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Jobs‘ DRM-Vorstoß bringt Branche in Wallung

Mit seinem Vorschlag, die Majors möchten doch auf DRM beim Downloadverkauf verzichten, hat Apple-Chef Steve Jobs voll ins Wespennest gestochen. Die Reaktionen waren vielseitig und zeigen den ideologischen Frontverlauf der Branche auf.

Mit seinem Vorschlag, die Majors möchten doch auf DRM beim Downloadverkauf verzichten, hat Apple-Chef Steve Jobs voll ins Wespennest gestochen. Die Reaktionen waren vielseitig und zeigen den ideologischen Frontverlauf der Branche auf. Auf der einen Seite die Musikkonzerne, die trotz zuletzt zaghafter Bekenntnisse zur DRM-freien Experimentierfreudigkeit Jobs eine Abfuhr verpassten – auf der anderen der Rest der Branche, der den digitalen Musikmarkt gerne schneller wachsen sähe.

Die von den Majors dominierten Verbände gingen wie erwartet in Opposition zu Jobs. Während die deutschen Phonoverbände von einem „scheinheiligen Vorstoß“ sprachen und etwas unschlüssig versuchten, den schwarzen Peter zurück zu Apple schieben, schoss auch der US-Verband RIAA am Ziel vorbei. Das „Angebot Apples“, sein FairPlay-DRM an Mitbewerber zu lizenzieren, stelle einen „willkommenen Durchbruch“ dar. Dabei scheinen die Verbandsoberen übersehen zu haben, dass Apple genau diese Option weiter strikt ablehnt. Hilary Rosen, einst selbst Vorsitzende der Tonträgerlobby in den USA, hatte auch gleich eine Erklärung für diese Vogel-Strauss-Strategie parat: Der Abschied vom DRM sei für die Labels, „als würden sie sich von der Klippe stürzen. Aber angesichts der aktuellen Entwicklung des Marktes werden sie nur wenig Alternativen haben“. Doch ein anonymer Topmanager bei einem der Konzerne sagte gegenüber der „New York Times“, dass man zwar bereit sei, neue Lösungen auszuprobieren, „aber wir werden unsere Inhalte sicher nicht im vollen Umfang in den ungeschützten digitalen Vertrieb geben“.

Außer den Majors und ihren Interessenvertretern wandten sich auch die Verbraucherschützer gegen die Vorschläge von Steve Jobs. Torgeir Waterhouse vom norwegischen Verbraucherrat, der zusammen mit anderen Organisationen in Deutschland, Frankreich und Skandinavien Druck auf Apple wegen des angeblich konsumentenfeindlichen FairPlay-DRM macht, freute sich zwar, dass man bei den iPod-Machern das Problem an höchster Stelle behandelt und ernst nimmt. Doch letztlich biete Apple über den iTunes Store einen Dienst mit technischen Einschränkungen an – nicht die Plattenindustrie. Daher sei auch Apple in der Pflicht, ein verbraucherfreundliches Produkt anzubieten. „Natürlich trägt auch die Musikindustrie einen Teil der Verantwortung, aber das befreit Apple nicht“, so Waterhouse. Diese Position findet sich auch beim Bundesverband der deutschen Verbraucherzentralen: „Wir befürchten, dass Apple die Verantwortung zu stark auf die Musikindustrie abschiebt“, sagte Katja Mrowka als Referentin für Wirtschaftsrecht der „Financial Times Deutschland“.

Fast schon in Rage brachte der Jobs-Vorstoß den direkten Mitbewerber Microsoft: Die Forderung nach ungeschützten Downloadverkäufen sei „unverantwortlich, oder zumindest naiv“, erklärte der für die Zune-Plattform zuständige Marketingchef Jason Reindorp. „Da sitzt er oben auf seinem Hügel und gibt Erklärungen ab, während wir hier im Tal versuchen, in Zusammenarbeit mit der Branche etwas zu erreichen“, so Reindorp über Jobs. Dessen Plädoyer für MP3-Verkäufe sei gerade jetzt allzu nahe liegend, da es innerhalb der Musikindustrie vorsichtige Tendenzen zur Lockerung der DRM-Schranken gebe.

Bei Independentfirmen sind die Vorbehalte gegenüber MP3-Verkäufen schon länger einem pragmatischen Ansatz gewichen. Deshalb kommt die Jobs-Offensive einigen gerade recht. Terry McBride, Chef der Nettwerk Music Group und wortreicher DRM-Gegner, hofft auf eine Signalwirkung: „Wenn jemand etwas erreichen kann, dann Steve“, meint McBride. So sehen das auch professionelle Beobachter. Apples Einfluss am Markt werde zusätzlichen Druck auf die Majors ausüben, findet Eric Garland, CEO der Marktforschungsfirma BigChampagne. „Es handelt sich hier nämlich um eine Firma, die große Erfolge mit dem Verkauf von DRM-geschützter Musik hatte, und die dieses System nun völlig ablehnt. Das setzt einen großen Hebel an.“ Aber auch Mitbewerber von Apple im Downloadmarkt zeigten sich angetan über die aktuelle Diskussion: Sowohl Rob Glaser von RealNetworks, der sich erst vor Kurzem ablehnend über DRM geäußert hat, als auch David Goldberg von Yahoo! Music begrüßten die Wortführerschaft von Steve Jobs.

Unterdessen wird bereits spekuliert, welche Gründe hinter dem offenen Brief des Apple-Chefs stecken könnten. Allem Anschein nach stehen die Lizenzen zum Downloadvertrieb über iTunes erneut auf dem Prüfstand. Ende April 2006 hatte Apple seine Verträge mit den Rechteinhabern verlängert, doch die Laufzeit der erneuerten Vertriebsabkommen blieb im Dunkeln. Unbestätigten Berichten zufolge wollten sich die Majors nur auf ein weiteres Jahr zu unveränderten Bedingungen einlassen. Somit hätte Steve Jobs die Verhandlungsrunde 2007 öffentlichkeitswirksam eingeleitet.

Den PR-Effekt zumindest sieht auch Sony-BMG-Europachef Maarten Steinkamp: „Beim Thema DRM mit dem Finger auf die Musikkonzerne zu zeigen ist möglicherweise aus PR-Gesichtspunkten geschickt, aber weder fair noch realistisch“, sagte er der „FTD“, allerdings ohne Bezug auf mögliche Verhandlungen.

MusikWoche beschäftigt sich in einer aktuellen Onlineumfrage mit dem Thema DRM: Hat Steve Jobs recht mit seinen Forderungen, fehlen nur die gesetzlichen Rahmenbedingungen oder versucht der iTunes-Vordenker, der Musikwirtschaft den Schwarzen Peter zuzuschieben?

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