Die Zahlen des Bundesverbands Phono stimmen die Klassikbranche wieder optimistisch: Im Vergleich zum Vorjahr legte der Klassikmarkt in 2006 um 0,1 Prozent auf 7,9 Prozent zu und scheint sich bei dieser Marke zu stabilisieren. Und: Die Klassik hat einen neuen Star: Vor allem die Sängerin Anna Netrebko ist scheinbar überall präsent – in den Medien, auf den Konzert- und Opernbühnen und in den Charts – und firmiert als Callas unserer Zeit. Bei den relativ niedrigen Verkaufszahlen, die Alben heute genügt, um einen Platz in den Bestenlisten zu ergattern, schafften es zudem zwei Mozart-Einspielungen der Geigerin Anne-Sophie Mutter, sowie Alben der Pianisten Martin Stadtfeld, Lang Lang und Hélène Grimaud, der Mezzosopranistin Cecilia Bartoli, des Tenors Rolando Villazón sowie der Crossover-Formation Klazz Brothers und Cuba Percussion, sich dort zu positionieren. Anna Netrebko schaffte mit ihren beiden „La Traviata“-Ausgaben sogar bereits vier Wochen nach Erscheinen Goldstatus – ein Novum in der Geschichte ihrer Plattenfirma, der Deutschen Grammophon: Immerhin hier stimmten die Verkaufszahlen. Ein weiteres Novum: In der KW 5 hatte die Deutsche Grammophon sechs Alben gleichzeitig in den Charts und war damit das Label mit der stärksten Präsenz. Und dennoch: Trotz der stabilen Lage haben sich die Absatzzahlen von Klassik von 1995 bis heute halbiert. „Die Gründe für die stark gesunkenen Verkaufszahlen seit 1994 sind bekannt“, sagt Tanja Franke, Head of Warner Classics. „Illegales Up- und Downloaden, massenhaftes Raubkopieren, generelle Kaufzurückhaltung.“ Dies betreffe nicht nur den gesamten Tonträgermarkt, sondern auch die Klassik. Ein Major ist vom Markt verschwunden und mit ihm eine eigene Klassik-Division. Die Verbliebenen suchen nach neuen Strategien, um zukunftsfähig zu bleiben. Doch negativ sieht das die Branche nicht: „Die 90er-Jahre waren bestimmt durch die sogenannten Riesen-Crossover-Acts, die vorwiegend statistisch der Klassik zugeordnet sind, daraus ergibt sich der angeblich so dramatische Abfall gegenüber der letzten zehn Jahre“, sagt Andreas von Imhoff, Geschäftsführer Avi-Service for Music. Doch eigentlich sehe die Klassik doch über all die Jahre recht stabil aus. „Also warum stets das Krisengerede.“ Das betont auch Stefan Piendl, Managing Director EMI Classics: „Es gibt leider kein Ei des Kolumbus. Eine Vielzahl richtiger Entscheidungen müssen ineinander greifen und wirken, manchmal auch erst mittelfristig. Auf jeden Fall müssen wir uns um neues Repertoire mit kommerziellem Potenzial bemühen. Und natürlich kann man sich nicht leisten, Wachstumsmärkte wie DVD und das digitale Geschäft zu verschlafen. Eines ist bei dieser Betrachtung sehr wichtig: Der Anteil der Klassik am Gesamtmarkt ist mit stabilen acht Prozent über all die Jahre praktisch unverändert geblieben – es geht der Klassik also auch nicht besser oder schlechter als der gesamten Branche.“ Den wachsenden Einfluss des digitalen Geschäfts am Umsatz erkennen auch die Klassikexperten, und reagieren. So erzielten „Die vier Jahreszeiten“ mit der Geigerin Janine Jansen (Decca/Universal Classics & Jazz) drei Viertel aller CD-Verkäufe über das Internet. Labels wie Naxos und Universal arbeiten in Deutschland verstärkt mit Onlineanbietern wie iTunes und Musicload zusammen, Warner launchte nun gar eine eigene Webseite für seine Klassiktitel (siehe Seite 13). Das Problem der Klassikanbieter ist die Popausrichtung der Musikdienste: Hier reicht eben nicht ein Interpreten- und Titelfeld, auch Komponisten, Gattungen und Instrumte sind wichtig, um bestimmte klassische Titel zu finden. Der Anteil von Klassik-Titeln bei iTunes betrage etwa acht Prozent und entspricht damit dem physischen Verkauf.
MusikWoche-Dossier: Klassik im Aufwind
Klassikkünstler in den Charts, Mozart in aller Munde. Was sich im vergangenen Jahr mit dem Hype um die Sopranistin Anna Netrebko ankündigte, setzt sich nun mit dem Mozart- und Schostakowitsch-Jahr fort. Gibt es ein Comeback der klassischen Musik?





