Recorded & Publishing

„Mit ständigem Lamentieren kommt man nicht weiter“

Ein Interview mit Marek Lieberberg und Mario M. Mendrzycki

2001 konnte die Marek Lieberberg Konzertagentur (MLK) dank einer Umsatzverdoppelung ihr erfolgreichstes Jahr in der Firmengeschichte verzeichnen. musikwoche.de unterhielt sich mit Firmengründer Marek Lieberberg und seinem neuen Kooperationspartner Mario M. Mendrzycki, President Triple M Entertainment, über die Entwicklung der Musikbranche in den vergangenen Monaten und die veränderten Anforderungen an Konzertveranstalter.

musikwoche.de: Herr Mendrzycki, Herr Lieberberg – Wie ist das Jahr gelaufen für ihre Unternehmen? Schlägt sich das Minus der Tonträgerbranche durch auf die Veranstaltungswirtschaft? Mario Mendrzycki: Das Jahr ist für uns sehr gut gelaufen, da es bereits im ersten Jahr nach dem TME-Relaunch gelungen ist, mit der No-Angels-Tour in Deutschland, Österreich und der Schweiz Impulse zu setzen. Außerdem haben Künstler und Partner, zu denen enge Beziehungen bestehen, TME dieses Jahr bereits das Vertrauen für die Zukunft ausgesprochen. Das heißt konkret, dass wir die Tourneen von Santana weiter begleiten werden und auch mit der Buchung der Tour von Bro’Sis beschäftigt sind. Das Live Entertainment ist sehr wohl durch den negativen Trend der Tonträgerindustrie beeinträchtigt. Fast alle Major Companys haben es versäumt, Künstler anstelle von Titeln aufzubauen. Wir haben insofern nicht mehr die große Auswahl an Acts, die auch längerfristig das Potential haben Tickets zu verkaufen.

Marek Lieberberg: Wir sind sehr stolz, nach 32 Jahren in einer allgemein schwierigen Zeit ein funkelnder Stern und vielleicht auch ein Modell zu sein. Wir haben nicht nur das Ergebnis des Vorjahres halten, sondern Umsatz und Gewinn drastisch steigern können. Ich will damit verdeutlichen, dass mit kontinuierlicher Arbeit und einem Gespür, das sich in drei Jahrzehnten geschult hat, sehr gute Ergebnisse erreichen kann. Wir hatten ein Meisterjahr. Wir brachten viele unserer Künstlerbeziehungen zur vollen Entfaltung. Ob das ein Mark Knopfler war, der eine sensationelle Tournee hatte oder ein Neil Young oder Bob Dylan oder Depeche Mode – alle diese Erfolge sind Resultate von langjährigen Entwicklungen. Hinzu kommen unsere Trademarks, die Open-Airs „Rock im Park“ und „Rock am Ring“. Wir schaffen es derzeit, auch neue Künstler gleich im ersten Anlauf durchzusetzen. Dabei hilft die Kooperation mit Partnern wie Mario Mendrzycki, der seine Hand am Puls der Zeit hat. Seine Inspiration und unser Know-how führten bei den No Angels mit 30 Konzerten und über 150.000 Besuchern sofort zum Erfolg. Das ist in der heutigen Zeit einsame Spitze.

mw.de: Ist ein Ende der Erfolge der „großen Namen“ abzusehen? Erleben Sie quasi das Ende der „guten alten Zeit“? Was folgt, wenn Künstler wie Bob Dylan oder Neil Young in ein paar Jahren nicht mehr für Tourneen zur Verfügung stehen? Lieberberg: So wie das Leben endlich ist, sind auch Karrieren endlich. Es gilt, die Kurzfristigkeit in Langfristigkeit zu verwandeln. Da hilft natürlich nicht, sein Fähnchen nach dem Wind zu hängen. Wir haben durch die Kooperation mit Mario und auch durch die Auswahl meines Sohnes Daniel eine Trefferquote erreicht, die einzigartig ist. Die ausverkauften Tourneen von Linkin Park, Tool, Dido, Nelly Furtado, Travis sind Beispiele hierfür. Wesentlich ist, dass wir aus der Musik kommen, mit Musik und Künstlern leben. Ein Musik-Mann wie Mario und ein Musik-Methusalem wie Marek bieten beste Voraussetzungen. Wir sind keine Lemminge oder werden wie Motten vom Musiklicht angezogen, sondern dies ist unser Leben. Wir haben dieses Business von der Pike auf gelernt und deshalb ernten wir jetzt diese Früchte. Über Jahrzehnte hinweg haben wir auf die richtigen Künstler gesetzt und nicht auf die, deren Verfallsdatum schon mit der ersten Tournee erreicht ist. Sting, Springsteen, Bryan Adams sind dafür Beispiele. Wir sind stolz darauf, ein profitabler Teil der „old economy“ zu sein, die sich in den letzten Monaten als die „real economy“ erwiesen hat. Unsere Basis ist die Leidenschaft für Musik. Wir sind keine Boutiqueninhaber oder Händler, die einfach die Branche gewechselt haben. Leidenschaft und Profession zu verbinden, ist unsere Stärke.

Mendrzycki: Die Vorgehensweise im Live Sektor mit MLK Acts wie Dylan, Young, Knopfler oder Sting und Depeche Mode unterscheidet sich maßgeblich von der, wie Kollegen beispielsweise Künstler wie Rod Stewart oder Joe Cocker über die Jahre veranstaltet haben. Rod, der zweifelsohne einmal zu den Größten des Touring Business gehörte, wurde in diversen Märkten im Raubbau-Verfahren „verarztet“. Überspielt und gemolken bis zum Geht-nicht-mehr. Das gleiche gilt für Joe. Dies verkürzt eine sowieso endliche Karriere um ein Vielfaches. Antworten auf die Fragen nach Sinn und Timing von Tourneen zu haben ist immer wichtiger geworden. Live-Entertainment isoliert zu betrachten ist ein Luxus, den wir uns nur mit ganz wenigen Künstlern leisten sollten weil es in der Regel der Anfang vom Ende ist. Die Einbindung von strategisch wichtigen Partnern aus Industrie und Medien wird grundsätzlich eine Priorität der Kooperation MLK/TME und ein Qualitätsmerkmal unserer Arbeit bleiben.

mw.de: Kann man ein Rekordergebnis wie das von MLK in diesem Jahr durch Quantität erzielen oder auch durch Kostenersparnis? Lieberberg: Mendrzycki hat nach kurzer Zeit seine Personalplattform erweitert, ich ebenfalls. Ich halte dieses Gerede von Einsparungen für blanken Wahnsinn. Gute Leute lassen sich nicht duplizieren. Man muss sie im Unternehmen halten und weiter aufbauen. Bei uns gibt es keine Marketing- oder Personaleinschränkungen. Was derzeit in der Tonträgerbranche passiert, ist unglaublich. Dass wichtige Teile einer Branche ausradiert werden, Musikmanager fassungslos vor dem Trümmerhaufen ihrer eigenen falschen Politik stehen, nämlich viel zu viel und sehr viel schlecht gemacht zu haben und deshalb zum Allheilmittel von Massenentlassungen greifen, halte ich für Kamikaze und die Bankrotterklärung einer Branche, mit der ich immer sehr eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet habe. Für mich sind Persönlichkeiten wie Bernd Dopp, Heinz Canibol, Tim Renner oder Jörg Hacker unverzichtbare Partner. Wenn die deutschen Companies nunmehr in ihrer Handlungsfähigkeit und Kompetenz beschnitten werden, ist das der Weg in die falsche Richtung. Geringere Marketingausgaben bringen vordergründig Kostenersparnisse, schränken aber auf der anderen Seite die Möglichkeiten ein, neue Künstler zu popularisieren. Ich bin von jeher ein Freund schlanker, aber effizienter Strukturen. Unser Team von knapp 20 Personen bewältigt mehr als 50 Tourneen mit über 500 Konzerten im Jahr. Das ist beispielhaft. Wir sind eine kleine Boutique mit handgemachten Konzepten für Künstler. Wir stehen als Personen dahinter und verbürgen uns dafür. Natürlich sind wir nicht frei von Irrtümern. Aber man kann uns nicht vorwerfen, alles an Ressourcen, Know-how, Engagement und Enthusiasmus für ein Projekt einzusetzen. In einer von Angst und Monopolisierungstendenzen geprägten Musikbranche wird allzu oft nur auf die Verpflichtung des Künstlers gesetzt und danach soll Gott helfen.

mw.de: Läßt sich aus Ihren Aussagen schließen, dass man auch heute noch mit Tourneen Geld verdienen kann? Lieberberg: Man kann und muss. Jungen Künstlern gegenüber haben wir eine Verpflichtung, zu investieren. Wenn wir von einem Thema wirklich überzeugt sind, setzen wir uns dafür ein. Aber wir treffen eine kritische Auswahl. Dort setzt ein Problem der Plattenindustrie ein. Wenn an der Spitze internationaler Multis Entscheidungsträger sitzen, die nicht mit der Musik vertraut sind, sondern lediglich Bilanzen prognostizieren, muss das schief gehen. Kreativität läßt sich nicht per Jahresplanung abfordern. Unsere Branche leidet im Kern an einem Problem: Kritiklosigkeit. Die ist in der Musikbranche weit verbreitet, insbesondere im hierarchischen Verhalten. Deshalb kann und wird auch ein grottenschlechtes Produkt veröffentlicht, weil keiner den Wahnsinn stoppt. Widerspruch gibt es nicht. Wenn von oben der Befehl kommt, verbrennt die Vernunft im Fegefeuer einer falschen Disposition. Und weil Kritik nie geäußert wird, ist kein Fehler groß genug, um nicht gemacht zu werden.

mw.de: Auf Ihr Geschäft übertragen: Läßt sich so ein großer Fehler mit dem Buchen einer Stadiontournee für einen Nachwuchsact vergleichen? Lieberberg: Ja. Und wenn ich mich dann noch wundern würde, wieso ich mit 2000 Fans in einer 60.000 Fans fassenden Arena stehe.

Mendrzycki: Wir können uns Kritiklosigkeit nicht leisten. Das führt bei uns unmittelbar zu angespannten finanziellen Verhältnissen. Insofern ist die Kultur des Unternehmertums mehr gefragt und wird auch mehr umgesetzt. Neben der Kritiklosigkeit ist das zweite Problem der Tonträgerbranche die Nachwuchsförderung und die nicht stattfindende Weiterbildung kompetenter Mitarbeiter. Es sollte nach allen Lippenbekenntnissen endlich gehandelt werden. Mit dem dauernden Lamentieren auf Verbandsebene kommt man nicht weiter.

Lieberberg: Das stimmt. Und wegen dieser Kritiklosigkeit ist der Künstler in einem Kokon verpackt, in den von außen nichts eindringt. Warum sagt eigentlich keiner zu Mariah Carey, dass niemand wegen ihrer Beine kommt, sondern dass man ihre Stimme hören will? Und schon würde man ein paar Probleme weniger haben. Niemand warnte offenbar Michael Jackson, dass sein Album so nicht funktionieren würde. Obwohl es so offensichtlich war, lief die Maschinerie weiter und Millionen und Aber-Millionen wurden für die mediokre Aufnahmen und nichtssagende Videos ausgegeben. Am Ende müssen schuldlose Angestellte für diese Fehler mit ihrem Arbeitsplatz büßen und werden in die Wüste geschickt.

Mendrzycki: Ein Vertrag, wie ihn beispielsweise EMI/Virgin mit Mariah Carey abgeschlossen hat, hinterlässt nachhaltige Schäden. Wenn es amerikanischen Anwälten gelingt für eine Künstlerin wie Mariah, die zum Zeitpunkt des Wechsels von Columbia zu Virgin zweifellos nicht auf dem Höhepunkt ihrer Karriere stand – um es gelinde auszudrücken -, 80 Millionen Dollar zu erzielen, dann ist das nicht nur ein Problem der betroffenen Firma sondern es stellt die Mechanismen der gesamten Branche in Frage.

mw.de: Wie sehen Sie die Machtverhältnisse nach der Blockbildung in cts und DEAG? Wird es weitere Zusammenschlüsse geben? Wer wird ihr schärfster Konkurrent in den nächsten Monaten und Jahren? Wann und wie erwarten Sie den Marktantritt von SFX? Lieberberg: Der deutsche Markt ist so attraktiv und groß, dass er mehreren Gruppierungen die Chance für eine erfolgreiche Arbeit bietet. Die Blockbildung ist noch lange nicht abgeschlossen. Clear Channel will eine Präsenz in Deutschland und wird deshalb 2002 eine Konstellation schaffen, die die Voraussetzungen dieses Entertainment-Konzerns erfüllt. Wir müssen uns fragen, wie wir unsere führende Stellung im Konzert der Großen festigen.

Mendrzycki: Clear Channel versucht nunmehr seit einigen Jahren in Deutschland einen Fuß in die Tür zu setzen. Die Amerikaner und ihre europäische Führungsriege erachtet die Zeit als reif und man sollte nicht davon ausgehen, dass sich Clear Channel noch viel länger mit Ablenkungsmanöver – wie letztes Jahr geschehen und vom damaligen deutschen Aspiranten falsch interpretiert – zufrieden gibt. Die Blockbildung CTS und DEAG werte ich als ein Zwischenergebnis, wobei einiges dafür spricht, dass die Karten demnächst nochmals neu gemischt werden.

mw.de: Kann es ein Weg sein, dass Konzertveranstalter Musikverlage gründen und versuchen, selber kleine Plattenfirmen zu werden? Ihre Kritik an dem gegenwärtigen Zustand der Tonträgerbranche könnte diesen Schluss zulassen… Lieberberg: Die Gründung eines Musikverlages erscheint dann als vernünftig, wenn man über Content verfügt. Ein eigenes, kleines Label macht nur dann Sinn, wenn dies eine eigenständige Division ist. Die Majors müssen endlich wieder zur Kreativität zurückfinden und eine kritische Auswahl treffen, statt Lotterie zu spielen.

Mendrzycki: Ich halte diesen Weg für wenig erfolgversprechend. Primär sollten die Majors wieder zu Ihrer originären Berufung des Artist Developments zurückkehren und dabei Veranstalter frühzeitig in den Künstleraufbau mit einbeziehen. Wenn schon nach Alternativen gesucht wird, liegen diese im Finden interessanten Synergien, wie zum Beispiel sie in der Zusammenarbeit zwischen der Filmproduktionsfirma Tresor TV, RTL 2 und RTL Enterprises, dem Label Cheyenne und Polydor von TME und MLK praktiziert werden.

mw.de: Stichwort Ticketpreise. Sowohl Schwenkow als auch Schulenberg betonen, dass das „Anbieten um jeden Preis“ aufgrund der Rentabilitätsfrage beendet werden wird. Ist eine Senkung der Ticketpreise in Sicht oder sind die Preise Ihrer Meinung nach – wie beispielsweise Schwenkow betont – gar nicht hoch? Lieberberg: Ich weiß aus Erfahrung, dass solche Schwüre bei der nächsten Gelegenheit gebrochen werden. Wir betreiben schon immer eine verhältnismäßig konservative Einkaufspolitik, die uns die Möglichkeit für umfassende Marketingmaßnahmen erhält. Eine Senkung der Ticketpreise ist nicht in Sicht. Live-Konzerte sind Unternehmungen, die ausgesprochen arbeitsintensiv sind. Die Anforderungen werden von Tag zu Tag komplexer, so dass keine falschen Erwartungen gehegt werden sollten.

Mendrzycki: Fast nichts ist so kurzlebig in diesem Geschäft wie die noch vor fünf Minuten vermeintlich koordinierte Garantie an den anglo-amerikanischen Superstar oder angesagten Newcomer Act. Ansonsten kann ich mich Marek hier nur anschließen.

mw.de: Die Musikbranche ist gerade dabei, sich zu verjüngen, auch auf Chefebene -nehmen wir den Wechsel bei Sony als Beispiel. Gibt es einen Generationenkonflikt? Lieberberg: Kooperationen und Synergien mit den Plattenfirmen sind die Eckpfeiler einer erfolgreichen Konzertpromotion. Wir suchen die perfekte partnerschaftliche Abstimmung mit den Labels, die in einer Zeit knapper Ressourcen umso elementarer ist. Ob die jüngste Personalentscheidung bei Sony Music greift, muss sich erst zeigen. Einen Fachmann wie Jochen Leuschner durch einen Branchenneuling zu ersetzen, erscheint mir nicht risikolos. Allerdings ist dies keineswegs Ergebnis eines Generationenkonflikts. Vom verordneten Ruhestand à la Bertelsmann halte ich in der heutigen Zeit überhaupt nichts. Das Beispiel Clive Davis führt all diese Klischees ad absurdum.

Mendrzycki: Mir ist bekannt, dass Kollegen über Verständnisprobleme mit ‚jungen Productmanagern‘ auf Seiten der Industrie klagen. Meine Einstellung dazu ist, dass ich mich entweder mit dem Künstler und dessen Musikrichtung auskenne, oder aber die Finger von dem Act, seinem Agenten und dessen Label lasse, wenn dem nicht so ist. Es ist wichtig als Vertreter des Live-Entertainments nicht nur zu Fordern sondern über Kompetenz Vertrauen aufzubauen und so gezielt zum Erfolg des Künstlers beizutragen. Ich würde mir wünschen, dass Veranstalter und Schallplattenindustrie wieder ähnlich eng wie in den Achtzigern kooperieren.

mw.de: Was halten Sie von dem Plan, alle Veranstalterverbände unter ein Dach zu bringen, wie es der IDKV vorhat? Wie beurteilen sie die Rolle des IDKV im Kampf gegen die Ausländersteuer? Lieberberg: Die Interessen der meisten Konzertveranstalter werden nach meiner Kenntnis mehrheitlich vom Verband der deutschen Konzertdirektionen vertreten, der unter seinem langjährigen Vorsitzenden Michael Russ hervorragende Arbeit leistet, ohne ständig auf die Pauke zu hauen. Der Verband ist die Vertretung und das Sprachrohr dieses Berufstands. Er berät seine Mitglieder und führt beispielsweise die Vertragsverhandlungen mit der GEMA. Gerade im Hinblick auf die Künstlersteuer und die Künstlersozialversicherung hat dieser Verband mit viel Engagement und Sachkenntnis für unser Anliegen gekämpft. Leider sind die Erfolge bei der Künstlersteuer minimal und die Besteuerung der Künstlergagen bleibt eine Schande für ein Land, das sich immer als Zentrum der Kultur betrachtet hat. Der IDKV ist demgegenüber wohl eher ein Propaganda-Instrument seines Vorsitzenden Jens Michow. Her Michow sollte den Verband der deutschen Konzertdirektionen beitreten. Damit wären alle unter einem Dach!

Mendrzycki: Der Verband der deutschen Konzertdirektionen wird mit Michael Russ von einem ähnlich kompetenten und aktiven Vorsitzenden wie Gerd Gebhardt auf Seiten des Phonoverbandes und der IFPI geführt und die Anliegen der Branche durch diesen weitestgehendst vertreten. Die Unterstützung dieses wichtigen Instruments sollte von den Mitgliedern noch ernster genommen werden um so die Effektivität gegenüber der Politik zu steigern. Darüber hinaus kann die Öffentlichkeitsarbeit in Bezug auf unsägliche Zustände wie z.B. die Höhe der Künstlersteuer und KSK-Abgaben für ausländische Acts, die niemals davon profitieren, noch verbessert werden. Welche wesentlichen Anliegen der IDKV erfolgversprechend forciert, die vom Verband der Konzertdirektionen nicht ohnehin verfolgt werden und die darüber hinaus von Bedeutung für die Mehrzahl der in Deutschland tätigen Veranstalter wären ist beim IDKV nicht erkennbar.

mw.de: Eine Frage zur neu geschlossenen Kooperation von MLK und TME. Wie ist die Aufgabenteilung? Lieberberg und Mendryzcki: Mario konzentriert sich bei den gemeinsamen Projekten auf Akquisition und generelle Konzeption während MLK Marketing, Organisation und Durchführung übernimmt. Grundsätzlich wird aber jede Phase einvernehmlich beschlossen.

mw.de: Ist die Form der Zusammenarbeit – Kooperation statt Übernahme – ein Zeichen, dass die Dinge im Veranstaltergeschäft wieder ihren „normalen“ Lauf nehmen? Ich könnte mir vorstellen, dass vor einem oder zwei Jahren die Überschrift „Lieberberg übernimmt TME“ gelautet hätte… Lieberberg: Diese Kooperation erhält die generelle Unabhängigkeit der Partner und bindet uns beide nur für die Projekte, an denen beide gemeinsam Interesse haben und für die dann eine Kooperation vereinbart wird. Wichtig ist die absolute Selbständigkeit und Freiwilligkeit dieser Zusammenarbeit.

Mendrzycki: Das besondere an der Zusammenarbeit MLK / TME ist, dass sie auf mehreren Ebenen stattfinden kann, aber nicht muss. TME agiert schwerpunktmäßig als Agent ihrer Künstler, die jederzeit die Möglichkeit hat mit anderen Veranstaltern ihrer Wahl im In- und Ausland zusammenzuarbeiten. Es geht darum, für jeden einzelnen unserer Künstler jeweils die „beste Heimat“ zu finden. Von Fall zu Fall verstehen wir uns aber auch als Co-Promoter. Das Modell der Diversifikation wird in England seit Jahren von so gewichtigen Agenturen und Veranstaltern wie zum Beispiel Solo oder ITB kostenminimierend für die Künstler und effektiv betrieben. MLK wiederum musste keinerlei Verpflichtung eingehen, eine fest geschriebene Anzahl von Acts auf eine bestimmte Periode mit TME zu veranstalten. Die Kooperation basiert auf Einvernehmen und fairen wirtschaftlichen Komponenten. Es gibt gegenseitig kein Abonnement auf die Leistungen des anderen.

mw.de: Herr Mendrzycki, muss sich ein Veranstalter außerhalb der großen Blöcke cts und DEAG und ihrer angeschlossenen Konzertbüros einen Kooperationspartner suchen – um zu überleben? Mendrzycki: Umgekehrt ausgedrückt: Auch der Anschluss an einen der großen Blöcke garantiert das Überleben nicht. Die Resourcen der Muttergesellschaften sind nicht endlos, genauso wenig wie das Know-How und die heutigen Vermarktungsmechanismen dort erfunden worden sind. Entscheidend ist doch, dass sich die jeweiligen Group Members aufgrund der Schwäche der Aktienmärkte und der daraus resultierenden mangelnden Wertsteigerung ihrer Optionen nicht auf den Lorbeeren Ihrer Abschlüsse ausruhen können. Der Wettbewerb ist hart und man muss sich als Clubmitglied oder außenstehender Player kontinuierlich durch Leistung beweisen.

mw.de: Herr Lieberberg, Ihr Deal mit der CTS eventim AG fand vor rund 18 Monaten statt. Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen? Lieberberg: Wir haben uns mit einem Partner verbündet, der im Gegensatz zu einer Vielzahl anderer Interessenten über ausreichendes Verständnis für diese Branche verfügt und mit dem sich Synergien voll entfalten können. Wir haben eine solide finanzielle und organisatorische Basis geschaffen. Darüber hinaus wird das gesamte Geschäft von uns geführt. Wir sind, wenn ich das mal in aller Bescheidenheit sagen darf, das Kronjuwel von CTS. Wir haben unseren Umsatz fast verdoppelt und einen außergewöhnlichen Gewinnsprung erzielt. Wir mussten nicht den 11. September und ähnliches in Anspruch nehmen, um Schieflagen zu erklären. Wir haben das beste Jahr in unserer 32-jährigen Geschichte erzielt.

mw.de: Sie fühlen sich also gut aufgehoben bei cts? Lieberberg: Wir heben cts gut auf mit unseren Ergebnissen. Die Mutter macht rund 50 Millionen Mark Umsatz, wir liegen bei 120 Millionen. Hieran können Sie erkennen, wie die Relationen sind. Aber wir haben ein sehr gutes, vernünftiges Verhältnis, das getragen ist von gegenseitiger Anerkennung und dem Bewußtsein, was MLK zu leisten imstande ist.

mw.de: Hat Ihrer Firma die Umstellung auf die Berichtspflichten Probleme bereitet? Lieberberg: Unsere Buchhaltung befindet sich seit jeher auf einem sehr hohen, zeitnahen Niveau. Wir legen großen Augenmerk auf die Finanzen, weil wir uns den Kopf freihalten müssen für unser Geschäft. Das geht nur, wenn die buchhalterische Basis stimmt. Wer das vernachlässigt, wird von den Zahlen später eingeholt. Wir haben die Probleme bei Konkurrenten oft genug mitbekommen, während wir hiervon verschont geblieben sind. Jetzt zwingt uns die Berichtspflicht dazu, noch schneller alle Zahlen zu erfassen, was uns aber keine Schwierigkeiten bereitet. Wir sind im Gegenteil sogar dankbar dafür, weil wir zeitnah wissen, wo wir wirklich stehen. Wir können nur das Geld ausgeben, das wir besitzen.