Recorded & Publishing

Interview mit Peter Gabriel, Real World Records, OD2

Peter Gabriel sieht sich selbst als Songwriter und Sounddesigner. Zehn Jahre nach seinem Millionenseller „Us“ veröffentlicht er am 23. September mit „Up“ sein neues Album. Im Gespräch mit musikwoche.de erläutert Gabriel seine Sichtweise zur Lage des Tonträgermarkts und zum gesellschaftlichen Stellenwert von Kultur.

musikwoche.de: Warum veröffentlichen Sie „Up“ erst jetzt? Weshalb hat es so lang gedauert?

Peter Gabriel: Ich bin inzwischen 52 Jahre alt, und alte Männer brauchen eben länger, um ans Ziel zu kommen. Ich habe den Albumtitel nicht von ungefähr gewählt. Schließlich wird es in meinem Alter immer wichtiger, wie lange manche Dinge noch nach oben zeigen. Im Ernst: Das Experimentieren mit Sounds ist interessant und zeitaufwendig und kann sich ewig lang hinziehen. Aber ich glaube ohnehin, dass das Internet die Fertigstellung eines Albums revolutionieren wird.

mw: Inwiefern?

Gabriel: Indem man das interessierte Publikum bestimmte Künstler abonnieren lässt. Diese Idee widerspricht nicht den herkömmlichen Veröffentlichungen auf Tonträgern. Aber man könnte das Publikum aus seiner passiven Rolle heraus holen, was ich schon lange versuche – indem man es am Entstehungsprozess eines Songs teilhaben lässt. Als herkömmliche Veröffentlichung wäre so etwas undenkbar, aber das Netz bietet diese Möglichkeit.

mw: Haben Sie angesichts von rückläufigen Umsatzzahlen im Tonträgermarkt Angst vor neuen Veröffentlichungen?

Gabriel: Ich habe keine Ahnung, wer das Album kaufen wird. Ich weiß aber, dass ich stolz darauf bin. Ungefähr die Hälfte der Leute, die „So“ kauften, haben das wohl getan, weil die Platte „in“ war. Wenn „Up“ die Hälfte dieser Käufer erreichen würde, wäre ich ziemlich glücklich. Nein, Angst vor der Veröffentlichung meiner Songs habe ich auch angesichts der veränderten Marktsituation nicht. Ich kann sogar jetzt schon versprechen, dass spätestens in zwei Jahren ein Album mit neuem Material veröffentlicht wird. In den zehn Jahren haben sich annähernd 130 Songs angesammelt. „Up“ stellt den eher introvertierten Teil dar. Das nächste Album wird deutlich extrovertierter und gradliniger.

mw: Wie stark wird das Internet Ihrer Meinung nach den Tonträgermarkt noch verändern?

Gabriel: Ich glaube nicht, dass wir gerade den Anfang vom Ende des herkömmlichen Tonträgerverkaufs erleben. Was dem oft prophezeiten Ende widerspricht, ist unser Drang, Dinge zu sammeln. Was mir gefällt, möchte ich in einer physischen Form auch Zuhause haben. Wenn man allerdings vor MP3s Angst hat, sollte man die Tonträger so gestalten, dass sie im Vergleich zu einem Soundfile im PC auch wirklich etwas bieten. Sind Packaging oder Inhalt so austauschbar, dass es für den Musikkonsumenten keinen Unterschied macht, ob er die Musik in physischer Form oder als Soundfile besitzt, werden die Absatzzahlen weiter sinken.

mw: Mit welchen reizvollen Extras wollen Sie „Up“ weniger austauschbar gestalten?

Gabriel: Unser Multimedia-Department hier bei Real World hat ein Programm entwickelt, das Noodle-Player heißt und das es dem Hörer erlaubt, eigene Mixe verschiedener Songs zu konzipieren. Ein ähnliches Feature hatten wir schon auf der „Xplora“-CD-ROM. Aber der Noodle-Player erlaubt es dem Hörer, viel extensiver in das Geschehen einzugreifen. Ein paar „Up“-Songs werden damit variierbar sein.

mw: Welche weiteren Maßnahmen könnte man ergreifen, um den Konsumenten wieder verstärkt zum Tonträgerkauf zu animieren?

Gabriel: Natürlich ist es kostspielig, Tonträger in physischer Form zu vertreiben und zu verkaufen. Aber die CD-Preise sind zu hoch. Man sollte zumindest versuchen, sie um ein Viertel billiger, wenn nicht zur Hälfte des jetzigen Durchschnittspreises zu verkaufen. Auf der anderen Seite versuchen wir mit OD2 schon länger, die Plattenfirmen davon zu überzeugen, dass Downloads billiger werden sollten, um im Netz wirklich wettbewerbsfähig zu bleiben. Aber man gibt sich zurückhaltend, um die Käufer nicht aus den Plattenläden zu vertreiben.

mw: Sehen Sie Ihre Motivation, den Online-Dienst OD2 ins Leben zu rufen, angesichts des großen Echos der Industrie bestätigt?

Gabriel: Ja, denn wir sorgen damit ja nicht nur für die Bezahlung der Künstler an ihrem geistigen Eigentum, für die ich immer eingetreten bin. Es geht uns dabei auch um junge Nachwuchskünstler. Der Verkauf ihrer Songs macht zum Beginn ihrer Karriere ungefähr 60 Prozent ihres Einkommens aus. Bleibt dieses Geld aus, sind Innovation und Interesse an der Musik in Gefahr und damit nicht nur die Musikbranche und die Popkultur, sondern die Kultur schlechthin.

mw: Glauben Sie, das Internet hat als Informations- und Unterhaltungsmedium zu einer Verflachung unserer Kultur beigetragen?

Gabriel: Das Medium ist ja noch relativ neu und wir haben es noch nicht gelernt, das Angebot zu filtern. Sex und Verkauf von Waren werden noch am häufigsten im Internet angeboten. Aber die Dinge, die meinen Wissensdurst wirklich füttern, muss ich lange suchen. Andererseits muss man sehen, dass Sex viele interessante technologische Entwicklungen erst für die breite Masse zugänglich gemacht hat. Es war die Pornographie, die den Videorekorder und die Polaroidkamera gesellschaftsfähig gemacht hat. Ich bin, was die Entwicklung des Internet angeht, optimistisch und glaube, dass es die Gesellschaft ähnlich positiv verändern wird, wie es die Popkultur der 60er-Jahre getan hat.

mw: Ist die Wahrnehmung von Musik als wichtigem Kulturgut schon so abgeflacht, dass die Musik ihre Kraft zur gesellschaftlichen Veränderung verloren hat?

Gabriel: Was ich in den Charts und den Videokanälen im Moment sehe, zeigt, dass Innovation nicht mehr gefragt ist. Statt dessen wird alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert. Das schafft weniger Intelligenz und Exzellenz in der Musik. Es ist ein unglücklicher Umstand, dass inzwischen jeder Mist gnadenlos beklatscht wird. Ein wichtiger Grund hierfür liegt im mangelnden Interesse unseres Bildungssystems an Musik und Kunst im Allgemeinen begründet. Je älter ich werde, desto relevanter erscheint mir Erziehung und pädagogische Wirkung. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass ein Teil des Gehirns bei Musikern um das Zehnfache weiter entwickelt ist als bei Nichtmusikern. Das ist ein Beweis dafür, dass Kunst zusätzliche Gehirnzellen schafft, die man ebenso gut für andere Dinge nutzen kann. Ich würde sagen: Nimmt man die Kunst- und Musikerziehung aus dem Bildungssystem, stoppt man automatisch die Entwicklung von zusätzlicher, teilweise richtungsweisender Intelligenz.

mw: Wie haben Sie als Inhaber von Real World Records auf die Umstrukturierungen von VirginCapitol RecordsEMI reagiert, an die Sie vertraglich gebunden sind?

Gabriel: Für uns als kleines Label innerhalb des Unternehmens EMI war es wichtig zu erfahren, ob man nach den Veränderungen in der Company noch enthusiastisch genug war, um die Kooperation fortzusetzen. Wir sind froh, dass wir mit dem Virgin-Chef Tony Wandsworth in London einen Partner haben, der begeistert ist und gleichzeitig aktiv an der Entwicklung des Labels mitarbeiten will. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätten wir uns ebenso gut einen anderen Partner suchen können.

mw: Wie stark sind Sie in die administrativen Entscheidungen des Labels Real World involviert?

Gabriel: Ich bin einer von ein paar Entscheidungsträgern – besonders in A&R-Fragen, die wir hier in Real World autonom klären. Meine Labelphilosophie lautete immer: Die Künstler definieren das Label. Bislang waren das fast ausschließlich Künstler aus dem Bereich der Weltmusik. Ich habe aber persönlich zwei Künstler unter Vertrag genommen, die nicht in diese Kategorie passen: den amerikanischen Songwriter Joseph Arthur und Pina, eine talentierte Singer-Songwriterin aus Österreich. Dazu haben wir gerade ein Album der Reggae-Band Misty In Roots veröffentlicht, und demnächst steht ein Album von Adrian Sherwood auf der Agenda. Auch die Blind Boys Of Alabama, die auf „Up“ zu hören sind, passen nicht ins Weltmusik-Klischee, was eine Erweiterung des Repertoires unseres Labels bedeutet. Darüber bin ich sehr froh.

mw: Sie haben vor kurzem an der University of Georgia gemeinsam mit Menschenaffen musiziert. Was haben Sie dabei über die Affen erfahren?

Gabriel: Dass es bei ihnen klare Zeichen von musikalischer Intelligenz gibt. Mein Bassist Tony Levin und ich haben einen Rhythmus vorgegeben, und die Affen haben uns auf einem Keyboard begleitet. Das ist um so erstaunlicher, als dieses Zusammenspiel wie eine Jamsession unter Jazzmusikern klang. Obwohl die Affen nie vorher ein Keyboard hatten, spielten sie logische Harmonie- und Akkordfolgen.

mw: In einem Ihrer Songs sangen Sie mal: „if you want to keep control, you got to keep it small“. Ist das Unternehmen Real World inzwischen so groß, dass Sie die Kontrolle verloren haben?

Gabriel: Ich arbeite lange und intensiv an meiner Musik. Wenn die administrativen Aufgaben zu viel von meiner Zeit in Anspruch nehmen, frage ich mich oft, ob ich das alles überhaupt brauche. Dann würde ich mich lieber mit Freunden zum Dinner treffen. Ja, hin und wieder verliere ich die Kontrolle, aber ich bekomme in der Interaktion mit den Kreativen in Real World genug zurück, was ein wunderbarer Ausgleich ist.