Recorded & Publishing

Interview zu den Live-Aktivitäten des Intro Verlages

Seit der Gründung des Musikmagazins „Intro“ im Jahr 1991 gehörten verschiedene Live-Aktivitäten fest zur Philosophie der Herausgeber. Die Verzahnung mit dem ebenfalls vom Intro Verlag herausgegebenen „Festivalguide“ rundet dabei das Konzert-Engagement von „Intro“ ab. Im Gespräch mit musikwoche berichten die Macher über die Hintergründe und die wirtschaftliche Aspekte ihrer Live-Arbeit.

musikwoche: Wie fing „Intro“ mit den Live-Aktivitäten an?

Matthias Hörstmann: Die Motivation dafür bestand schon seit Gründung von „Intro“ im Jahre 1991. Schließlich war es die Leidenschaft für Musik und nicht nur für redaktionelle Arbeit, die mich seinerzeit trieb. Vorher war ich seit meiner Schulzeit als DJ und Booker im Osnabrücker Raum jahrelang tätig. So waren wir bereits 1993 Mitinitiator eines Antifa-OpenAir-Festivals im Emsland, veranstalteten kleinere Showcases zwischen Bremen und Münster, waren früh auch inhaltlich beratender Medienpartner größerer Veranstaltungen und seit 1994 auch über die damaligen Regionalredaktionen in Hannover und Stuttgart mit Live- & DJ-Programm in Clubs aktiv. Die erste große Herausforderung war dann an Gründonnerstag 1998 das erste Introducing-Festival im Pier 3 in Bremen. Durch den Erfolg beflügelt, wurde im Jahre darauf aus der Einzelveranstaltung ein Tour-Konzept und wir gastierten dabei neben Bremen auch in Berlin, München und Dortmund. Der Rest ist Geschichte.

mw: Was genau sind aktuell Ihre Aktivitäten im Live-Bereich als Veranstalter oder bei Veranstaltungen à la „Intro presents“?

Stefan Lehmkuhl: Wir verstehen uns als Partner im Live-Geschehen. Wir präsentieren mit „Intro“ sehr viele Touren beziehungsweise mit dem „Festivalguide“ viele Festivals und begleiten den Live-Sektor stark redaktionell. Unsere eigenen Events haben einen stark inhaltlichen Charakter, wo wir als Medienpartner den „guten Geschmack“ und Promotion-Effekte in den Fokus stellen und nicht den finanziellen Erfolg. Hier stehen unsere musikalischen Ambitionen an erster Stelle. In den vergangenen zwei Jahren haben wir den Club-Eventreihe „Intro Intim“ in Köln und Berlin etabliert. Etwa 20-mal im Jahr findet dieses Mini-Festival statt – mit drei bis vier Live- oder DJ-Acts und mit wechselnder Genre-Ausrichtung: Gitarre, Elektro, HipHop, und all das zum schlanken Eintrittspreis von sieben bis zehn Euro. Hier kooperieren wir mit den Labels der Acts, um den Bands eine Showcase-Plattform in den Medienstädten Köln und Berlin zu bieten.

mw: Wonach richten sich die Introducing-Festivals?

Lehmkuhl: Auch bei den Introducing Festivals geht es darum unsere redaktionellen Vorlieben live zu präsentieren. Introducing besteht seit 1998 und dieses Jahr wird es die 12. und 13. Veranstaltung in Köln und Berlin geben. Seit 2000 ist Introducing als Premium Show Bestandteil der Popkomm in Köln, und auch 2004 findet es wieder als Popkomm-Show in Berlin statt und tags darauf in Köln. Introducing bietet bis zu 12 Acts auf zwei Floors, nämlich Gitarre und Elektro, hochwertige Visuals, einen schmalen Eintrittspreis und in diesem Jahr Platz für jeweils 4.000 Besucher. Das Konzert in Berlin findet in der Arena Treptow statt, das Kölner im Palladium.

mw: In welchen Bereichen finden sich noch Live-Aktivitäten der „Intro“?

Lehmkuhl: „Intro“ ist seit 2004 zusammen mit dem bisherigen Team Mitveranstalter des Melt! Festivals in Gräfenhainichen. Und auch für unser Fußball-Magazin „11 Freunde“ werden ab 2004 regelmäßig Veranstaltungen durchgeführt. Der Start ist im Juni mit den „11freunde“-EM Studios, einer Tour durch sieben Städte. Das beduetet Fußballgucken im Club-Kontext plus einer anschließenden Party mit Fußball-affinen Acts.

mw: Arbeiten Sie bei diesen Veranstaltungen mit festen Partnern aus der Konzertveranstalter-Branche zusammen?

Lehmkuhl: Wir arbeiten in diversen Konstellationen mit verschiedenen Partnern. „Intro Intim“ wird in kompletter Eigenregie veranstaltet, beim Introducing in Berlin kooperieren wir mit Trinity Concerts, beim Introducing in Köln treten wir ebenfalls als örtlicher Veranstalter auf. Dagegen gibt es beim Melt! Festival vorhandene Strukturen im technischen Bereich, wir greifen jedoch auf Kooperationen u.a. mit örtlichen Veranstaltern wie Knaack Concerts zurück.

mw: Wie kam der Sprung von diesen Live-Aktivitäten zum „Festivalguide“?

Hörstmann: Die Geburt des „Festivalguide“, als erstes Medium überhaupt am Markt, das sich dem Thema widmete und ein über Jahre vorhandenes chronisches Informations-Defizit beheben konnte, lief völlig unabhängig von unserer Rolle als Veranstalter. Als langjährige Beobachter und Fan der Festival-Kultur haben wir verstärkt versucht, neben dem Service-Gedanken auch Hintergrund-Berichte zu liefern. Vom Start weg gab neben dem Printformat auch ein umfangreiches Online-Angebot unter www.festivalguide.de.

mw: Wie erfolgreich war dieses Magazin?

Hörstmann: Der „Festivalguide“ war von Anfang an ein Massenmedium mit einer Viertelmillionen Auflage. Das Magazin schlug am Markt sofort ein, auch wenn sich Nachahmer am Markt schnell fanden. Zwei Jahre nach der Erstausgabe 1997 erhielt unser „Festivalguide“ mit dem „Timer“ einen kleinen Bruder im Pocketformat. Eine Kooperationen mit MTV und zwischendurch zwei Jahre mit Viva und Viva Plus transportiert die Marke „Festivalguide“ zudem über den Sommer in verschiedenen Formaten ins Fernsehen. Seit dem letzten Jahr gibt es eine Teilauflage mit 50.000 Exemplaren am Kiosk, die mit einer Straßenkarte und CD aufgewertet den Sommer über erhältlich ist. In diesem Jahr ist es sogar eine DVD, mit einem von Markus Kavka moderierten Fernsehmagazin, das 38 Acts der Festival-Saison mit z.T. exklusiven Rockpalast-Aufnahmen featured. Beim Festivalguide Magazin gibt darüber hinaus freiverteilte Auflage ohne DVD von 200.000 Exemplaren, die wir über Szene-Distribution, Ticketvorverkauf, Partner wie DB Nachtzug und Drum sowie natürlich auf den Festivals an die Leser bringen.

mw: Wie funktioniert das?

Hörstmann: Wichtig sind für uns die Vor-Ort-Aktionen wie unsere Festivalguide Tour: Der Festivalguide-Stand wird auf den wichtigsten Veranstaltungen für Navigationshilfe sorgen, u.a. auf den Festivals wie Highfield, Haldern, Immergut, Taubertal, Frequency und Schüttdorf. Auch das beliebte Survival-Kit, der begehrte Goodie Bag, wird es dort geben. Für uns ist der Kosmos Festivalguide in den letzten Jahren immer wichtiger und damit auch aufwendiger geworden. Auch haben wir immer den Ehrgeiz, für jeden Service-Bedarf eine mediale Lösung zu finden und so ist auch für die kommenden Jahre innovativer Zuwachs in der Festivalguide-Palette wahrscheinlich.

mw: Macht der „Festivalguide“ als eigenständiges Print-Objekt neben Intro auch geschäftlich Sinn, angesichts der nach wie vor desolaten Lage der Musikindustrie und dementsprechend zurückhaltenden Anzeigenaufkommen?

Matthias Fricke: Zunächst machen wir einen großen Unterschied zwischen „Intro“ und „Festivalguide“. „Intro“ ist spitzer, trendorientierter Geschmacksfilter, während sich „Festivalguide“ an eine Mainstream-Zielgruppe mit Service-orientierten Inhalten wendet. Beim „Festivalguide“ kommt uns zugute, dass es zwar auch ein Musikmagazin ist, sich aber eben schwerpunktmäßig im Event-Kontext positioniert. Und in diesem Bereich der Musikwirtschaft werden nun anders als in der Tonträgerindustrie noch steigende Umsätze erwirtschaftet. Also lebt auch der „Festivalguide“ inzwischen in erster Linie von Marken- und Event-Anzeigen. Festivals sind ohne Sponsoring ökonomisch nicht mehr denkbar. Und für die Marken sind Festivals ein sehr attraktives Marketingspielfeld, um die Zielgruppe zu erreichen. Davon profitieren auch wir. Außerdem haben wir uns im Festivalkontext als Erfinder der Festivalmedien auch eine Alleinstellung aufgebaut, die auch von den Marketingpartnern honoriert wird. In der Summe ist der „Festivalguide“ ein sehr wichtiges Standbein unseres Verlages geworden.

mw: Wie würden Sie generell die Live-Strategie des Intro-Verlages beschreiben? Eher ein weiteres Geschäftsfeld oder Ergänzung der bestehenden Angebote?

Lehmkuhl: Live-Veranstaltungen wie Intro Intim oder Introducing bieten uns die Möglichkeit auf Tuchfühlung mit den Lesern zu gehen. Wir wollen die Themeninhalte des „Intro“ mit diesen Veranstaltungen erfahrbar machen. Was über das Jahr aktuell ist, wird hier präsentiert. Auch unsere Lieblings-Newcomer kommen zum Zug und können sich einem großen Publikum präsentieren. Darüber hinaus ist „Intro“ auf diese Weise über gute Promotionarbeit und örtliche sowie bundesweite Medien in den Metropolen stetig präsent, und zwar in einem glaubwürdigen und qualitativ hochwertigen Kontext. Das Medienecho ist oftmals überwältigend, die Veranstaltungen sind inzwischen etabliert, gut besucht und werden mit „Intro“ erkennbar in Verbindung gebracht. Intro Intim hatte in den letzten zwei Jahren über 20.000 Besucherkontakte, Introducing über die Jahre weit über 30.000 Besucher. Es handelt sich hier auch um die dankbare Möglichkeit der kostendeckenden Werbemaßnahme für unsere Marke „Intro“. Der Live-Bereich für sich betrachtet wirft durch den hohen organisatorischen Aufwand und die besucherfreundlichen Eintrittspreise, keine Gewinne ab. Beim Melt! Festival greifen wir unsere langjährige eigene Betrachtersicht und Erfahrungen mit der europäischen Festivallandschaft zurück, beziehen verschiedene musikalische Genres ein, setzen auf die vorhandene Szenen und möchten hier langfristig ein credibles, mittelgroßes Festival mit rund 10.000 Besuchern etablieren. Auch hier ist wie bei allen Intro Events die Leidenschaft für aufregende, neue Musik der Ausgangspunkt, die Motivation und schließlich das Maß der Dinge.