10 6/2006 dossier.midem 2006 Midem-Macher ziehen Jubiläumsbilanz Pop und Politik vereint unter der Sonne Südfrankreichs Cannes – Die 40. Midem bot mit ihren Feierlichkeiten einen passenden Hintergrund für den neuerlichen Schulterschluss zwischen Pop und Politik. Wohl nie zuvor war die politische Prominenz so zahlreich in Cannes vertreten. Zugleich wuchs auch die Zahl der Messeteilnehmer. Allerdings dürfte das vor allem an den Gemeinschaftsständen gelegen haben. Als Messedirektorin Dominique Leguern kurz vor Schluss der Jubiläums-Midem eine vorläufige Bilanz zog, vermeldete sie ein Plus: Die Messemacher der Reed Midem Organisation begrüßten bis zum 25. Januar genau 2313 Aussteller aus 66 Ländern in Cannes – ein Ausstellerzuwachs um acht Prozent. Weitere 2322 Firmen waren präsent, ohne einen Stand gebucht zu haben; auch hier ein Plus von vier Prozent. Die Zahl von insgesamt 4635 Firmen mit und ohne Standpräsenz liege um sechs Prozent über dem Vorjahreswert, rechnete Leguern vor. Ebenfalls um sechs Prozent im Plus: die Zahl der Messebesucher. An den ersten drei Tagen kamen 9766 Besucher ins Palais des Festivals. Vor allem Amerikaner und Deutsche trugen zum Zuwachs bei. Schuldig blieben die Messemacher allerdings eine Bilanz der Ausstellungsfläche. Aufmerksamen Besuchern fielen an verschiedenen Orten Stellwände auf, die Bereiche kaschierten, die in den vergangenen Jahren noch genutzt worden waren. Zudem fiel auf, dass im Grunde branchenfremde Firmen mit Glamourfaktor in der Riviera-Halle ihren Platz gefunden haben. So konnte man die neuen Telefone in iPod-Weiß und iPod-Schwarz bewundern, die Sony Ericsson gerade auf den Markt bringt, aber auch Motorola oder Sony Netservices ließen sich nicht lumpen, was Präsenz und Glimmer anging. An den Gemeinschaftsständen im Tiefgeschoss wird es dagegen von Jahr zu Jahr kuscheliger, woran sich jedoch in der geschäftig guten Atmosphäre etwa bei den Deutschen, Österreichern und Schweizern kaum jemand störte. Schließlich war man ja zum Arbeiten in Cannes. Auf einen Arbeitsbesuch kamen auch zahlreiche Vertreter der Kulturpolitik nach Cannes: Für ein Treffen auf europäischer Ebene bietet die französische Mittelmeerküste eben allemal einen guten Rahmen. Und vielleicht liegt hier auch eine große Chance der Midem, sich in den kommenden Jahren vom Mitbewerber Popkomm abzugrenzen: Wenn sich die auch in wirtschaftlicher Hinsicht für viele Standorganisatoren wichtigen Finanziers an der Croisette wohlfühlen, dürften die Gelder aus den Töpfen der Exportförderer und Kulturpolitiker der Midem noch bis zum nächsten Jubiläum ein Auskommen sichern helfen. Als letzten Trumpf haben die Messemacher der Reed Midem Organisation die französische Hauptstadt im Ärmel: Im Pariser Expo Port de Versailles testen sie vom 9. bis 12. September 2006 unter dem Namen Salon de la Musique et du Son erstmals eine Konkurrenzveranstaltung zur Frankfurter Musikmesse. Knut Schlinger Sprachen für Deutschland (v.l.n.r.): Kulturstaatsminister Bernd Neumann, Marcel Römer, Eva Briegel, Jonas Pfetzing, Dedi Herde und Simon Triebel (alle Juli) bei der Verleihung der European Border Breaker Awards Kamen als Superstars zur Midem (v.l.n.r.): Stefan Dabruck, Peter Aleksander, Frank Fenslau und Frank Klein (alle Superstar Recordings) nutzten auch die nächtliche Altstadt von Cannes für ihre Geschäfte 6/2006 11 midem 2006.dossier Ganz Europäer: Dieter Gorny (MTV Europe, l.) und Jean-François Michel (European Music Office) Eifrige Messegänger: Ulli Nefzer (l.) und Heiko Beck, die beiden Geschäftsführer von Modernsoul SUISA und SACEM luden in den Swiss Music Club (v.l.n.r.): Roy Oppenheim (SUISA), Bernard Miyet (SACEM) und Alfred Meyer (SUISA) Litauische Lizenzen: Robert Larasser (r., RL Promotions) und Saulius Sventickas (Melodija) Ritterschlag: Frankreichs Kulturminister Donnedieu de Vabres ehrte Midem-Director Dominique Leguern Warben für die zweite Ausgabe der Eastern Europe Music Convention im Juni in St. Petersburg (v.l.n.r.): Sasha Dith, Alexey Tsvetkov und Tobias Dannappel (alle EEMC) Hoher Besuch: Beim deutschen Empfang umrahmten Prof. Klaus-Michael Karnstedt (l., Peer Music Verlag) und Kulturstaatsminister Bernd Neumann die 105- Künstlerin Annett Louisan, die mehrere Songs spielte Informierten sich über neue Trends im Digitalmarkt (v.l.n.r.): Fernando Mantovani (Sony Connect), Stefan Weikert (edelNet) und Florian Haase (Sony Connect) Jeder wollte ein Stück vom Kuchen: Die Midem wurde 40 Jahre alt Betreuten einen der letzten deutschen Label-Stände: Gregor Minnig und Natalie Stähler (beide Zyx) 12 6/2006 dossier.midem 2006 edel music feiert den Geburtstag der Midem mit exklusiver Weinprobe Stießen aufs internationale Geschäft an: Joachim Harbich (Managing Director edel records & edel media, l.) mit Peter Cadera (edel records, 2. v.r.) und den Anwälten Alexi Cory- Smith und Euan Lawson (beide Kanzlei Addleshaw Goddard) Lobten die edlen Tropfen (v.l.n.r.): Oliver Schwenzer (arvato mobile), Susanne Schulz (edel records, Head of International) und Peter Hoffmann (Produzent von Lollipops und Tokio Hotel) Cannes (ks) – Wie immer fanden einige der interessantesten Veranstaltungen im Umfeld des offiziellen Messeprogramms statt. So nutzten Vertreter der edel music AG rund um Unternehmenslenker Michael Haentjes, COO Timo Steinberg und Stefan Weikert (General Manager edelNet) die Feierlichkeiten zur 40. Midem, um am Abend des 22. Januar Freunde und Geschäftspartner zur exklusiven Weinprobe ins Hotel Majestic an der Croisette einuladen. Konferenzprogramm ließ sehr zu wünschen übrig Cannes – „Panels? Aus dem Alter bin ich raus“, meinte Konrad von Löhneysen, Managing Director Ministry Of Sound Recordings Germany, im Gespräch mit Musik- Woche. Wie für den deutschen Label-Chef dürfte für die meisten Branchenvertreter, deren Terminkalender auf der Midem Meetings im Halbstundentakt vorsah, kaum Zeit geblieben sein, eine der Veranstaltungen des umfangreichen Konferenzprogramms zu besuchen. Und in der Tat trafen sich im Auditorium bei den großen Panels vor allem internationale Journalisten, die sich Tipps und Trends von den globalen Branchenexperten erwarteten. Die Midem wurde stets in ihrer nun 40-jährigen Geschichte dieser Erwartungshaltung gerecht, denn es gelang ihr mit schöner Regelmäßigkeit, die tatsächlich maßgebenden Spezialisten ans Rednerpult zu holen. Bereits im Jahr 2000 setzte MidemNet, ein damals erstmals auf zwei Tage ausgedehnter „Vorschalt“-Kongress, auf die Themen Digitalisierung, Downloads und Mobile. Und es war auf der Midem 2004, wo Eddie Cue, Vice President of Applications Internetservices bei Apple, Neuerungen bei iTunes verkündete. Neun Monate später machte Cue bei der Popkomm Station und präsentierte lediglich noch einmal ausgewählte Passagen aus seiner Midem- Keynote. Auch in diesem Jahr hatten sich die Midem-Macher Mühe gegeben und ein insgesamt sechsteiliges Konferenzprogramm zusammengestellt, das mit großen Namen aus aller Welt nicht geizte. Am Samstag standen Downloads und am Sonntag Mobile Entertainment im Mittelpunkt der MidemNet. Am Ende der beiden Tage blieb der Eindruck, dass die digitalen (Geschäfts-)Modelle, die in den vergangenen Jahren hier vorgestellt wurden, nun funktionieren und – so der Tenor aller Redner und Diskussionsteilnehmer – auf jeden Fall zur Rettung der Musikbranche beitragen würden. Im Nachhinein erschöpften sich die einzelnen Beiträge jedoch viel zu sehr in ermüdenden Produktpräsentationen; die verschiedenen Moderatoren fungierten zumeist nur als Stichwortgeber und verzichteten weitgehend darauf, kritische Fragen nach Effizienz und Rentabilität zu stellen. Darunter litt auch eine Veranstaltung mit dem Titel Live Music Network am Montagvormittag, die neben dem Indie-Gipfel, dem Global Radio And A&R Forum und der Music For Images Conference das Panel-Angebot der 40. Midem ergänzte. Das Live Music Network, das in diesem Jahr von einem ganzen auf einen halben Tag verkürzt wurde, war die mit Abstand am schlechtesten besuchte Veranstaltung unter den sechs Konferenzschwerpunkten. Auch hier wollte keine rechte Diskussion aufkommen, und das derzeit größte Aufregerthema im Live Entertainment, die von Ticketmaster vorangetriebenen Kartenauktionen, wurden von Live Aid/8-Veranstalter Harvey Goldsmith in seinem Keynote-Interview zwar mit höhnischen Bemerkungen kommentiert – zu einer weiterführenden Diskussion mit sachlichem Mehrwert für die Zuhörer kam es allerdings nicht. Die Midem, die sich viele Jahrzehnte zu Recht als diskursive Branchenbegleitung begreifen durfte, gerät damit in Gefahr, ein Alleinstellungsmerkmal zu verlieren. So könnten andere Messen auf Ideen kommen, wie man ein wirklich spannendes, informatives und kritisches Konferenzprogramm auf die Beine stellt, sodass selbst viel beschäftigte Label-Manager doch noch einmal vorbeischauen. Dietmar Schwenger Midem-Plausch: Dr. Willem Buhse (l., CoreMedia) und TVT-Chef Steve Gottlieb beim Mobile-Panel 6/2006 13 midem 2006.dossier Anzeige Nur im livepaper! www.musikwoche.de/livepaper Mehr Infos zu Personen, Unternehmen, Themen und Hintergründen? EBBA-Gewinner: Nach der dritten Ausgabe der European Border Breaker Awards (EBBA) versammelten sich alle Preisträger zum Gruppenfoto, darunter die deutsche Band Juli (rechts) Beeindruckt vom Feuerwerk der Mozart Music Cloud (v.l.): IFPI-Chairman John Kennedy, Österreichs Staatssekretär Franz Morak und Franz Medwenitsch (IFPI Austria) Am deutschen Gemeinschaftsstand (v.l.n.r.): Jürgen Hofius (Sigena), da-music-Geschäftsführer Rainer Koppermann und Rudy Holzhauer (Progressive Musikverlag) arvato mobile lud zum Cocktailempfang (v.l.n.r.): Paolo Roatta (Managing Director South), CEO Bernhard Ribbrock, Christoph Hartlieb (Managing Director North) und Richard Wahlen (Director Business Development) Traten persönlich gegen das Klischee der Midem als Indie-Messe an (v.l.n.r.): Neffi Temur (Director HipHop Soul Universal Domestic UDD), UDD-Chef Tom Bohne und Manuel Overbeck (Junior A&R/DJ Promo UDD) Legte bei der finnischen Eröffnungsparty am Midem-Sonntag auf: DJ Darude Aktivisten: Präsident Michel Loris-Melikoff und sein Assistent Sébastien Blanc von der Zürcher Street Parade Alte Partner: Midem-Chef Paul Zilk (l.) und Österreichs Standorganisator Mario Rossori Nutzten die Midem für Hintergrundgespräche (v.l.n.r.): Jean Cavalli (SUISA), Eric Baptiste (CISAC) und Patrice Hourbette (French Music Export)
MusikWoche-Dossier: Midem 2006
Die 40. Midem bot mit ihren Feierlichkeiten einen passenden Hintergrund für den neuerlichen Schulterschluss zwischen Pop und Politik. Wohl nie zuvor war die politische Prominenz so zahlreich in Cannes vertreten. Zugleich wuchs auch die Zahl der Messeteilnehmer. Allerdings dürfte das vor allem an den Gemeinschaftständen gelegen haben.





