legale p2p-geschäftsmodelle.dossier P2P-Netzwerke satteln um auf legale Angebote Schnelle Garde in den Startlöchern „Die Katze ist längst aus dem Sack“, meint Wayne Rosso. Er spielt damit auf den Wandlungsprozess an, den die in den USA ansässigen Filesharingfirmen gerade vollziehen: von vermeintlichen Copyright- Schwerverbrechern hin zu geachteten Mitgliedern der Musikwirtschaft. „Die derzeit zu beobachtende Entwicklung lässt sich nicht mehr aufhalten.“ Der Gründer und Chairman der Firma Mashboxx hat einen jahrelangen Kampf mit den Labels hinter sich und verkörpert vielleicht selbst am besten die Häutung, die einige P2PAnbieter in den vergangenen Monaten durchlebt haben. Rosso war als Geschäftsführer von Grokster und Blubster ein Erzfeind der Branche und machte sich mit seiner von vielen als großspurig empfundenen Art wenig Freunde. Die Chefs der Majors waren für Rosso wahlweise „verrückt“ oder „völlig unfähig, die neuen Realitäten zu erkennen“. Diese Realitäten waren und sind freilich für die Musikbranche schwer zu verdauen. Täglich versorgen sich Fans millionenfach mit Musik, ohne dass die Rechteinhaber dafür auch nur einen Cent an Vergütung sehen. Zwischen neun und zehn Millionen Menschen sind zu jedem beliebigen Zeitpunkt in den P2P-Netzen aktiv und haben dort Zugriff auf eine Datenmenge von mehr als zehn Petabyte – das sind zehn Millionen Gigabyte oder genug Musik, um mehrere Millionen iPods mit Musik zu füllen. Heute gibt sich Ex-Rebell Rosso geläutert. Er betreibt von seinem Wohnsitz in Virginia Beach an der Atlantikküste aus ein Unternehmen, das aus Filesharern Kunden machen soll. Mashboxx soll im Dezember als Betaversion ans Netz gehen und eine neue Ära des digitalen Musikvertriebs einleiten. Nicht weniger als eine dritte Generation des Filesharing will Mashboxx begründen und so die Umsatzverluste vergessen machen, die durch die ersten beiden Generationen in Form von Napster und der Nachfolgersysteme wie Gnutella oder FastTrack entstanden sind. Wer mit solchen Visionen bei Plattenfirmen auf Kooperationsbereitschaft hofft, steht indes meist schnell alleine im Konferenzzimmer. Es sei denn, er hat Verbündete. Rosso hat einen. Es ist Andrew Lack, CEO von Sony BMG, der inzwischen allerdings auf wackligem Stuhl sitzt. Lack war von Anfang an begeistert von der Vorstellung, den gordischen P2P-Knoten zu entwirren, statt ihn mit dem juristischen Schwert zu zer- München – Apple benötigte mehr als zwei Jahre, um 500 Millionen Songs über den iTunes Music Store zu verkaufen. In P2P-Netzen wird derzeit monatlich rund eine Milliarde Titel frei getauscht. Für die Musikbranche ist die Zeit also mehr als reif, aus diesem riesigen Bedarf an digitaler Musik Kapital zu schlagen und die schnelle P2P-Technologie für legale Geschäftsmodelle zu nutzen. Mit iMesh und Mashboxx stehen zwei Systeme unmittelbar vor dem Start. dossier.legale p2p-geschäftsmodelle schlagen. „Vorher haben wir immer zwei Aussagen von den Labels zu hören bekommen“, berichtet Rosso im Gespräch mit MusikWoche. „Die eine war: ‚Wir belohnen doch keine Piraten.‘ Die andere: ‚Fahrt euer System runter, dann verhandeln wir.‘ Bei solchen Ausgangspositionen bleibt wenig Verhandlungsspielraum.“ Doch Lack sei Risiken eingegangen, um die verfahrene Situation zu retten. Wenngleich es jetzt – angesichts der aktuellen Führungskrise bei Sony BMG – so aussieht, als seien diese Risiken intern vielleicht doch zu hoch gewesen. Nach fünfmal Hören geht’s zur Kasse Dennoch sieht Rosso den Start seines Konzepts nicht gefährdet. Die Rechteinhaber hätten inzwischen verstanden, dass P2P in einer lizenzierten Form mehr Chancen als Gefahren für die Musikbranche bietet. Nicht zuletzt deshalb gab Sony BMG die Starthilfe für Mashboxx und lizenzierte als erster Major sein Repertoire an den Service. Die anderen Plattenfirmen dürften in den kommenden Wochen folgen. Doch selbst mit Fürsprache der Konzernspitze war es ein hartes Stück Arbeit, bis sich Rosso mit Sony BMG einig war: „Sogar mit Andys Hilfe dauerte es acht Monate, bis wir den Vertrag in trockenen Tüchern hatten.“ Es gehe bei den Verhandlungen mittlerweile weniger um den Willen zur Zusammenarbeit als um die zu klärenden rechtlichen Details. „Das meiste Geld geht im Moment für die Anwälte drauf“, sagt Rosso. Was letztlich unterm Strich rauskommen soll, ist ein Onlinegeschäftsmodell, das die Vorzüge von offenen P2PNetzen mit jenen von reglementierten Downloadshops vereint. Die Rechteinhaber registrieren ihre Songs bei Mashboxx und beim Clearinghaus Snocap, wo man von den Dateien einen akustischen Fingerabdruck nimmt, den ein Filtersystem aus dem Hause Philips in allen technologischen Umgebungen erkennen soll. Zusätzlich hinterlegen die Labels für jeden einzelnen Track die Nutzungsbedingungen in den Datenbanken. Snocap bietet nach eigenen Angaben ein flexibles Rechteverwaltungssystem an, mit dessen Hilfe die Rechteinhaber ohne großen Aufwand selbst diese Nutzungsbedingungen individuellen oder aktuellen Wünschen anpassen können. So ist zum Beispiel eine Änderung des Handelsabgabepreises oder der Anzahl der möglichen Kopien des Titels jederzeit machbar. Sucht ein Mashboxx- User künftig nach der Musik seiner Wahl, wird der eigens entwickelte P2P-Client als Meta-Suchmaschine alle gängigen Gnutella-Clients nach den angefragten Titeln durchsuchen. Damit loggt sich Mashboxx gewissermaßen ins Gnutella-Netz über bekannte Frontends wie Grokster, LimeWire oder Morpheus ein und liefert dem Nutzer Ergebnistreffer. Sollten diese Treffer gemäß ihres akustischen Fingerabdrucks mit den bei Snocap hinterlegten Daten übereinstimmen und sollte der Nutzer eine Gibt nicht auf: Morpheus-Entwickler und Streamcast-Chef Michael Weiss weist alle Schuld von sich Nachgefragt bei Michael Bebel, CEO Mashboxx: „Wir halten uns an die Regeln der Rechteinhaber“ New York (ml) – Nach Stationen bei Universal Music, pressplay und Napster will Michael Bebel nun als CEO bei Mashboxx die P2P-Technologie zu einem respektierten Geschäftsmodell machen. MusikWoche wollte von ihm wissen, was die Branche dabei erwarten kann. MusikWoche: Wann wird Mashboxx ans Netz gehen? Michael Bebel: Unser Beta-Release in den USA soll im Dezember erfolgen. Es stimmt, dass es gerüchteweise schon viel früher einen Betatest hätte geben sollen, aber man darf nicht vergessen, dass wir unsere eigene Technologie entwickeln. Das sorgt bisweilen für ungewollte Verzögerungen. Wir sind jetzt in der Prä- Betaphase, alles läuft wie geplant. Unsere Datenbank wird gerade mit den Inhalten gefüttert, für deren Verkauf wir uns Lizenzen sichern konnten. Wir nehmen die digitalen Fingerabdrücke dieser Dateien und versehen sie mit den Nutzungsrechten, wie sie die Labels definierten. MW: Sie haben erst mit einem einzigen Major, Sony BMG, einen Vertrag. Welche anderen Inhalte wandern noch in Ihre Datenbank? Bebel: Es gab von uns noch keine Pressemitteilungen zu weiteren Deals, aber ich kann heute sagen, dass Sie nicht mehr lange darauf warten müssen. Wir sind bald soweit. Sobald wir uns auf den Markt wagen, werden wir ein breites Angebot vorweisen können. MW: Wie schwer wird der Start für Mashboxx angesichts einer fehlenden Markenidentität in der P2P-Welt? Bebel: Seit dem Urteil des Supreme Court zu Grokster hat sich auch die Wahrnehmung bei den Nutzern verändert. Die Menschen merken, dass jetzt ein anderer Wind weht. Ich bin sicher, dass wir bei unserem Markteintritt als legales Angebot auf eine große Zahl von Musikfans treffen werden, die sich über die legalen Probleme der bisherigen P2P-Welt im Klaren sind. Unser Betatest wird sich zunächst an diejenigen Nutzer richten, die auf unserer Website eine E-Mail-Adresse hinterlegt haben. Zudem werden wir in einer ersten Phase unsere Software auf den gängigen Downloadsites anbieten. Wir werden also neben all den anderen Clients zu finden sein. Später sorgen wir dafür, dass wir auch für eine größere Zielgruppe sichtbar sind. MW: Es ist also mit einer Kampagne zur Markteinführung zu rechnen? Bebel: Ja, aber nicht beim Beta- Release. Wenn wir im Frühjahr 2006 mit unserer Gold-Version starten, wird es auch eine Marketingkampagne geben. MW: Wie wollen Sie gegen die anderen P2Ps konkurrieren, die derzeit auf ein von der Musikbranche akzeptiertes Modell umrüsten? Bebel: Weil wir die ersten sein werden, die mit einem legalen P2PKonzept auf den Markt kommen, sollten wir durchaus einen gewissen Startvorteil haben. MW: Das heißt also, Sie kommen dem Start von iMesh zuvor? Bebel: Da bin ich mir ehrlich gesagt nicht so sicher. Ich habe gehört, dass die schon sehr bald loslegen wollen. Aber soweit ich das jetzt erkennen kann, unterscheidet sich unser Konzept doch relativ stark vom iMesh-Modell. Mashboxx wird viel näher an dem sein, was P2P-Nutzer kennen und schätzen. 44/2005 13 legale p2p-geschäftsmodelle.dossier solche Datei herunterladen wollen, wird Mashboxx in Zusammenarbeit mit Snocap in den ersten Wochen und Monaten nicht den Download von einem Peer zum anderen zulassen, sondern stattdessen den entsprechenden Titel per Redirect aus einer Zentraldatenbank ausliefern. Diese Files werden als Windows-Media-Dateien mit einer Datenrate von 128 kBit/s und mit Microsoft-DRM auf der Festplatte des Users ankommen. Erst wenn durch eine Vielzahl von Downloads genügend DRMgeschützte Dateien eines Songs innerhalb des Mashboxx/Gnutella-Netzes in Umlauf sind, wenn also sicher gestellt ist, dass bei einer Suchanfrage nach dem Song nur noch die zugelassene Fassung erscheint, erlaubt das Mashboxx-System den direkten Download von Peer zu Peer. Diesen Vorgang bezeichnen die Entwickler als „Seeding“. Nach dem Download eines solchen Titels wird die Datei im Ordner „Library“ mit zwei Buttons versehen auftauchen: „Play“ und „Buy“. Ein Click auf „Play“ wird den Song in seiner vollen Länge abspielen. Bei der derzeitigen Standardeinstellung des DRM können Nutzer insgesamt fünfmal zur Probe hören. Beim Click auf „Buy“ wird der Erstnutzer zur Angabe seiner Kreditkarteninformationen und um die Eröffnung eines Kontos beim Micropayment-Dienstleister Peppercoin gebeten. Mit dieser Funktionalität will Mashboxx ein Grundbedürfnis vieler Tauschbörsenfans befriedigen. Denn ein Großteil der aus dem P2P-Netz gefischten Musik landet oft wieder im Papierkorb der Nutzer, weil diese feststellen, dass ihnen der Song nicht genug gefällt, um ihn dauerhaft zu speichern. Erst nach fünfmaligem Probehören bittet Mashboxx zur Kasse. „Wir denken, das reicht, um sich zu entscheiden, ob man den Song will oder nicht“, erklärt CEO Michael Bebel. Mehr Auswahl bringt mehr Verkäufe Wayne Rosso hat Bebel erst Ende September zum Geschäftsführer des Unternehmens gemacht. Der neue CEO ist im Digitalgeschäft ein bekanntes und vor allem bei der Musikbranche anerkanntes Gesicht. Er fungierte zuletzt als COO von Napster, schied allerdings 2004 aus dem Unternehmen aus. Davor war Bebel als CEO für pressplay, das Digitalvertriebs- Joint-Venture von Universal Music und Sony Music, tätig, nachdem er zuvor bei Universal mitgeholfen hatte, die New- Media-Abteilung eLabs aufzubauen. Nun soll er Mashboxx zur Marktreife führen. Dabei muss er allerdings noch so manchen Rechteinhaber davon überzeugen, dass es notwendig ist, auch bei einer autorisierten P2P-Plattform den Tausch von nicht lizenzierter Musik zumindest rein technisch zuzulassen. Genau das wird in der Anfangsphase bei Mashboxx nämlich noch zu beobachten sein. „Unsere Suchmaschine wird ‚weißen‘ neben ‚grauem‘ Content listen“, führt Bebel aus. Mit weißen Inhalten sind die von den Labels abgenickten Titel gemeint; bei der grauen Ware handelt es sich um Tracks, zu denen in der Snocap-Datenbank noch keine Nutzungsbedingungen hinterlegt wurden. Der Audiofilter von Snocap soll jedoch erkennen können, um welches Stück es sich handelt. Danach wird der zugehörige Rechteinhaber davon in Kenntnis gesetzt, dass ein Werk aus seinem Katalog nachgefragt wurde. Das Label kann dann bei Snocap definieren, ob und zu welchen Konditionen der Song in Umlauf kommen soll. Bis dahin können die unlizenzierten Titel weiter frei getauscht werden. Allerdings versieht Mashboxx diese Dateien mit seinem digitalen Wasserzeichen, um dokumentieren zu können, wie sie weiter verwendet werden. Erst wenn die Rechteinhaber nach und nach die Nutzungsbedingungen für ihre anfangs nicht registrierten Inhalte festgelegt haben, wird 3 MW: Wen erwarten Sie als Ihre Kunden: iTunes-Nutzer, die mal etwas anderes ausprobieren wollen, oder Menschen, die bislang kaum für Downloads bezahlt haben? Bebel: Ich glaube, dass die meisten Kunden von Angeboten wie iTunes, Napster oder Rhapsody mit dem jeweiligen Einkaufserlebnis zufrieden sind. Unsere Klientel wird eher aus der Nutzerschaft offener P2PSysteme kommen. Alle Umfragen und Studien zeigen, dass ein nicht kleiner Anteil dieser User bereit ist, für Musik zu bezahlen. Diese Menschen werden wir – da bin ich mir sicher – mit unserem Konzept überzeugen. Aber wir sollten nicht annehmen, dass wir alle P2P-Nutzer konvertieren können. MW: Was bekommt Ihr Kunde außer der Gewissheit, sich innerhalb der gesetzlichen Grenzen zu bewegen? Bebel: Bei uns gibt es zum Beispiel keine lästigen Features wie Pop-ups, Adware, Viren oder Spyware, wie man es überall bei den anderen Clients findet. Mit Einführung der Gold-Version wird es zusätzliche Community-Elemente geben, die das Nutzungserlebnis von Mashboxx bereichern und das Entdecken unseres tiefen Katalogs erleichtern werden. MW: Wie finanziert sich Mashboxx? Von Cashflow kann ja noch keine Rede sein. Bebel: Die Grundfinanzierung stammt von Wayne Rosso und seinen Partnern. Aber wir sind gerade dabei, uns Geld auf dem Risikokapitalmarkt zu sichern. Da werden wir bereits in Kürze einen Abschluss vermelden können. MW: Sie werden Musik im Windows- Media-Format verkaufen. Derzeit nutzt die Mehrheit Ihrer potenziellen Kunden Player, die dieses Format nicht verarbeiten können. Schränken Sie da Ihren Handlungsspielraum nicht unnötig ein? Bebel: Wir müssen uns bei unserem Geschäftsmodell an die Regeln halten, die die Rechteinhaber aufgestellt haben. Sollte die Branche auch andere Formate unterstützen wollen, können wir diese jederzeit in unser Angebot integrieren. Ich kann Ihnen hier nicht sagen, welches Format künftig das Rennen machen wird, aber eines steht fest: Das Microsoft-DRM, das zusammen mit Windows Media 10 eingesetzt wird, ist derzeit in punkto Flexibilität das beste. MW: Wie viel wird ein Song bei Mashboxx kosten? Bebel: Wir beziehen die Inhalte zu Großhandelskonditionen und richten unsere Verkaufspreise – wie andere Marktteilnehmer auch – an der aktuellen Situation im Wettbewerb aus. Derzeit ist der gängige Preis 99 Cent pro Titel. Wir werden etwas Konkurrenzfähiges dagegen setzen können. MW: Wird es einheitliche oder flexible Preise geben? Bebel: Wir werden der Richtung folgen, die sich am Markt durchsetzen wird. MW: Apple brauchte rund zwei Jahre, um 500 Millionen Songs zu verkaufen. Wie lange wird Mashboxx dafür benötigen? Bebel: Sobald Sie die Antwort darauf haben, dürfen Sie mich gerne anrufen. Jetzt weht ein anderer Wind: Mike Bebel die Menge an kostenlosen und wahrscheinlich illegalen Dateien kleiner werden. Und gleichzeitig wird der Umfang des verfügbaren Downloadkatalogs wachsen. „Die bekannten Downloadshops bieten im Moment einen Katalog von einer bis zwei Millionen Songs zum Verkauf an“, erklärt Bebel. „Je mehr Titel über Snocap ein Rechteclearing erfahren, desto größer wird unser Angebot werden.“ Bebel erwartet sich durch dieses Vorgehen zweierlei: Erstens wird der typische P2P-Nutzer nicht enttäuscht, weil er womöglich nicht die Titel findet, die er erwartet – nämlich nahezu alle. Und zweitens hofft Mashboxx auf stetig wachsende Umsätze. Diese Hoffnung hegt auch die amerikanisch-israelische Tauschbörse iMesh. Wie Mashboxx verfügt iMesh seit einigen Wochen über die Lizenzen von Sony BMG; die anderen Majors haben den Füller angeblich schon unterschriftsbereit in der Hand. Bei Redaktionsschluss stand noch nicht fest, wann genau die überarbeitete Version von iMesh ans Netz gehen soll, doch zahlreiche Hinweise deuteten auf einen Launch noch im Oktober hin; erste Betaversionen sind bereits aufgetaucht. Für den Neustart in Zusammenarbeit mit den Rechteinhabern sicherte sich das Unternehmen hochkarätige Unterstützung: Der inzwischen 70-jährige Branchenveteran Robert Summer arbeitet bereits seit einem halben Jahr als Executive Chairman an der Spitze von iMesh und versucht, aus dem einst überaus populären P2P-Anbieter einen lizenzierten Digitalvertrieb zu machen. Summer fungierte im Lauf seiner Karriere unter anderem als President von Sony Music International, als President von RCA Records und als Vorsitzender der RIAA. iMesh hatte sich als einziger P2P-Betreiber im Juli 2004 auf einen außergerichtlichen Vergleich mit der RIAA geeinigt und dafür eine Schadensersatzsumme von 4,1 Millionen Dollar an den US-Tonträgerverband bezahlt. Seither operiert iMesh – wenngleich technologisch weiterhin unverändert – quasi mit einer Sondererlaubnis der Entertainmentbranche. Auch Morpheus schläft nicht Schon in den nächsten Tagen sollen Nutzer nun mit dem überarbeiteten iMesh- Client das Beste aus zwei Welten bekommen: Einerseits soll es künftig Individualdownloads und ein Abomodell geben, für das der Dienstleister MusicNet die Daten liefert. Andererseits werden iMesher weiterhin über das Gnutella-Netz Inhalte tauschen können. Umsonst soll dann aber nur noch das Material sein, für das sich keine Urheber finden lassen. Die restlichen – und dann natürlich kostenpflichtigen – Dateien identifiziert ein System von Audible Magic mittels akustischer Fingerabdrücke. Diese werden jedoch nur in Verbindung mit dem Windows Media Player 10 und dem dazugehörigen DRM-System Janus erhältlich sein. Auf den ersten Blick scheinen sich die Konzepte von Mashboxx und iMesh stark zu ähneln, doch Bebel versichert: „Mashboxx wird viel näher an dem sein, was P2P-Nutzer kennen und schätzen.“ Von Robert Summer war indes auch auf wiederholte Nachfrage keine Stellungnahme zu den Plänen von iMesh zu bekommen. Daher ließen sich Medienberichte nicht verifizieren, wonach iMesh kurz vor einer Fusion mit der derzeit meistgenutzten Filesharing-Plattform eDonkey steht. Gegenüber MusikWoche äußerte sich der eDonkey-Chef jedenfalls vieldeutig: „Wir sprechen mit mehreren möglichen Partnern“, so Sam Yagan. Er sehe sich aufgrund des Grokster-Urteils des Obersten Gerichtshofs der USA dazu gezwungen, mit Dritten an einer modifizierten Version der eDonkey-Software zu arbeiten, die auch legitime Geschäftsmodelle zulässt. Ob eDonkey tatsächlich gemeinsame Sache mit iMesh machen wird, steht noch in den Sternen. Yagan betont, es sei noch keine Entscheidung gefallen. Er habe jedoch schon lange vor dem Urteil des höchsten US-Gerichts bei den Plattenfirmen um Lizenzen angefragt, sei aber stets abgewiesen worden. Dem Vernehmen nach verhandelt eDonkey auch mit Snocap über eine Zusammenarbeit. Zudem ist die Implementierung einer Technologie der Firma Intent MediaWorks denkbar: Filesharer könnten damit weiterhin kostenlos downloaden, müssten jedoch vorher Werbespots über sich ergehen lassen. Yagan gibt sich zuversichtlich, dass es in den nächsten Wochen eine Entscheidung geben wird, die gleichzeitig die Durchschnittliche Zahl von P2P-Nutzern, die weltweit zu jedem beliebigen Zeitpunkt online waren: Die Daten umfassen die Nutzerschaft in den Netzwerken FastTrack, Gnutella, eDonkey und Direct Connect; Quelle: BigChampagne Illegale P2P-Nutzer weltweit Überzeugte die Majors in zähen Verhandlungen: Wayne Rosso 44/2005 15 legale p2p-geschäftsmodelle.dossier zu viele eDonkey-Nutzer in die Hände von anderen illegalen P2Ps treibt. Die Frage der Illegalität belastet Michael Weiss offenbar noch nicht. Der CEO von StreamCast, Entwickler des P2P-Clients Morpheus, zog im Prozess gegen die RIAA und gegen den US-Filmbranchenverband MPAA vor dem Obersten Gerichtshof der USA den Kürzeren. Dennoch sieht sich Weiss im Recht: „Morpheus ist seit dem ersten Tag der Inbetriebnahme ein legitimes Angebot. Der Supreme Court hat unseren Fall zurück an die niedere Instanz verwiesen, wo nun aufs Neue ermittelt werden soll, ob unsere Firma zur Verletzung von Urheberrechten anstiftet.“ StreamCast hat am 3. Oktober seine Anträge vor dem Berufungsgericht eingereicht und muss am 7. November vor dem Richter erscheinen. Im Gespräch mit MusikWoche gibt sich Weiss zuversichtlich: „Wir glauben, dass StreamCast nie zu Rechtsverletzungen verleitet hat. Es dürfte schwer sein, uns das Gegenteil nachzuweisen.“ Und um diesem Argument Nachdruck zu verleihen, zieht Weiss zwei Entwürfe für Pressemitteilungen aus der Tasche, die StreamCast in den nächsten Tagen veröffentlichen will. Der Praxistest steht noch bevor Darin ist die Rede von einem Content- Deal, den Morpheus mit dem Digitalvertriebsdienstleister IRIS abgeschlossen hat. Mehr als 250 Independentlabels, die sich von IRIS vertreten lassen, werden ihre Musik künftig als Bezahlangebote über Morpheus verkaufen. StreamCast nennt dieses Geschäftsmodell für die Rechteinhaber Peer Response und spricht von „buchstäblich Millionen von autorisierten Files“, die über P2P vertrieben werden dürften. Neben dem Vertrag mit IRIS könne Morpheus auch Games der Firmen Try- Media Games und Softwrap anbieten. Von Major-Musik fehlt jedoch jede Spur, auch Anzeichen von Lizenzgesprächen sind nicht zu erkennen. „Selbst wenn die Majors nicht an Bord kommen sollten, sehe ich eine robuste Zukunft für P2PFilesharing“, so Weiss. Doch von einer Einschränkung des offenen P2P-Tauschs sagt Weiss nichts. Stattdessen hält er an seiner Überzeugung fest: „Jeder fragt sich: Wird irgendjemand für Musik bezahlen, wenn man gleichzeitig kostenlose Files und kommerzielle Downloads anbietet? Die Antwort ist ja, ja und noch mal ja.“ Ob diese Rechnungen der verschiedenen P2Ps aufgehen werden, bleibt abzuwarten. Die von MusikWoche befragten Fachleute zeigen sich jedenfalls noch skeptisch. „Bis jetzt höre ich von diesen Firmen nur Versprechungen“, meint Mike McGuire, Research Director bei der Marktforschungsfirma Gartner. „Ich habe die endgültigen Produkte noch nicht gesehen. Die Latte für den digitalen Musikhandel hat jedenfalls iTunes gelegt. Das müssen diese Anbieter erst einmal besser machen“. Sollten Mashboxx, iMesh & Co. nicht eine ähnlich gute Transaktionsplattform wie iTunes oder Amazon auf die Beine stellen, dann werde die potenzielle Zielgruppe sehr schnell wieder als Nutzer bei illegalen Plattformen auftauchen, so McGuire. „Eine weitere Herausforderung wird die Größe des verfügbaren Katalogs werden. Da bin ich gespannt, wie ein Clearinghaus wie Snocap die komplizierten Lizenzverhandlungen bei Titelfreigaben vereinfachen wird.“ Die Entscheidung über Erfolg oder Misserfolg haben die bekehrten P2Ps jedoch nach Ansicht von BigChampagne- Chef Eric Garland nicht selbst in der Hand. „Für mich hören sich diese Konzepte im Moment alle ganz brauchbar an. Doch nun geht es um die Umsetzung.“ Die Erfolgschancen der neuen P2Ps hingen davon ab, wie viele Nutzungsrechte die Inhalteindustrie bereit ist, ihren Kunden zu gewähren, meint Garland. „Es liegt also jetzt an den Labels und den Verlagen. Nur die können bestimmen, ob sie sich bei diesen neuen Geschäftsmodellen gleich wieder selbst einschränken wollen, oder ob sie es den P2Ps gestatten, Angebote aufzubauen, die den Wünschen der potenziellen Kunden möglichst nahe kommen.“ Darin stimmt Garland mit McGuire überein: Die derzeitigen P2P-Nutzer und möglichen Konsumenten werden das einzig relevante Urteil fällen. „Als Downloadverkäufer und Rechteinhaber sollte man diese Tatsache akzeptieren und daraus Kapital schlagen. Oder man bleibt auf der Strecke.“ Mashboxx-Chairman Wayne Rosso ist in dieser Hinsicht aber guter Dinge: „Wir erwarten ja nicht, dass wir die gesamte P2P-Bevölkerung auf unsere Seite ziehen werden. Ein paar hunderttausend User würden mich schon in Ekstase versetzen.“ Aber eigentlich träumt er eher von Nutzerzahlen in Millionenhöhe. Doch bis dahin liegt noch viel Arbeit vor seinem kleinen Team. Auch außerhalb der USA: In diesen Tagen will er auf einem Abstecher nach Europa die Entscheider bei GEMA und MCPS-PRS überzeugen. „Die Labels sind nicht mehr unser Problem. Die Urheberrechtsgesellschaften müssen wir knacken.“ Magnus Lauster Anzeige Soll bald ganz legale Songs bieten: P2P-Börse Morpheus
MusikWoche-Dossier: Legale P2P-Geschäftsmodelle
Apple benötigte mehr als zwei Jahre, um 500 Millionen Songs über den iTunes Music Store zu verkaufen. In P2P-Netzen wird derzeit monatlich rund eine Milliarde Titel frei getauscht. Für die Musikbranche ist die Zeit also mehr als reif, aus diesem riesigen Bedarf an digitaler Musik Kapital zu schlagen und die schnelle P2P-Technologie für legale Geschäftsmodelle zu nutzen. Mit iMesh und Mashboxx stehen zwei Systeme unmittelbar vor dem Start.





