Spanien tritt auf der Popkomm die Flucht nach vorne an Mit Karamba Berlin/Madrid – In diesem Jahr ist Spanien das Partnerland der Popkomm. In Zusammenarbeit mit der spanischen Verwertungsgesellschaft SGAE und weiteren Organisationen der spanischen Musikwirtschaft holt die Berliner Musikmesse 70 Aussteller und 26 Bands an die Spree, die meist aus dem Independent-Bereich stammen und die große stilistische Bandbreite der spanischen Musikszene repräsentieren. Diese Szene bleibt allerdings von den weltweiten Umwälzungen nicht verschont; auch der spanische Markt kämpft mit der Rezession. 10 38/2005 dossier.musikmarkt spanien Die weltweite Krise der Musikindustrie hält die Iberische Halbinsel fest im Griff. Nach drei Verlustjahren in Folge musste Spaniens Musikmarkt im ersten Halbjahr 2005 erneut ein Minus im zweistelligen Bereich hinnehmen: Von Januar bis Juni brachen die Umsätze um 15,7 Prozent oder 20 Millionen Euro auf nur noch 167 Millionen Euro ein. Im ersten Semester 2004 waren es noch 198,5 Millionen Euro gewesen. Dass mit Sevilla Rock und Madrid Rock kürzlich zwei renommierte Fachgeschäfte schließen mussten, gilt als weiteres Menetekel. Die Absatzkrise des Landes, dessen Einwohnerzahl mit 40 Millionen halb so groß ist wie Deutschland, betrifft in erster Linie die CDs. Im Jahr 2001 hatten die CDVerkäufe die Rekordmarke von 71,1 Millionen Einheiten erreicht; 2003 waren es immerhin noch 53,8 Millionen. Die Talfahrt setzte sich 2004 mit einem Minus von 14,1 Prozent im Vergleich zumVorjahr fort; die CD-Verkäufe sanken auf 44,6 Millionen Stück. Im selben Zeitraum ging der Umsatz mit Tonträgern von 685 auf 462 Millionen Euro zurück. Auch der DVDMarkt musste im ersten Halbjahr 2005 Federn lassen. Nach einer Verdoppelung auf 3,5 Millionen verkaufte Einheiten in 2004 gingen die Zahlen wieder in den Keller. Wurden in der ersten Hälfte 2004 noch 1,5 Millionen DVDs abgesetzt, so waren es dieses Jahr bisher nur eine Million – ein Minus von 33 Prozent. Dennoch behauptet Spanien seinen neunten Platz in der Rangliste der IFPI nach Italien und vor Halbjahreszahlen 2004/2005 2004 2005 Prozent CDs 18.271 16.287 -10,9 % Gesamt Audio 19.456 17.315 -11,0 % DVD & VHS 1.548 1.035 -33,1 % Gesamt 21.004 18.351 -12,6 % Audio&Video Umsatz in 198,519 167,383 -15,7 % Millionen Euro Spanien musste im ersten Halbjahr ein Minus im zweistelligen Bereich hinnehmen: Vor allem die DVD- und VHS-Verkäufe brachen ein Top 10 Alben in Spanien 200438/2005 11 musikmarkt spanien.dossier 12 38/2005 dossier.musikmarkt spanien Holland; Deutschland nimmt mit einem Jahresumsatz von 1,741 Millionen Euro bei 181 Millionen verkauften Tonträgern Rang vier ein – nach den USA, Japan und UK. Spanien sei „eine erstklassige Adresse für alle, die als internationale Player auftreten“, sagt Popkomm- Direktorin Katja Bittner. Und diesem Status soll die Ausrufung zum Partnerland der Popkomm Rechnung tragen. Die Spanier lassen sich denn auch nicht lumpen: „Noch nie wurde von spanischer Seite ein solcher ökonomischer, logistischer und künstlerischer Aufwand betrieben wie in diesem Jahr“, erklärt Fernando Neira, Pressesprecher der spanischen Verwertungsgesellschaft SGAE (Sociedad General de Autores y Editores). „Wir sind jedoch davon überzeugt, dass unsere Musiker in Berlin auf offene Ohren stoßen.“ Von der Rezession sind alle betroffen Schon früher hatte sich die Popkomm als Sprungbrett für spanische Bands wie Héroes Del Silencio oder Hevia bewährt. Die derzeitigen Blockbuster der iberischen Musikszene wie David Bisbal oder Estopa glänzen in Berlin allerdings durch Abwesenheit. Stattdessen stellt Spanien bei der Popkomm 26 viel versprechende Newcomer aus den Sparten Roots-, Latinund Indie-Rock ins Rampenlicht. So verbindet die Sängerin und Tänzerin Ana Salazar aus Cádiz Chansons von Edith Piaf mit traditionellem Flamenco. Die Sunday Drivers aus Madrid wiederum sorgten mit anglophonem Pop jüngst in Frankreich für Furore und kamen dort bereits bei Naive Records unter. Angesichts allgemein drastisch gesunkener Verkaufszahlen ist die verstärkte Orientierung des spanischen Marktes nach Europa ein wichtiger Versuch, den verlorenen Boden im Ausland wieder gut zu machen. Dass die Krise in Spanien nicht auf künstlerische Defizite zurückgeht, sondern kommerzieller Natur ist, zeigt nicht zuletzt der hohe Eigenanteil nationaler Künstler auf dem heimischen Markt. So konnten sich 2004 neun nationale Produktionen unter den zehn Album-Bestsellern platzieren; in Deutschland waren es nur drei nationale Acts. Im Jahr zuvor stammten südlich der Pyrenäen sogar alle zehn Toptitel aus nationalem, spanischsprachigem Repertoire. Damit setzt sich der Trend aus den Vorjahren fort (siehe Grafik): 2004 beispielsweise sicherte sich Spaniens größter Indie Vale Music mit dem Album „Bulería“ von David Bisbal die Spitzenposition; einziger internationaler Künstler in den Top Ten war die US-amerikanische Sängerin Anastacia auf Position acht. Auch in den Top 50 des Jahres 2004 beherrschten spanische Produktionen das Feld, währende der Anteil anglo-amerikanischer Künstler wie U2, Robbie Williams oder Norah Jones wenig mehr als zehn Prozent betrug. Doch von der Rezession der jüngsten Jahre sind spanische und internationale Acts gleichermaßen betroffen. Dem Jahresbericht der Verwertungsgesellschaft SGAE zufolge gingen die Einnahmen in den letzten drei Jahre um 35,8 Prozent zurück; die ausgeschütteten Tantiemen sanken seit 2000 um 36,9 Prozent. Auch beim Kauf von Tonträgern halten sich die Spanier sehr zurück: So belegt die Statistik für 2004, dass im Durchschnitt jeder Spanier pro Jahr nur 1,1 CDs kauft – der europäische Schnitt liegt bei 3,2. Für Musiktonträger gab der Durchschnittsspanier im Jahr 2004 lediglich 10,50 Euro aus. Dieser massive Rückgang der Verkäufe geht einher mit einem Piraterie-Anteil von 20 Prozent des legalen Markts. Markt mit eigenständigem Profil Und natürlich leidet die spanische Musikwirtschaft auch unter illegalen Downloads aus dem Internet. Ihr Anteil wird für 2004 auf 280 Millionen Titel geschätzt und hat sich damit binnen Jahresfrist mehr als verdoppelt. Der Verkauf unbespielter CDs wuchs dementsprechend von 2003 auf 2004 um etwa 20 Prozent auf 242,5 Millionen Stück – nahezu das Fünfeinhalb- 0 10 20 30 40 50 spanische Künstler Anzahl der Titel internationale Künstler 2004 2003 2002 2001 2000 1999 1998 1997 1996 1995 1994 1993 35 33 33 29 26 25 25 24 26 26 20 19 31 34 39 41 16 11 9 24 21 17 17 15 Beachtlich: In den vergangenen Jahren erhöhte sich der Anteil spanischer Longplay-Produktionen in den Top 50 auf nahezu 80 Prozent Spanische und internationale Künstler in den Charts 0 200 400 600 800 1000 Absatz in Mio. Euro 2004 2003 2002 2001 2000 1999 1998 1997 1996 1995 1994 1993 1992 1991 0 20 40 60 80 100 Absatz in Mio. Einheiten 53,4 392,3 361,6 379,6 428,0 417,4 421,2 527,8 611,2 600,1 678,9 685,1 589,2 531,0 461,7 51,4 50,1 56,3 52,0 50,8 57,8 63,6 63,4 77,8 78,9 65,3 57,7 49,1 Rückläufig: Nach dem Höhenflug von 2000 und 2001 ging es beim Absatz wie auch beim Umsatz von Tonträgern beständig bergab Umsatz und Absatz von Tonträgern Quelle: CIMEC-MB, Promusicae/IFPI Quelle: CIMEC-MB, Promusicae/IFPI Katja Bittner über das Partnerland Spanien gehört zu den großen Kulturnationen der Welt und verfügt über eine äußerst spannende Musikund Unterhaltungslandschaft. Die Musik des Landes hat eine atemberaubende stilistische Bandbreite, in der zum Beispiel folkloristische Klänge auf den Techno-Sound des 21. Jahrhunderts treffen. Davon haben wir in Deutschland bislang vergleichsweise wenig erfahren. Die Popkomm will das ändern. Spanien gehört weltweit zu den Top Ten der Musikmärkte und ist damit eine erstklassige Adresse für alle, die als internationale Player auftreten.“ Viva España: Bittner 38/2005 13 musikmarkt spanien.dossier fache der 44,6 Millionen verkauften bespielten CDs. Doch es gibt auch positive Aspekte. So zeigt eine von der SGAE und dem Kulturministerium veröffentlichte Umfrage, dass Musikhören für 86 Prozent aller Spanier die bevorzugte kulturelle Aktivität darstellt. Der durchschnittliche Musikkonsum liegt demnach bei 143,2 Minuten pro Tag und Kopf. Mit seinem hohen Anteil nationaler Künstler zeigt der spanische Markt jedenfalls ein vollkommen eigenständiges Profil. „Die Sprachdebatte wird bei uns mit großer Leidenschaft geführt“, erklärt Fernando Neira von der SGAE auf die Frage, ob spanische Texte nicht ein Hindernis für den Export iberischer Künstler seien. „Generell verkaufen spanische Gruppen, die Englisch singen, zu Hause weniger – einzige Ausnahme: Dover. Von Gruppen wie Sexie Sadie, The Sunday Drivers oder Love of Lesbian dagegen wären in ihrer Heimat vermutlich bekannter, würden sie Spanisch singen.“ Natürlich sei die Sprache des Mainstream Englisch, andererseits sei auch Spanisch als künstlerisches Ausdrucksmittel eine attraktive Alternative. Immerhin werde diese Sprache von 400 Millionen Menschen diesseits und jenseits des Atlantiks gesprochen. In Deutschland jedoch blockierte das Vorurteil, die Sprache sei eine zu große Barriere, spanischen Künstlern jahrelang den Zugang zu Radio und TV. Immerhin zeigen die jüngsten Chartserfolge von Shakira und Juanes, beide Superstars aus Kolumbien, dass das nicht ganz stimmen kann. Im August 2005 erklommen Juanes mit seinem Album „Mi Sangre“ und Shakira mit dem Longplayer „Fijación Oral Vol. 1“ nacheinander die Spitzenposition der deutschen Charts. Davor war es lediglich einem spanischsprachigen Thema gelungen, die Pole Position zu erobern: dem Buena Vista Social Club aus Kuba. Der unerwartete Erfolg von Juanes und Shakira düfte jedenfalls Ansporn für alle sein, die daran arbeiten, spanische Künstler in Deutschland zu positionieren – dem aus spanischer Sicht fünftwichtigsten Markt. Das Potenzial der Música Española ist allemal groß. Nach Einschätzung von Fernando Neira liegt das an ihrer Vielfalt: „Bei uns gibt es Indie-Bands mit angelsächsischem Profil und Indies im Latin- Stil, andalusischen HipHop oder unorthodoxe Electro-Experimente. Einige unserer Pop- und Rockmusiker haben ihren Songs einen Latin-Touch verpasst, andere setzen auf Flamenco oder Rumba. Allerdings besitzt Musik aus Spanien auch keltische, afrikanische, mediterrane und arabische Chromosomen. Diesen Reichtum an Ausdrucksmöglichkeiten wollen wir auf der Popkomm vermitteln.“ Wolfgang Zwack
MusikWoche-Dossier: Musikmarkt Spanien
In diesem Jahr ist Spanien das Partnerland der Popkomm. In Zusammenarbeit mit der spanischen Verwertungsgesellschaft SGAE und weiteren Organisationen der spanischen Musikwirtschaft holt die Berliner Musikmesse 70 Aussteller und 26 Bands an die Spree, die meist aus dem Independent-Bereich stammen und die große stilistische Bandbreite der spanischen Musikszene repräsentieren. Diese Szene bleibt allerdings von den weltweiten Umwälzungen nicht verschont; auch der spanische Markt kämpft mit der Rezession.





