Recorded & Publishing

MusikWoche-Dossier: Echo 2006

Die 14. Echo-Verleihung war eine der besten, so lautete das Fazit vieler altgedienter Echo-Sänger. Das war vor einem Jahr. Nach der 15. Preisverleihung am 12. März 2006 im Estrel Convention Center fiel die Resonanz indessen kritischer aus.

Immerhin zahlte sich der Sendetermin am Sonntag in harter QuotenwŠhrung aus: Mit bis zu 5,58 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 19,6 Prozent in der Zielgruppe der 14-bis 49-JŠhrigen erfŸllte die 15. Echo-Verleihung alle Erwartungen – und am Samstagabend konnte RTL Deutschland die Superstars suchen lassen, die dann am darauf folgenden Abend selbstredend auch zur Gala kamen und sich schon mal dem Blitzlichtgewitter der Fotografen aussetzten. Die absoluten Superstars des Abends waren freilich die vier Knaben von Tokio Hotel, deren Erscheinen auf dem roten Teppich am Eingang sogar die sonst so coole Fotografenhorde in die dezibelstarke Hysterie trieb. Und erwartungsgemЧ sorgten die Fans des Quartetts vor und wŠhrend der Show fŸr Dezibel-Rekorde. Anfangs war das auch noch recht witzig, wie die Laudatoren auf der Kreisch-Klaviatur spielten und mit gezielter Nennung des Namens Tokio Hotel – oder gar nur mit einer dezenten Anspielung auf die Gruppe – gewaltige Live-Klangeffekte provozierten. Doch der schšnste Gag nutzt sich ab, wenn er allzu oft wiederholt wird, und als statt Tokio Hotel die Kollegen von Wir sind Helden den Echo fŸr die beste nationale Gruppe bekamen, wurde die Stimmung schlie§lich auch in der Fankurve gedŠmpfter. Tokio Hotel war viermal nominiert, musste sich aber mit dem Preis fŸr den Newcomer des Jahres zufrieden geben. Mit zwei Preisen war Madonna so etwas wie die Siegerin des Abends; die Kastelruther Spatzen holten ihren insgesamt neunten Echo – und sahen sich, wie ihr Schlager-Kollege Semino Rossi, mal wieder mit einer apologetischen und unangemessen miesen Laudatio konfrontiert. Eine wichtige gesellschaftlich Funktion der Musik sei es, ãsozial zu integrieren und zu deaggressivieren“, meinte Michael Haentjes, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Phono-Akademie, in seiner Eršffnungsrede. Zumindest beim Aggressionsabbau ist man schon ein gutes StŸck weiter gekommen, wie so manche KŸnstler-Performance bei der Echo-Gala zeigte, die durch eingeschrŠnkten Bewegungsdrang auffiel. So schaffte es nur Shakira bis an den BŸhnenrand, die als einzige internationale KŸnstlerin fŸr den Echo-Auftritt nach Berlin gekommen war, obwohl sie noch nicht einmal einen Preis bekam. Und allein die Berliner Formation Seeed legte wirklich einen energiegeladenen Auftritt hin, wozu auch der Gastauftritt von Mattafix beitrug. Das Trio Fettes Brot sorgte fŸr ein seltenes †berraschungsmoment, indem es seinen Vortrag in den ZuschauerrŠngen begann. Von seinem Laudator Campino, der diese Bezeichnung wirklich verdiente, als ãHeld meiner Jugend und Vorbild bis heute“ glŠnzend angekŸndigt, sorgte Sir Bob Geldof fŸr den gro§en Hšhepunkt des Abends. Mit einem flammenden Appell an die Zuschauer, dafŸr zu sorgen, dass die Reichen ihre Versprechen gegenŸber den Armen einhalten, bekam der Echo endlich, was Verleihungen brauchen und was in Neukšlln in diesem Jahr anscheinend der arktischen KŠlte zum Opfer gefallen war: Emotionen, die das Herz erwŠrmen. Ansonsten plŠtscherte der Abend balladesk dahin. Ein Comedian wie Michael Mittermaier hŠtte gut getan. Doch leider war der Bayer, der die musikalische KŸr in den vergangenen Jahren mit spitzen Bemerkungen gewŸrzt hat, diesmal mit einem Bandscheibenvorfall au§er Gefecht gesetzt. Vielleicht vermisste man deshalb die internationalen PreistrŠger mehr als im vergangenen Jahr. Viele Echo-Besucher fragten sich, ob es wirklich so schwierig sein kann, sich den immerhin wichtigsten europŠischen Musikpreis persšnlich in Berlin abzuholen. Dass notfalls auch ein Einspieler seinen Zweck erfŸllt und durchaus charmant sein kann, zeigte wenigstens die Danksagung von James Blunt, der sich fŸr sein Fernbleiben in sympathischer Art entschuldigte und ein paar SŠtze in Deutsch radebrechte. Peinlich geriet dann leider das Ende der Veranstaltung: Bereits wŠhrend der Verleihung des Echos fŸr sein Lebenswerk, den Peter Kraus aus den HŠnden von Michael Schanze erhielt, machten sich zahlreiche Zuschauer auf den Weg zum Buffet. Als dann die Sieger zum Schlussbild auf die BŸhne kommen sollten, fanden sich nur ein paar versprengte PreistrŠger auf der riesigen BŸhne ein, und auf eine Absage wurde gleich ganz verzichtet. Dabei hŠtte man verhŠltnismЧig leicht als kršnenden Abschluss einen Glanzpunkt setzen kšnnen: Schlie§lich war die Crme de la Crme der deutschen Musikszene an diesem Abend anwesend, um zum Beispiel Krausens Oldie ãSugar Baby“ mit ihm gemeinsam zu singen. Dann wŠren all die illustren Kollegen vermutlich auch zu einem sicherlich schšnen Schlussbild noch einmal auf der BŸhne erschienen. Aber immerhin war Deutschland dieses Jahr bei den Olympischen Spielen ganz vorn, wie Moderator Oliver Gei§en irgendwann im Lauf des Abends bemerkte. Und gottseidank ist Michelle Hunziker keine Biathletin. Du bist Deutschland. Wir sind Papst. Und das war ein Echo.

Neugierig?

Jetzt als Abonnent anmelden und weiterlesen.

Du hast noch kein Abo? Dann hol dir jetzt das Digitalabo für nur 39,90 Euro pro Monat.

Anmelden