Zwar rechnen die meisten Beobachter in Kürze mit einem neuen und aufgebesserten Angebot der EMI Group für Warner Music. Doch in Börsenkreisen wird auch nicht mehr ausgeschlossen, dass die Mehrheitseigner des US-Majors ein Gegenangebot nach London schicken.
Bei den aktuellen Schlusskursen vom 4. Mai ist die Warner Music Group (WMG) mit 4,27 Mrd. Dollar erstmals geringfügig mehr wert als die EMI Group, deren Marktkapitalisierung von 2,22 Mrd. Pfund beim derzeitigen Wechselkurs 4,11 Mrd. Dollar beträgt. Doch selbst wenn die Aussicht auf Kosteneinsparungen von jährlich bis zu 300 Mio. Dollar, die durch einen Zusammenschluss mit EMI erzielt werden könnten, auch für WMG-Aktionäre verlockend wirken mag und zu einer Gegenofferte für EMI führen könnte, gehen die meisten Experten davon aus, dass die Briten das Heft in der Hand behalten werden. Die Mitspieler im Preispoker werden bereits im Laufe des heutigen Tages neue Anhaltspunkte dafür erhalten, wie hoch sie ihr Blatt reizen können: Vor Beginn des Börsenhandels an der Wall Street wird die WMG ihre Zwischenbilanz für das zweite Geschäftsjahresquartal präsentieren.
Besonderes Augenmerk dürfte dabei auf den Umsätzen mit dem digitalen Geschäft liegen. Im ersten Quartal lag die digitale Umsatzquote bei sieben Prozent. Und weil dies nach Aussagen des WMG-Managements angeblich schon genug ist, um die Verluste im physischen Bereich auszugleichen, gibt man sich in der Warner-Zentrale besonders selbstbewusst. Gegenwärtig erwarten Insider, dass ein Höchstgebot von EMI bei 30 Dollar pro Warner-Aktie (insgesamt 4,5 Mrd. Dollar) liegen wird. Kenner der Situation bei Warner gehen indes davon aus, dass CEO Edgar Bronfman jr. und seine Finanziers erst dann ihre Karten einfalten würden, wenn das Angebot zwischen 32 und 35 Dollar bzw. zwischen 4,7 und 5,2 Mrd. Dollar liegt. Obendrein gilt es bei einer Übernahme, die gut 2,2 Mrd. Dollar Schulden der WMG zu verdauen. Damit läge der Kaufpreis in jedem Fall mindestens bei 6,5 Mrd. Dollar. Doch gegenüber der „Los Angeles Times“ machte ein anonymer EMI-Insider deutlich, dass ein Deal nicht an der Finanzierung scheitern würde: „Das Geld dafür aufzutreiben, wird kein Problem darstellen. Die Banken sind schon an Bord.“ Zudem gilt aus kartellrechtlichen Gründen ein anschließender Verkauf von EMI Music Publishing oder Warner/Chappell als wahrscheinlich. Damit würden wohl wieder mehr als eine Mrd. Dollar in die Kassen zurückfließen. Dennoch dürfte ein entscheidendes Kriterium sein, wie viel Bargeld EMI den WMG-Eignern bieten wird. Denn in Aktien wollen Thomas H. Lee Partners, Providence Equity Partners, Bain Capital und Bronfman nur ungern ausbezahlt werden. „Die Investorengruppe hat großes Vertrauen in Edgar und sein Team und weniger in das EMI-Management“, sagte eine ungenannte Quelle der „LA Times“. „Aber vor allem haben die Leute bei den Beteiligungsfirmen kein Interesse an EMI-Aktien.“
Beim abgelehnten ersten EMI-Angebot hätte die Abrechnung wie folgt ausgesehen: Thomas H. Lee hätte für seine knapp 38 Prozent WMG-Anteile 1,6 Mrd. Dollar bekommen, die gut 16 Prozent von Bain Capital wären 680 Mio. Dollar wert gewesen und Providence hätte für seine acht Prozent etwa 340 Mio. Dollar erhalten. Edgar Bronfman, dem rund elf Prozent des Unternehmens gehören, hätte 465 Mio. Dollar kassieren können. Und Lyor Cohen, Leiter des US-Tonträgergeschäfts bei Warner, hätte 115 Mio. Dollar einstreichen können.






