Recorded & Publishing

musikwoche-Dossier: Coverversionen – Macht Wiederhören Freude?

Coverversionen hat es schon immer gegeben. Sie sind eine der reizvollsten Spielarten der Rock- und Pop-Musik. Was passiert jedoch, wenn sie nicht mehr einfach nur zum Geschäft gehören, sondern zum bestimmenden Faktor bei der Produktion werden? Marc Pendzich untersucht die Risiken und Nebenwirkungen des permanenten Rückgriffs auf bewährte Strickmuster.

Zur Ökonomie des Hit-Recyclings Macht Wiederhören dossier.coverversionen 8 13/2005 Freude? Hamburg – Coverversionen hat es schon immer gegeben. Sie sind eine der reizvollsten Spielarten der Rock- und Pop-Musik. Was passiert jedoch, wenn sie nicht mehr einfach nur zum Geschäft gehören, sondern zum bestimmenden Faktor bei der Produktion werden? Marc Pendzich untersucht die Risiken und Nebenwirkungen des permanenten Rückgriffs auf bewährte Strickmuster. coverversionen.dossier „Somewhere Over The Rainbow“ brachte den Stein ins Rollen. Der Klassiker von Judy Garland erreichte im Mai 1994 in der Techno-Coverversion von Marusha die oberen Ränge der deutschen Charts. Bis zu jenem Zeitpunkt war es Usus, einer Coverversion die gesamte ursprüngliche Komposition zu Grunde zu legen. Marusha verwendete für ihre Version indes allein den Refrain des Originals, den sie in ein völlig neues Stück einfügte. So lieferte Marushas Track anderen Techno-DJs und Musikproduzenten die Blaupause, wie sich Techno-Kompositionen mit zugkräftigen Refrains aus der Vergangenheit koppeln und damit Hits generieren lassen. Einst war ein solches Verfahren die Ausnahme – doch mittlerweile ist es längst übliche Praxis, bei der Produktion von Coverversionen ausschließlich den Refrain zu übernehmen. Marushas „Somewhere Over The Rainbow“ gab also den Anstoß für eine Lawine von Coverversionen in deutschen und internationalen Charts, wobei die internationale Entwicklung eng mit derjenigen im US-HipHop verbunden war. In den elf Jahren seit Marushas Hit sah sich der Markt einer Veröffentlichungsflut von Coverversionen ausgesetzt, die einer systematischen Auswertung des Backkatalogs der gesamten Rock- und Pop-Musikgeschichte gleichkommt. Dabei lassen sich Coverversionen in vielerlei Varianten unterscheiden. Manche verwenden ausschließlich den Refrain des Originals – siehe Marusha. Andere sind Großsamples à la „Hier kommt die Maus“. Wiederum andere kreuzen mehrere Werke, wodurch so genannte „Bastards“ entstehen. Und manchmal entbrennt auch ein Streit über die Urheberschaft – wie im Fall des „Mambo No. 5“ von Lou Bega, der Rhythmus und Akkordstruktur, aber nicht die Melodie und nicht den Text vom Original des Perez Prado geborgt hat, weshalb man sich nun über die Verteilung der Tantiemen nicht einig ist. Aber wie auch immer: Als maßgebliches Kriterium gilt für eine Coverversion stets, dass das Originalwerk in seinen wesentlichen Zügen erhalten bleibt. Da bietet sich der Begriff „Hit- Recycling“ an. Was aber hat es mit diesem Hit-Recycling auf sich? Schon in der Frühzeit der Popmusik waren Coverversionen im Singles-Markt ein fester Bestandteil des Musikgeschäfts. Zwischen 1965 und 1987 hatten Coverversionen allerdings relativ wenig Bedeutung; ihren unbestreitbaren marketingtechnischen Vorteilen zum Trotz gehörten sie viele Jahre lang lediglich zu den Randphänomenen, denn die meisten Popmusikkarrieren ab den Sechzigern stützten sich auf eigene Werke beziehungsweise auf erstmalig veröffentlichte Songs. Neueinspielungen bewährter Hits fanden seit Mitte der 60er-Jahre vorrangig im Zweitverwertungssektor statt. Allerdings landete auch schon 3 13/2005 9 Präzedenzfall: Techno-Queen Marusha (l.) bediente sich vor elf Jahren ziemlich frei bei Judy Garlands Klassiker „Somewhere Over The Rainbow“ 10 13/2005 dossier.coverversionen 1967/68 eine Band wie Vanilla Fudge mit dem Remake des Nummer-eins-Hits „You Keep Me Hanging On“ von den Supremes einen erneuten Charts-Treffer. Doch richtig in Fahrt kam die Situation erst ab Mitte der Neunziger. Da nämlich stieg der Anteil von Coverversionen in den bundesdeutschen Jahres-Charts bei den Singles rapide an (siehe Abbildung unten). Starker Anstieg seit den Neunzigern Seit 1996 sind jedes Jahr durchschnittlich 38 der 200 bestverkauften Titel Coverversionen. Deren Anteil hat sich damit seit Mitte der Achtziger mehr als verdreifacht. Allein 2001/2002 wurden mehr Coverversionen unter den 200 bestverkauften Titeln notiert als in der ersten Hälfte der 80er-Jahre zusammengenommen. Alles in allem ist heute durchschnittlich jeder fünfte aktuelle Hit, der im Radio oder im Musikfernsehen gespielt wird, eine Coverversion. Und nahezu alle heutigen Remakes haben Hits zur Vorlage, die vormals mittelhohe oder hohe Charts- Einträge verzeichnen konnten und sich deshalb sozusagen bereits bewährt haben – viele Konsumenten, ebenso wie die Entscheidungsträger in Management und Medien, kennen diese Stücke. Hier zeigt sich eine Veränderung im Gegensatz zum Popmarkt der 70er- und 80er-Jahre, als man gern wenig bekannte Songs neu aufnahm; solche Titel spielen heutzutage kaum noch eine Rolle. Neben der quantitativen Veränderung – die Zahl der Coverversionen ist stark gestiegen – lässt sich also auch eine qualitative Verschiebung feststellen: hin zu Secondhand- Hits und weg von jenen Songs, die sowieso erst als Remakes zu Hits wurden, wie zum Beispiel der Rolling-Stones-Titel „Out Of Time“, mit dem Chris Farlowe 1966 eine Nummer eins landete. Damit einher geht die Entwicklung zu „modernen“ Coverversionen, die nicht das gesamte kompositorische Ausgangsmaterial mit einbeziehen, sondern mit erheblichen musikalischen Umgestaltungen aufwarten (siehe Abbildung unten). Der Zuwachs an Coverversionen geht überwiegend aufs Konto von „modernen“ Remakes aus den Marktsegmenten Techno/Dance und Hip- Hop. Dabei fällt auf, dass die deutschen Singles-Charts im Vergleich zu anderen Musikmärkten einen besonders hohen Anteil an Covers aufweisen. Ein wichtiger Grund dürfte darin zu suchen sein, dass der Schwerpunkt des Musik-Recyclings in Großbritannien und in den USA weniger auf Coverversionen, sondern mehr auf dem Sampling liegt. Zudem gibt es in den genannten Ländern mit HipHop jeweils nur ein Genre, das besonders gern recycelt, in Deutschland hingegen mit HipHop und Techno/ Dance gleich zwei marktprägende Stilrichtungen. Darüber hinaus sorgt die bis heute bestehende Abhängigkeit vom US-amerikanischen und britischen Musikmarkt dafür, dass der deutsche Markt zum Sammelbecken für Coverversionen wurde: In den USA werden auch reine Rap- Stücke große Hits, auf dem deutschen Markt hingegen „funktionieren“ US-HipHop-Stücke meist nur, wenn sie über melodiöse Hooklines verfügen wie zum Beispiel Coverversionen von Puff Daddy oder 2Pac. Die Gründe für das umfassende Hit-Recycling in den internationalen Charts sind vielschichtig und eng miteinander verwoben: Postmoderne (Retro-)Tendenzen, eine durch technische Möglichkeiten niedrigere Einstiegshürde für das Musikproduzieren, ein neuartiger kreativer Zugang zur Musik und die daraus resultierenden, durch die Industrie gepuschten Musikstile trugen zur Flut der Coverversionen seit den 90er-Jahren bei. Darüber hinaus begünstigt diese Entwick-

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