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Jazz ist nicht tot, und er riecht auch nicht seltsam…

Wir schreiben das Jahr 2004 nach Christus. Die ganze Musikbranche wird von Umsatzeinbrüchen gebeutelt. Die ganze Musikbranche? Nein! Ein von unbeugsamen Idealisten bevölkertes Marktsegment stemmt sich dem Negativtrend entgegen. Frederik Birghan nimmt die Nische des Jazz unter die Lupe.

26/2004 9 jazz.dossier Auf den ersten Blick stellt sich die Situation als trügerisch dar: Wie soll man den Stellenwert des Jazz messen? An seinem Anteil zum Beispiel im Programm des Fernsehens? Demnach müsste es zappenduster aussehen, und viel zu spät wäre es eigentlich auch. Denn zwei Uhr in der Nacht kann es schon werden, bevor etwa 3sat seine Schätze aus diversen Live-Mitschnitten für wach gebliebene Zuschauer ins Sendeschema hebt. Und auch der Radiohörer muss meist spät abends auf die Suche nach dem Off-Beat gehen. Lange, sehr lange scheint es her, dass die Musikgattung Jazz zu den populärsten gehörte und regelmäßig vordere Charts-Plätze belegte. Gehört denn die Swing-Ära mit Heroen wie Glenn Miller oder Benny Goodman für die Musikmanager von heute im wahrsten Sinne des Wortes zu den Schellacksouvenirs, obwohl zum Beispiel das Glenn Miller Orchestra zum 100. Geburtstag des Meisters (1. März 2004) unablässig durch deutsche Lande tourt? Immerhin krebste der Jazz in Deutschland schon vor Jahren um einen Marktanteil von zwei Prozent am Gesamtumsatz der Tonträgerindustrie herum. Und daran hat sich anscheinend nicht allzu viel geändert. Mit dieser Kennzahl rechnet auch Michael Brettschneider, bei EMI Product Manager für Jazz, im Grunde noch immer, obwohl ein wichtiger Faktor hinzu gekommen ist. Brettschneider weiß natürlich um die jüngsten Erfolge seiner Firma. Norah Jones! Allein deren Debütalbum, „Come Away With Me“, verkaufte über 18 Mio. Kopien weltweit. Das ist zwar einmalig, doch es gibt noch mehr illustre und auch nicht seltsam … 3 10 26/2004 dossier.jazz Jazz heraus, lande man in diesem Segment zwar bei leichten Umsatzeinbußen. Doch fielen diese Einbrüche bei weitem nicht so dramatisch aus wie im Pop- und Rock- Bereich. Hans-Jürgen Schaal vom renommierten Label Enja Records in München bestätigt das: Jazzfans gehörten wohl seltener zur Musik-Download- und Schwarzbrenner- Fraktion, die vor allem im Pop- Sektor verheerende Flurschäden hinterlassen hat. Und deshalb erreicht der Jazz, Norah Jones inklusive, tatsächlich nach Zählung von Astrid Kieselbach einen Marktanteil von inzwischen 8,1 Prozent. Jazz-Fans brennen nicht Auch insgesamt freut sich die Universal- Managerin: „Es läuft wirklich ganz gut.“ Sie blicke „sehr optimistisch“ nach vorn, und sie prophezeit dem Jazz eine „große Zukunft“. Dass nun männliche Gesangsstimmen wie der Universal-Künstler Jamie Cullum auf den Markt drängen, findet sie nicht nur gut – sie wünscht sich vielmehr auch, dass „das keine Mode bleibt, sondern dass diese Künstler eine echte Chance bekommen und sich langfristig ebenso durchsetzen können“ wie ihre weiblichen Pendants. Dafür hat sie beobachtet, dass die Welle der „Young-Lions-Instrumentalisten“ aus den USA à la Joshua Redman oder Roy Hargrove spürbar abgeebbt ist. „Aus dieser Ecke kommt heute fast nur noch Smooth Jazz, der hier in Europa kaum läuft.“ Wie schön dagegen, so die Expertin, was inzwischen aus den skandinavischen Ländern an Entdeckungen und Überraschungen als Importgut nach Deutschland komme. Aufbruchsstimmung macht sich breit Allerdings fallen die jüngsten Erfolge nach Astrid Kieselbachs Einschätzung nicht gnadenhalber vom Himmel: Diese „gesunde Entwicklung wurde ja jahrelang vorbereitet“, sagt sie. Durchaus stolz verweist die Expertin in diesem Zusammenhang etwa auf das Medium „Jazz-Echo“ aus dem eigenen Haus, das inzwischen in einer Auflage von 100.000 Stück an Abonnenten, den Handel und bei Festivals verteilt wird – „unser stärkstes Marketing-Tool“. Von sich in der Branche niemand so recht beschweren, eher im Gegenteil: „Jazz wird zunehmend auch in Massenmedien besprochen und bekommt mehr Platz eingeräumt“, hat Rüdiger Herzog, Product Manager Jazz bei Warner Jazz & Classics, zumindest für den Printbereich beobachtet. Und Astrid Kieselbach, Director Jazz bei Universal, hat folgendes Exempel parat: Rechne man die Umsätze mit den beiden Alben von Norah Jones aus dem erfolgreiche Sängerinnen: zum Beispiel Cassandra Wilson und Diane Reeves. Mit Jamie Cullum soll zudem auch wieder ein männlicher Vokalkünstler in vorderen Charts-Regionen mitsingen dürfen wie einst Frank Sinatra. Ist das alles nur Hype, kurzfristige Mode, ein bloß vorübergehendes Interesse der Käufer für den Crossover- Jazz, das sich alsbald wieder legt? Nicht wirklich. steht zu vermuten. Denn zumindest über mangelnde Medienpräsenz mag Hat mit ihren beiden Alben den Marktanteil des Jazz-Segments kräftig nach oben gedrückt: Norah Jones 26/2004 11 jazz.dossier selbst reichlich aus dem musikalischen Fundus des Jazz. Aber weil der Jazz kaum denkbar wäre ohne seine Wurzeln im Blues, schlägt Hans-Jürgen Schaal von Enja die entsprechenden Moll-Töne an. Vor allem im Handel sieht Schaal bedrohliche Probleme: Die großen Ketten müssten mit Pop-Musik den Umsatz erwirtschaften, der eingebrochen sei. Nun werde das Angebot inklusive der entsprechenden Verkaufsflächen immer mehr reduziert, um Platz zu schaffen für den neuen Hoffnungsträger der Branche: die DVD. Folge: Das Angebot im Jazz geht weiter zurück. Und den kleinen, spezialisierten Läden, gerade in der Fläche, sei längst das Schicksal des so genannten Tante-Emma-Ladens widerfahren: pleite und verschwunden. Gerade für weniger bekannte Künstler sei dies existenziell bedrohlich. EMI-Mann Brettschneider verweist in diesem Zusammenhang allerdings auf Positivbeispiele aus seiner Sicht: „Seit Jahren zeigen die Firmen Beck in München und Dussmann in Berlin, wie man mit entsprechendem Personal, mit Warenpräsenz, Sortimentspflege und Engagement im Bereich Jazz nicht nur profitabel wirtschaften, sondern auch eine langfristige Kundenbindung erzielen kann.“ Bei Beck selbst konkretisiert der zuständige Timo Brüll: „Gerade seit Januar dieses Jahres verzeichnen wir jeden Monat eine Steigerung – zwischen fünf und zehn Prozent.“ Allerdings habe er auch das Sortiment „neu definiert“, etwa die gerade gut laufende Abteilung Soul-Jazz stärker bestückt. Insgesamt, das gibt Brüll zu, sei man bei Beck in München „ganz zufrieden“ – und nach einer kurzen Pause korrigiert er sich; man sei sogar „sehr zufrieden“. Auch Astrid neue Tendenz“, gibt Loch zu. Er gehört auch zu den wenigen, die bei Zahlen ein wenig konkreter werden – die Branche improvisiert gemeinhin lieber über allgemeine Trends, als sich auf Fakten festlegen zu lassen. Der ACT-Geschäftsführer also macht folgende Rechnung auf: Als erfolgreich, als „Topthema“, gilt danach eine CD, wenn sie sich „national über 10.000 Mal und weltweit mindestens 30.000 Mal verkauft“. Gefährlich sind dagegen, so Loch, Verkaufszahlen, die zwischen 3000 und 5000 Stück liegen. Flächenproblem im Handel Also nix dran an dem gehässigen Satz des Rocklästerers Franz Zappa: „Jazz ist nicht tot – er riecht bloß seltsam.“ Wahrscheinlich meinte Zappa das sowieso bloß als Provokation, denn schließlich schöpfte er nix kommt halt nix. Das würde Florian Ganselmeier, Pressesprecher des Labels ECM aus München, vielleicht nicht genau so formulieren, doch im Kern sieht er die Sache ähnlich: Da ECM ohnehin „nicht im Mainstream“ engagiert sei, werte man die kontinuierlich erfreulichen Ergebnisse des Hauses als Lohn „für gute Arbeit“. Das Engagement für die betreuten Künstler zahle sich langfristig ebenso aus wie die qualitativ hochwertigen Produktionen und der aktuell gehaltene Backkatalog von ECM. In diesem Katalog bleiben Keith Jarrett oder Jan Garbarek die stärksten Umsatzbringer. Der Saxofonist Charles Lloyd verzeichnet interessanterweise in Italien und Frankreich weitaus mehr Anhänger als in Deutschland. Daher sei es ein klarer Vorteil bei ECM, „dass man immer international gedacht hat“, sagt Ganselmeier. Immerhin registriert auch er eine gewisse Aufbruchsstimmung: „Es könnte zurzeit wieder mehr passieren“, meint er verhalten optimistisch. Sehnsucht nach ehrlicher Musik So viel vornehme Zurückhaltung ist Uwe Hoger von Zyx Music in Merenberg fremd: „Es läuft wirklich extrem gut, die Nische boomt!“ Hoger sieht die Strategie seines Hauses bestätigt: Man pflege sorgfältig den eigenen Backkatalog und ernte im Übrigen, was man an hübschen Crossover-, Weltmusik- und Jazz-Pflänzchen seit geraumer Zeit bereits für die speziellen Zielgruppen gesät und gehegt habe. Das Publikum scheint derartige Aufbauarbeit zu honorieren. Davon profitiert auch Siegfried Loch, Geschäftsführer von ACT Music in München, der noch einen ganz anderen Trend wittert: „Es gibt wieder eine starke Sehnsucht nach ehrlicher, handgemachter Musik, die von Herzen kommt, die echt ist.“ Das habe sich bereits mit dem gewaltigen Erfolg des Buena Vista Social Club vor einigen Jahren abgezeichnet. Im eigenen Haus kann Loch seit geraumer Zeit Zuwächse verzeichnen, sowohl im national Bereich als auch auf internationalem Level. Jüngstes Beispiel ist „Funky Abba“, eine Produktion des Posaunisten Nils Landgren, die tatsächlich in die Pop- Charts gelangte. Das sei schon eine „völlig Anzeige 3 Verzeichnet Aufwärtstrend: Siegfried Loch 12 26/2004 dossier.jazz versal aus einschlägigen Befragungen weiß. Und sie ist „aktiv“ – mit diesem Adjektiv ergänzt Rüdiger Herzog die liebevolle Beschreibung. Diese „attraktive Zuhörerschaft“ hat auch Heiko Heinrich vom Jazzradio 101,9 in Berlin fest im Blick. Der PR- und Marketingverantwortliche des Privatradios, das einer der ganz wenigen Jazz- Sparten-Sender in Deutschland ist, die rund um die Uhr senden, betont, dass sein Programm allein in der Hauptstadt nach jüngsten Zählungen immerhin regelmäßig rund 245.000 Hörer mit überwiegend Mainstream-Jazz erreiche. Im vergangenen Jahr hat der Sender eine Insolvenz überstanden und sich dann geschäftlich neu aufgestellt. Inzwischen ist Jazzradio 101,9 auch in den Kabelnetzen von München, Hannover und Sylt zu empfangen sowie digital via Satellit. Neben Werbeeinnahmen finanziert sich Jazzradio 101,9 heute auch aus Sponsorengeldern. Und die Sponsoren wiederum verweisen mit ehrgeiziger Sicht auf die Zielgruppe: Juweliere und die automobile Oberklasse präsentieren sich gern in diesem Umfeld. Die Leiche ist quicklebendig Bei allen Schwierigkeiten – auch dies der übereinstimmende Tenor der Branche – ist die „Leiche“ Jazz gar keine, sondern bleibt weiterhin springlebendig. Das beswingt sogar den sonst so bluesig gestimmten Hans-Jürgen Schaal: „Der Jazz selbst erfindet sich immer wieder neu, findet in den unterschiedlichen Ausprägungen seine Hörer, wächst organisch zur Weltmusik – ja, der Jazz hat auf jeden Fall Zukunft.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. nicht nur terrestrisch in Deutschland Zuschauer, sondern via Kabel und Satellit weitere Kreise, die man gar nicht so genau beziffern könne. Der WDR wiederum legt Wert darauf, dass das Angebot in Sachen Jazz trotz Programmreform zu Beginn des Jahres „netto nicht weniger“ geworden ist, so der zuständige Pressesprecher Uwe-Jens Lindner. Immerhin galt der Westdeutsche Rundfunk lange als besonderer Lieblingssender für die Jazz-Gemeinde, denn er produzierte mit der WDRBig- Band in Kooperation mit nationalen Labels auch so manche schöne Scheibe. Doch dafür, so fürchtet Hans-Jürgen Schaal von Enja, „ist dort mittlerweile leider kein Geld mehr vorhanden“. Die Zielgruppe dagegen hat wohl noch Mittel. Denn sie ist nicht nur, wie erwähnt, treu, motiviert und interessiert, sondern auch noch „überwiegend männlich, ein bisschen älter, meist,Spiegel‘- Leser sowie mit überwiegend höherem Einkommen ausgestattet“, wie Astrid Kieselbach von Uni- Kieselbach zeigt sich beim Handelsaspekt eindeutig in Dur gestimmt: Natürlich sei die Vertriebssituation in der Fläche für den Jazz-Fan unbefriedigend. Doch seit geraumer Zeit beobachtet sie, dass im Gegenzug die entsprechenden Verkäufe über das Internet bei den einschlägigen Versendern wie Amazon.de oder jpc.de gerade im Bereich Jazz kräftig angestiegen seien. Radio hat treue Jazz-Hörer Die Zielgruppe scheint also doch bei den Neuen Medien angekommen zu sein. Und nicht nur Astrid Kieselbach registriert erfreut, dass sich auch wieder „jüngere Leute“ für diese Musik interessieren. Rüdiger Herzog, Product Manager Jazz bei Warner Classics & Jazz, schwärmt geradezu davon, wie „wunderbar über die gesamte Altersstruktur“ sich die Zielgruppe mittlerweile verteile. Nicht zuletzt deshalb will Warner seinen Backkatalog nach und nach für den europäischen iTunes-Store von Apple verfügbar machen, der am 15. Juni an den Start gegangen ist. Erste Digitalisierungen sind bei Warner für die Sommerpause vorgesehen. Und auch bei EMI hofft Manfred Brettschneider, dass „die Möglichkeit legaler Downloads in Zukunft“ die eine oder andere Vertriebslücke schließen kann. Überhaupt die Zielgruppe: Wie werden Jazz-Hörer nicht gelobt! Und zwar übereinstimmend! „Treu“ seien sie, das sagen alle. „Hoch interessiert und motiviert“, ergänzt etwa Frank Herda, Pressesprecher bei 3sat. Und deswegen „ist überhaupt nicht daran gedacht, unsere Reihe mit Jazz-Produktionen einzustellen – im Gegenteil“. Schließlich sei für den öffentlich- rechtlichen Sender „die Quote gar kein Thema“. Andererseits erreiche 3sat In Dur gestimmt: Astrid Kieselbach von Universal der autor Der Journalist Frederik Birghan, Jahrgang 1960, spielt selbst leidenschaftlich Saxofon und ist großer Jazz-Fan. Strebt nach oben: ACTKünstler Nils Landgren