musikwoche.de: Wie sieht die Marktlage tatsächlich aus?
Michael Huchthausen: Die Situation nimmt im Moment dramatische Züge an. Diese Umsatzrückgänge sind über einen längeren Zeitraum nicht zu verkraften, da der Fachhandel in den vergangenen Jahren keine Rücklagen bilden konnte und die Kapitaldecke immer dünner wird. Es sieht im Augenblick nicht gut aus.
mw: Lässt sich das beziffern?
Huchthausen: Nach meinen Information verzeichnen wir mittlerweile bis Ende April dramatische Umsatzrückgänge, die auch voll auf die Industrie durchschlagen. Diese Situation entsteht aus dem Zusammenspiel vieler Kriterien: dem Desinteresse der Kunden, dem Produkt und den wirtschaftlichen Rahmendaten.
mw: Ist nur der Fachhandel betroffen?
Huchthausen: Nein. In Gesprächen mit anderen Handelspartnern von Flensburg bis Passau ist nur ein Tenor zu hören: Das Geschäft läuft sehr schlecht, und das seit Monaten. Die jüngsten Schließungen im Fachhandel erfolgten aus unterschiedlichen Gründen: Zum Teil Insolvenzen, zum Teil aber auch die fehlende Nachfolgeregelungen. Diese Fluktuation ist eine Folge der Branchensituation: Tonträger sind, um einmal dieses Unwort zu benutzen, einfach nicht mehr sexy.
mw: Ist die Situation existenzbedrohend?
Huchthausen: Ja. Wenn ein Händler sein Geschäft seit drei oder vier Jahren immer wieder umstrukturiert, dabei eventuell auch Personal entlässt und trotzdem immer noch ein Minus schreibt, dann ist die Grenze nach unten bald erreicht. Deshalb stellt sich in solch schwierigen Zeiten auch immer wieder die Standortfrage: Bin ich mit meinem Angebot noch am richtigen Platz, spreche ich noch die richtige Klientel an, oder muss ich eventuell über Veränderungen nachdenken? Ich weiß, dass es schwierig ist, in diesen Fällen die Perspektiven und Alternativen zu sehen. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass es noch Perspektiven gibt. Was allerdings noch vor zehn oder 15 Jahren im traditionellen Handel funktionierte, geht heute so nicht mehr. Wenn sich der Markt wandelt, dann muss das auch der Handel tun, beziehungsweise seine Tools. Ich bedauere deshalb, dass zwar von Seiten der Hersteller immer wieder auf diesen Wandel hingewiesen wurde, sich im täglichen Umgang miteinander allerdings überhaupt nichts geändert hat. Haben wir die Möglichkeit, unseren Kunden nach außen hin zu zeigen, dass wir uns gewandelt haben, dann gibt es eine Perspektive – auf dem heutigen Stand nicht.
mw: Sie sprachen die Tools des Handels an. Wohin könnte hier die Entwicklung gehen?
Huchthausen: Wir haben seit gut zwei Jahren in Zusammenarbeit mit dem aMM ein Shop-Konzept entwickelt, und dies auf der Popkomm. 2001 einigen Industrievertretern vorgestellt. Mitte Mai haben wir es jetzt noch einmal Peter Zombik als Geschäftsführer des Bundesverbands Phono präsentiert. Ich konnte dabei eine veränderte Interessenlage beobachten: Während die Gesprächspartner vor neun Monaten das Thema lediglich registriert haben, sind heute die Augen und Ohren schon etwas größer geworden. Vielleicht war vor neun Monaten die Situation noch nicht dramatisch genug. Einzelheiten zu diesem Konzept möchte ich noch nicht verraten, nur soviel: Ich muss versuchen, traditionellen Handel und neue Technologien unter einem Dach zu präsentieren, um auch für die technik- und multimedial-engagierten Kunden wieder interessant zu werden.
mw: Denken Sie dabei an Download-Stationen und eine Erweiterung des Produktportfolios?
Huchthausen: Richtig. Die Möglichkeiten, die es heute gibt, wollen und müssen wir im Handel auch präsentieren, wenn wir uns Fachhandel oder Fachabteilung nennen wollen. Wir haben unsere Hausaufgaben dazu gemacht. Unser Problem ist aber, dass wir nicht mit eigenen Inhalten handeln und deshalb von den Entscheidungen unserer Industriepartner abhängig sind. Erst wenn die mit dem Kopf nicken, können wir auch loslegen.
mw: Was für Bekenntnisse der Hersteller wären dazu notwendig?
Huchthausen: Kopfnicken hilft und ein klares Bekenntnis seitens der Industriepartner zum Handel. Unser Ziel muss es sein, dem Kunden trotz der auf die Ladengrößen bezogenen geringeren räumlichen Möglichkeiten im Fachhandel so viel Produkt wie möglich anbieten zu können. Damit meine ich nicht nur die körperlichen Tonträger, denn dieses Angebot ist durch die Größe des Geschäfts begrenzt. Das bedeutet aber nicht, dass ich dem Kunden nicht auch zusätzlich viele andere Produkte innerhalb von Minuten zugänglich machen kann.
mw: Was passiert, wenn sich an der Marktlage nichts ändert?
Huchthausen: Wenn sich nicht kurzfristig etwas ändert, wird das einige Existenzen kosten. Die Frage ist, wer überhaupt noch über einen Zeitraum von drei bis vier Monaten durchalten kann. Wenn ich an das bevorstehende Sommerloch denke, dann habe ich wirklich Angst um einige unserer Mitgliedsbetriebe. Wenn die Hersteller diesen Handel wirklich wollen, dann müssen kurzfristig Lösungsansätze her.
mw: In welcher Form?
Huchthausen: Um kurzfristig Druck aus der Situation zu nehmen müssen die Zahlungsmöglichkeiten überdacht werden. Mir ist völlig bewusst, dass das mit einem hohen Aufwand im Controlling verbunden ist, aber das ist der wichtigste Punkt. Diese Forderung hat auch einen Hintergrund: Uns wird für viel Geld Ware in die Läden gestellt, die der Kunde für noch mehr Geld kaufen soll, obwohl er diese Produkte teils schon Wochen vorher und unentgeltlich im Netz bekommen kann. Das ist einer der wichtigsten Punkte, warum wir solche Umsatzeinbußen hinzunehmen haben. Im Moment ist Querdenken angesagt: Was ist denn zum Beispiel dagegen einzuwenden, wenn bestimmte Produktbereiche erst dann bezahlt werden, wenn sie auch verkauft wurden? Auf dem traditionellen Weg geht es nicht mehr, hier ist die Grenze erreicht. Ob das auch Chartware oder aktuelle Produkte betreffen muss oder nur Waren, die eine bestimmte Altersgrenze überschritten haben, möchte ich dahingestellt lassen. Wenn der Handel finanziell nicht mehr in der Lage ist, eine breite Produktpalette vorzuhalten, dann nimmt er sich selbst Umsatzmöglichkeiten, aber eben auch den Herstellern. Damit will ich aber nicht sagen, dass das gesamte Risiko auf die Industriepartner abzuwälzen ist. Jeder für sich an seinem Standort muss sich natürlich auch fragen, was zu verbessern ist, vielleicht mit seinem Vermieter sprechen oder über Teilzeitlösungen nachdenken. Es geht nur weiter, wenn alles ineinander greift.
mw: Was ist mit Stichwörtern wie Risikoentlastung oder Vereinfachung der Retouren?
Huchthausen: Das ist schwer zu sagen. Im Bereich der Maxi-CDs haben wir die Risikoentlastung, ohne dass sie ein Garant für höhere Umsätze wäre. Das ist nicht das Allheilmittel. Beim Punkt Retouren hat sich bereits einiges getan. Allerdings gibt es auch immer noch Negativbeispiele. Eine schnelle Retourenabwicklung bringt nichts, wenn die Gutschriften nicht zeitnah berücksichtigt werden.
mw: Was kann der GDM als Verband zur Lösung beitragen?
Huchthausen: Darüber haben GDM-Geschäftsführer Dr. Heinz Stroh und ich gerade mit dem Bundesverband Phono gesprochen. Auf Verbandsebene ist es aber immer schwierig, im täglichen Geschäft etwas zu erreichen – gerade wenn es kurzfristig sein muss. Das ist schade, und ich hätte es gern anders. Nach den Zahlen von Ende April bin ich mir aber sicher, dass es endlich bis zum letzten in der Tonträgerbranche durchgeschlagen ist, in welcher Situation wir uns befinden. Wir haben allerdings schon vor anderthalb Jahren darauf hingewiesen, das es vor dem Hintergrund der Brenner- und Internetproblematik so weit kommen kann. Außerdem gebe ich auch der Euro-Umstellung eine gewisse Teilschuld. Das Maß der Auswirkungen dieser Umstellung war allerdings so nicht abzusehen.
mw: Wie muss die Branche der Brennerproblematik begegnen?
Huchthausen: Wenn das Brennen nicht über Kampagnen und Kopierschutztechnologien einzudämmen ist, muss es eben auf gesetzlichem Weg geschehen. Wir würden uns wünschen, dass die EU-Urheberrechtsnovelle noch vor der Bundestagswahl – am liebsten schon nächste Woche – in nationales Recht umgesetzt würde. Mit jedem Laden, der bis dahin schließen muss, kommen Steuerausfälle auf den Bund zu und Sozialkosten für die Mitarbeiter, die in die Arbeitslosigkeit getrieben werden. Dies wäre zu vermeiden, wenn die Politik konsequenter agieren und vielleicht auch den Handel entlasten würde.
mw: Was wäre eine mögliche Entlastung des Handels?
Huchthausen: Die vom HDE geforderte Mehrwertsteuersenkung wäre sicherlich ein Instrument. Aber wenn wir ein wenig realistisch denken, brauchen wir dieses Thema gar nicht weiter anzusprechen: Das wird nicht kommen. Die notwendige Senkung der Lohnnebenkosten ist ein ähnliches Thema. Im Moment würde jeder Euro helfen, um den der Handel entlastet wird.
mw: Wäre auch über die Preise etwas zu machen?
Huchthausen: Natürlich. Allerdings würden günstigere Produkte auch von den Wettbewerbern günstiger angeboten werden können. Ich denke aber, dass wir durch unsere Aktivitäten im vergangenen Jahr auf einem guten Weg sind und Verständnis in der Branche geschaffen haben, Verkäufe unter dem Einstandspreis nicht mehr auf so einem Niveau durchzuziehen wie zuvor.
mw: Haben die Verbandsaktivitäten gegen den Verkauf unter EK Früchte getragen?
Huchthausen: Ja. Wir werden diesen Bereich weiterhin intensiv im Auge behalten und entsprechend reagieren. Künftig werden wir auch verstärkt auf den Bereich der DVDs achten.
mw: Bietet die DVD für den Fachhandel eine Chance?
Huchthausen: Nicht vor dem Hintergrund der tatsächlichen Anteile der DVD und vor allem der Musik-DVD am Gesamtmarkt. Diese drei Prozent spielen nicht die ganz große Rolle. Im Hinblick auf die derzeitige Wirtschaftslage ist das Format außerdem noch so teuer, dass ihm noch die allgemeine Akzeptanz fehlt. Ich habe deshalb schon auf dem DVD-Seminar des Entertainment Media Verlags im vergangenen Jahr gefordert, so schnell wie möglich auch einen Budget- oder Midprice-Bereich für DVDs zu etablieren.
mw: Wie sieht es im Bereich Musik mit den Produkten aus?
Huchthausen: Uns bereitet es Sorgen, wie mit Neuveröffentlichungen umgegangen wird. Wir haben durch die langen Promotionvorlaufzeiten immer größere Probleme, uns gegenüber den Kunden als Fachhandel zu positionieren. Wenn ein Titel mehrere Wochen vor der eigentlichen VÖ im Radio, bei MTV und Viva läuft, wir im Geschäft die Nachfrage der Kunden aber nicht befriedigen können, dann versorgen sich die Kunden selbst. Der Fachhandel oder die Fachabteilungen können ihrem Ruf nicht gerecht werden. Das ist eine ganz gefährliche Entwicklung. Da läuft doch etwas verkehrt, wenn die Konsumenten die Neuheiten eher bei sich zu Hause haben, als wir sie im Fachhandel anbieten können. Hier muss sofort etwas passieren. Gegen einen Promotionvorlauf von nur noch einer Woche hätte ich nichts einzuwenden. Deshalb haben wir mit dem Bundesverband Phono unter anderem auch über die Installierung eines Händlerbeirats gesprochen.
mw: Was soll dessen Aufgabe sein?
Huchthausen: Da soll es zunächst um technische Entwicklungen gehen und darum, wie sich die Märkte in Zukunft darstellen; außerdem um solche Probleme wie den Promotionvorlauf, die den Herstellern so vielleicht gar nicht bekannt sind. Wenn wir in einer Situation wie der derzeitigen nicht zusammenkommen, dann brauchen wir es in einem halben Jahr wahrscheinlich nicht mehr zu tun. Wir wollen das Thema Beirat deshalb sehr kurzfristig und möglichst noch vor dem Sommerloch angehen. So eine Runde muss natürlich den Großteil des Markts spiegeln und entsprechend möglichst viele Handelsformen einbinden. Da haben wir keine Berührungsängste.






