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MusikWoche-Dossier: 2006 feiert die Welt Mozarts 250. Geburtstag

Ob er nun der größte Komponist aller Zeiten war oder nicht, kommt auf den Standpunkt des Betrachters an. Doch in diesem Jahr kommt niemand an Wolfgang Amadeus Mozart vorbei, der am 27. Januar vor 250 Jahren in Salzburg zur Welt kam. Ob der Hype um Mozart Segen oder Fluch für die Phonowirtschaft ist, wird sich zeigen. Fest steht jedoch: Mozart ist populärer denn je. Und die ganze Welt liegt ihm zu Füßen.

3/2006 8 dossier.rock me amadeus Fotos: Markus Mitterer/mauritius images; Tourismus Salzburg GmbH; Montage: MusikWoche 2006 feiert die Welt Mozarts 250. Geburtstag Da kommt was ins Rollen 2006 wird das Jahr der Rekorde: Olympische Spiele, Fußballweltmeisterschaft – und dann noch Mozart. Derzeit gibt es 2097 lieferbare Tonträger mit seinen Werken, so viele wie von keinem anderen Komponisten. Allein seit Dezember 2005 kamen 76 neue Titel hinzu; an die 300 mehr werden es bis zum Jahresende 2006 sein. Dieser Boom liegt natürlich daran, dass er am 27. Januar vor 250 Jahren geboren wurde, was selbstredend gebührend gewürdigt werden muss. Doch abgesehen von schnöden Marketingerwägungen liegt es auch einfach an der populären Eingängigkeit der Mozart-Musik und an der Reichhaltigkeit seines OEuvres. Mozart ist „fast eine Verkörperung der klassischen Musik an sich“, erkennt Andreas von Imhoff, Geschäftsführer Avi-Service for music. Und es dürfte kaum jemanden geben, der daran zweifelt. Mozarts Melodien sind allgegenwärtig, ob im Kaufhaus, im Film oder in der Werbung. Angeblich machen sie Kinder schlau; Kühe geben beim Hören von Mozart mehr Milch. „Die kleine Nachtmusik“, das Klarinettenkonzert, das Klavierkonzert Nr. 21 in C-Dur oder die Arie der Königin der Nacht aus der „Zauberflöte“ sind zeitlos schöne Melodien, bekannt und bespielt bis zur Grenze des Erträglichen. „Neben Bach hat Mozart sicherlich den zentralen Stellenwert“, so von Imhoff. „Und das macht nicht nur die Musik allein, denn fast jedem ist in irgendeiner Weise das Schicksal des Wunderkinds Mozart ein Begriff.“ So sieht es auch Tanja Franke, Head of Warner Classics: „Musikgeschichtlich nimmt Mozart in allen Bereichen der Klassik eine überragende Stellung ein. Alle Genres wie Oper, Konzerte, Sinfonien oder geistliche Werke hat er zur absoluten musikalischen Vollendung geführt. Dabei fasziniert vor allem, wie sich bei ihm Komödie und Tragödie unmittelbar vermischen – Scherz und Ironie stehen stets neben tödlichem Ernst.“ Ernst wird es im Mozart-Jahr nun allemal: Denn die Euphorie ist fast grenzenlos, mit der sich Plattenbranche, Konzerthäuser und Festivals auf diese zwölf Monate stürzen. Schon seit Herbst 2005 läuten Mozart-Alben aus den verschiedenen musikalischen Gattungen das Festjahr ein. So spielte Anne-Sophie Mutter eine Neuaufnahme mit Violinkonzerten ein (Deutsche Grammophon/Universal Classics & Jazz); bei EMI Classics erschien eine Wiederveröffentlichung des „Schauspieldirektors“ mit Peter Ustinov; Sony Classical ließ die Clazz Brothers auf dem Album „Mozart Meets Cuba“ bekannte Mozart- Melodien durch den rhythmischen Fleischwolf drehen. Und warum? Die Antwort formuliert Michael Blümke, Marketingleiter harmonia mundi: „Große Künstler entdecken immer Neues an scheinbar altbekannten und vertrauten Werken und lassen auch den Hörer daran teilhaben, ohne deshalb nur Extreme auszureizen oder partout immer alles anders machen zu müssen.“ Da kann Ludger Diekamp, Marketingleiter Naxos Deutschland, nur zustimmen: „Mozart hat die Musik in allen Gattungen revolutioniert. Was dabei so leicht hingeworfen wirkt, ist in Wahr- München – Ob er nun der größte Komponist aller Zeiten war oder nicht, kommt auf den Standpunkt des Betrachters an. Doch in diesem Jahr kommt niemand an Wolfgang Amadeus Mozart vorbei, der am 27. Januar vor 250 Jahren in Salzburg zur Welt kam. Ob der Hype um Mozart Segen oder Fluch für die Phonowirtschaft ist, wird sich zeigen. Fest steht jedoch: Mozart ist populärer denn je. Und die ganze Welt liegt ihm zu Füßen. 3 3/2006 9 rock me amadeus.dossier 10 3/2006 dossier.rock me amadeus heit kompositorisch oftmals hoch komplex“, sagt Diekamp. „Seine geniale Leichtigkeit genau zu treffen, ist und bleibt eine enorme technische wie interpretatorische Herausforderung. Und er führt mit seinen Werken unsere typisch deutsche theoretische Einteilung in U- und E-Musik ad absurdum.“ Vielleicht deshalb, so Diekamp, vermögen vor allem Künstler auch heute noch immer wieder Neues an Mozart zu entdecken, obwohl er „der am besten erforschte Komponist der Musikgeschichte“ ist. Dennoch bleibt auch den Forschern noch genug zu tun: Insgesamt komponierte Mozart zwar laut Köchelverzeichnis (KV), der Auflistung aller seiner Werke, 626 Musikstücke. Aber „wegen der Unklarheit der Urheberschaft einzelner Werke ist es schwierig, die genaue Zahl zu nennen“, sagt Dr. Dirk Hewig, Präsident der Deutschen Mozartgesellschaft. „Die Forschung bringt uns immer mehr Klarheit.“ Hoffentlich auch im Jubiläumsjahr 2006, das immerhin mit einer forensischen Enttäuschung begann, weil akribische Wissenschaftler auch nach einer DNAAnalyse des Gebeins nicht eindeutig sagen konnten, ob der Totenschädel des Genies auch wirklich der echte ist, hinter dessen Stirn zu Lebzeiten solch zeitlos schöne Musik Formen annahm. So bleibt Mozart immer im Gespräch, auch wenn er schon 215 Jahre tot ist. Er ist halt der „erste Popstar der Geschichte“, worauf schon sein Landsmann Falco, der ebenfalls schon lange tot, aber nicht ganz so populär ist, mit dem Welthit „Rock Me, Amadeus“ hingewiesen hat. Entsprechend umfangreich fällt der Katalog der Veranstaltungen und Marketingauswüchse im Jahr 2006 aus. Viele Festivals und Sonderkonzerte weltweit stehen ganz im Zeichen Mozarts, darunter natürlich die Salzburger Festspiele und das 55. Deutsche Mozartfest; die große Mozartausstellung in der Albertina in Wien soll Einblicke in das Leben des Komponisten vermitteln. Ein 24 Stunden langes TV-Marathon soll sich am 27. Januar dem Leben und Werk Mozarts widmen und via Satellit sowie in Teilen bei 30 Kooperationspartnern laufen, unter anderem auf ZDF und arte sowie ORF (Österreich), CCTV (China) und NHK (Japan). Im Angebot des Wolferl-Marathons, das die Firma Nachgefragt bei Dr. Dirk Hewig, Präsident der Deutschen Mozartgesellschaft: „Mozart hat zu seiner Zeit neue Musik geschrieben MusikWoche: Im Mozartjahr gibt es viele Aktivitäten. Zu viele? Dirk Hewig: Als Mozartliebhaber ist man froh, wenn man mal keine Musik hört. Ich glaube, es ist viel wichtiger, dass wir Mozart in Maßen, aber dafür bewusster und mit größter Aufnahmefähigkeit anhören und uns über diese Musik wieder anrühren und anstoßen lassen. Wir müssen uns mit unserer Erfahrungswelt die Musik Mozarts neu aneignen, zum Beispiel im Rahmen neuer Aufführungspraktiken: Bei den Opern erleben wir viele neue Inszenierungen, die Handlung und Musik in unsere Zeit übertragen, die zum Teil natürlich auch sehr angreifbar sind, wenn sie das Werk nicht respektieren. Wir müssen uns neben der Neuaneignung des Erbes auch auf die Zukunft ausrichten und uns Gedanken machen über unseren Musikbetrieb, vor allem darüber, wie wir Kinder und Jugendliche an die Musik heranführen können. MW: Und warum? Hewig: Das Zentrum für Kulturforschung hat in seinem Jugendkulturbarometer festgestellt, dass nur zwölf Prozent der befragten Jugendlichen jemals ein klassisches Konzert besucht haben und nur neun Prozent in mehreren Konzerten waren. Nur drei Prozent haben eine Oper gehört. Da sehen Sie, dass ein riesiges Feld zu bearbeiten ist, wenn wir unsere klassische Musik und den Zugang unserer Kinder und Jugendlichen öffnen und sichern wollen. Und ein wichtiges Anliegen des Mozartjahres ist es auch, neue Impulse für die musikalische Ausbildung und Bildung zu geben sowie Zukunftsperspektiven zu entwickeln. MW: Ist das nicht schwierig in Zeiten, in denen Musikunterricht an Schulen zunehmend gestrichen wird? Hewig: Ich bin in verschiedenen anderen Vereinigungen tätig, in denen wir sehr dafür kämpfen, dass der Musikunterricht nicht gekürzt wird, sondern dass er einen festen Platz in den Lehrplänen behält. Wir können hier in Bayern wie auch in einzelnen anderen Ländern dabei einige Erfolge verzeichnen. Die musikalische Bildung und Ausbildung ist eine ganz entscheidende Aufgabe, die wir für die Zukunft angehen müssen. Und da müssen alle zusammenwirken, nicht nur die Deutsche Mozartgesellschaft, sondern auch der Deutsche Musikrat, die Landesmusikräte, die Tonkünstlerverbände und alle anderen betroffenen Vereinigungen. MW: Das Mozartfest findet 2006 zum 55. Mal in Augsburg statt, der Geburtsstadt von Leopold Mozart. Welche Aktivitäten sind geplant? Hewig: Nachdem am 26. Januar das Mozarthaus, das Geburtshaus Leopold Mozarts, in restauriertem Zustand und mit neuer Ausstellungskonzeption der Öffentlichkeit übergeben wird, findet am 27. Januar morgens im großen Goldenen Saal des Rathauses in Augsburg eine Festveranstaltung statt mit dem Bayerischen Rundfunkorchester und der Mezzosopranistin Elina Garanca statt. Am Abend folgt dann das Festkonzert mit dem Symphonieorchester und dem Chor des Bayerischen Rundfunks in der Kongresshalle. Für dieses Konzert haben die Deutsche Mozartgesellschaft und die Stadt Augsburg eine Auftragskomposition an Wolfgang Rihm gegeben und zwar für Instrumente und Stimmen, die für Mozart von großer Bedeutung waren: Gei- Pflegt das Mozart-Erbe in Augsburg: Dirk Hewig Die Branchenexperten der Indies und Majors erhoffen sich vom Mozart-Jahr einen positiven Effekt für den gesamten Klassikmarkt (v.l.n.r.): Ludger Diekamp, Rike Everding, Andreas von Imhoff, Tanja Franke, Michael Blümke und Maren Borchers 3/2006 11 rock me amadeus.dossier EuroArts initiierte und produzierte, gibt es Live-Konzerte aus Peking, Wien und Prag, Dokumentationen, Konzertmitschnitte aus Berlin, Salzburg, Ramallah und Lugano sowie spezielle Sendungen für Kinder. Zudem läuft ab dem 16. Januar täglich um 19 Uhr auf dem Kinderkanal die neue, 13-teilige Trickfilmserie „Little Amadeus“ (Gateway 4M). Und weil, wie man weiß, Mozart fleißig Briefe schrieb, muss natürlich auch eine Sondermarke der Deutschen Post zu 55 Cent her. Selbst Artisten unter der Zirkuskuppel sind nichtbratlos: Das Programm „Mozart am Trapez“ läuft bis April im Berliner Wintergarten Varieté, während Milos Formans preisgekrönter Film „Amadeus“ zum Geburtstag Ende Januar wieder in diversen Kinos gezeigt wird, zum Beispiel am 25. im Frankfurter Metropolis. Bevor es heißt „Film ab“, stellen die Autoren Piero Melograni und Brigitte Hamann ihre neuen Mozart-Biografien vor, die im Siedler Verlag und im Ueberreuter Verlag Wien erscheinen. Längst indes beschränkt sich der Mozart-Reigen nicht allein auf traditionelle Medien. So sind Mozart-Themen als Klingelton nichts Neues. Ein gewisser DJ Mozart, hinter dem der österreichische Musikproduzent Martin Nemayer steht, überführt das Geklingel nun aber in eine neue akustische Dimension, sozusagen als Amadeus, der Crazy Frog – und zwar mit einem Handy- Klingelton-Neujahrskonzert, aufgenommen mit den Wiener Symphonikern. Spätestens an diesem Punkt stellt sich die Frage, wie viel Mozart denn noch sein muss. Einige Künstler wie jüngst Cecilia Bartoli distanzieren sich bereits vom Hype. Auch der Pianist Martin Stadtfeld findet es im Nachhinein nicht mehr so gut, dass sein Mozart-Album im Herbst erschien: „Hätte ich das Mozart-Jahr im Hinterkopf gehabt, hätte mich das davon abgehalten, weil ich nicht finde, dass man in diese Mozart-Jahr-Geschichten noch einstimmen muss; das wird sowieso schon überstrapaziert.“ Auch manche Labels wie harmonia mundi wollen es nicht übertreiben: „Da kein Mozart-Jahr nötig sein sollte, um gute Aufnahmen seiner Werke herauszubringen, werden wir auch 3 “ ge, Klarinette und Sopran. Das Mozartfest beginnt am 12. Mai. Schwerpunkte sind Konzerte in der historischen Aufführungspraxis mit dem Tafelmusik Orchestra Toronto unter Bruno Weil sowie zwei Opernpremieren: „Figaros Hochzeit“, aufgeführt von der Musikhochschule Augsburg, und „Axur“ von Antonio Salieri im Stadttheater. MW: Was ist der Deutschen Mozartgesellschaft besonders wichtig? Hewig: Mozart hat zu seiner Zeit neue Musik geschrieben. Heute hören wir aber im Bereich der E-Musik fast nur noch alte Musik. Deswegen haben wir zusammen mit der Stadt Augsburg an die Komponisten Hans-Jürgen von Bose, Moritz Eggert und Manfred Trojahn jeweils Kompositionsaufträge vergeben, und zwar in Kammermusikgattungen, die Mozart neu begründet oder bekannt gemacht hat (Klavierquartett, Streichquintett und -quartett, Klavier und Bläser). An drei Abenden stellen wir unter dem Thema „Mozart für Fortschrittliche“ diese neue Musik der von Mozart gegenüber. Ein weiterer Schwerpunkt des Mozartfests ist die Förderung des musikalischen Nachwuchses. Erstmals findet das Mozartfest zusammen mit dem Internationalen Leopold- Mozart-Violinwettbewerb statt. MW: Haben Sie eine Lieblings-CD mit Mozart- Werken? Hewig: Da fallen mir viele Aufnahmen ein. Ich habe vor kurzem eine „Cosi Fan Tutte“-Aufnahme mit Fritz Busch (Naxos Historical) gehört, und sie hat mich, obgleich es eine alte, historische Aufnahme ist, außerordentlich beeindruckt. Man würde so heute nicht mehr dirigieren, aber die Musik dringt zu einer großen Tiefe vor. Auch die von Robert Levine ergänzte c-Moll-Messe in der Aufführung von Helmuth Rilling (Hänssler Classic) halte ich für einen sehr bedeutenden Versuch, der uns zu einer Auseinandersetzung mit Mozart führen kann. Besonders beachtenswert aus den Produktionen der jüngeren Zeit finde ich die CD mit Mozart-Violinsonaten von Hilary Hahn mit Natalie Zhu am Klavier (Deutsche Grammophon) und eine Gesamtaufnahme der Klaviersonaten von Mozart mit Gitti Pirner (Farao Classic, 2002). MW: Was wünschen Sie sich für Mozart? Hewig: Ich liebe ganz besonders die Kammermusik von Mozart. Und Kammermusik für ungewöhnliche Instrumente ist eine eigene Kategorie bei den Wettbewerben „Jugend musiziert“. Ich würde mir wünschen, dass es in diesem Bereich auch von renommierten Künstlern mehr Aufnahmen gäbe. Anzeige Nur im livepaper! www.musikwoche.de/livepaper Mehr Infos zu Personen, Unternehmen, Themen und Hintergründen? Mozart-Boxen Mozart 250th Anniversary Edition Die besten seiner Mozart- Aufnahmen versammelt Warner Classics auf 90 CDs in neun Boxen, die fast das gesamte Werk des Komponisten umfassen, darunter alle Klavier- und Violinkonzerte sowie die gesamten geistlichen Werke, aufgenommen von Nikolaus Harnoncourt. Der Schwerpunkt liegt auf Oper, der 26 CDs in drei Boxen gewidmet sind. Warner Classics/Warner, 9 CD-Boxen (je zwischen 5 und 16 CDs): 2564 62329-2 bis 62337-2, VÖ: 27. Januar Mozart – The 1956 Jubilee Edition Vor 50 Jahren erschien beim gelben Label eine Mozart-Jubiläumsausgabe mit legendären Aufnahmen aus den Jahren 1950 bis 1960. Nun erscheint sie im alten Design neu, doch wurde die aktuelle Fassung zeitlich um das Doppelte verlängert und enthält nun auch je zwei Doppel-CDs mit Kammermusik und Serenaden sowie mehr Auswahl an Opernarien und Klavierkonzerten. Weitere Boxen enthalten Geistliche Musik und Sinfonien. Deutsche Grammophon/Universal Classics & Jazz/Universal, 6 CDs Box 1/6 CDs Box 2: 477 5806/477 5810, VÖ: 20. Januar Colours Of Mozart Das Wichtigste von Mozart in zehn Boxen à drei CDs: Die besten Mozart- Aufnahmen aus dem Naxos-Repertoire liefern zum Sonderpreis einen umfassenden Einblick in die wichtigsten Werke des Salzburger Jubilars.Schön, dass zum Beispiel den Bläserkonzerten, darunter das berühmte Klarinettenkonzert, eine eigene Ausgabe gewidmet ist. Zudem gibt es zwei Farben für Klavier: Eine Ausgabe enthält berühmte Klavierkonzerte, eine weitere Klaviersonaten. Naxos, Sampler CD: 8.551238, 3CDs Vol. 1 – 10: 8.503165 – 8.503174, VÖ: bereits veröffentlicht Auswuchs des Mozart- Hypes: DJ Mozart 12 3/2006 dossier.rock me amadeus 2006 nicht deutlich mehr Neuheiten veröffentlichen als sonst“, sagt Marketingleiter Michael Blümke. Zudem gibt es 2006 auch andere berühmte Jubiläen wie den 150. Geburtstag von Robert Schumann am 29. Juli und den 100. Geburtstag von Dmitri Schostakowitsch am 25. September, die wohl leider vom Rummel um Mozart an den Rand gespielt werden. Doch der Hype um Mozart ist okay, findet Andreas von Imhoff: „Da es derzeit um die Kultur und die klassische Musik sowieso viel negative Diskussionen gibt, kann ein Hype um Mozart gar nicht schaden – er ist eben nicht totzukriegen und steht für klassische Musik. Und damit ist der Stellenwert auch der Kultur nicht hinweg zu diskutieren.“ Und die Musikbranche hofft, dass sich mit Mozart wieder mehr Menschen für klassische Musik interessieren und so auch mehr Musik kaufen: „Wenn es wie beim letzten Mozart-Jahr 1991 zum 200. Todestag gelingt, die Menschen wieder für Mozart in der ganzen Breite seines Schaffens zu interessieren und dabei auch ein neues Publikum für die Klassik zu begeistern, dann ist dies sicher ein Gewinn“, sagt Ludger Diekamp von Naxos. „Sehen wir es doch einfach als ein hochwillkommenes Wiedersehen mit einem lieben Bekannten.“ Klassik werde durch Mozart „auf wunderbare Weise thematisiert“, meint Tanja Franke von Warner Classics. Und Rike Everding, Geschäftsführerin Joan Records, betont: „Mozart ist jedem, auch dem Klassik-Laien bekannt, aber das Mozart-Jahr kann auch dem Laien zeigen, dass Mozart mehr ist als die kleine Nachtmusik und dass klassische Musik mehr ist als das Gedudel aus der Warteschlange am Telefon.“ Kritisch sieht hingegen Maren Borchers, die seit Januar die Künstleragentur Maren4Artists führt und vorher sieben Jahre bei EMI Classics war, die Gefahr einer „Übersättigung durch Überfütterung“; Industrie und Medienpartner seien in der Pflicht, Mozart behutsam zu vermarkten. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten. Wahrscheinlich kommt ja auch noch die Wiederveröffentlichung von Falcos Klassiker auf den Markt. Birgit Schlinger Pianist Martin Stadtfeld über Mozarts Musik „Ich will meinen Mozart ganz Frankfurt – Nach zwei Bach-Alben spielt Martin Stadtfeld auf seiner aktuellen Produktion die beiden Mozart-Moll- Konzerte. Mit Birgit Schlinger spricht der 25-jährige Pianist über den Stellenwert des Komponisten. MusikWoche: Was kann uns Mozart heutzutage noch sagen? Martin Stadtfeld: Allein die Tatsache, dass sich Mozart so lange bewahrt hat und heute eigentlich wichtiger ist denn je, auch wichtiger als zu seiner Zeit, zeigt uns, dass diese Musik unsterblich ist. Sie ist so groß, dass sie jeder Generation in jedem Zeitalter etwas zu sagen hat. Die Musik ist einfach so wahr, und so gültig. Sie drückt Dinge aus, die die Menschen auch in 2000 Jahren noch genau so verstehen werden wie wir heute. Die Menschen ändern sich im Prinzip ja nicht, und genau das kann man von dieser Musik eigentlich lernen. MW: Werden anlässlich des Mozart-Jahres die Aktivitäten übertrieben? Oder kann man gar nicht genug machen? Stadtfeld: Ich sehe das sehr gespalten. Mozart wird jetzt groß aufgezogen, sehr geschäftsmäßig und sehr auf Masse getrimmt. Das mag seine Berechtigung haben. Mich stört es ein bisschen, dass er so gepusht wird. Denn ich will meinen Mozart spielen und hören und ihn ganz für mich haben. Wenn man Mozart liebt, ist ja eigentlich sowieso jedes Jahr ein Mozart- Jahr. MW: Fanden Sie es schwer, von Bach auf Mozart umzuschwenken? Stadtfeld: Überhaupt nicht, weil ich Mozart schon von Kindheit an spiele und wie Bach schon immer sehr geliebt habe. Zu Mozart habe ich einen klaren, direkten Zugriff. Deswegen bot sich ein Mozart-Album mehr als an. MW: Was schätzen Sie besonders an Mozart, woran erinnert Sie seine Musik? Stadtfeld: Ich erinnere mich, dass ich Mozart schon ganz früh gespielt habe. Mein Lehrer hat mir sehr stark vermittelt, welcher emotionale Gehalt in den Stücken ist. Bei Mozart stimmt alles: Die Musik ist immer perfekt, sie ist einfach wahnsinnig gekonnt und genial. Das fasziniert mich so; zum einen die Tatsache, dass Mozart die Stücke erst im Kopf konzipiert hat und das Werk komplett vor seinem geistigen Auge stand in seiner ganzen Schönheit und seiner perfekten Architektur – wo es keinen Takt zu viel und keinen Takt zu wenig gibt – und dass er es dann erst niedergeschrieben hat. Zum anderen fasziniert mich, dass es den heiteren Mozart genauso wenig gibt wie den nur schwermütigen oder melancholischen. Die Stimmungen liegen bei ihm immer sehr dicht beisammen. Mozarts Werke sind im Vergleich zu denen von Bach viel subjektiver, richtige Seelenspiegelungen … MW: Wobei man Mozart ja landläufig eher heitere Musik zuschreibt … Stadtfeld: Das ist eben nicht ganz richtig, weil das schwermütig Melancholische und das euphorisch Jungenhafte bei ihm untrennbar sind. Wie beim c-Moll-Konzert: Es ist ganz tragisch, und trotzdem Blickt in Mozarts musikalische Abgründe: Stadtfeld Foto: Uwe Ahrens 3/2006 13 rock me amadeus.dossier für mich haben“ blickt hin und wieder mal die Sonne durch. Genau diese Stellen sind wahnsinnig ergreifend, weil sie so unmittelbar kommen. MW: Sie haben sich für Ihr Mozart-Album die einzigen Moll-Konzerte ausgesucht. Genau aus diesem Grund? Stadtfeld: Nein, das ist eigentlich bei allen Mozart-Konzerten so. Bei den Dur-Konzerten kommen plötzlich die schwermütigen Stellen und erwischen einen dann genauso eiskalt. Sie dringen sofort zur Seele vor, ohne dass man sich dem entziehen kann. Man kann seine Musik nicht reduzieren auf „sie ist heiter“ oder „sie ist schwermütig“ – weder die Moll- noch die Dur-Konzerte. Ein interessanter Aspekt ist: Die Moll- Konzerte haben eher gelöste langsame zweite Sätze. Im d-Moll-Konzert ist er sogar fast heiter. Die Dur-Konzerte hingegen besitzen teilweise ganz tragische zweite Sätze, wie das „Jeunehomme“- Konzert“, das Mozart mit 21 Jahren 1777 geschrieben hat: ein heiteres Werk mit einem zweiten Satz, der so tragisch ist, dass man überhaupt nicht begreift, wie jemand in diesem Alter überhaupt schon solche seelischen Abgründe widerspiegeln kann. So setzt sich das bei Mozart fort. MW: Was können Sie als Pianist von Mozart lernen? Stadtfeld: Mozart war ganz gewiss ein sehr versierter Pianist. Das spürt man auch an den Stücken, die er auf dem Klavier komponierte, im Gegensatz zu Beethoven, der eine abstrakte Vorstellung davon hatte, wie seine Musik klingen sollte. Bei Mozart gibt es das nicht. Die Musik ist sehr pianistisch. Es ist deshalb auch so wichtig, Mozart zu spielen, genau wie Bach, weil er anfängt zu sprechen. Jede Note hat Ausdruck. Die Musik perlt nicht einfach vor sich hin, sondern hat Tiefgang. MW: Erreicht Mozart auch jüngere Leute? Stadtfeld: Auf jeden Fall. Es ist sowieso ein Irrglaube, dass man ein gewisses Alter erreichen muss, um klassische Musik zu verstehen. Seine Musik ergreift einen, und da ist es egal, wie alt man ist. Je früher man damit anfängt, desto besser. Man kann Mozarts Musik nur jedem ans Herz legen. Zweimal Moll: Stadtfeld spielt Mozart (Sony Classical) Anzeige Nur im livepaper! www.musikwoche.de/livepaper Ausschnitte aus Videoclips und Interviews? CD-Tipps Mozart – Serenades For Wind Ensemble, Berliner Philharmonisches Bläserensemble Die besten Bläsersolisten der Berliner Philharmoniker, darunter Albrecht Mayer an der Oboe, nahmen im April vergangenen Jahres in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem die berühmte Serenade b-Moll KV 361, „Gran Partita“, auf, und läuten damit das Mozart-Jahr bei EMI Classics ein. EMI Classics/Capitol/EMI Music, CD: 3 43424 2, VÖ: 13. Januar Mikhail Pletnev – Mozart Piano Sonatas Der russische Klaviermeister spielt die Sonaten CDur (KV 330), F-Dur (KV 332), c-Moll (KV 457) und A-Dur (KV 331) und beweist, dass man sich trotz Mozart-Hype an manchen seiner Werke einfach nicht satt hören kann. Gefühlvoll, verspielt, zuweilen schelmisch wirken die Stücke, dabei leicht und verträumt. Diese CD zeigt, dass auch Neuaufnahmen millionenfach gespielter Werke viel zu entdecken bieten. Deutsche Grammophon/Universal Classics & Jazz/Universal, CD: 477 578-8, VÖ: 13. Januar W.A. Mozart/A. Zemlinsky – Die Zauberflöte, Dennis Russell Davies, Maki Namekawa Mozarts Zauberflöte ist wohl eine der bekanntesten Opern überhaupt. Umso spannender ist die Bearbeitung der Partitur von Alexander Zemlinksy für Klavier zu vier Händen. Hierbei handelt es sich nicht um einen reinen Klavierauszug, sondern um eine originalgetreue Übertragung, die die Pianistin Maki Namekawa und der Dirigent und Pianist Dennis Russel als Weltersteinspielung spielen. Avi-music/Ja Kla/Alive, 2 CDs: 553019 9, VÖ: 10. Februar Komplettbox: 170 CDs für 99 Euro Wolfgang Amadeus Mozart – Das Gesamtwerk „Klassik für Alle“ ist das Motto von Brilliant Classics, und zum Mozartjahr nimmt sich das Label beim Wort: Es veröffentlicht alle Mozart-Werke von Köchelverzeichnis 1 bis zum Requiem KV 626 in einer Ausgabe – das sind 170 CDs zum Preis von 99 Euro. Wem die acht Kilo schwere Box nicht reicht, der freut sich sicher auch über die beigefügte Bonus- CD-ROM mit Werkeinführungen, einer Biografie und den kompletten Libretti. Brilliant Classics/ Joan Records, CDs: 92540, bereits veröffentlicht

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