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Matthias Strobel: „Dieses Match kann allen Beteiligten einen Mehrwert bieten“

Am 17. und 18. September findet die Konferenz Music Frontiers erstmals beim Reeperbahn Festival statt. Zuvor richtete Matthias Strobel Hohmann zwei Ausgaben in Berlin aus. Auf Nachfrage von MusikWoche erläutert er seine Pläne und Ziele für den Schritt nach Hamburg.

MusikWoche: Nach zwei Ausgaben in Berlin docken Sie mit Music Frontiers 2026 erstmals ans Reeperbahn Festival an. Was gab den Ausschlag für den Standortwechsel?

Matthias Strobel Hohmann: Seit vielen Jahren sind Detlef Schwarte, der Direktor des Reeperbahn Festivals, und ich im Austausch und sprechen darüber, wie die Voraussetzungen dafür geschaffen werden können, dass eine intensivere Auseinandersetzung über die Zukunft der Branche stattfinden kann und ein besserer Austausch zwischen Akteuren der Musikindustrie und Musiktechnologieanbietern entstehen kann. Ich habe in den letzten Jahren bereits Teile des Reeperbahn-Festival-Konferenzprogramms kuratiert, die einen Technologie-Schwerpunkt hatten, und nachdem Detlef Schwarte die letztjährige Ausgabe von Music Frontiers zumindest teils im Livestream verfolgt hatte, haben wir uns danach überlegt, wie eine Partnerschaft aussehen könnte. Für beide Seiten war schnell klar, dass dieses Match allen Beteiligten einen Mehrwert bieten kann.

MusikWoche: Nämlich?

Matthias Strobel Hohmann: Music Frontiers bringt mit seinem technologie- und innovationsgetriebenen Fokus eine Ergänzung zum bestehenden Programm des Reeperbahn Festivals, und umgekehrt profitieren wir von der Reichweite in die traditionelle Musikindustrie hinein, also zu Labels, Verlagen und weiteren Akteuren, die bei uns bislang noch etwas unterrepräsentiert waren. Damit schlagen wir genau die Brücke, die es braucht, damit Musikwirtschaft und Musiktechnologieanbieter in einem gemeinsamen Musik-Ökosystem nachhaltig zusammenwachsen. Letztendlich konnte diese Partnerschaft dann vor allem dank einer Förderung des BKM Hamburg umgesetzt werden.

MusikWoche: Fest etabliert oder noch ein Start-up – wie beurteilen Sie die bisherige Entwicklung von Music Frontiers?

Matthias Strobel Hohmann: Wir befinden uns tatsächlich erst im zweiten Jahr, wenn man den Vorläufer unter dem Namen New Visions for Music & Sound im Jahr 2024 außen vorlässt. Insofern würde ich sagen: Music Frontiers ist noch im Start-up-Modus. Wir haben eine klare Vision und einen klaren Plan, wie sich die Veranstaltung als Ergänzung zur globalen Musikkonferenzlandschaft weiterentwickeln soll, aber es gibt noch einiges zu optimieren, und wir haben noch lange nicht alle Ideen für geplante Formate umgesetzt. Wie bei jedem Start-up lernen wir jedes Jahr dazu und freuen uns daher nach jeder Ausgabe über Feedback von Delegierten, um herauszufinden, welche Themen wir noch stärker aufgreifen sollten und welche strukturellen Anpassungen sinnvoll sind, um möglichst einen Mehrwert für alle Akteure des Musiksektors zu schaffen.

MusikWoche: Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?

Matthias Strobel Hohmann: Das langfristige Ziel bleibt, ein gemeinsames Musik-Ökosystem zu etablieren: eine Plattform, auf der sich Technologieinteressierte und Musikindustrieakteur:innen austauschen und gemeinsam die Zukunft der Branche gestalten. In der Start-up-Sprache würde ich sagen, dass wir einen Product-Market-Fit mit Music Frontiers identifiziert haben und belegen können, dass es Nachfrage für unser Angebot gibt. Aufgrund der rasend schnell fortschreitenden technologischen Entwicklung und ihres Einflusses auf die Musikbranche wird der Bedarf an Austausch und Zugang zu Informationen über Innovationen voraussichtlich weiter zunehmen. Für uns bedeutet das, ständig am Ball zu bleiben und daran zu arbeiten, die Qualität des Programms auch künftig zu sichern.

MusikWoche: Macht sich der Schritt nach Hamburg vielleicht sogar bereits bei den Anmeldungen für Music Frontiers bemerkbar?

Matthias Strobel Hohmann: In den reinen Anmeldezahlen sehen wir noch keinen großen Ausschlag. Das liegt aber vor allem daran, dass wir die Partnerschaft erst sehr spät öffentlich ankündigen konnten, weil zuvor noch einiges zu klären war. Viele, die ohnehin zum Reeperbahn Festival wollten, hatten zu diesem Zeitpunkt ihr Ticket bereits gekauft und benötigen für den Zugang zum Music-Frontiers-Programm auch kein separates Ticket. Spannender finde ich, dass wir Anmeldungen von Menschen haben, die sich vermutlich kein reines Reeperbahn-Festival-Ticket geholt hätten, weil sie sich vom klassischen Programm bislang eventuell nicht angesprochen fühlten.

MusikWoche: Bringt der Schritt ins Reeperbahn-Umfeld zugleich auch eine thematische Anpassung mit sich, findet „mehr Musik“ bei Music Frontiers statt?

Matthias Strobel Hohmann: Große musikalische Acts gibt es bei Music Frontiers in diesem Jahr leider noch nicht. Das war auch schon letztes Jahr so, schlicht weil uns dafür bislang die finanziellen Mittel fehlen. Die Idee, neben dem Konferenzprogramm auch ein Showcase-Format für innovative und außergewöhnliche Acts anzubieten, besteht jedoch schon länger. Wir werden das weiterverfolgen und hoffen, es zeitnah umzusetzen, sobald die Möglichkeiten dafür bestehen. Für dieses erste gemeinsame Jahr in Hamburg stand für uns vor allem im Vordergrund, Wissen zu vermitteln und eine Plattform zu schaffen, die beide Zielgruppen, Reeperbahn Festival und Music Frontiers, zusammenbringt. Musikalisch wird es trotzdem: Am Freitagabend laden wir zu einer After-Show-Party im Hafenklang, die zwar unabhängig vom offiziellen Programm des Reeperbahn Festivals entstanden ist, aber als stimmungsvoller Abschluss unserer Ausgabe dient. Als Headliner konnten wir Stimming gewinnen, worüber wir uns sehr freuen. Wenn alles gut läuft und es in das Konzept des Reeperbahn Festivals passt, wird es bei einer nächsten Partnerschaft dann eventuell auch ein musikalisches Rahmenprogramm geben. Und wenn auch vielleicht erst mal nur im Konferenzteil von Music Frontiers.

„Am Ende geht es darum, die deutsche Musikbranche durch Innovation nachhaltig erfolgreich in die Zukunft zu führen.“ Matthias Strobel Hohmann, Music Frontiers.

MusikWoche: Gegenseitige Befruchtung zwischen Music Tech und Music Business, mehr Interesse aus der Musikwelt für technische Entwicklungen – was versprechen Sie sich von dem Schulterschluss in erster Linie?

Matthias Strobel Hohmann: Vor allem, dass Partnerschaften zwischen Teilnehmenden entstehen, die sich ansonsten unter Umständen nicht begegnet wären oder sich erst durch den Besuch von Music Frontiers 2026 x Reeperbahn Festival kennenlernen. Zudem wünsche ich mir, dass die Besucherinnen und Besucher des Music-Frontiers-Programms die Sessions inspiriert verlassen und nicht zuletzt besser verstehen, welche Lösungen für bestehende Herausforderungen der Branche bereits existieren und was Technologie heute für die Musikindustrie tun kann. Da das dominierende Thema unserer Zeit momentan die Zukunft des Musiksektors im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz ist, haben wir darauf einen Schwerpunkt im Programm gelegt. Wir besprechen, wie damit umgegangen werden kann, wenn KI vermehrt Einfluss auf die kreative Arbeit von Musiker:innen hat, wie Rechteinhaber davon profitieren können und wo KI außerhalb des kreativen Schaffensprozesses sinnvoll und gewinnbringend eingesetzt werden kann. Da sich die Wertschöpfungskette in einer immer fragmentierteren Musiklandschaft auch künftig enorm verändern wird, ist es uns wichtig, zwar kritisch zu diskutieren, aber vor allem auch Möglichkeiten aufzuzeigen für die Weiterentwicklung der Branche, die Erschließung neuer Einkommensquellen und die Entwicklung von Geschäftsmodellen abseits der bestehenden Strukturen. Was wir nicht tun werden, ist darüber zu lamentieren, wie schrecklich alles ist oder werden wird. Deshalb hoffe ich, dass viele Akteure und Akteurinnen der klassischen Musikindustrie sich das Programm von Music Frontiers anschauen und dort auf Menschen treffen, mit denen sie neue Projekte auf den Weg bringen können. Umgekehrt wünschen wir uns, dass Anbieter von Musiktechnologie-Lösungen Kontakte zu potenziellen Anwendern in der Musikindustrie knüpfen, um neue Geschäftsbeziehungen aufzubauen. Am Ende geht es darum, die deutsche Musikbranche durch Innovation nachhaltig erfolgreich in die Zukunft zu führen und mit Music Frontiers 2026 x Reeperbahn Festival eine Plattform anzubieten, die vor allem der Wissensvermittlung – auf beiden Seiten – dient und Kooperationsmöglichkeiten eröffnet.

MusikWoche: Die Diskussion um die BKM-Sparpläne brachte zuletzt ans Licht, dass wohl auch beim Reeperbahn Festival schmalere Fördertöpfe drohen. Kann sich das auf Music Frontiers 2027 auswirken?

Matthias Strobel Hohmann: Für Music Frontiers 2027 sehen wir aktuell keine Auswirkungen, da die Konferenz dann wieder in Berlin stattfindet und wir uns dafür nicht um Fördermittel des BKM Hamburg bemühen werden. Diese Kürzungen betreffen uns also zunächst nicht direkt. Relevanter wird die Frage für eine mögliche nächste Hamburg-Ausgabe in Partnerschaft mit dem Reeperbahn Festival im Jahr 2028. Die Gespräche dazu haben noch nicht begonnen. Wir sind aber zuversichtlich: Wenn wir mit der diesjährigen Ausgabe zeigen können, welchen Mehrwert diese Partnerschaft für beide Veranstaltungen, für die Stadt Hamburg und für die Weiterentwicklung der Musikbranche im Allgemeinen bietet, haben wir, denke ich, gute Argumente, um die Notwendigkeit einer Förderung auch künftig zu untermauern. Für dieses Jahr sind wir dem BKM Hamburg jedenfalls sehr dankbar für die Unterstützung, die diese erste gemeinsame Ausgabe überhaupt erst möglich gemacht hat. 

Zur Person: Matthias Strobel Hohmann engagiert sich in seiner Rolle als Präsident von MusicTech Germany und Vizepräsident von Music Tech Europe an der Schnittstelle zwischen Musik und Musiktechnologie. Als Berater, Mentor und unabhängiger Manager will er zudem dabei helfen, avantgardistische Ansätze von Start-ups zu beschleunigen. Am Clive Davis Institute of Recorded Music der New York University hält er Vorlesungen über musiktechnologische Innovationen und veranstaltet darüber hinaus Workshops über Digitalisierung, Innovation und Integration von Forschung und Technologien im Musik-Ökosystem. Seine Veranstaltungsreihe, die Berlin Music Tech Meetups, hat sich schließlich zu einer Community von mehr als 2500 Musik- und Musik-Tech-Enthusiasten aus Berlin entwickelt.