Stadt schöpft immer mehr aus diesen Überschneidungen; es gibt kein vorrangiges Genre mehr, sondern im gegenseitigen Austausch liegt die Stärke. Nirgends wird in so vielen Bereichen so idealistisch – das heißt: ohne nennenswertes Geld – gewu- Berlin lässt sie atmen: DJ und Labelchefin Ellen Allien (l.), Gudrun Gut (Musikerin und Co-Veranstalterin Marke B) Steh’n auf Berlin: Vertriebsnetzwerker Jörg Heidemann (MDM) und Tanja Mühlhans vom Senat Foto: Florian Kolmer vs. Steffi & Steffi Foto: Kerstin Anders 14 30/2005 dossier.musikszene berlin selt wie in Berlin. Da steckt,de:bug‘ drin.“ Tatsächlich leben im Fahrwasser von Labels, Künstlern und Clubs zahlreiche Unternehmen wie Agenturen, Softwareschmieden und Plattenläden. Musik und Clubkultur dürfen also als eine der wenigen dynamischen Branchen Berlins gelten. Deshalb mühen sich Politik und Verwaltung redlich um eine Verbesserung der Rahmenbedingungen. Über die „Musikwirtschaftsinitiative“ des Berliner Senats flossen von 2000 bis 2004 über acht Millionen Euro Fördergelder. Verglichen mit einer groß angelegten – und letztlich lohnenswerten – Förderpraxis wie beispielsweise in Frankreich oder der Schweiz wirkt diese Summe nahezu lächerlich, doch angesichts der maroden Haushaltslage Berlins ist schon ihre Existenz ein Erfolg. Unterstützt wurden unter anderem Marke B und Berlin-Stände auf Musikmessen – diese Initiativen darf man als gelungen betrachten. Das ebenfalls geförderte Projekt der Lizenzrechteplattform „SourceMusic“ scheint dagegen im Sande zu verlaufen. Wichtig ist vor allem, dass zwischen Machern und Politik ein überwiegend positives Verhältnis besteht. „Das System versucht die Szene nicht anzugreifen, wir werden unterstützt,“ empfindet Ellen Allien. Von den Clubbetreibern ist ähnliches zu hören: Die Stadt erleichtere die Raumsuche und greife vermittelnd bei den Verhandlungen mit den Bezirken ein. „Nur die Polizei hält uns bedauerlicherweise für Halb- oder Unterwelt,“ beklagt der Besitzer eines großen Clubs einschränkend. Was kommt am Ende heraus? Für Berlin ist die Außenwirkung groß. „Die Reaktionen, die ich von anderen Städten und aus dem Ausland erhalte, sind sehr positiv,“ sagt Tanja Mühlhans, die beim Berliner Senat die „Musikwirtschaftsinitiative“ betreut. „Insbesondere für Menschen und Unternehmen aus den Creative Industries hat Berlin eine enorme Strahlkraft.“ Aber die Konkurrenz schläft nicht. Barcelona hat das Sonar- Festival und das Mittelmeer. In London lauern mehrere Jahrzehnte populäre Musiktradition, zudem ist eine Menge Geld in Umlauf. Montreal katapultierte sich dank des Mutek-Festivals und massiver Unterstützung durch Kulturfonds binnen weniger Jahre ganz nach vorn. Berlin aber wirbt einfach mit dem, was es hat, und sei es aus der Not geboren: Raum, dass heißt Clubs, niedrige Lebenshaltungskosten, also viele Künstler, und wohlwollende (aber abgebrannte) Behörden. Konkrete Zahlen über die Rückkopplungseffekte für die Akteure vor Ort gibt es nicht. Aber im Gegensatz zu den schlingernden Majors gilt für die vielschichtige Indie-Szene: auf niedrigem Level stabil, Tendenz leicht steigend. Ist der kollektive Eifer gar ein Labor für Modernisierung, eine Art große Ich-AG? Sicher: Das Bewusstsein um knappe Ressourcen gehört in Berlin schon lange zur Routine. Gerade in der Musik- und Clubszene sind Innovation und Eigeninitiative Tagesgeschäft, stets ist sie auf der Suche nach Alternativen und unkonventionellen Lösungen. Irgendwann ist jedoch auch der strapazierfähigste Idealist des Strampelns müde. Daniel Meteo: „Als Musiker genieße ich den Austausch und die ständige Veränderung. Leider ist Berlin unglaublich schwach im Cash-Flow. Wenn man seine Rechnungen bezahlen muss, ist das eine alltägliche Last.“ Hier hat ein Wandel stattgefunden. Noch immer wird in Berlin mehr als in anderen Städten jeder respektiert, der kreativ arbeitet und dabei wenig verdient. Doch heute arbeiten auch die Indie-Strukturen professionell. In der Zusammenarbeit wollen sie auf ihre Partner zählen können: Loser und Poser nerven. Aber anders als vor ein paar Jahren heißt Erfolg nicht mehr automatisch, dass man seine Ursprünge verrät und seine Glaubwürdigkeit einbüsst. Ein gutes Beispiel liefert der Produzent T.Raumschmiere. Mit dem Schlachtruf: „Stay anti!“ hat er seine Jugendliebe Punk in die elektronische Musik übertragen. Zugleich leitet er seit Jahren das Label Shitkatapult mit inzwischen mehr als 60 Tonträgern. Er selbst veröffentlicht dieser Tage sein zweites Album beim Global Player Mute. Für die anderen gilt das Prinzip Hoffnung – denn T.Raumschmiere ist nicht der einzige, der bewiesen hat, dass der Sprung aus Berlins selbstausbeuterischem Underground in eine mehr oder weniger üppige Rentabilität möglich ist. Bis dahin gilt die Devise: Zusammenhalten und schön weiterwurschteln! Oliver ilan Schulz Professionell arbeitende Independents auf dem Sprung zum Erfolg: T.Raumschmiere (l.) und Daniel Meteo Sieht Idealismus am Werk: Jan Joswig der autor Oliver ilan Schulz lebt als Journalist für überregionale Tageszeitungen und Musikpresse in Berlin. Er ist als Übersetzer aus dem Französischen und als Veranstalter tätig – www.zoralanson.net

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