musikwoche.de: Sie kommen gerade aus einer BMG-Betriebsversammlung. Hat man Sie da auch gefragt, wann der Umzug nach Berlin ansteht? Thomas M. Stein: Natürlich herrscht in Zeiten wie diesen, in denen der Wind rauer bläst, bei vielen in der Branche Unsicherheit. Auch BMG-Mitarbeiter bleiben davon nicht völlig verschont. Aber ich kann nur noch einmal versichern: An den Gerüchten, wir würden unser Headquarter nach Berlin verlegen, ist absolut nichts dran.
mw: Darf man diese Aussage als klares und unmissverständliches Bekenntnis zum Standort München verstehen? Stein: Ja, eindeutig und kategorisch. Warum sollten wir einen Umzug nach Berlin überhaupt in Erwägung ziehen? Wir haben doch in Berlin schon einen starken Arm, und in München sind wir die einzige Tonträgerfirma, neben Virgin. So eine Position gibt man nicht leichtfertig auf. Außerdem haben wir erst vor knapp zwei Jahren unsere neue Zentrale bezogen; warum sollten wir also schon wieder umziehen?
mw: Dann gibt es also in Zukunft eine starke BMG-Achse Berlin-München? Stein: André Selleneit und Christian Wolff haben hervorragende Teams in Berlin, die auch weiterhin Erfolge aufbauen werden.
mw: Bedauerlicherweise mussten Sie ja . Bedeutet das nicht auch das Ende des Satellitensystems, das Sie immer propagiert haben? Stein: Ganz und gar nicht. Ich halte das Satellitenkonzept nach wie vor für das beste und sinnvollste Modell für die Arbeit eines Majors wie BMG. Wenn wir in den letzten zwei Jahren hausgemachte Probleme hatten, dann liegen die Ursachen sicher ganz woanders; vieles wurde umgekrempelt. Wir mussten uns den Gegebenheiten anpassen, die sich – mit Internet, Downloads, Kopieren und all diesen Dingen – rapide veränderten. Dabei haben wir vielleicht nicht immer genug Augenmerk auf unsere eigentliche Aufgabe gelegt, nämlich Künstler aufzubauen und ihre Musik zu verkaufen. Wir müssen in diesem Zusammenhang noch ein paar Hausaufgaben machen, aber dann könnte ich mir sogar vorstellen, dass wir in Hamburg wieder einen neuen Satelliten in die Umlaufbahn bringen.
mw: Was sagen die Engländer oder die Franzosen bei BMG zu einem solchen Konzept? Stein: Die finden das gut und sind dabei, es zu adaptieren. In England zum Beispiel unterstütze ich die Gründung von BMG-Regionalbüros in Birmingham oder Manchester. Auch in Frankreich oder Spanien gibt es nicht nur in der Hauptstadt spannende Musik. Wir dürfen – trotz oder gerade wegen der Europäisierung – die regionalen Zentren keinesfalls aus den Augen verlieren.
mw: Erfordert das nicht einen ziemlich weiten Spagat – einerseits die enge Verzahnung auf europäischer Ebene, andererseits die regionale Ausrichtung? Stein: Ich sehe hierin keinen Widerspruch. Europa rückt immer enger zusammen, wofür nicht nur die gemeinsame Währung, der Euro, ein Zeichen ist. Wenn die Musikbranche, die sowieso mit einem Material handelt, das Länder- und Sprachgrenzen problemlos überwindet, ihre Strukturen nicht sehr schnell dem gemeinsamen europäischen Markt angleicht, wird sie bald noch mehr Probleme bekommen, als sie eh schon hat. Ich bin froh, dass wir bei BMG in dieser Hinsicht schon ziemlich weit sind.
mw: Inwiefern? Stein: Wissen Sie, es geht zuallererst einmal um die betrieblichen Strukturen. Bisher arbeiteten BMG-Firmen in 20 verschiedenen europäischen Ländern mehr oder weniger nebeneinander her. Jeder hatte womöglich seine eigene Netzwerklösung, seine eigene Software, seine eigenen Strukturen.
mw: Wie die verschiedenen Spurweiten bei den Eisenbahnen… Stein: Genau. Bisher lief das unabhängig voneinander. Jetzt knüpfen wir ein europäisches Netzwerk, eine länderübergreifende Backoffice-Struktur – was die Abläufe vereinfacht und übrigens auch Ressourcen freisetzt. Die Organisation dieser Dinge kostet viel Zeit und Kraft, aber wenn erst einmal alles angelaufen ist und sich eingespielt hat, haben wir wieder mehr Spielraum, uns um A&R zu kümmern. Denn das ist nach wie vor die wichtigste Aufgabe einer Musikfirma, auch wenn es manche in den letzten Jahren ein bisschen aus den Augen verloren haben. Ich möchte mich jedenfalls bald wieder intensiver der A&R-Arbeit und damit den Künstlern widmen, denn darin sehe ich auch für mich nach wie vor eine der allerwichtigsten Aufgaben. Mit habe ich jetzt zudem in London einen COO, der mir viel organisatorische Arbeit abnimmt.
mw: Und wann engagieren Sie in Deutschland einen Nachfolger für Christoph Schmidt? Stein: Den wird es nicht geben.
mw: Bürden Sie sich da nicht zu viel auf? Die Chefs von 20 europäischen BMG-Firmen berichten ebenso an Sie wie die deutschen Geschäftsführer… Stein: Wo soll da das Problem sein? Eine Firma wie BMG Berlin Musik ist größer als so manches europäische BMG-Territorium, warum soll sie also nicht direkt an mich berichten? Ob das 20 oder 23 Firmen sind, macht doch letztlich kaum einen Unterschied. Die bestehende Reporting-Linie ändert sich dadurch nur geringfügig. Vergessen Sie nicht, die kleinen Gesellschaften in Benelux, Skandinavien und Osteuropa berichten an Maarten Steinkamp, Executive Vice President, Continental & Eastern Europe. So ist die Anzahl der Direct Reports bei weitem nicht so dramatisch.
mw: In ihrer Funktion als Europa-Chef sind Sie sicher ziemlich viel unterwegs. Können Sie da überhaupt noch den Überblick behalten? Stein: Besser, als Sie vermutlich denken. Ich pendle natürlich ständig zwischen London und München hin und her. Und ich besuche derzeit alle Firmen in den einzelnen Ländern, um mir ein Bild von der Lage zu machen.
mw: Warum verlegen Sie nicht das europäische Hauptquartier von London nach München? Stein: Dafür sehe ich keinen Anlass.
mw: Sie betonen die Wichtigkeit der A&R-Arbeit in den Regionen. In den vergangenen zwei Jahren konnte man den Eindruck gewinnen, dass es BMG relativ schwer fiel, neue Künstler durchzusetzen. Was lässt sich in dieser Hinsicht verbessern? Stein: Wie ich schon sagte – wir hatten, zusätzlich zu den Schwierigkeiten mit Internet und CD-Brennerei, unter denen die ganze Branche leidet, auch noch ein paar interne Probleme. Wir haben umstrukturiert, mussten zum Teil schnell reagieren und kamen leider nicht so recht dazu, den Apparat zu konsolidieren. Das wird jetzt vordringliche Aufgabe sein.
mw: Und dann kommt der Nachschub an neuen Stars ganz von selbst? Stein: Es ist ja ganz und gar nicht so, dass es nicht genug hervorragende Künstler gäbe. Das Gegenteil ist der Fall. Ich war sogar ab und zu überrascht, dass der eine oder andere Act nicht den großen Durchbruch geschafft hat, den er meines Erachtens verdient gehabt hätte. Und natürlich verwendet jedes BMG-Territorium viel Ehrgeiz darauf, seine Stars auch international groß raus zu bringen. Die Herausforderung besteht darin, das alles zu koordinieren und vor allem zu selektieren. So hat zum Beispiel jedes Land garantiert mindestens eine hervorragende Sängerin, die jedem internationalen Vergleich standhält. Es wäre aber fatal, wenn wir die alle gleichzeitig in allen Territorien veröffentlichen würden. Hier ist eine klare Selektion und strategische Planung gefordert, wobei wir unsere Kräfte tunlichst auf weniger Acts konzentrieren sollten, ohne die anderen gänzlich zu vernachlässigen oder gar auf die kreative Vielfalt zu verzichten. Das Ganze ist ein mühsamer Abstimmungsprozess, der sich am Ende aber ohne Zweifel für alle auszahlt.
mw: Ansätze zu solchen grenzüberschreitenden A&R-Konzepten gab es doch schon früher. Oder wie war das mit der polnischen Sängerin Kaya? Stein: Sicher, da haben wir bereits in dieser Richtung gearbeitet. Kaya ist eine exzellente Künstlerin, aber ihre Tonträger sind eben doch auch sehr regional geprägt. Immerhin hatte sie zusammen mit Bregovich vor allem auch in Frankreich viel Erfolg. Ich sehe aber noch mehr Potenzial. Zum Beispiel in einer Kooperation zwischen Udo Lindenberg und seinem französischen Kollegen Patrick Bruel.
mw: In London und München halten Sie sich ja schon regelmäßig auf. In diesem Jahr dürfte Brüssel als dritte Stadt hinzu kommen. Für wie wichtig halten Sie die EU-Harmonisierung in Bezug auf die Belange der Musikbranche? Stein: Für eminent wichtig. Ländergrenzen in Europa sind schon jetzt nahezu bedeutungslos, gerade auch für unsere Branche. Wenn es uns nicht gelingt, auf die Harmonisierung der gesetzlichen Rahmenbedingungen in der EU in unserem Sinne Einfluss zu nehmen, werden wir bald unser blaues Wunder erleben. Zum Glück sieht es ja so aus, als könnten wir wenigstens in Berlin auf Verständnis von Seiten der Politik zählen.
mw: Hat die Musikbranche ein Imageproblem? Stein: Fälle wie Mariah Carey, in denen es um zig Millionen Dollar geht, eignen sich bestimmt nicht dazu, das Verständnis der breiten Öffentlichkeit für die Probleme unserer Branche zu fördern. Insofern muss man die Frage wohl bejahen.
mw: Und dann noch der Ärger mit dem illegalen Kopieren. Ist der Kopierschutz bei CDs die Lösung? Stein: So lange es nichts anderes gibt, womit wir uns gegen die unerlaubte Vervielfältigung geistigen Eigentums schützen können, müssen wir den Kopierschutz einsetzen, wo immer wir können.
mw: Aber es scheint geradezu zum Volkssport zu werden, ihn zu knacken. Und was ist mit solchen Fällen, in denen ein Player die kopiergeschützten CDs nicht abspielt? Stein: Selbstverständlich müssen geschützte CDs einen deutlichen Hinweis tragen, dass sie geschützt sind und sich nicht im PC abspielen lassen. Aber mit Reklamationen machten wir sehr gute Erfahrungen. Wir haben im vergangenen Jahr schon einige CDs mit Kopierschutz versehen und hunderttausende Exemplare verkauft. Die Zahl der Reklamationen war im Verhältnis dazu erstaunlich niedrig – weitaus geringer, als selbst nach statistischen Erfahrungswerten zu erwarten war. Insofern könnten wir eigentlich gelassen bleiben. Aber machen wir uns nichts vor: Jeder Kopierschutz lässt sich knacken, und dann geht das Spiel wieder von vorne los. Deshalb ist es für die gesamte Musikbranche so wichtig, dass die Politik auf nationaler wie auf Europa-Ebene die legitimen Interessen der Urheber anerkennt und ein Verbot der nicht autorisierten Vervielfältigung auch gesetzlich verankert.
mw: Kann die DVD die Einbußen wettmachen, die der deutsche Tonträgermarkt im vergangenen Jahr erleiden musste? Stein: Wir erleben schon jetzt, dass sich die DVD prima entwickelt. Dafür ist nicht nur Peter Maffays „Heute vor dreissig Jahren“ ein Indiz, die auf der VideoWinnerGala am 31. Januar als erfolgreichste DVD im Bereich Musik ausgezeichnet wurde. Ich kann nur jedem Händler raten, sich mit der DVD ein Zusatzgeschäft aufzubauen.
mw: Mit Spielfilmen auf DVD oder mit Musik-DVDs? Stein: Im Filmbereich ist man natürlich schon weiter als die Tonträgerfirmen. Die Musikbranche muss zwar noch einige grundsätzliche Vermarktungs- und Formatfragen klären – wie, zum Beispiel, soll eine DVD in ihrer jetzigen Verpackung in ein Verkaufsregal passen, das für CD-Maße konzipiert ist? Aber ich sehe auf jeden Fall bei der DVD ein großes Potenzial, gerade auch für den herkömmlichen Tonträgerhandel.






