musikwoche: Wie würden Sie das „Bananas“ beschreiben?
Ian Gillan: Das neue Album ist konservativ, aber in einem guten Sinne, etwas back to the roots.
mw: Wie kam es dazu?
Gillan: Beim Songwriting und auch den Aufnahmen im Studio hatten wir in den letzten Jahren nie ein Problem, aber auf Seiten der Produktion war alles ein klein wenig festgefahren. Wir bewegten uns auf einem Niveau, über das wir aus eigener Kraft nicht hinauskamen. Gerade im Vergleich mit unseren Live-Shows vermissten wir im Studio die Dynamik und die gestalterische Freiheit. Deswegen entschieden wir uns mit Michael Bradford einen externen Produzenten hinzuziehen. Das machte dann einen gewaltigen Unterschied aus. Er lehrte uns wieder Disziplin, wie man eine Sache auf den Punkt bringen kann. Für ihn war es ein Lebenstraum, ein Album von Deeep Purple zu produzieren. Deswegen hatte er eine sehr klare Vorstellung davon, was den idealen Deep-Purple-Sound ausmacht.
mw: Wie kommt dieser ideale Sound für die Band denn zustande?
Gillan: Die ganze Vorgehensweise war sehr ehrlich: Wir spielten und er nahm es auf. Und das ist auch die Art und Weise wie wir früher vorgegangen sind. Deswegen könnte man tatsächlich sagen, dass die neue CD – auf gewisse Weise – ein wenig retro klingt.
mw: Wie bedeutete die Hinzunahme von Michael Bradford für den Produktionsprozess?
Gillan: Die Entscheidung, einen Produzenten zu verpflichten liegt jedoch schon eine ganze Weile zurück. Roger ist ein fantastischer Produzent, aber der Punkt ist, dass er einer von uns ist. Wir alle sitzen auf seinen Schultern und sagen ihm, tu dies oder tu jenes. Das führte dazu, dass wir die Mixing Sessions beinahe wie in einem Ausschuss regelten. Ich habe mir zuletzt das „Abandon“-Album von 1998 wieder und wieder angehört und finde die Stücke vom Songwriting her nach wie vor schön. Aber bei Stücken wie „Losen My Strings“ und „69“ hört man, dass die Dynamik fehlt. Schließlich wurde mir auch klar, woran das liegt. Weil wir bei der Produktion und beim Mix alles demokratisch regelten, hatte Roger als Produzent nie eine Chance, eine bestimmte Entscheidung durchzusetzen. Dazu betrachtete jeder von uns die Stücke immer aus einem sehr subjektiven Blickwinkel.
mw: Brachte Don Airey als neues Bandmitglied nicht Unruhe in die Band?
Gillan: Nein, denn als Don dann in die Band kam, lief alles perfekt, wir konnten ihn sogar bei drei Vierteln der Stücke als Songwriter beteiligen. Und auch die Zusammenarbeit mit Michael war einfach perfekt: nach einer Songwriting-Session kurz vor Weihnachten 2002 wir brauchten nur dreieinhalb Wochen, um das ganze Album in Los Angeles aufzunehmen. Denn Michael war sehr streng, er hatte einen harten Zeitplan, an den wir uns dann auch gehalten haben. Bei ihm hieß es immer: Reinkommen, proben, aufnehmen – so wie damals in den alten Tagen.
mw: Wie war der Kontakt zu Bradford entstanden?
Gillan: Als wir vor ein paar Jahren beim Monreux Jazz Festival spielten, unterhielt ich mit Claude Nobs und Quincy Jones. Und dabei kam mir eine Idee. Aber als ich dann den Jungs in der Band erzählte, dass ich liebend gern einmal mit Quincy Jones als Produzenten zusammenarbeiten würde, fragten sie mich:,Bist du verrückt?‘ Aber ich sagte ihnen, dass Quincy ein hervorragender Musiker, ein großartiger Songwriter, ein wundervoller Toningenieur und Produzent und ein Mensch mit Business-Verstand ist. Er weiß genau, wie man bei einem Künstler einen bestimmten Fokus finden muss. Man denke nur, was er für Michael Jackson mit ‚Thriller‘ getan hat. Leider wurde aus dieser dann doch nichts, aber der Samen, mit einem externen Produzenten zu arbeiten, war gesät. Und als wir später beim Pavarotti-Festival spielten, trafen wir den Produzenten Phil Ramone, der schon immer ein großer Fan der Band war. Und auch ihn fragten wir, ob er nicht die Band produzieren wollte. Das wollte er unbedingt, war aber schon für die nächsten zwei Jahre gebucht – und so lange konnten wir nicht warten. Und dann passierte das Wunder, dass sich plötzlich Michael um den Job bewarb: ein Produzent, der förmlich darauf brannte, die Band zu produzieren. Seine Fähigkeiten als Produzent, aber auch als Songwriter, Musiker und Geschäftsmann waren phänomenal. In anderen Worten: Wir hatten doch unseren Quincy Jones bekommen… Michael ist nun das siebte Bandmitglied, wenn man unseren Manager Bruce Payne als den sechsten zählt.
mw: Welche Veränderungen brachte Bradford konkret?
Gillan: Rein musikalisch war er für viele Einflüsse verantwortlich, etwa wie wir mit Backingvocals arbeiteten, Streicher einsetzten oder bei „Doing It Tonight“ eine Art Reggae spielen. Dafür gebührt Michael großer Respekt. Er hat unter anderem auch den größten Teil des Textes von „House Of Pain“ geschrieben. Er brachte den Song ein als Startpunkt für das Album ein. Der Track soll eine Absichtserklärung für all das sein, was darauf folgt. Denn dieser Song ist wirklich mit einem großen Wumms dermaßen auf den Punkt gebracht, dass es alle hören werden: Bei Deep Purple geht es um Rock ’n Roll.
mw: Haben die vielen und vor allem die letzten Line-Up-Wechsel die Fans verunsichert?
Gillan: Als Ritchie die Band verließ, hatten wir in der Tat Angst, ob die Fans weiter zu uns stehen würden. Denn sein Weggang bedeutete für die Band einen entscheidenden Wendepunkt in der Karriere. Denn mit Deep Purple ging es in jenen letzten Tagen mit Richie bergab – und zwar im großen Stil. Doch das ist nun zehn Jahre her und wir haben die Situation überwunden und mit Steve Morse einen großen Gewinn für die Band erlebt.
mw: Kann man den Weggang von Jon Lord mit dem von Blackmore gleichsetzen?
Gillan: Mit Jon war die Lage völlig anders. Natürlich ist er ein Monument in der Geschichte von Deep Purple, er spielte eine fundamentale Rolle bei der Gründung und dem Erfolg von Deep Purple. Dieser Mann ist ein Gigant. Deswegen war es auch für uns etwas sehr Spezielles, ihn zu ersetzen. Aber die Umstände waren anders. Es geschah nicht plötzlich, sondern zeichnete sich bereits seit einer langen Zeit ab. Seit etwa drei oder vier Jahren war es ziemlich offensichtlich, dass Jon müde war. Er war nicht wirklich begeistert, ständig unterwegs zu sein. Er wollte das Touren reduzieren und stellte uns vor die Alternative, dem entweder nachzukommen oder ohne ihn auskommen zu müssen. Und da wir weiter so viel live spielen wollten, verließ er darauf Deep Purple. Dabei lieben wir ihn und er ist auch nach wie vor ein teurer Freund.
mw: Und das reichte nicht mehr für eine Fortsetzung der gemeinsamen Arbeit?
Gillan: In den letzten Jahren, als er nicht mehr mit dem Enthusiasmus bei der Sache war, entstand in der Band ein gewisses Vakuum. Obwohl er körperlich zwar mit uns war, war es sein Spirit jedoch nicht. Als Don dann in die Band kam, brachte er so viel Energie und auch so viel musikalisches Können mit, dass er unser Bemühen, dieses Vakuum wieder aufzufüllen, überflüssig machte. Die Erfahrung, mit ihm zu spielen, war einfach unbeschreiblich – kraftvoll. Deep Purple hob wieder ab. Und das haben die Fans, die sofort hinter ihm standen, gespürt, so wie sie es auch bei Steve Morse gespürt haben. Denn sie merken einfach, ob wir es wirklich ernst meinen oder nur so etwas rummachen, da könnten wir ihnen nichts vormachen. Deswegen gebührt den Fans großer Dank, sie haben immer zu uns gestanden, in guten wie schlechten Zeiten.
mw: Mit Don Airey kommt gewisserweise ein Familienmitglied in die Band, da er zuvor schon einmal mit Ritchei Blackmore bei dessen Band Rainbow gespielt hat.
Gillan: Das wir Don Airey in die Band geholt haben, hat nichts damit zu tun, dass er in der Vergangenheit auch schon einmal mit Ritchie gespielt hat (lacht). So gehen wir nicht vor. Der Mann kann einfach spielen. Und: wir mögen ihn. Die Musikalität ist immens wichtig, aber genauso entscheidend ist seine Persönlichkeit. Wenn wir abends im Tourbus ein Bier mit ihm trinken, können wir uns über alles unterhalten, er ist sehr interessiert in Politik, Geschichte, Kultur und Sport. Wir kommen einfach sehr gut miteinander aus. Wir haben zur Zeit einfach ein fantastisches Band-Gefühl.
mw: Hatten Sie einmal daran gedacht, Colin Townes, mit dem Sie auf Ihren Soloplatten in den 70ern zusammengearbeitet haben, in die Band zu holen?
Gillan: Nein, Colin Towns kam nicht in Frage, denn er hat als Soundtrack-Komponist eine sehr erfolgreiche Karriere. Und viel wichtiger: Er ist ein brillanter Keyboarder, aber wir brauchten einen Organist. Denn das macht Deep Purple ja aus: Hammond-Orgel, Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang. Sicher, es ist auch wichtig, wer diese Instrumente spielt. Aber es würde keinen Sinn machen, eine Bläser-Sektion, Backing-Sänger oder ein Orchester zu verpflichten, von einmaligen Aktionen einmal abgesehen oder wenn wir einmal Spaß haben wollen. Und die Hammond ist ein Instrument, das vom Spielen her sehr schwer ist. Und nur sehr wenige Musiker können eine Rock-Hammond spielen.






