Interview mit Jens Thele, Head of A&R/Managing Director Kontor
musikwoche.de: Wie ist die Idee zu der neuen Scooter-Single entstanden? Jens Thele: Der Song läuft immer noch sehr häufig im Radio, er ist ja alles andere als eine völlig unbekannte Nummer, die irgendwo als Albumtrack auf einem vergessenen Vinylplatte vor sich hingeschlummert hätte. Und H.P. hat ihn dann auch beim Hamburger Oldie-Sender Radio Nora gehört, was ihn darauf brachte, diesen Song in der typischen Scooter-Manier zu bearbeiten. Denn die Band hatte zuletzt mit den beiden Coverversionen von „Logical Song“ und „Nessaja“ großen Erfolg. Da gab es übrigens auch zeitgleich Bearbeitungen von anderen Künstlern. Woran es allerdings liegt, dass sich bei einem Song acht Jahre nichts tut und er dann plötzlich drei oder vier Versionen davon auftauchen, weiß ich auch nicht. Seit ich in der Branche bin, gibt es dieses Phänomen.
mw: Warum gibt es dann gerade beim jetzigen Anlass so viel Wirbel? Thele: Dadurch, dass Universal als Vertriebspartner von Silly Spider die Geschichte als Promotion für ihre Version nutzt, bekommt die Sache eine ganz neue Dimension. Das ist eine gute Marketing-Idee, weil dadurch Aufmerksamkeit für einen jungen Act generiert wird. Aber wir besitzen die Verlagsfreigabe von Nanada Music und haben es mit Scooter gar nicht nötig, durch die Dance-Charts zu schauen und zu überlegen, welchen erfolgreichen Titel wir demnächst verwursten können. Denn das wäre ein Risiko für einen Act wie Scooter, das in keinem Verhältnis steht. Und wir könnten das wirtschaftliche Risiko zu einer Zeit, wenn wir wie jetzt am neuen Scooter-Album arbeiten, nicht eingehen, wenn die andere Nummer genauso erfolgreich wäre.
mw: Die andere Seite argumentiert damit, dass deren Version von einem kleinem Label stammt, das damit womöglich den ersten kommerziellen Hit landen könnte, und nun von Scooter überrollt würde. Ist das für Sie nachvollziehbar? Thele: Hinter der ganzen Aufregung steckt der Versuch, ihren Titel hochzupushen – Hut ab, dafür. Andererseits kann ich sagen, dass wir wohl genauso gehandelt hätten. Von „Überrollen“ kann keine Rede sein, denn wenn Kontor nun wichtiger ist als Universal, dann sind wir auf dem richtigen Weg. Silly Spider schiebt Blaou als kleines Label vor, aber in Wirklichkeit sind wir im Vergleich mit Universal der Indie. Den Ansatz, dass ein kleines Underground-Label klauen darf und prompt etwas Cooles daraus macht, während es bei uns – etwas poppiger aufbearbeitet – gleich falsch ist, kann ich nicht nachvollziehen.
mw: Auch der Einwurf, dass Scooter den Track von Kid Q über Ihren A&R und DJ Markus Gardeweg kennengelernt hätte, stimmt also nicht? Thele: Nein, Markus hat ihn definitiv nicht gespielt – weder im Club noch in seiner Radioshow. Die Wahrheit ist, dass wir den Scooter-Track einem DJ-Promoter und Product Manager vorgespielt haben, der uns dann informierte, dass es die gerade auch von Silly Spider gibt. Da haben wir zunächst einmal große Augen und Ohren gemacht und uns dann entschieden, die Veröffentlichung der Scooter-Single um ein paar Wochen nach vorn zu ziehen, was uns nun vorgeworfen wird. Aber der Grund dafür war, dass es nicht so aussehen sollte, als ob wir es von der anderen Version gecovert hätten.
mw: Wie schätzen Sie die beiden Titel im musikalischen Vergleich ein? Thele: Vielen DJs, denen ich beide Versionen vorgespielt habe, ist noch nicht einmal aufgefallen, dass die Tracks vom selben Original stammen, weil der Kontext ein völlig anderer ist. Beim Cover von „Like A Prayer“ waren die Versionen fast identisch, jetzt geht es um zwei verschiedenen Musikrichtungen – bei Silly Spider ist es Electro-Pop aus dem Berliner Underground, wobei die Songstruktur beinahe komplett übernommen wurde, während wir nur die Hook vom Refrain genutzt haben. Ich denke auch nicht, dass der Song die gleiche Zielgruppe anspricht – auch wenn die Aktion von Silly Spider vielleicht beiden Nummern hilft. Es ist einfach aber nicht so, dass wir die Bösen sind und alles nieder stampfen. Ob man es glaubt oder nicht – es war die gleiche Idee. Und so verzweifelt sind wir bei Scooter nicht, dass wir aktuelle Sachen abkupfern müssen.
Axel Lünebach, Managing Director Silly Spider
„Sicher, wir haben beide die Verlagsfreigabe bekommen. Die Frage ist nur, ob man in der Branche mit Mitbewerbern so umgehen sollte. Man muss das Ganze auch mal aus der Perspektive des Künstlers sehen, dem bei seinem ersten größeren Release die Idee geklaut und das Wasser abgegraben wird. Das ist schon zynisch. Hier geht es schließlich nicht um Sport und Spiel, sondern im Ernstfall auch einmal um Existenzen. Es mag sein, dass es in anderen, wirtschaftlich nicht so harten Zeiten fairer zugegangen wäre. Aber man kennt ja seine Pappenheimer, die in Deutschland so arbeiten. Und da gehört Jens in die erste Elf, da kann er noch so sehr wie Jürgen Kohler die Hände im Strafraum heben und sagen: Ich bin es nicht gewesen“
„Ich finde es unnötig, den gleichen Song zu verwursten und dann die Single-Veröffentlichung fast ohne Club-Promotion durchzuhetzen. Damit drückt Kontor die Single in den Markt und verdrängt uns, die wir gerade in die Zielgerade einlaufen. Das finde ich nicht korrekt. In dieser Situation, wo unsere Version bereits auf dem Markt war, könnte man sich auch für eine andere Cover-Version entscheiden oder es bei einem Album-Track belassen.“
„Ich finde es schon bedenklich, wenn etablierte Pop-Acts wie Scooter Ideen von jungen Künstlern auf Independent Labels aufgreifen und dann kopieren. Tatsache ist aber auch, dass so ein Vorgehen bei einigen in der Branche als legitim und sogar clever angesehen wird. Da wird dann zwar im persönlichen Gespräch mal der moralische Zeigefinger gehoben und der Kopf geschüttelt, insgeheim aber schon überlegt, wo man sich denn selbst demnächst ‚inspirieren‘ lassen kann.“
„Zwar ist es vollkommen legitim, wenn Scooter Coverversionen aufnimmt, aber dann kann man sich doch, als Mindestleistung eigener Kreativität, ein Original suchen, bei dem man der Einzige ist, der diese Idee verfolgt.“
„Selbst mit Universal im Hintergrund bekommen wir einfach nicht das gleiche Promotion-Umfeld zustande, das wir bekommen hätten, wenn wir allein gewesen wären. Denn die Nummern werden sich im Regelfall gegenseitig ausschließen, ob im Radio, bei den Clipkanälen oder letztlich auf Kopplungen.“
„Wer da an Zufall glaubt – bitte. Unsere Version ist seit langer Zeit bekannt. Wir wollen nicht jammern, beide Nummern werden sich nun am Markt beweisen müssen. Eine andere Lösung gibt es nicht.“
Dittmar Frohmann, President blaou
„Der Verlag wollte uns keine längerfristige Exklusivität zusichern, und jetzt wissen wir auch warum.“
„Mir wäre es sehr lieb, wenn Scooter nicht zum erneuten Mal davon kommt mit der Aussage, dass ja alles klar sei, weil die Band die Rechte geklärt hat und nun abwartet, wer gewinnt.“





