Dieses Jahr verzeichnete der Female * Producer Prize (FPP) noch einmal mehr Bewerbungen. Warum?
Jovanka von Wilsdorf: Ist das nicht großartig? Wir haben uns sehr über die hohe Teilnahme gefreut. Zum einen geht der FPP in diesem Jahr in die dritte Runde und hat dadurch inzwischen eine gewisse Strahlkraft erreicht. Zum anderen haben wir erstmalig in diesem Jahr zwei Kategorien eingeführt: „Music Producer“ und „Self-Producing Artist“.
Henrike Blome: Einer der Gründe wird mit Sicherheit sein, dass wir nun bereits in die dritte Runde gehen und der Preis sich dadurch einer größeren Bekanntheit und Sichtbarkeit erfreut. Wir haben Bewerber:innen, die uns sagen: „Letztes Jahr hat Person XY aus meinem Netzwerk gewonnen, da habe ich mir gedacht, ich möchte auch zeigen, was ich kann“. Für uns ein erneuter Beweis, wie wichtig Repräsentation und Role Models sind.
Pamela Owusu-Brenyah: Die gestiegene Anzahl an Bewerbungen für den FPP in diesem Jahr lässt sich auf mehrere Faktoren zurückführen: Erstens hat die verstärkte Sichtbarkeit von Musikproduzentinnen durch unseren Prize in den letzten drei Jahren wesentlich dazu beigetragen, mehr Aufmerksamkeit auf das Thema und die Arbeit von FLINTA in der Musikproduktion zu lenken. Durch den Prize wurden Frauen im Musikbereich sichtbarer, was mehr von ihnen dazu ermutigt hat, sich in diesem Feld verstärkt zu engagieren.
Zweitens haben Empowerment-Programme, Workshops und Talks innerhalb der Musikgemeinschaft und Industrie in den letzten Jahren eine entscheidende Rolle gespielt. Diese Veranstaltungen schaffen Räume, in denen sich Produzentinnen austauschen, vernetzen und voneinander lernen können. Solche Plattformen vermitteln nicht nur technisches Wissen, sondern auch Selbstvertrauen und Motivation, sich in der Musikbranche zu behaupten.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist das wachsende Netzwerk von Vorbildern und Unterstützungsstrukturen. Durch die Arbeit von Pionierinnen im Bereich der Musikproduktion und durch Initiativen wie der FPP wächst das Vertrauen unter FLINTA, dass ihre Arbeit wertgeschätzt wird und sie reale Chancen auf Erfolg haben. Schließlich tragen solche Programme und Preise dazu bei, stereotype Barrieren zu durchbrechen und die Idee zu fördern, dass Musikproduktion nicht nur ein männlich dominiertes Feld sein muss.
„Das Vertrauen unter FLINTA wächst, dass sie reale Chancen auf Erfolg haben.“ Pamela Owusu-Brenyah, Vorstand Music Women * Germany
Warum sahen Sie dieses Jahr die Notwendigkeit, eine neue Kategorie einzuführen? Bleibt diese bestehen für eine etwaige nächste Runde?
Henrike Blome: Dieses Jahr haben wir die Bewerber:innen erstmals abgefragt, ob sie als Self-Producing Artist oder als Producerin* im Wettbewerb antreten möchten. Wir haben uns für diese Trennung entschieden, weil es für die Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen Musiker:innen einen Unterschied machen kann. Es gibt fantastische Producer:innen, die für andere produzieren und gleichzeitig an ihrem eigenen Artist-Projekt arbeiten, genauso gibt es aber auch Self-Producing Artists, die nicht für andere produzieren. Und wir denken, beiden sollte eine entsprechende Bühne geboten werden.
Jovanka von Wilsdorf: Die Berufsbilder der Kategorien unterscheiden sich stark, und weibliche Producer beider Kategorien verdienen mehr Sichtbarkeit. Als Producer für andere musst du in fremde musikalische Welten eintauchen, entsprechende Visionen dazu entwickeln und umsetzen. Als Self-Producing Artist geht es darum, die ur-eigene musikalische Vision haarscharf auf den Punkt zu bringen. Natürlich gibt es hier auch Überschneidungen. Beides braucht Handwerk und musikalisches Verständnis. Der hohe Anteil an Self-Producing Artists in diesem Jahr zeigte uns aber einerseits, dass wir nicht auf dem Schirm hatten, wie viele gute female* Artists ihre Musik inzwischen selbst produzieren, andererseits auch, dass weibliche Producer sich seltener dazu entscheiden, sich dem Zeit- und Erfolgsdruck externer Produktionen auszusetzen und sich daran messen zu lassen. Daran ist erstmal nichts falsch.
Nur wenn ein Mangel an Vorbildern und vielleicht auch an Selbstvertrauen bei weiblichen Producern dazu führt, dass uns Talent, Vielfältigkeit und Innovation verloren gehen, ist das ein großer Nachteil für die gesamte Musiklandschaft. Wir brauchen mehr erfolgreiche Vorbilder in beiden Kategorien. Deshalb sind Projekte wie der FPP oder das tolle Female Producer Collective so wichtig. Für die nächste Runde würde ich mir wünschen, beide Kategorien zu erhalten und zusätzlich bereits bekannte Female Producer auszuzeichnen, um ein noch stärkeres Spotlight zu setzen.
Pamela Owusu-Brenyah: Ob diese Kategorie in der nächsten Runde bestehen bleibt, kann ich nicht pauschal beantworten. Am Ende ist die Entscheidung eine Qualitätsentscheidung. Zum jetzigen Zeitpunkt sind wir der Meinung, dass diese Unterscheidung wichtig und wertvoll für die Anerkennung der Produzent:innen ist, und möchten sie natürlich gerne weiter beibehalten. Wir hoffen, dass auch in den nächsten Jahren viele Bewerbungen eingehen und möglicherweise sogar weitere Kategorien hinzuzufügen, um den sich wandelnden Anforderungen und Entwicklungen in der Musikproduktion gerecht zu werden.
Zahlen und Fakten zu drei Jahren FPP:
- Music Women* Germany, Sony Music Entertainment Germany und Jovanka v. Wilsdorf riefen den Wettbewerb 2022 ins Leben.
- Über 500 Bewerbungen sind in den letzten drei Jahren eingegangen.
- Bisher wurden insgesamt 22 Produzent:innen ausgezeichnet.
- Um 1,6 Prozent ist der Anteil weiblicher Produzent:innen in den Billboard Hot 100 Year-End Charts von 2019 bis 2023 gestiegen. Dennoch waren 2023 nur 6,5 Prozent aller Produzent:innen Frauen. (Quelle: USC Annenberg)
Welche Maßnahmen müssen ergänzend aus der Musikbranche kommen, damit Ihre Initiative langfristig Früchte trägt?
Pamela Owusu-Brenyah: Wir bei Music Women* Germany fordern die Musikbranche auf und wünschen uns eine engere Zusammenarbeit, wie zum Beispiel mit Labels, Radiosendern, Festivals und Streamingplattformen, um die Musik von Produzent:innen stärker in den Fokus zu rücken. Playlist-Features, Sendezeiten und Auftritte auf renommierten Bühnen bieten den Künstlerinnen größere Reichweite und mehr Anerkennung.
Henrike Blome: Mit dem Preis schaffen wir in erster Linie Sichtbarkeit und zeigen, dass die Wahrnehmung „Ich wollte gerne mit FLINTA-Producer:innen arbeiten, es gibt aber keine“ so nicht richtig ist. Vor allen Dingen ist es wichtig, dass sich die Industrie für divers besetzte Sessions einsetzt. Auf diese Weise könnten auch sehr erfolgreiche, männlich gelesene Producer jungen Talenten etwas beibringen und für mehr Sichtbarkeit sorgen. Auf unserer Website www.femaleproducerprize.com bauen wir dafür auch einen Producer:innen-Roster mit Gewinner:innen und Finalist:innen auf, welches öffentlich zugänglich ist.
„‚Ich wollte mit FLINTA-Producer:innen arbeiten, es gibt aber keine‘, ist so nicht richtig“ Henrike Blome, Head Of A&R Four Music/Sony Music und Jurymitglied
Man muss sich aktiv für ein diverses Team entscheiden. Darüber hinaus könnten sich die Bereitstellung von regelmäßigen Förderungen für aufstrebende Produzentinnen, darunter Stipendien, Mentoringprogramme und bezahlte Praktika, sich sehr positiv auswirken. Dies würde nicht nur eine kurzfristige Unterstützung bieten, sondern auch den Weg zu einer kontinuierlichen Karriereentwicklung ebnen.
Ein wesentlicher Schwerpunkt unserer Vereinsarbeit bei Music Women* Germany ist der Appell an die Musikbranche, bei Festivals, Musikprojekten und Großveranstaltungen für eine ausgewogene Repräsentation von Frauen sowohl auf als auch hinter der Bühne zu sorgen. Dies könnte durch verpflichtende Quoten oder gezielte Fördermaßnahmen für Projekte mit weiblicher Beteiligung erreicht werden, um sicherzustellen, dass Frauen dauerhaft sichtbar sind und sie nicht nur kurzfristig ins Rampenlicht rücken. Die Branche braucht aber auch strukturelle Veränderungen. Es gibt immer noch so viele Hürden und Diskriminierungen, die ein unsicheres und exklusives Arbeitsumfeld für FLINTA-Personen – sei es auf, hinter oder vor der Bühne – fördern. Um diese abzubauen, könnten sich zum Beispiel die Einführung klarer Anti-Diskriminierungsrichtlinien und die Bekämpfung von Sexismus bei der Schaffung eines sicheren Arbeitsumfeldes positiv auswirken, damit sich Frauen frei entfalten können.
Jovanka von Wilsdorf: Wir brauchen mehr Mut und Einsatz auf Label-, Management- und auch auf Artist-Seite, wenn es darum geht, die Producer-Rolle zu besetzen. Die Musikbranche ist ein „People Business“. Wir neigen dazu, auf Empfehlungen und bekannte Namen zurückzugreifen. Nur reicht das nicht. Die Idee zum FPP kam, als ich vor drei Jahren feststellte, dass ich selbst in meiner Rolle als Creative Consultant nur männliche Producer weiterempfahl. Wieso? Weil es eben die Besten waren? Nein. Ich kannte einfach keine herausragenden Musikproduzent:innen und habe mich auch nicht aktiv nach ihnen umgesehen. Es ist aufwendiger und auch risikoreicher, „neue Personen“ zu vermitteln, aber genau das muss passieren, wenn wir einen positiven Wandel erleben wollen.
„Wir neigen dazu, auf bekannte Namen zurückzugreifen. Das reicht nicht.“ Jovanka v. Wilsdorf, Initiatorin des Preises.
Producer brauchen gute Aufträge, um bessere zu bekommen und sich so einen Namen machen zu können. Deshalb ist uns das Spotlight auf exzellente weibliche Produzenten so wichtig, und wir stellen jedes Jahr eine Top 20 Liste der besten female* Producer zur Verfügung. Sony übernimmt mit der Unterstützung dieses Preises Verantwortung. Das ist gut. Und davon brauchen wir mehr. Gerade die Majors sollten hier an einem Strang ziehen und Projekte wie dieses nicht nur mit Wohlwollen, sondern mit Taten und Geld unterstützen. Nicht fürs Image, sondern für die Zukunft der Musik.






