musikwoche.de: Herr Michow, wie lautet Ihr Fazit nach der Premiere von „Musik als Wirtschaft“? Jens Michow: Ich freue mich, dass unser Verband mit dem ersten Kongress zur Bedeutung der Musikwirtschaft weitaus mehr erreicht hat, als wir jemals zu hoffen wagten. Die anwesenden Politiker, insbesondere der Staatsminister für Kultur, haben uns mehrfach die ausgestreckte Hand gereicht. Es ist nun die vordringliche Aufgabe des Bundesverbandes, diese zu ergreifen, den Handlungsbedarf zu definieren und den mit dem Kongress begonnenen Dialog fortzusetzen und zu vertiefen.
mw: Das bedeutet konkret? Michow: Zahlreiche Referenten haben dargelegt, in welchem Maße auch weiterhin erheblicher Handlungsbedarf bei den üblichen Dauerbrennern Ausländersteuer, Künstlersozialabgabe und Urhebervertragsgesetz besteht. Ein weiteres hochaktuelles rechtliches Thema ist derzeit die anstehende Umsetzung der Muster-Versammlungsstättenverordnung in Landesrecht. Schließlich besteht ein wesentliches Thema für unseren Verband in der Förderung des Branchennachwuchses. Konkret geht es um Förderprogramme für kleine und mittelständische Betriebe der Branche als Keimzelle der Nachwuchsförderung. Ein ganz wichtiger Punkt ist schließlich die Schaffung eines Musikexportbüros mit dem Ziel, die Leistungen der gesamten deutschen Entertainmentindustrie besser im Ausland zu vermarkten.
mw: Geht es Ihnen dabei um finanzielle Unterstützung durch die öffentliche Hand? Michow: Mitnichten! Unser Verband weiß, dass aus öffentlichen Mitteln allenfalls bestehende Finanzierungslücken gestopft werden können. Das bedeutet, dass unsere Wirtschaft auch selbst zu Investitionen im Stande sein muss. Wir haben dafür leider bislang keinerlei Töpfe. Ich halte es aber für dringend geboten, dass sich die deutschen Veranstalter zum Beispiel auf einen „Kultur-Cent“ einigen – es darf übrigens auch gerne eine zweistellige Cent-Summe sein – den jeder Veranstalter pro verkaufter Eintrittskarte in einen Fonds einzahlt, aus welchem dann Projekte, die im Interesse unserer gesamten Wirtschaft liegen, finanziert werden können.
mw: Wo sehen Sie Verbesserungsmöglichkeiten? Michow: Unser Anliegen war es, nicht nur solitär die Veranstaltungsbranche zu fokussieren, sondern die Bedeutung möglichst vieler Bereiche der Entertainmentindustrie aufzuzeigen. Die Zeiten eines Alleingangs einzelner Branchen sind meines Erachtens vorbei. Allerdings gehören zur Entertainmentindustrie noch viele andere Bereiche, als die in Berlin präsenten. Ich denke beispielsweise an die Musikverleger sowie die zahlreichen von der Veranstaltungswirtschaft abhängigen Dienstleistungsunternehmen. Vor allem aber wäre es mein Wunsch, dass zukünftig auch der eine oder andere Künstler die Wichtigkeit einer Präsenz bei solchen Veranstaltungen erkennt.
mw: Wo wird der nächste Kongress „Musik als Wirtschaft“ stattfinden? Michow: Es gibt für diesen Kongress nur einen Ort: die Hauptstadt Berlin. Wir wollen mit dieser Veranstaltung vornehmlich Politiker erreichen. Wenn man von diesen vielbeschäftigten Menschen etwas will, muss man zu ihnen nach Hause kommen und kann nicht erwarten, dass sie nach Köln, München oder Hamburg kommen.
mw: Wann kommt die Fortsetzung? Michow: Ganz sicher 2003. Zunächst müssen wir den Ausgang der Bundestagswahl abwarten.
mw: Glauben Sie, dass die Politik auch nach der Wahl noch Interesse an der Musikbranche zeigt? Michow: Ich kann nicht ausschließen, dass wir nach der Wahl mit unseren Gesprächen wieder von vorn anfangen müssen. Ich hoffe vor allem, dass, ganz gleich wer nach der Wahl an die Regierung kommt, er sich hütet, den soeben neu geschaffenen Posten des Staatsbeauftragten für Kultur wegzurationalisieren. Denn der hat sich als Sprachrohr und Anlaufstelle für alle Bereiche der Kultur bereits bestens bewährt.
mw: Vertreter des VdK waren so gut wie gar nicht auf dem Kongress vertreten. Kann sich die Veranstalterbranche eine Zweiteilung leisten? Michow: Klare Antwort: nein! Aber meine Bemühungen, ein vereintes Vorgehen unter Hintanstellung des Wettbewerbs der Verbände zu erreichen, also einen gemeinsamen Verband oder zumindest einen Dachverband zu gründen, sind bisher zu meinem großen Bedauern gescheitert.






