musikwoche.de: Die Meldungen der letzen Wochen erwecken den Eindruck, dass die DEAG mittlerweile vor einem Scherbenhaufen steht…
Peter Schwenkow: Das sehe ich ganz anders. Die DEAG hat ungefähr zehn Aquisitionen beziehungsweise Neugründungen in den vergangenen drei Jahren getätigt, von denen sich zwei langfristig nicht als nachhaltig erwiesen haben. Das eine ist Quivive, das andere Stella. Ich denke, es ist mir gelungen, beide Zukunftshypotheken rechtzeitig abzustossen.
mw.de: Shownet wäre die dritte gescheiterte Investition im Bunde, oder?
Schwenkow: Nein. Shownet war von Anfang an ausschließlich ein Testfall, der nur eine Laufzeit von zwölf Monaten hatte. Insofern war es absolut geplant, Shownet an MME abzugeben.
mw.de: Im Bereich der Musicals hätten Sie sich aber mehr erwartet…
Schwenkow: Natürlich. Wir waren sehr optimistisch, als wir an die Sache herangingen. Das erste Jahr lief sehr akzeptabel, aber vor allem jetzt, im März und April hatten wir einen unglaublichen Einbruch von fast 40 Prozent. Das merken Sie bei einem Unternehmen, das einen hohen Fixkosten-Satz hat, sofort. Die Banken waren nicht mehr bereit, die Stella weiter zu finanzieren.
mw.de: Fehlte den Banken der Glaube?
Schwenkow: Es lag vor allem daran, dass wir es hier mit einer Wettbewerbssituation zu tun haben, wo mehr freie Liquidität des Mitbewerbers eingesetzt wurde, als alle finanzierenden Banken zusammen aufbrachten.
mw.de: Was bedeutet dies konkret?
Schwenkow: Wenn Sie sich in einer Auseinandersetzung mit einem Mitbewerber befinden, der über nahezu unbegrenzte Liquidität verfügt und der im Zweifelsfall bereit ist, auch 100 Millionen Euro ins Rennen zu bringen, können Sie von keiner Bank erwarten, dass sie sich in dieses Kriegsszenario reinbegibt.
mw.de: Überlassen Sie das Feld also der Stage Holding?
Schwenkow: Man muss klar erkennen, wenn man schwächer ist. In diesem Punkt konnten wir definitiv nicht mithalten. Um das Bestehende nicht zu gefährden, mussten wir uns zurückziehen.
mw.de: Schmerzt der Abschied vom Musical-Geschäft?
Schwenkow: Es schmerzt immer, wenn man eine Strategie hat, diese umsetzt und die im Endeffekt nicht zu dem führt, was man möchte. Die DEAG wird zurückgreifen auf ihr Kerngeschäft, das es zu schützen gilt.
mw.de: Ist die geplante Umsatzmilliarde damit in weite Ferne gerückt?
Schwenkow: Zumindest nicht innerhalb der nächsten 18 bis 24 Monate. Das heißt ja nicht, dass wir nicht wieder irgendwann wachsen können. Im Moment wollen wir nicht wachsen.
mw.de: Damit ist eines ihrer erklärten Ziele abgehakt?
Schwenkow: Wir können und wollen uns nicht dem gesamtwirtschaftlichen Umfeld entziehen. Wir haben in Deutschland eine Rezession, da führt kein Weg daran vorbei. Zum anderen haben wir in dem Segment, in dem wir uns an der Börse befinden, keinen Investor mehr, der auf Wachstum programmiert ist. Es geht um Gewinne und Gewinnsteigerung, und dazu kommt, dass das Segment Media und Entertainment durch Fälle wie EM.TV und kinowelt und edel music schwer belastet ist.
mw.de: An wen richteten sich die Ankündigungen der DEAG, die beständiges Wachstum versprachen? Haben Sie ein Spiel mitgespielt, das die Börse vorgab?
Schwenkow: Ich glaube, wir hatten 1999 und 2000 und teilweise in 2001 nicht nur ein Wachstumsfieber, sondern es gab auch eine Wachstumspflicht. Jetzt gibt es eben eine Konsolidierungssehnsucht, und das ist das, was wir tun.
mw.de: Bereuen Sie den Schritt, an die Börse gegangen zu sein?
Schwenkow: Nein, die Börse hat uns mit frischen Kapital in Höhe von rund 50 Millionen Euro ausgestattet. Wir sind hochprofitabel und gut aufgestellt in unserem Kerngeschäft. Ich habe keinen Grund, zu bereuen.
mw.de: Das heißt, das sich auch ein Konzertveranstalter an der Börse behaupten kann?
Schwenkow: Ja, auch weil wir drei Segmente im Unternehmen haben, nicht nur das Veranstalten von Konzerten im regionalen, nationalen und internationalen Bereich. Sondern auch die Spielstätten und die Variete-Theater. Die sind allesamt hoch profitabel.
mw.de: Bereitet Ihnen der Aktienkurs Sorge?
Schwenkow: Wenn Sie aus einer verlorenen Stella-Schlacht kommen, haben Sie wenig Grund, den Kapitalmarkt zu beschimpfen. Ich habe aber keine sorge, wir haben in der Gegend von zwei Euro unseren Boden gefunden, und darauf können wir hervorragend aufbauen.
mw.de: Was gibt es Neues zum Gerücht um eine mögliche feindliche Übernahme der DEAG durch einen ausländischen Investor?
Schwenkow: Die Banken sagen immer noch, dass dem so sei. Man muss die weitere Entwicklung abwarten. Ein konkreter Gegner wurde noch nicht ausgemacht, zumindest keiner, über den ich im Moment rede.
mw.de: Was braucht die DEAG, um wieder Oberwasser zu bekommen?
Schwenkow: Ich denke, sie hat bereits Oberwassser. Sie hat ihr zehnjähriges Jubiläum mit dem Wintergarten in diesem Jahr, auch die Jahrhunderthalle und die Waldbühne laufen profitabel. Im Veranstaltungsgeschäft können wir auf eine ausverkaufte Minogue-Tour verweisen und die „Sultans Of The Dance „-Produktion, das in mehreren Ländern schon ausverkauft ist. Und das mit einer Show, die noch niemand gesehen hat. Marcel Avram hat die Weltrechte an dem Thema. Abgesehen von den Tourneen von Peter Maffay und Paul McCartney, die sehr erfolgreich laufen.
mw.de: Planen Sie, im Veranstaltergeschäft weitere Aquisionen zu tätigen, um noch schlagkräftiger zu werden?
Schwenkow: Nein, wer konsolidiert, aquiriert nicht. Zumindest nicht in den kommenden 18 Monaten.
mw.de: Sie wollten ihre schweizerische Tochter Good Times nach Österreich expandieren lassen. Wie sieht es damit aus?
Schwenkow: Österreich steht auf der Liste. Wann der Schritt erfolgt: Schaun mer mal.
mw.de: Mit „Off The Limits“ setzt die DEAG zwei eintägige Open-Airs gegen die Konkurrenz aus dem Hause CTS. Reicht das als Konter?
Schwenkow: Schauen wir zuerst mal, wie sich Rock im Park und Rock am Ring in diesem Jahr entwickeln.
mw.de: Haben Sie Zweifel daran?
Schwenkow: Das habe ich nicht gesagt, mein Satz steht.
mw.de: Davon abgesehen, gibt es doch auch noch Festivals wie Southside oder Hurricane…
Schwenkow: Gegenseite hin oder her, wichtig ist, dass Geld verdient wird. Je besser es CTS geht, desto besser geht es auch uns.
mw.de: Mit wie vielen Besuchern rechnen Sie bei „Off The Limits“?
Schwenkow: Das kann ich Ihnen noch nicht sagen. Ob man mit mehrtägigen Openairs überhaupt Geld verdienen kann oder ob sich dieses System mittlerweile überholt hat, muss man übrigens erst sehen. Wenn wir die Ergebnisse von Park und Ring sehen.
mw.de: Stichwort „Musik als Wirtschaft“. Wie werten Sie das Ergebnis des Kongress?
Schwenkow: Wir sind als Branche zum ersten Mal richtig von der Politik und der Öffentlichkeit wahrgenommen worden. Ich glaube, dass der Kongress ein Meilenstein auf dem Weg war, den wir gehen wollen.
mw.de: Macht Ihnen Lobby-Arbeit Spass?
Schwenkow: Ja. Absolut. Ich mache, was ich kann und schaue, dass ich meine Arbeit in die Strukturen des IDKV einfließen lassen kann. Michow macht einen Top-Job, das muss man ganz klar sagen.
mw.de: Wie stehen Sie zu dem anderen der beiden Verbände, dem VDKD?
Schwenkow: Ich habe zunehmend den Eindruck, dass dessen Vertreter langsam einnicken. Und zu lange brauchen für bestimmte Dinge.
mw.de: Halten Sie die Gründung eines Dachverbands für realistisch?
Schwenkow: Ich halte es für zwingend und dringend erforderlich aber ich halte es nicht für realistisch, dass es passiert.
mw.de: Die „Süddeutsche Zeitung“ hat vor kurzem vermutet, dass bei der DEAG nicht nur auf der Bühne Illusionisten zu Gange sind. Wie kommt die Zeitung auf so ein Urteil?
Schwenkow: Die Geschichte war so schlecht recherchiert, dass ich dazu keinen Kommentar abgeben kann.
mw.de: Vermutlich haben die „SZ“ auch die Pressemitteilungen der DEAG, die negative Nachrichten oft in sehr positive Formulierungen verpacken, zu dieser Einschätzung gebracht. Ändern Sie den Stil ihrer Ad-Hocs?
Schwenkow: Nein, wir haben von dem, was wir bislang gemacht haben, nichts zurückzunehmen. Wir sind seit 24 Jahren erfolgreich und werden unsere Kommunikation nicht ändern. Misserfolge verstecken wir nicht sondern kommunizieren sie ehrlich.






