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Interview mit Victor Antippas, President Universal Music GSA: „Wir brauchen sympathische Leute mit Biss“

Mit Bogdan Roscic für Universal Austria und Ivo Sacchi für Universal Switzerland ernannte Victor Antippas kürzlich zwei neue General Manager. musikwoche.de sprach mit Antippas über die Gründe für diesen Schritt und seine Ziele für Universal Music GSA.

musikwoche.de: Welche Strategie steckt jetzt, rund ein Jahr, nachdem Sie neue Aufgaben bei Universal in Deutschland übernommen haben, hinter der Einsetzung der neuen General Manager für Österreich und die Schweiz?

Victor Antippas: Ich bin im Augenblick nicht mehr so häufig vor Ort, da ich Verantwortung für das Geschäft in Deutschland übernommen habe. Deshalb ist es wichtig, dass auch in Österreich und der Schweiz zentrale und lokale Ansprechpartner vorhanden sind. Universal ist in beiden Märkten ein großes Unternehmen und verfügt momentan jeweils über einen Marktanteil von mehr als 28 Prozent.

Ich habe die Firma in der Schweiz 1996 übernommen, umstrukturiert und in ein neues Fahrwasser gebracht, dann das gleiche ab 1998 in Österreich gemacht und schließlich durch den Merger auch noch in beiden Ländern PolyGram und Universal zusammengelegt. Und der Erfolgskurs in beiden Ländern hat uns und unseren Maßnahmen recht gegeben. Wir haben in beiden Ländern sehr gute, junge, motivierte und professionelle Teams. Deshalb musste es im Tagesgeschäft jemanden geben, der die Verantwortung trägt.

Bogdan Roscic und Ivo Sacchi sind keineswegs nur Statthalter: Sie sind als Geschäftsführer aktiv, machen die Firmenpoltitik und gestalten mit ihren Teams die Zukunft. Österreich und die Schweiz machen mir riesigen Spaß, aber auch die Aufgaben in Deutschland: Ich finde, es ist eine tolle Herausforderung für mich. Und mit Tim Renner zusammenzuarbeiten, ist eine ganz phantastische Situation.

mw: Agieren die Dependancen in Österreich und in der Schweiz künftig autarker?

Antippas: Die beiden Unternehmen standen ja nie unter der Leitung von Universal Music in Hamburg. Nur dadurch, dass ich drei Aufgaben auf einmal übernommen habe, sah es geographisch vielleicht so aus. Ich habe die Firmen aber nicht von Hamburg aus geleitet, ich war auch immer wieder in Zürich und in Wien. Meine Familie wohnt auch immer noch in Zürich, weshalb ich ziemlich oft dort bin. Das liegt nicht daran, dass ich mich nicht an Deutschland gewöhnen kann, sondern daran, dass Universal nächstes Jahr nach Berlin zieht und es keinen Sinn gemacht hätte, zunächst für ein Jahr nach Hamburg und dann nach Berlin umzuziehen.

mw: Die Pressemeldungen sprachen davon, dass Universal in beiden Ländern seine Marktführerschaft ausbauen wolle. Steht nicht in Österreich EMI Austria nach Charts-Anteilen noch vor Universal Austria?

Antippas: Der Charts-Anteil ist das eine – die Charts-Anteile in Österreich sind allerdings momentan durch die Situation bei Libro ein unsichere Größe. Aber wenn sie sich die Marktanteile ansehen, dann liegt die EMI bei rund 16 Prozent und momentan sogar hinter Warner Austria. In Österreich sind wir locker 50 Prozent größer als die EMI.

mw: Stehen weitere personelle oder strukturelle Veränderungen in Österreich oder der Schweiz an?

Antippas: Nein, das ist nicht vorgesehen.

mw: Ändert sich in der Schweiz durch den anstehenden Umzug von Schlieren nach Zürich noch etwas?

Antippas: Außer, das wir dann an einem anderen Ort sitzen, nicht. Wir ziehen dort nach Limmat West, einer boomenden Gegend von Zürich, wo unter anderem das neue Schaulspielhaus errichtet wird und die gesamte Medienbranche und zahlreiche Werbeagenturen ihren Sitz haben. Das ist die Gegend, in der ein Medienunternehmen jetzt angesiedelt sein sollte. Wir sitzen in Schlieren noch im alten PolyGram-Gebäude, dass zu Zeiten angemietet wurde, als es noch wichtig war, in Nähe der Bahnlinie zu sein.

Außerdem haben wir sowohl in Österreich als auch in der Schweiz relativ große Objekte, in denen nach unseren Umstrukturierungsmaßnahmen in den Neunzigern heute einiges leer steht. Deshalb steht in Österreich ebenfalls ein Umzug bevor. Auch in Wien wollen wir in eine Gegend ziehen, die ähnlich interessant für ein Medienunternehmen ist, wie Limmat West in Zürich.

mw: Wie kam der Kontakt mit Bogdan Roscic zustande?

Antippas: Bogdan Roscic ist in Österreich sehr bekannt. Ich kenne ihn als Ö3-Chef, seit ich in Wien aktiv bin. Der Sender ist immer ein starker Medienpartner für uns gewesen. Gleichzeitig hat Roscic gezeigt, dass ihm die Belange der Musikindustrie besonders am Herzen liegen, zum Beispiel brachten wir mit ihm das sehr erfolgreiche lokale Joint Venture „Ö3 Greatest Hits“ zum Laufen – das ist etwas ähnliches wie die „Bravo Hits“ in Deutschland. Ö3 tut sehr viel für diese Kopplung und entsprechend verkaufen wir von diesen Titeln rund 80.000 bis 100.000 Exemplare. Das ist für die lokale Industrie mehrmals im Jahr ein sehr wichtiges Thema, weil es eben auch die Kunden in die Geschäfte treibt. Bogdan ist ein fabelhafter Mann, und auch die Mitbewerber bestätigen mir neidvoll, dass wir mit ihm einen absoluten Coup gelandet haben.

mw: Und das, obwohl er bislang keine Managementerfahrungen in einer Plattenfirma sammelte?

Antippas: Wir sehen uns gern nicht als Plattenfirma, sondern als Musikfirma. Und in diesem Bereich, auf den es ja ankommt, kennt er sich aus. Vielleicht weiß er momentan noch nicht im Detail, wie der Vertrieb läuft, aber das kann er lernen. Für diese Fragen hat er auf allen Gebieten gute Leute, auf die er sich stützen kann: Sabine Zorn, Turid Pichler, Karsten Kuskop-Schulze und Chris Gelbmann. Das sind alles Mitarbeiter, die um die 30 Jahre alt sind; ein sehr junges und hochmotiviertes Team, das sich sehr auf die Zusammenarbeit mit Bogdan freut.

mw: Haben Sie mit Ivo Sacchi in der Schweiz eine ähnliche Situation?

Antippas: Ja, in der Schweiz sieht es genauso aus. Ivo Sacchi ist gerade einmal 31 Jahr alt und verfügt über tolle Verbindungen in der Schweiz, egal ob das den Kaufleuten-Club betrifft oder Viva Swizz. Zudem ist er ein sympathischer Mensch und ein knallharter Geschäftsmann. Und wir brauchen sympathische Leute mit Biss.

mw: Die IFPI Austria meldete zum Halbjahr ein Umsatzminus von elf Prozent. Wie sieht die Situation in der Schweiz aus?

Antippas: Das wahre Minus in Österreich ist viel höher, bei den elf Prozent handelt es sich um die Zahl von GfK-Fessel. Die Differenz zwischen dem höheren Minus der IFPI Austria und den Zahlen der GfK resultiert daraus, dass zum Beispiel die in Problemen steckenden Libro-Shops auf zu viel Ware saßen: Sie verkaufen jetzt noch aus ihren Lagern, kaufen die Ware aber noch nicht wieder in diesem Maße von der Industrie nach. Daran ist allerdings auch zu erkennen, dass die Nachfrage am Markt größer ist als das, was die Industrie momentan in den Markt hinein verkauft. Dies gibt wiederum Anlass zur Hoffnung auf eine Markterholung, denn irgendwann lässt sich die Nachfrage nicht mehr aus Lagerbeständen befriedigen. Ich persönlich glaube, dass Österreich grundsätzlich ein gesunder Markt ist.

mw: Und der Schweizer Markt?

Antippas: Die Schweiz hat auch einen gesunden Markt, der zum Jahresende bei plus-minus Null herauskommen kann, vielleicht sogar bei einem leichten Plus. Zugute kommt uns, dass die Touristikbranche derzeit bittere Tränen weint: Die Schweizer sind ein sehr reiselustiges Volk, das gerade zu den Feiertagen gern teuere Fernreisen in alle Welt bucht, das aber fällt in diesem Jahr teilweise aus. Deshalb erwartet der Einzelhandel in der Schweiz, dass zum einen die Kunden einfach zu Hause sind und konsumieren, und zum anderen auch mehr Geld im Umlauf ist: Der Schweizer Einzelhandel rechnet mit einem Rekordgeschäft zu Weihnachten.

mw: Glauben Sie, dass wir auch in Deutschland mit einem positiven Schub zu Weihnachten rechnen können?

Antippas: Ich vertrete eher einen kontrollierten Optimismus. Es gibt immer eine Kehrseite, die auch positiv sein kann. Deshalb denke ich, dass wenn die Leute zum Beispiel weniger verreisen, dies ein besseres Weihnachtsgeschäft nach sich zieht.